Aus dem Telegramm, in dem er am 29. November 1942 »Ded« über die Arbeit des ersten AVNOJ informierte, klingt das neue Selbstbewusstsein Titos. Stolz berichtet er darin, dass die Bewegung jetzt über eine richtige Armee verfüge, über eine Volksvertretung und ein Territorium. Aber obwohl Tito in einem weiteren Telegramm eine Huldigung an den »großen Heerführer und Organisator des Sieges der freiheitsliebenden Völker über den Faschismus« richtete, zeigte sich Stalin wenig begeistert über die Entwicklungen in Jugoslawien. Aus Rücksicht auf den Westen hielt er immer noch an der Exilregierung des Königs fest.
Diese Haltung weckte in Tito zwar Gefühle der »Revolte und Depression«, brachte ihn aber von der eingeschlagenen politischen Richtung nicht ab. 237Das zeigte sich zum einen im Aufbau eines richtigen Staatsapparats, zum anderen in seinem Verhalten, dass immer mehr dem eines Staatenlenkers glich. Er lebte in einem Schloss in Bosanski Petrovac, umgab sich mit einem Kreis angesehener Intellektueller und ließ sich auf einen Persönlichkeitskult ein, der sich nicht sehr von dem Stalins unterschied. Branka Savić, die ihren Mann Pavle als Chiffriererin beim Oberkommando abgelöst hatte, erinnerte sich später: »Mir scheint, dass sich Genosse Tito in dieser Zeit verändert hatte bzw. dass sich seine Stellung und seine Aufgaben geändert hatten. Das war nicht mehr nur der Mensch, der die Armee und die Armeeoperationen führte, auch nicht nur der Parteiführer, das war ein Mensch, der einen Staat erschafft. Die ganze Atmosphäre um ihn herum war so staatsmännisch …« 238Und der berühmte Bildhauer Antun Augustinčić, der sich den Partisanen angeschlossen hatte, notierte: »Im Jahre 1943 stellte ich fest, dass ihm immer wichtiger war, dass seine Kleidung sauber und gebügelt war, und er hielt sich sogar dann gerade wie eine Kerze, wenn er todmüde war. […] Ich denke, dass sich im Unterbewusstsein in ihm das Bedürfnis entwickelt hatte […], den Stolz seiner abgerissenen, ausgehungerten Armee und der arbeitenden Bevölkerung zu personifizieren.« 239Diese Tendenzen verstärkten sich in den folgenden Monaten noch. 1944 erhielten die Parteipropagandisten die Anweisung, beim Zitieren des Moskauer »Vaters der Völker« immer auch Tito zu erwähnen. Man kann wohl sagen, dass er sich einerseits seiner Bedeutung bewusst war und er andererseits auch die Privilegien seiner Position zu schätzten wusste. 240
Die Deutschen waren überrascht von dem Ausmaß des Widerstandes und fürchteten, dass die Briten ihn zum Anlass nehmen würden, selbst in den Krieg auf dem Balkan einzugreifen. Zudem bestanden in der Führung der Wehrmacht Zweifel, ob Italien in der Lage war, die Küste von Triest bis Korfu zu verteidigen. Joachim von Ribbentrop notierte am 24. September 1942: »England wird auf den Balkan als das Zentrum der Unruhe blicken und die Hauptbasis für den europäischen Augenblick des Aufstandes und die Basis für die englischen Flugzeuge, U-Boote und Munition, aber auch für die englische Propaganda und den Geheimdienst. Deshalb müssen Italien und Deutschland den Raum befrieden und in ihm die Ordnung wiederherstellen.« 241Im November 1942 empfing Hitler Pavelić in seinem ukrainischen Hauptquartier in Winniza, und zwischen dem 18. und 20. Dezember fand dort eine italienisch-deutsche Konferenz statt, bei der über notwendige Maßnahmen zur Ordnung der Verhältnisse im NDH-Staat gesprochen wurde. Hitler erklärte, dass er ebenfalls die Gefahr einer britischen Landung in Südosteuropa sehe und fürchte, dass in diesem Falle auch die Türken auf der Seite der Briten in den Krieg eintreten könnten. Er sagte aber auch, dass es zu keiner Landung kommen werde, solange die Achsenmächte Rhodos, den Dodekanes, Kreta, Griechenland, Albanien und Dalmatien nebst Hinterland kontrollierten. »Alles hängt davon ab, ob es uns gelingt, den nationalistischen und kommunistischen Aufstand endgültig niederzuschlagen.« 242Bei dieser und bei einer späteren Konferenz in Rom am 3. Januar 1943 beschlossen die Deutschen und Italiener, die jugoslawischen »Widerstandsbanden« noch im Winter völlig zu vernichten, wobei man nicht nur an die Tito-Partisanen dachte, sondern auch an Mihailovićs Tschetniks, die man allerdings zuvor für einen Kampf gegen die Kommunisten instrumentalisieren wollte. General Alexander Löhr, im August 1942 zum Oberkommandierenden der deutschen Truppen in Südosteuropa ernannt, notierte in einer Zusammenfassung dieser Erörterungen, dass man »das Hinterland bis Ende März befreien« müsse. 243
In dem Augenblick, in dem sich das Kriegsglück infolge der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad für die Achsenmächte wendete, begann am 20. Januar 1943 das Unternehmen Weiß oder, wie die Partisanen sagten, die Vierte Offensive. Sie sollte drei Phasen umfassen, in den ersten beiden sollte der Tito-Staat innerhalb der Grenzen des NDH vollständig eliminiert werden, die dritte Phase sollte sich gegen die Tschetniks von Mihailović in der Herzegowina und in Montenegro richten. 244Obwohl Tito in der Bihać-Republik keine allgemeine Mobilmachung befahl, erhielten die Partisanen nach ihren Erfolgen massenhaft Zulauf, sodass es möglich war, eine neue Division aufzustellen, die den Namen »dalmatinische« erhielt. Nach Plänen des Obersten Stabes sollten diese Kräfte im Frühjahr nach Montenegro und Südserbien vorstoßen, um auch in diesen Landesteilen den Aufstand erneut anzufachen und die »Konterrevolution« zu zerschlagen. Deswegen hatte Tito bereits Ende 1942 einige seiner besten Truppen vorausgeschickt, was sich als entscheidend herausstellen sollte, als er sich durch das Unternehmen Weiß in die Zange genommen sah. Dieses fiel in eine Zeit extremer Wetterverhältnisse – es herrschten minus 25 Grad Celsius –, und Tito hatte keine andere Wahl, als den Rückzug aus der Bosanska Krajina anzuordnen. Unter diesen Bedingungen stand er vor einer der schwersten Entscheidungen, was mit den annähernd 4 000 Verwundeten geschehen sollte, die in den Lazaretten in den Wäldern rings um Bihać lagen. Wenn er sie zurückließ, hätte er mit den Einheiten, die kampffähig waren, beweglich manövrieren können, das Schicksal der Verwundeten aber wäre besiegelt gewesen. Die Besatzungsmächte erkannten nämlich die Partisanen als kämpfende Partei nicht an, sondern bezeichneten sie als »Banditen«, was bedeutete, dass man sie bei einer Gefangennahme sofort erschoss. 245Als er sich entschloss, sie mitzunehmen, hängte er sich, wie Velebit sagt, einen Mühlstein um den Hals. Um das Durcheinander noch größer zu machen, schloss sich in ihrer Angst vor der Ustascha auch die lokale serbische Bevölkerung – annähernd 50 000 Menschen – den Partisanen an, die Tito ebenfalls mitnehmen musste, wenn er sie nicht auf Gnade und Ungnade dem Feind überlassen wollte, obwohl er nicht wusste, wie er sie ernähren sollte. 246
Die V ierte Offensive der deutschen und italienischen Truppen sowie Einheiten ihrer Kollaborateure war vom Obersten Stab zwar erwartet worden, verfügte er doch seit Anfang Januar über Informationen über die Zusammenziehung feindlicher Truppen um Karlovac und in der Banija. Es war aber nichts unternommen worden, um sich darauf vorzubereiten bzw. die untergeordneten Dienststellen waren darüber nicht informiert worden. 247Tito hatte keine besonderen militärischen Fähigkeiten. So sagt zumindest Đilas in seiner Biografie, obwohl er während des Krieges in einem Artikel für das sowjetische Blatt Vojna i rabočij klass genau das Gegenteil behauptet hatte. 248Während der Vierten Offensive , vor allem während der Schlacht an der Rama und der Neretva, änderte er ständig seine Befehle, was leicht fatale Folgen hätte haben können. Die Schlacht nahm zwar einen guten Ausgang, aber nicht so sehr wegen der Geschicklichkeit des Oberkommandierenden, wie es die Propaganda später darstellte – die behauptete, dass es sich um die »humanste Schlacht in der Geschichte«, um eine »Schlacht für die Verwundeten« gehandelt habe –, als vielmehr wegen der Findigkeit der Kommandanten der einzelnen Einheiten. Die erkannten bald Titos mangelnde Erfahrung und begannen die Befehle den wechselnden Situationen anzupassen oder brachten ihn dazu, sie still zu korrigieren. 249Zugleich muss man aber auch Koča Popović beipflichten, der Tito alle Vorzüge eines wahren Heerführers attestierte: Geschicklichkeit, Mut, Entschlossenheit und Einfallsreichtum. »Er war, lassen Sie es mich so sagen, ein wahrer Wolf, oder wenn Sie wollen, ein Condottiere, was überhaupt, denke ich, sein Charakterzug ist. Auch in der kompliziertesten Situation wusste er einen Ausweg zu finden, ohne zu zögern Widerstand zu brechen und Gefahr vorauszusehen.« 250
Читать дальше