Joze Pirjevec - Tito

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Partisan und Revolutionär, Staatspräsident Jugoslawiens, Diktator und Architekt eines alternativen sozialistischen Modells – bis heute entzieht sich Tito (1892–1980) jeder politisch und historisch eindimensionalen Zuordnung. Jože Pirjevec, Professor für Geschichte und ausgewiesener Tito-Experte, geht in dieser Biografie dem Phänomen Tito nach.
Pirjevec folgt der Politisierung Josip Broz', wie Tito mit bürgerlichem Namen hieß, und seinem raschen Aufstieg in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens und zeigt, wie er aus einer zerstrittenen Partei eine schlagkräftige Partisanenarmee geformt hat, die Hitlers und Mussolinis Truppen besiegt hat. Er legt dar, mit welcher Weitsichtigkeit Tito schon bald nach dem Krieg in Opposition zu Stalin ging, wie er für Jugoslawien einen anderen sozialistischen Weg suchte und wie entscheidend er an der Gründung der Bewegung der Blockfreien Staaten beteiligt war. Aber er zeigt Tito auch als Diktator, der seine politischen Gegner gnadenlos verfolgte, sich als Held eines nationalen Mythos verehren ließ und den Personenkult genoss. Er sorgte nicht für einen Nachfolger, und als Tito 1980 starb, hinterließ er ein Machtvakuum, das innerhalb weniger Jahre zum gewaltsamen Zerfall des Vielvölkerstaates führte.
Diese erste umfassende Tito-Biografie, die zahlreiche Quellen erstmals zugänglich macht, liefert das lebendige Porträt der faszinierenden und oft widersprüchlichen Persönlichkeit eines der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.

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Am 10. April wurde unter der Führung des Ustascha-»Poglavniks« (Führer) Ante Pavelić der Unabhängige Staat Kroatien (NDH) ausgerufen, dessen Gebiet sich auch über Bosnien und Herzegowina erstreckte, während Mitteldalmatien und die Bucht von Kotor an die Italiener fiel. Mussolini beanspruchte auch den Südteil der Banschaft Drau einschließlich Ljubljana für sich, während sich die Deutschen die slowenische Steiermark und Oberkrain und die Ungarn sich Prekmurje, das Übermurgebiet einverleibten. Die Italiener besetzten auch Montenegro und den größten Teil des Kosovo, den sie Albanien anschlossen. Zentralserbien wurde von den Deutschen besetzt und in ein Protektorat unter der Führung heimischer Kollaborateure umgewandelt. Die Vojvodina wurde den Ungarn überlassen und ein großer Teil Mazedoniens den Bulgaren. Schon am 17. April 1941 unterschrieb General Danilo Kalafatović gegenüber der Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation. Tausende jugoslawischer Soldaten waren auf der Flucht, um einer Internierung zu entgehen und nach Hause zurückzukehren. Die Deutschen machten 344 000 Gefangene, annähernd 300 000 Mann gelang es zu entkommen. 67König Peter II. und die Mehrzahl der Minister der Simović-Regierung waren nach Athen, wo noch immer britische Militäreinheiten standen, und von da aus über Palästina nach London geflüchtet.

Wie Winston Churchill kommentierte, hatten »die Jugoslawen ihre Seele gerettet «, zur Rettung ihres Staatsgebietes aber war es zu spät. 68Der Angriff der Achsenmächte gegen Jugoslawien war das Schulbeispiel eines Blitzkrieges, wobei die Deutschen vor allem an der Kontrolle der Verkehrswege nach Bulgarien und Griechenland und über Rumänien nach Südrussland interessiert waren. In Serbien selbst, aber auch in Kroatien, waren sie in erster Linie an den Bergbauregionen interessiert, wo für die Kriegsindustrie benötigtes Chrom, Bauxit und Kupfer gefördert wurde. 69

In diesen bewegten Tagen stand Tito in ständigem Austausch mit Moskau. Eine der wichtigsten Errungenschaften des Jahres 1940 war nämlich die Einrichtung einer Radioverbindung zwischen Zagreb und der Komintern. Diese wurde durch Josip Kopinič-Vokšin, Spitzname Vazduh (›Luft‹), und Stella Panajotis-Bamjadzidos, eine griechische Telegrafistin, unterhalten. Sie traten als Eheleute auf und wurden das auch bald tatsächlich. Mit Hilfe Vlatko Velebits hatten sie an den Hängen Zagrebs ein geeignetes Haus mit Garten in der Nähe des Waldes – für den Fall, dass man rasch fliehen musste – gefunden. Von dort aus betrieben sie als »Mali« und »Mala« (›Kleiner‹ und ›Kleine‹) – so hatte Tito sie genannt – bis Juni 1944 eine Radiostation, die von den Deutschen nie entdeckt wurde. An dieses Zentrum waren außer der KPJ noch sieben weitere kommunistische Parteien angeschlossen, die italienische, schweizerische, österreichische, ungarische, bulgarische, griechische und slowakische. 70So begann ein überaus intensiver Nachrichtenaustausch, der zuerst über Vazduh und später während des Krieges über Sendestationen bei Titos Oberstem Stab und beim Generalstab Sloweniens einen immensen Umfang annahm. Angeblich hat Tito mit der Komintern und mit anderen sowjetischen Diensten in Moskau Hunderte von Depeschen gewechselt, von denen sogar manche seiner engsten Mitarbeiter nichts wussten. Er schrieb sie nämlich selbst und hütete sie eifersüchtig. 71»Bei Sitzungen des Politbüros«, erzählte später Ranković, »hat uns Tito aus den Depeschen, die er aus Moskau und von der Komintern bekam, nur das mitgeteilt, was er für unbedingt notwendig hielt. Keiner von uns hat jemals auch nur eine Depesche zu Gesicht bekommen. Im Krieg, während des Marsches, zog Tito, bevor er sich schlafen legte, den Stiefel aus, holte die Depeschen heraus und zog ihn wieder an. So war er sich sicher, dass sie ihm niemand stahl.« Ranković störte ein derartiges Misstrauen sehr: »Was bin ich hier? Welches ist meine Verantwortung, wenn die Depeschen aus Moskau vor mir versteckt werden?«, fragte er. Titos schroffe Antwort lautete: »Ich bin der Generalsekretär der Partei. Ich habe das Recht zu entscheiden, worüber ich dich und euch zu informieren habe.« 72

Der plötzliche Zusammenbruch der jugoslawischen Streitkräfte überraschte die Kommunisten, denn auch sie hatten an den Mythos der serbischen heroischen Traditionen geglaubt. Wie im Jahre 1944 Đilas zu Manuilski sagte: »Unser Fehler war es, dass wir glaubten, dass sich der größere Teil des mit dem Generalstab verbundenen Offizierskorps gegen die Deutschen zur Wehr setzen werde. Dem war aber nicht so. Die Mehrheit ergab sich.« 73Die Führer der KPJ hatten erwartet, dass Jugoslawien einen Monat oder noch etwas länger Widerstand leisten würde, was ihnen die Möglichkeit gegeben hätte, ihre Organisationen zu verstärken und sich mit ihren zahlreichen Anhängern innerhalb der bewaffneten Streitkräfte zu verbinden. In Wirklichkeit stießen die Deutschen bei ihrem Vormarsch auf so gut wie keinen Widerstand: »Es gab keinen ernsthaften Kampf, es war ein Parademarsch«, konstatierte Đilas. 74

Auf der Sitzung des Zentralkomitees der KP Jugoslawiens und der KP Kroatiens am 8. April 1941, zwei Tage bevor die Deutschen in Zagreb einmarschierten, gestand Tito seine Fehleinschätzung in Bezug auf die königliche Armee offen ein und äußerte sich auch dahingehend selbstkritisch, dass sich auch die Kommunisten in dem tragischen Geschehen der letzten Wochen nicht hervorgetan, sondern im Gegenteil die Initiative aus den Händen gegeben hätten. Nach dem Überfall der Achsenmächte auf Jugoslawien und der Besetzung stellte sich aber die Frage, welche Rolle sie in den neuen Verhältnissen überhaupt spielen sollten. 75Weil Stalin noch immer als Hitlers Verbündeter angesehen werden musste, war klar, dass sie nicht besonders viel Spielraum hatten und gegenüber den Besatzern nicht wie Feinde auftreten konnten. Andererseits waren sie davon überzeugt, dass sich die in den Krieg verwickelten imperialistischen Staaten im gegenseitigen Kampf erschöpfen würden und dass der Zeitpunkt nicht fern sei, zu dem man den selbstmörderischen Konflikt der europäischen Bourgeoisie für die sozialistische Revolution nutzbar machen könne, so wie es Lenin vor dem Ersten Weltkrieg getan hatte. 76

Am 10. April, an dem Tag als unter deutscher und italienischer Protektion der Unabhängige Staat Kroatien ausgerufen wurde, gründeten die Kommunisten ein Militärkomitee mit Tito an der Spitze, das den Mitgliedern der Partei die Direktive gab, was in diesem Moment des Zerfalls des alten Staates zu tun sei: das Sammeln und Verstecken von leichten Waffen. Kurz darauf wurden auch in größeren Städten und Provinzen Militärkomitees mit dem Auftrag gegründet, die Grundstruktur der zukünftigen bewaffneten Streitkräfte zu erarbeiten (kleine Einheiten, Kompanien und Kommandokader 77), und die Soldaten davon abzuhalten, sich in Gefangenschaft zu begeben, sondern sie dahingehend zu agitieren, dass sie sich stattdessen mit ihren Waffen nach Hause begaben. Am 15. April wurde ein »Aufruf an die jugoslawischen Völker« veröffentlicht, in dem der Verrat des heimischen Regimes am Volk und die Ausbreitung von Chauvinismus und Brudermord verurteilt und die Menschen aufgerufen wurden, »im Geiste nicht zu kapitulieren«, sondern den Kampf gegen den Okkupator fortzuführen. »Aus diesem blutigen imperialistischen Krieg wird eine neue Welt hervorgehen. […] Auf der wahrhaften Unabhängigkeit aller Völker Jugoslawiens wird sich eine wahrhafte brüderliche Gemeinschaft bilden …« 78

»Ich denke, dass der Aufruf vom 15. April historische Bedeutung hatte«, kommentierte Tito später, »und zwar insofern, als die KPJ in diesem kritischen Moment den Massen aller Völker Jugoslawiens die gesellschaftliche Bedeutung und die Perspektiven des vor uns liegenden Kampfes gegen den faschistischen Okkupator aufgezeigt hat. […] Ohne diese klaren Perspektiven hätte unser Volksbefreiungskampf nicht den Schwung und nicht die Breite bekommen, wie er ihn erfahren hat, und nicht die Kraft, sondern wäre schnell zu einem kläglichen Widerstand verkommen, wie es in anderen Parteien Europas der Fall war. […] Mit anderen Worten, dies war jener historische Moment, der die Ablösung der führenden Gesellschaftskräfte verlangte. Die erwähnten Tatsachen bestätigen, dass die KPJ den Augenblick erfasst und mutig und ohne Zögern die historische Verantwortung für das Schicksal der jugoslawischen Völker übernommen hat.« 79

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