Tito verließ Zagreb in solcher Eile, dass er nicht einmal die Geburt des eigenen Sohnes abwartete, den nach seinem Weggang Herta Haas in Windeln legte. 89Hals über Kopf reiste er am 23. Mai 1941 ab, einen Tag bevor die Grenze zwischen dem NDH-Staat und Serbien geschlossen wurde. Wie er selbst später erzählte, nicht nur aus Angst vor den Ustascha, sondern auch vor den kroatischen Kommunisten, die Gerüchten zufolge mit prominenten Vertretern des Pavelić-Regimes paktierten und beabsichtigten, die KP Kroatiens aus der KPJ herauszulösen, in der Überzeugung, dass man den Hitler-Stalin-Pakt halten müsse. 90
Als Antwort auf diese separatistischen und pazifistischen Bestrebungen schrieb Tito für das Parteiblatt Srp i ćekić (›Hammer und Sichel‹) einen Artikel mit dem Titel »Warum gehören wir noch zur KPJ?«: »Seit die imperialistischen Räuber Jugoslawien überrollt und besetzt haben und der ›unabhängige‹ Staat Kroatien gegründet wurde, ist zahlreichen unserer Genossen nicht klar, warum wir Kommunisten in Kroatien, d. h. unsere KP Kroatiens, noch zur Kommunistischen Partei Jugoslawiens gehören, warum wir Flugblätter mit der Unterschrift ZK der KPJ verbreiten. […] Sie sagen, wir […] seien gegen die Freiheit und Unabhängigkeit des kroatischen Volkes und für die Wiedererrichtung Jugoslawiens in der vorherigen Form. […] Wir Kommunisten erkennen die Besetzung und Zerstückelung nicht an, weil sie nicht auf Wunsch des Volkes hin geschehen ist, sondern durch die Aggression der imperialistischen Eroberer. […] Wenn wir mit vereinten Kräften die wahre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft haben werden, werden wir die brüderlichen Beziehungen ordnen, wie sie uns und unseren Völkern am besten entsprechen. So, wie das die Völker der großen Sowjetunion getan haben.« 91
Als er als unter der Identität Ing. Slavko Babić, Vertreter der Fa. Škoda, in Belgrad ankam, stieß er dort auf unzählige Kommunisten mit der entschlossenen Bereitschaft zum Widerstand und zur Revolution sowohl gegen den Okkupator als auch gegen die einheimische kollaborierende Bourgeoisie. Wie er im Oktober 1944 dem russischen Schriftsteller und Kriegsberichterstatter K. M. Simonow erzählte, herrschte Terror in der Stadt: »Wer sich am Abend auf der Straße zeigte, wurde erschossen.« Unter Androhung der Todesstrafe war es verboten, die Haus- oder Wohnungstür abzuschließen. Die Deutschen konnten überall hinein, wo sie wollten und wann sie wollten. Mehrere Wochen lang ging Broz schlafen ohne sich auszukleiden, mit der Pistole unter dem Kopfkissen. »Das Einzige, was mich in diesen Tagen beruhigte, war, dass ich vier Hausnummern entfernt vom Stadtkommandanten Belgrads, Generalleutnant Schröder, wohnte. Ja, das war eine Zeit, als es entweder am Leben zu bleiben oder zu sterben galt, als man nur an die Zukunft des Staates dachte und nicht eine Minute an die eigene Zukunft.« 92Đilas beschrieb die Atmosphäre in der Stadt wie folgt: »Nachts Patrouillen, Dunkelheit und ständige Schießereien mal auf der einen, mal auf der anderen Seite der Stadt. Juden mit gelben Bändern und Angst und Wut, Hunger und Tod, finstere Gesichter der Bürger und fröhliche rücksichtslose deutsche Jünglinge mit Prostituierten und Fotoapparaten. Bewegung von Luftstreitkräften Richtung Griechenland und Bodentruppen Richtung Rumänien. Erste ›Gemeindeblätter‹ im Dienste des Okkupators.« 93
Ende April und erneut Ende Mai meldete Tito über die sowjetische Botschaft, die in Belgrad noch amtierte, an Dimitrow (Deckname »Ded« – ›Väterchen‹), dass sich deutsche Einheiten in Richtung russische Grenzen bewegten und dass die deutschen Offiziere in Zagreb ihr Ziel auch nicht groß verheimlichten. Bei Kontakten mit der örtlichen Bourgeoisie sprächen sie offen davon, dass sie in Russland hineinschneiden würden wie das Messer in die Butter. Auf den Panzern der Wehrmacht, die durch Belgrad und über die Donau Richtung Rumänien fuhren, stand: »Nach Moskau«. 94In einer Depesche, die Tito am 13. Mai abschickte, schreibt er: »Wir organisieren Militäreinheiten, erziehen unsere Militärkader, bereiten den bewaffneten Aufstand im Falle eines Angriffs gegen die UdSSR vor.« 95
Zudem brachte die Partei ein Propagandaflugblatt in Umlauf, in dem sie die Deutschen Soldaten warnte, dass der Führer beabsichtige, sie im Kampf gegen Russland zu verheizen. 96Da Stalins Haltung gegenüber jenen, die ihn vor einem baldigen Angriff warnten, äußerst kritisch war, wundert es nicht, dass diese Meldung und Titos kämpferische Einstellung in Moskau wenig willkommen war. Hinzu kam, dass im Komintern nach wie vor großes Misstrauen gegenüber Tito herrschte, wie sich auch Vladimir Bakarić später erinnerte. Für diese Leute sei er zu wenig »gehorsam« und »demütig« und zu »eigensinnig« und zu voll »eigener Ideen« gewesen. 97
Allerdings findet sich in den Archiven der Komintern ein Bericht, der davon zeugt, dass nicht alle in Moskau seinen Kampfeseifer kritisch betrachteten. Das Dokument vom 29. Mai 1941 erwähnt Geheimtreffen zwischen Tito und einem Moskauer Agenten in Zagreb und Belgrad und berichtet: Die KPJ zähle 8 000 Mitglieder und 30 000 Komsomolzen (junge Mitglieder des SKOJ). Die Parteiorganisation sei unversehrt und in Kampfbereitschaft. Beim ZK seien ein Militärkomitee und ein Komitee für Diversantentätigkeit organisiert. Waffen seien vorhanden und versteckt. Im Falle eines Angriffs gegen die Sowjetunion werde die KPJ in den Kampf eintreten. Zur Auffüllung der Waffenvorräte benötigten sie von der Komintern zwischen fünf und zehntausend Dollar. »Bitte, überbringt den Genossen unsere Grüße und informiert sie, dass die Aufgaben erfüllt werden, die sich der Kommunistischen Partei Jugoslawiens gestellt haben.« 98Dabei ist anzumerken, dass sich die Kampfbereitschaft nicht nur aus der Ideologie und noch weniger aus dem blinden Glauben an die Sowjetunion speiste. Wie Koča Popović, einer der wichtigsten Führer des Aufstandes, eingesteht, »war auch viel jugendliches Rebellentum dabei …« 99
Die Verfolgung der Serben und die an ihnen vom Ustascha-Regime, von den ungarischen und bulgarischen Besatzungstruppen, aber auch von den Kosovo-Albanern verübten Massaker lösten eine Flüchtlingswelle in das serbische Gebiet unter deutscher Verwaltung aus. Viele flohen in die Wälder und organisierten sich zum Selbstschutz in bewaffneten Gruppen. Außerdem war ein weiteres Phänomen zu beobachten: Um die Offiziere der königlichen Armee, die sich der Gefangenschaft entzogen hatten, begannen sich Soldaten zu sammeln, die entschlossen waren, die militärische Niederlage nicht hinzunehmen. Anknüpfend an die Rebellentradition gegen die Türken, tauchten bereits im April 1941 erste Tschetnik-Verbände in Teilen Serbiens und Montenegros auf. Im Bergland von Ravna gora in Westserbien stellte sich der neunundvierzigjährige Oberst Dragoljub (Draža) Mihailović an die Spitze einer kleinen Einheit mit der Absicht, wenigstens einen Funken serbischer Unabhängigkeit am Leben zu erhalten. Er rief eine patriotische Widerstandsbewegung ins Leben, die aber, wie Jahre später einer seiner Anhänger eingestand, in Wirklichkeit auf der Feindschaft gegen alle Völker Jugoslawiens beruhte. Es sei klar gewesen, setzte er hinzu, dass man unmöglich auf der Basis dieser Feindschaft und serbischer Heldensagen siegen konnte. 100
Unterdes bemühte sich Stalin auf alle denkbare Weise um Hitlers Wohlwollen. Noch am Vorabend des Unternehmen Barbarossa veröffentlichte die TASS eine Meldung, in der Gerüchte, denen zufolge die deutsche Armee Einheiten an den Grenzen der Sowjetunion zusammenziehe, als antisowjetische und antideutsche Propaganda zurückgewiesen wurden. Doch da ein Dementi aus Deutschland ausblieb, war es Tito klar, dass der Angriff kurz bevorstand, wenngleich sie den genauen Zeitpunkt nicht kannten. 101
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