Am Beginn der Offensive hatte General Alexander Löhr erklärt, er werde im Land die Ruhe wiederherstellen, auch Friedhofsruhe, wenn nötig. Er hatte 105 000 Soldaten zur Verfügung, gegen die Tito nur 44 000 Kämpfer aufbieten konnte. Obwohl er über Flugzeuge, Panzer und Artillerie verfügte, die Tito nicht besaß, hatte Löhr Schwachpunkte: Die Moral seiner Einheiten war niedrig und die Waffenbrüderschaft mit den Italienern brüchig, wohingegen die Stoßkraft der Partisanen und ihre Wendigkeit groß waren. Zu Beginn des Krieges waren die deutschen Soldaten überzeugt, dass es besser sei, auf dem Balkan Dienst zu tun als an der russischen Front oder in Nordafrika. Aber nach zwei Jahren der Kämpfe geriet diese Überzeugung ins Wanken. General Lothar Rendulic, der 1943 als Befehlshaber der 2. Panzerarmee auf jugoslawisches Gebiet versetzt wurde, sagt in seinen Erinnerungen, dass bald nach seinem Eintreffen mehr als tausend Soldaten um Versetzung an andere Fronten angesucht hätten, sogar an die Ostfront, nur um dem Guerillakampf mit den »Partisanenbanden« auf dem schwierigen bosnischen Terrain zu entgehen. 251
Titos Stoßtruppen nahmen am 17. Februar 1943 Prozor ein, das von der italienischen Division Murgia verteidigt wurde. Dieser Erfolg forderte eine große Anzahl Verwundeter, was ein zusätzliches Problem darstellte, denn man musste sie trotz des Fehlens von Transportmitteln und Trägern mitnehmen. Am 5. März fiel die Entscheidung, dass die Partisanenarmee die Neretva überqueren und im Gebirgsland von Nordherzegowina und Montenegro Schutz suchen werde. Titos Plan war es, die Stadt Konjic aus den Händen der Italiener zu befreien. Das würde es für die Partisanen möglich machen, bis an die asphaltierte Straße durchzubrechen, auf der dann die Kranken und Verwundeten über eine nahe gelegene Brücke in Sicherheit gebracht werden könnten. Um sich den Rücken freizuhalten, befahl Tito aber zugleich, alle anderen Brücken in diesem Abschnitt der Neretva zu zerstören. Er war der Falschmeldung aufgesessen, dass ein Angriff von 20 000 mit deutschen Waffen ausgerüsteten Tschetniks drohe. Wie später General Velimir Terzić notierte (und sich damit Titos Unmut zuzog), war die Sprengung der Brücken über die Neretva ein Riesenfehler des Oberkommandierenden, wegen dem es zu nicht geringen und völlig unnötigen Opfern kam. 252
Der Widerstand der Italiener in Konjic war entschlossener als erwartet, wobei die Partisanentruppen, denen die Deutschen auf den Fersen waren, in eine Falle geraten waren, aus der man sich nur über eine halbzerstörte Brücke bei Jablanica retten konnte. In dieser verzweifelten Situation blieb Tito nichts anderes übrig, als den Rückzug über die Neretva zu befehlen, auch wenn am anderen Flussufer Tschetnik-Einheiten lauerten. Die Operation, die später als geniale »Kriegslist« gefeiert wurde, gelang: Am 9. März begannen sie über einen hölzernen Steg, der sich auf das Eisengerüst der gesprengten Brücke stützte, die Verwundeten und Kranken über den Fluss zu tragen. An dessen linkem Ufer lagen ca. 26 000 Tschetniks, größtenteils zwangsrekrutierte Bauern, die dem Druck der bis an die Zähne bewaffneten dalmatinischen und serbischen Partisanen nicht standhielten. Sie suchten ihr Heil in der Flucht, was es Titos sechstem Bataillon ermöglichte, noch in derselben Nacht die Neretva zu überqueren.
In der darauffolgenden Woche waren, trotz großer Verluste, alle Verwundeten zusammen mit den Kampfeinheiten in Sicherheit. 253Sie hatten das Glück, dass die Deutschen, die davon ausgingen, dass die Tschetniks mit ihnen fertig werden würden, nicht vorhatten, sie bis auf italienisches Gebiet zu verfolgen. In Wirklichkeit aber hatte Draža Mihailović in jenen Tagen eine Niederlage erlitten, von der er sich nie ganz erholen sollte. Er bat die Briten um Unterstützung, die ihn ihrerseits, laut Zeugnis Titos und der Genossen, ermunterten, gegen die Partisanen zu kämpfen. Für den Fall, dass sie im Frühjahr in Dalmatien landen würden, wollten sie nämlich die Küste »sauber« haben. Vor der Schlacht an der Neretva soll die BBC eine chiffrierte Nachricht abgesetzt haben, die die Partisanenführer als Einwilligung Mihailovićs zur Zusammenarbeit mit den Italienern, der Ustascha und auch den Deutschen interpretierten. »Das war die breiteste Koalition gegen eine Revolution im Zweiten Weltkrieg«, sagt Vladimir Dedijer. Als sich aber herausstellte, dass Mihailović besiegt war, zitierte die BBC in einem höhnischen Kommentar auch ein serbisches Volkslied: »Das Kriegsglück wird nicht von blanken Waffen, sondern von heroischen Herzen bezwungen.« 254
Die Partisanen hatten Mihailovićs Plan zunichte gemacht, seine Kontrolle über die nationalistischen Gruppen, die über das serbische Gebiet Kroatiens, Dalmatiens und Bosniens verstreut waren, zu festigen. Er überließ Letztere ihrem Schicksal und zog sich mit seiner Hauptstreitmacht in den Sandžak zurück in der Hoffnung, die Partisanen wenigstens aus Serbien fernzuhalten. 255Wie General Löhr knapp vermerkte, »zeigen die Kämpfe unserer Tage, dass sich Mihailović als kein guter Befehlshaber erwiesen hat«. 256
»In den folgenden sechs kritischen Wochen«, behauptet William Deakin, »widmeten sich Titos Streitkräfte ohne Behinderung derselben Aufgabe, die sich die Deutschen gestellt hatten […], nämlich der Liquidierung der Mihailović-Bewegung, und zwar aus demselben Grund – um sich in Erwartung der Landung der Alliierten die Kontrolle über das herzegowinische und montenegrinische Hinterland zu sichern.« 257
Der Ausgang der Vierten Offensive gab den Kämpfern der Befreiungsbewegung neues Selbstbewusstsein und zeigte ihnen vor allem, dass die deutschen Truppen nicht übermächtig waren. Zugleich trug er dazu bei, dass die westlichen Alliierten die Partisanen als mögliche Verbündete anzusehen begannen. 258»Tito an der Neretva«, schreibt Milovan Đilas, »das war ein Tiger im Käfig, der bei den Italienern und Tschetniks die schwächsten Stelle im Gitter suchte, um sie zu erweitern und den Partisanen zu ermöglichen, wie ein Gewittersturm aus ihm hervorzustürzen.« 259
Um freie Hand bei der Abrechnung mit den Tschetniks zu haben und weil er aufgrund einer in Mihailovićs Generalstab erbeuteten »Depesche« überzeugt war, dass London dessen Zusammenarbeit mit der Ustascha im Kampf gegen seine Streitkräfte gutgeheißen hatte, dass also die Briten im Wesentlichen gegen ihn seien, entschloss sich Tito im März erneut zur Kontaktaufnahme mit den Deutschen, mit denen er das letzte Mal Mitte November 1942 verhandelt hatte. 260Einen Vorwand dafür bot der Austausch eines gefangenengenommenen deutschen Majors, in Wirklichkeit ging es Tito aber darum, einen Waffenstillstand auszuhandeln, um die nötigen Kapazitäten für eine endgültige Vernichtung der Tschetniks zu haben. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Operation Weiß bereits ausgelaufen war und dass die Deutschen gar nicht beabsichtigten, ihn jenseits der Neretva zu verfolgen. Bevor er sich zu diesem Schritt entschloss, berief er eine Besprechung mit seinen Mitarbeitern ein, auf der ihn Đilas fragte: »Und was werden die Russen dazu sagen?« Tito, der die Komintern schon über seine Pläne hinsichtlich des Gefangenenaustausches informiert hatte, gab scharf zurück: »Die denken doch auch in erster Linie an ihre Leute und an ihre Armee.« 261
So kam es am 11. März 1943 in Gornji Vakuf, unweit von Jajce, zu Gesprächen zwischen Abgesandten beider Seiten. Milovan Đilas, Vladimir Velebit und Koča Popović versicherten ihren Gesprächspartnern, unter denen sich auch Hans Ott befand, dass sich die Volksbefreiungsstreitkräfte im Augenblick zwar gegen deutsche Angriffe verteidigten, selbst aber keine Angriffe auf die Wehrmacht planten. Vielmehr sei die Vernichtung der Tschetniks zurzeit ihr vorrangiges Ziel. Sie sagten, dass sie eine völlig unabhängige Volksbewegung seien und sich nur aus Propagandagründen auf die sowjetische Seite geschlagen hätten. Sollte es zur Landung der Briten an der dalmatinischen Küste kommen, behaupteten sie, würde die Volksbefreiungsarmee sie im Gegenteil zu den Tschetniks zurückschlagen. Sie verlangten von den Deutschen, die Partisanen als »kriegführende Partei« anzuerkennen und damit das Kriegsrecht zu respektieren, vor allem was den Umgang mit den Gefangenen betreffe. 262
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