Joze Pirjevec - Tito

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Partisan und Revolutionär, Staatspräsident Jugoslawiens, Diktator und Architekt eines alternativen sozialistischen Modells – bis heute entzieht sich Tito (1892–1980) jeder politisch und historisch eindimensionalen Zuordnung. Jože Pirjevec, Professor für Geschichte und ausgewiesener Tito-Experte, geht in dieser Biografie dem Phänomen Tito nach.
Pirjevec folgt der Politisierung Josip Broz', wie Tito mit bürgerlichem Namen hieß, und seinem raschen Aufstieg in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens und zeigt, wie er aus einer zerstrittenen Partei eine schlagkräftige Partisanenarmee geformt hat, die Hitlers und Mussolinis Truppen besiegt hat. Er legt dar, mit welcher Weitsichtigkeit Tito schon bald nach dem Krieg in Opposition zu Stalin ging, wie er für Jugoslawien einen anderen sozialistischen Weg suchte und wie entscheidend er an der Gründung der Bewegung der Blockfreien Staaten beteiligt war. Aber er zeigt Tito auch als Diktator, der seine politischen Gegner gnadenlos verfolgte, sich als Held eines nationalen Mythos verehren ließ und den Personenkult genoss. Er sorgte nicht für einen Nachfolger, und als Tito 1980 starb, hinterließ er ein Machtvakuum, das innerhalb weniger Jahre zum gewaltsamen Zerfall des Vielvölkerstaates führte.
Diese erste umfassende Tito-Biografie, die zahlreiche Quellen erstmals zugänglich macht, liefert das lebendige Porträt der faszinierenden und oft widersprüchlichen Persönlichkeit eines der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.

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Als Hitler dann am 22. Juni 1941 tatsächlich in die Sowjetunion einmarschierte, war Tito also deutlich weniger überrascht als Stalin. Noch am gleichen Tag verfasste er einen vom ZK veröffentlichten Aufruf, in dem er die »Arbeiter, Bauern und Staatsbürger Jugoslawiens« zum bewaffneten Kampf zur Verteidigung des »blühenden sowjetischen Gartens« aufrief. Diese kühne, sogar kopflose Entscheidung nahmen die führenden jugoslawischen Kommunisten umso leichter hin, als sie keinen Zweifel hegten, dass die kapitalistische Welt unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehe, dass die Rote Armee leicht mit der Wehrmacht fertig werde und dass ihr Sieg nur eine Frage von Wochen, höchstens Monaten sei. Den katastrophalen Rückzug der Roten Armee legten sie als geniale Taktik Stalins aus, denn was anderes könne im Spiel sein, bei einer Armee, die eben noch die Fertigstellung von einer Million und einem Panzer gefeiert hatte. 102»Alle unsere Ziele, unsere Strategie und Taktik hatten wir von den Russen abhängig gemacht. Wir waren überzeugt: Wenn die Russen siegen, siegen auch wir«, erzählte später Ranković. 103Im ZK der KPJ sprach man sogar davon, dass die Russen jeden Moment mit Fallschirmen über dem besetzten Jugoslawien abspringen würden und dass man sich auf ihren Empfang vorbe reiten müsse. Als Đilas einen Genossen fragte, wann der Krieg zu Ende sei und der sagte: »noch vor Ablauf des Jahres«, antwortete Đilas spitz: »Häng dich an der Fahne auf, das muss in zwei Monaten vorbei sein.« Von beinahe leichtfertiger Zuversicht zeugt auch ein Bericht, den Tito Ende Juni 1941 an die Komintern schickte: »Wir bereiten den Volksaufstand gegen den Okkupator vor, denn im Volk herrscht große Kampfbereitschaft. Teilt uns eure Meinung dazu mit. Waffen haben wir ziemlich wenig. Ist es möglich, dass wir bald welche bekommen?« 104

Inzwischen hatte Dimitrow am 22. Juni Tito aufgefordert, die KPJ möge alles Mögliche tun, um »den gerechten Kampf der sowjetischen Völker zu unterstützen und zu erleichtern«. 105Da er aber dessen revolutionäre Ambitionen gut kannte, betonte er in Übereinstimmung mit Stalin jedoch, »dass es sich in der jetzigen Etappe um die Befreiung vom faschistischen Joch handelt, nicht um die sozialistische Revolution«. 106– »Die ganze Partei ist heute ein Militärapparat, jedes Parteimitglied hat die Pflicht, die UdSSR zu verteidigen, jedes Parteimitglied ist heute ein aktiver roter Soldat.« 107Gefordert war also ein Guerillakrieg, wie er im besetzten Weißrussland und in der Ukraine schon eingesetzt hatte.

Dieser Direktive widersetzte sich Tito; er war nämlich der Überzeugung, dass der Krieg sehr wohl ein angemessener Zeitpunkt für die Verwirklichung der Revolution und die Übernahme der Macht sei – damit war schon zu Beginn des Kampfes gegen den Okkupator der Keim für die späteren politischen Auseinandersetzungen gelegt war.

Das Politbüro benannte auf seiner Sitzung am 27. Juni 1941 in Belgrad das Militärkomitee um in Oberster Stab der Partisaneneinheiten zur Volksbefreiung Jugoslawiens und machte Josip Broz zu seinem Befehlshaber. Am 4. Juli beschloss es, von Sabotage- und Diversionsakten zum allgemeinen Volksaufstand überzugehen. »Es herrschten Enthusiasmus und große Freude«, erinnerte sich später Tito. 108»Als in Europa der Faschismus herrschte, als dort außer der KP der Sowjetunion keine Partei zu hören war, erhob die KPJ ihre revolutionäre Fahne und führte die Arbeiterklasse, die werktätigen Massen, die Völker und Völkerschaften Jugoslawiens in einen siegreichen Volksbefreiungskampf, in die sozialistische Revolution. Damit erfüllte sie durch Taten ehrenvoll ihren revolutionären und internationalen Geist.« 109

Um den Aufstand in Gang zu bringen, entsandte das ZK der KPJ am 4. Juli 1941 zwölf führende Delegierte in verschiedene Ecken des Landes, wobei die Kommunisten – als Einzige unter allen Parteien – bei ihrer Agitation die Betonung auf die »Brüderlichkeit und Einheit« legten, also auf die Gleichberechtigung zwischen den jugoslawischen Völkern. Keines von denen habe das Recht, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Zwar war die nationale Frage im Kampf um die Macht nur von taktischer Bedeutung, man wusste sie sich aber – nach dem Vorbild der Sowjetunion – zunutze zu machen, umso mehr, als man seit jeher Gegner des jugoslawischen Integralismus gewesen war, wie ihn König Aleksandar Karađorđević betrieben hatte. 110

Doch in Kroatien stießen sie mit dieser Strategie auf Widerstand, denn hier hatten nationalistische Ideen Oberhand über die Parteidisziplin gewonnen. Während die Wehrmacht nach Weißrussland und in die Ukraine vorstieß, schwieg Radio Moskau über den Krieg und berichtete stattdessen vom Leben der Kolchosebauern und proletarischen Stoßarbeiter. 111Warum sollten die kroatischen Kommunisten nicht glauben, dass an der Ostfront alles in Ordnung sei und dass die Rote Armee in vierzehn Tagen, spätestens aber in sechs Wochen in Zagreb sein werde? Warum sollten sie den Zerfall Jugoslawiens, das von der Sowjetunion seit dem 16. Mai 1941 nicht mehr anerkannt wurde, nicht begrüßen? Aufgrund dieser Überzeugung konnte sich Andrija Hebrang, der nach zwölf Jahren im Gefängnis zu diesem Zeitpunkt die Militärkommission des ZK der KP Kroatiens führte, mehr als einen Monat lang nicht entscheiden, ob er dem Okkupator entgegentreten solle, wie es die Komintern und das ZK der KPJ angeordnet hatten, oder nicht. 112Nach Zeugenaussagen, die von Vladimir Dedijer gesammelt wurden, soll er sogar mit prominenten Ustascha-Leuten Gespräche darüber geführt haben, dass er eine KP NDH gründen werde, wozu er den Segen von Ante Pavelić selbst bekommen habe. Auf einer Sitzung des ZK der KP Kroatiens Mitte Juli soll er erklärt haben, dass der »Unabhängige Staat Kroatien die Realisierung einen hundertjährigen Traum des kroatischen Volkes« sei. 113

In diesem Augenblick der Unsicherheit und des Chaos versuchte Kopinič-Vazduh im Namen Moskaus, das in Person von Dimitrow das »niederträchtige und verräterische Verhalten« der kroatischen Kommunisten anprangerte, am 9. Juli mithilfe des Stadtkomitees das ZK der KP Kroatiens abzusetzen und sich der Führung der Partei mit dem Ziel zu bemächtigen, sobald wie möglich eine Sabotageaktionen zur Unterstützung der Sowjetunion in Gang zu setzen. 114Der Versuch misslang, weil sich Hebrang widersetzte und weil Tito gemeinsam mit Kardelj beschloss, ihn zu schützen. 115

Das Durcheinander, das dadurch entstanden war, hatte tragische Folgen. 116Weil man wegen des Unfriedens, den Kopinič verursacht hatte, beweisen wollte, dass man zur Aktion bereit war, organisierte das Zagreber Stadtkomitee mit Genehmigung der engeren Führung des ZK der KP Kroatiens in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli die Befreiung von in Kerestinec eingesperrten Kommunisten und Sympathisanten. Wenige Tage zuvor hatte die Ustascha nämlich drei angesehene links orientierte Häftlinge erschossen und gedroht, damit fortzufahren, wenn es zu Sabotageakten käme. Nach Meinung Kopiničs, aber auch Rade Končars, des Sekretärs der KP Kroatiens, sei es besser, wenn die Gefangenen als Kämpfer auf der Flucht fielen, als dass sie passiv auf den Tod warteten. Das Unternehmen war jedoch so schlecht vorbereitet, dass dabei 68 Menschen ihr Leben verloren, die Blüte der linken Intelligenz Kroatiens. 117

Auf den Misserfolg der Kerestinec-Aktion reagierte Tito sofort. Er schickte eine Sonderkommission nach Zagreb, die untersuchen sollte, was genau genommen geschehen war. Gleichzeitig berief er in Belgrad eine Sitzung des Politbüros ein, auf der darüber diskutiert wurde, was zu unternehmen sei. Am 10. August 1941 gab es einen Erlass heraus, der das gesamte ZK Kroatiens, auch Herta Haas, »wegen Unentschlossenheit und mangelnder parteilicher Wachsamkeit « verurteilte. Außerdem schickte Tito eine Woche später der Komintern ein Telegramm, in dem er verlangte, »Valdes [Kopinič] aus seiner (Luft-) Position« zu entfernen, da er die Schuld am Scheitern der Flucht der Genossen aus Kerestinec trage. Trotz der Schärfe seiner Denunzierung – eine der vernichtendsten, die er überhaupt je geschrieben hat – entschied man in Moskau anders. Die Antwort lautete, dass Kopinič auch weiterhin seine Pflicht zu versehen habe. 118

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