In den ersten Septembertagen reiste auch Broz auf Einladung der Komintern über Le Havre und Leningrad erneut nach Moskau. Auf der Schiffsreise erreichten ihn zwei bedeutende Nachrichten: Er erfuhr von der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, in dem die Sowjetunion und Deutschland für den Fall eines Kriegs Neutralität vereinbart hatten, und als sie in die Ostsee einliefen, auch von Hitlers Überfall auf Polen. 247Mehr als mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste sich Broz nach seiner Ankunft in Moskau mit Miletićs Angriffen befassen. Doch wieder erwies ihm Kopinič einen großen Dienst. Dieser verfasste einen fünfzigseitigen Bericht über Miletić und stellte ihn der Komintern und dem ZK der KPdSU zur Verfügung. Daraus geht hervor, dass Miletić schon 1923, als er zum ersten Mal verhaftet wurde, unter dem Druck der Polizei eingeknickt und zum Verräter geworden war. Ins Zuchthaus Sremska Mitrovica soll er von den Behörden als agent provocateur eingeschleust worden sein. Zusammen mit dem Material von Đilas muss Kopiničs Bericht so belastend gewesen sein, dass man ihn am 5. Januar 1940, verhaftete und am 21. September zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilte. Er starb Ende Januar 1943 in einem der Stalin’schen Gulags, nach einer anderen Version allerdings erst im Jahre 1971. 248Seinem Todfeind ist Broz zweimal begegnet, einmal am Sitz der Komintern, zu dem er freien Zugang hatte, und ein zweites Mal in einem Moskauer Autobus: Er stand regungslos da und hielt sich mit der rechten Hand am Haltegriff fest. Teilnahmslos, mit finsterem, knochigem Gesicht, obwohl ihm von der verletzten Hand das Blut rann, Tropfen für Tropfen. 249
Für Broz war es eine große Genugtuung, als ihm Dimitrow sagte, dass man Miletić verhaftet habe. In diesem Augenblick war er auf dem Weg zu Damjanow-Belov, dem mächtigen Bulgaren, der Petko unterstützte und als Sekretär der KPJ vorgeschlagen hatte. 250Als Broz sein Zimmer betrat, empfing ihn Belov mit dem ganzen Dünkel des hochgestellten Bürokraten. »Wie geht es, Genosse Walter? Gibt es etwas Neues?« »Nitschewo, nitschewo« , antwortete Broz. »Nichts von Bedeutung, das Einzige, was mir gerade einfällt, ist, dass man Petko verhaftet hat.« Damjanow war so überrascht und erschüttert, dass er blass wurde und aufsprang. Eine halbe Stunde brachte er kein Wort heraus. 251
Zweiter Weltkrieg und Partisanenkampf
DER HITLER-STALIN-PAKT UND KRIEGSBEGINN
Als am 1. September 1939 mit Hitlers Überfall auf Polen der Krieg ausbrach und damit für Großbritannien und Frankreich der Bündnisfall eintrat, sahen Broz und seine Mitstreiter den Beweis erbracht, dass es sich um einen Konflikt zwischen zwei gegnerischen imperialistischen Blöcken handelte, und er daher »nicht ein Krieg der Arbeiterklasse sein kann«. 1Als Deutschland und die Sowjetunion am 28. September noch einen Grenz- und Freundschaftsvertrag schlossen, der eine gemeinsame Friedensinitiative vorsah, waren sie geneigt zu glauben, dass die Schuld am Kriegsausbruch mehr bei den westlichen »kolonialistischen « Mächten und der »verbrecherischen Politik der englischen und französischen Kriegshetzer« zu finden war als in der aggressiven territorialen Expansionspolitik Nazideutschlands. 2
Zeitgleich mit der Unterzeichnung dieses Zusatzabkommens marschierte die Rote Armee in Polen ein. Aus diesem Anlass berief Manuilski eine Sitzung aller Vertreter der kommunistischen Partei ein, die sich in Moskau befanden. Bei dem Treffen, an dem auch Broz teilnahm, erläuterte er das Abkommen mit den Deutschen und betonte, dass dieses taktische Manöver die übrigen kommunistischen Parteien nicht davon abhalten solle, auch weiterhin den Faschismus zu bekämpfen. Er gab den Anwesenden den Auftrag, dass jeder von ihnen in diesem Sinne einen Aufruf an seine Partei verfassen solle. Doch aus Angst vor Stalin und davor, etwas Falsches zu sagen, kam niemand dieser Aufforderung nach – außer Broz, der an seine Partei schrieb, dass nach wie vor die größte Gefahr für Jugoslawien und den fortschrittlichen Teil der Menschheit vom deutschen und italienischen Faschismus ausgehe. Manuilski begrüßte diesen Aufruf und gestand seinem Verfasser zu, mit eigenem Kopf zu denken. 3
Dieses Zugeständnis einer eigenen politischen Linie war jedoch nur von kurzer Dauer. Sehr bald, spätestens mit dem sowjetischen Angriff auf Finnland, wurde die Bewertung der internationalen Lage durch Stalins Standpunkt diktiert: dass nämlich nicht der Kampf gegen den Faschismus höchste Priorität habe. Diese habe vielmehr die sogenannte »Klassenkonfrontation«, also der Kampf von »Klasse gegen Klasse«, von Proletariat gegen Bourgeoisie.
»Unter den Bedingungen, als Hitlers Armeen die Karte Europas verändert hatten, als die Offensive des Faschismus in voller Fahrt war«, erzählte Tito später, »konnte eine solche Politik, die die nationalen Interessen und die Verteidigung der Unabhängigkeit zurückstellte – das spürte ich –, fatale Folgen haben.« 4Für ihn persönlich wäre es aber natürlich noch fataler gewesen, hätte er diesen Gedanken damals laut geäußert, und so schloss er sich nach außen hin der »klugen Stalin’schen Linie des Friedens« an, die Hitler gezwungen habe, »vor der Sowjetunion zu kapitulieren, die sich auf eine unüberwindliche Arbeiterund Bauernarmee und auf die Hilfe von Millionen werktätiger Menschen stützt …« 5Er und seine Genossen begrüßten in den folgenden Monaten die Politik der Sowjetunion, die mit der Roten Armee in verschiedenen Etappen »die Zwanzigmillionenvölker Weißrusslands, der Westukraine, Bessarabiens und der Bukowina, Litauens, Lettlands und Estlands […] von der kapitalistischen Sklaverei befreite«. Im Organ der Komintern Die Welt , die in Stockholm erschien, schrieb Broz, dass die Jugoslawen diese Großtaten begeistert begrüßten. 6
Zumindest in Bezug auf die linke studentische Jugend war das durchaus zutreffend. Am 21. Dezember 1939 meldete Hans Helm, der gemäß einem Abkommen beider Regierungen eine deutsche Polizeidelegation in Jugoslawien leitete, aus Belgrad nach Berlin, dass der Hitler-Stalin-Pakt die positive Wirkung habe, dass die kommunistische Propaganda nun zugunsten Deutschlands arbeite und sich ganz auf den Kampf gegen den britischen und französischen Imperialismus richte. Er fügte hinzu: »Vor der Unterzeichnung des deutschrussischen Paktes waren die Kommunisten die größten Nationalisten in Jugoslawien. Die kommunistischen Studenten an der Belgrader Universität stellten Freiwilligenbataillone auf, die von Offizieren ausgebildet wurden. Nach der Unterzeichnung des Paktes waren alle diese Freiwilligen verschwunden. Vor dem 23. August konnten die Kommunisten den Kriegsausbruch kaum erwarten. Heute sind sie extreme Pazifisten …« 7Als die Sowjetunion Finnland im November angriff (weshalb sie am 14. November aus dem Völkerbund ausgeschlossen wurde), kam es in Belgrad zu pro-russischen Kundgebungen, bei denen die Studenten riefen: »Besser auf den Straßen Belgrads [im Kampf gegen die Bourgeoisie] sterben als an der slowenischen Grenze [im Kampf mit den Nazis].« Britische Diplomaten waren damals überzeugt, »dass in diesem Staat hinter der kommunistischen Propaganda größtenteils deutsches Geld und deutsche Agenten stehen«. Zudem erkannten sie, dass es die Kommunisten hervorragend verstanden, auf der sozialen Saite zu spielen und auch panslavische Gefühle anzusprechen, womit sie sehr erfolgreich seien. 8
Doch nicht überall schloss sich die Linke vorbehaltlos der sowjetischen Doktrin an. Nicht in Belgrad, nicht in Ljubljana und vor allem nicht in Zagreb, wo sich Broz mit einer kritischen Haltung gegenüber der Sowjetunion konfrontiert sah. Vor allem unter den Intellektuellen sah man dort den sozialistischen Realismus, wie ihn Moskau diktierte, die Einmischung in den Spanischen Bürgerkrieg und allgemein das, was man über die Stalinistische Herrschaft, die Schauprozesse und sibirischen Gulags wusste, kritisch. An die Spitze dieser Gruppierung stellte sich Miroslav Krleža-Fric, damals der bedeutendste Literat Kroatiens. Er hatte von Pavle Bastajić, der selbst ein »Exekutor« gewesen und nun auf der Flucht vor NKDW-Agenten war, aus erster Hand einiges über die stalinistischen Säuberungen erfahren, und später dazu geäußert, dass er noch nie von einer dämonischeren Geschichte gehört habe. 9
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