Broz bemühte sich, den sogenannten »Konflikt mit der literarischen Linken « zu überwinden. Noch vor seiner Abreise nach Moskau im September 1939 traf er sich zu diesem Zweck mit Krleža in einem Gasthaus am Zagreber Stadtrand und erklärte ihm, dass es nicht angehe, die Autorität der Partei auf diese Weise zu untergraben. Dabei beobachteten die Gesprächspartner die Ankunft einer Gruppe verdächtiger Leute. »Hier habe ich Tito zum ersten Mal in Aktion gesehen«, berichtet Krleža später. »Er sitzt ruhig da, sieht zur Eingangstür, wo mehrere kleinere Stufen in den Garten führen. Aus der Tasche nimmt er einen Revolver, lädt ihn, legt ihn neben sich auf die Bank und sagt zu mir: ›Ich werde auf jeden Fall Widerstand leisten. Ich kann nicht anders, aber du sieh zu, dass du hier über den Zaun springst, und flüchte da hinauf.‹ Er gab mir noch Anweisungen, welchen Weg ich gehen solle. Kaltblütig.« 10
Doch Miroslav Krleža und die um seine monatlich erscheinende Zeitschrift Pečat gescharten Leute waren schwerer auf eine Linie zu bringen als die Belgrader Studenten. Mit Gleichgesinnten war er überzeugt, dass es nicht sinnvoll sei, sich in der schwierigen internationalen Lage, wie sie durch die aggressive Politik Hitlers entstanden sei, in einen fruchtlosen Radikalismus zu flüchten. »Er glaubte nicht an den Sieg der Revolution«, erinnerte sich Tito später, »weil er das physische und materielle Kräfteverhältnis im Blick hatte. Ich sagte zu ihm: Das sind die genauen Fakten, aber es fehlt ihnen der moralische Faktor. Siegeswille und Siegesbewusstsein.« 11
Kurzum, Titos orthodoxe politische Linie bewirkte eine Spaltung, die sich noch vertiefte, als die Nachricht vom Hitler-Stalin-Pakt kam. Auf die Linksorientierten in den Reihen der Intelligenz wirkte sie niederschmetternd. Schließlich hatten die »Faschisten« bis gestern als Bestien gegolten, mit denen kein Dialog möglich sei. Über Nacht waren sie zu Verbündeten geworden. 12
Auch während seines Aufenthalts in Moskau versuchte Broz noch immer Krleža und seine Gefolgsleute auf Linie zu bringen, jedoch ohne Erfolg. Daher berichtet er in einem Schreiben, das im September 1939 an die Komintern ging, dass Trotzkisten, die auf literarischem Gebiet tätig seien, mit ihrer Revision des Marxismus Unruhe in die Reihen der Intelligenz hineintrügen. Dagegen kämpfe die Partei geschlossen an. 13
Diese Einstellung wurde von der EKKI am 23. November 1939 positiv gewertet, was aber nicht bedeutet, das Broz’ Feinde aufgehört hätten, gegen ihn zu intrigieren. Da ihn eine fiebrige Grippe ans Bett fesselte, konnte er Moskau erst am 26. November 1939 verlassen. (Seine engsten Mitarbeiter in Jugoslawien hatten ihn schon in einem NKWD-Gefängnis gesehen.) Über Odessa reiste er in die Türkei, weil ihm Karaivanov geraten hatte, nicht den Zug über Prag zu nehmen, da ihm in dem Falle ein Attentat seiner Moskauer Gegner drohe. In Moskau bestieg er zwar den Zug nach Prag, verließ ihn aber durch die gegenüberliegende Tür wieder und fuhr in die ukrainische Hafenstadt. In die Sowjetunion war er als der tschechische Ingenieur Tomanek eingereist, er verließ sie als der Kanadier griechischer Herkunft Spiridon Matas. 14Er blieb zunächst eine Weile in Istanbul, weil es ihm zu riskant erschien, die Fahrt mit einem sowjetischen Visum im Pass fortzusetzen. 15Außerdem fehlten ihm auch das bulgarische Transit- und das jugoslawische Einreisevisum, das die Belgrader Behörden seit Kurzem von Untertanen der britischen Krone verlangten. Deshalb beauftragte er die Genossen in der Heimat, ihm ein neues gefälschtes Dokument zu schicken. Dieses erreichte ihn auch, aber »Velebit und Herta«, erzählte Tito später, »brachten so schlecht gemachte Reisepässe an, dass uns der erstbeste Gendarm hätte hochgehen lassen können.« Und fügte nicht ohne Seitenhieb gegen Kardelj hinzu: »Wir verfügten über eine Technikabteilung, geleitet von Bevc [einer der Decknamen Kardeljs], dass wir falsche Banknoten hätten drucken können. Aber mir haben sie solche Pässe geschickt, als wollte mir jemand absichtlich schaden.« 16In einem Brief an Kopinič wurde er Jahre später noch deutlicher: »Kardelj hat mir 1940 nach dem Leben getrachtet!« Tito vermutete, dieser wollte ihn loswerden, da er auf eine Führungsrolle in der KPJ spekulierte. 17Was viel über sein stetes Misstrauen auch gegenüber den engsten Mitarbeitern aussagt.
Erst am 13. März 1940 kehrte Tito mit einem in der Komintern gefälschten Reisedokument nach Jugoslawien zurück. 18Um keinen Verdacht zu erregen, kaufte er eine Fahrkarte für den Ozeandampfer Rex , der Mitte März von Neapel bzw. Genua aus nach New York fahren sollte. Richtung Genua nahm er den Zug. An der griechisch-jugoslawischen Grenze erregte sein Reisepass, der scheinbar vom britischen Konsulat in der sowjetischen Hauptstadt ausgestellt worden war, Verdacht. Die Grenzbeamten verlangten eine Erklärung. Broz konnte sich damit herausreden, dass sein Originaldokument abgelaufen sei, während er sich wegen seiner Arbeit in der Sowjetunion aufgehalten habe, und er deshalb einen neuen Pass bekommen habe. 19In Zagreb stieg er aus, als wollte er sich auf dem Bahnsteig die Beine vertreten, und – blieb. Sein Gefühl, bedroht zu sein, war nicht unbegründet: Wenige Tage später erhielt er dafür die Bestätigung, als er im Café Corso die Meldung las, dass die britischen Behörden den italienischen Dampfer in Gibraltar gestoppt und durchsucht hätten, weil sie eine verdächtige Person suchten. Das Schiff habe sechs Stunden Verspätung gehabt, weshalb die Passagiere entrüstet protestiert hätten. »Und ich sitze hier in Zagreb.« 20
Doch dieser kleine Triumph konnte nicht über seinen Eindruck hinwegtäuschen, dass seine Genossen versucht hatten, seine Ankunft zu vereiteln. Deshalb kam es auf der ersten Sitzung des ZK zu einer heftigen Konfrontation, bei der Broz seinem Zorn freien Lauf ließ. Mit Kardelj hatte er die Sache offenbar schon bereinigt, deshalb war jetzt Đilas an der Reihe, daran änderte auch die Erklärung nichts, dass der Stempelfälscher während seiner Abwesenheit in Haft gewesen war. Đilas war wegen der Vorwürfe so getroffen, dass er sich überhaupt nicht verteidigte, und ihm, als er zum Schluss etwas zu sagen versuchte, die Tränen in die Augen schossen. »Aber als die Sitzung beendet und ich noch ganz erstarrt war […], kam er zu mir und lud mich auf einen Spaziergang ein. Gewöhnlich ging er sonst selten durch Zagreb, weil er auf einen Bekannten treffen konnte. Diesmal aber tat er es. Ich dachte, dass er sich bei mir entschuldigen wolle, und in mir begann die Eisesstarre zu schmelzen. Aber das tat er nicht. Er fing einfach an über alles Mögliche zu sprechen, am meisten über mein Privatleben und meine Lebensverhältnisse. Von Zeit zu Zeit lächelte er milde. In all dem war etwas sehr Menschliches und Warmes, und als wir uns trennten, ging ich zufrieden weg wie ein Kind, dessen Vater erkannt hat, dass er es zu Unrecht bestraft hat, obwohl er es vor ihm nicht zugeben will.« 21
In der kroatischen Hauptstadt sah sich Broz auch wieder mit Krleža konfrontiert, der ihm zweimal versprach, er werde seine »Kampagne« gegen den Hitler-Stalin-Pakt einstellen, diese Zusage aber nicht einhielt. In den folgenden Monaten verwendete er Herta Haas zufolge mindestens die Hälfte seiner Arbeitszeit auf Debatten mit den »Krležianern«. 22Weil es ihm nicht gelang, sie zu überzeugen, stempelte er sie erneut als »Trotzkisten« ab und organisierte als Antwort auf ihre Artikel in Zagreb einen eigenen Sammelband, »Književne sveske« – ›Literarische Hefte‹, deren Redaktion er Vladimir Dedijer anvertraute, die er jedoch gemeinsam mit Kardelj las und zensierte. 23
Krleža war besonders wegen des Schicksals jener getroffen, die »für den Bolschewismus lebten und durch die eigenen Reihen liquidiert wurden«. 24Tito gab ihm zur Antwort: »Was sollen wir in dieser Situation machen, wenn wir einen neuen Weltkrieg haben? Auf wen sollen wir uns stützen? Wir haben keine anderen Ausweg als die UdSSR, und sie ist nun mal, wie sie ist.« 25Alles vergebens: Krleža schloss sich während des Krieges nicht der Widerstandsbewegung an, obwohl ihn Tito sogar mit acht Depeschen einlud, in das befreite Territorium überzusiedeln. Aber Krleža glaubte einfach nicht an die Lebenskraft des Partisanenabenteuers, außerdem war er davon überzeugt, dass man ihn als Revisionisten »schlachten« würde, wenn er das täte. 26Wegen dieser Zurückhaltung gegenüber der Volksbefreiungsbewegung konnte ihm Tito nach dem Krieg nur mit Mühe den Kopf retten, obwohl er sich persönlich mit ihm ausgesöhnt hatte. Als der Schriftsteller im August 1945 auf eigene Bitte hin zum ersten Mal in den Weißen Palast kam, empfing Tito ihn so kühl, dass er ihm nicht einmal die Hand bot, sondern nur schroff zu ihm sagte: »Setz dich!« Aber schon nach einem halbstündigen Gespräch lud er ihn zum Mittagessen ein. Offensichtlich hatte die Kameradschaft die Oberhand gewonnen, die sich schon vor dem Ersten Weltkrieg in der Zagreber Kaserne, wo sie beide den Militärdienst ableisteten, zwischen den beiden gebildet hatte. 27
Читать дальше