Zu allem Überfluss drohte Broz eine Verhaftung infolge verschärfter Polizeikontrollen im Zusammenhang mit dem Staatsbesuch des britischen Königs Georg VI. in Paris. Unter dem Einfluss des »Parallelzentrums« weigerten sich die französischen Genossen, für ihn eine konspirative Wohnung zu finden, sondern hatten im Gegenteil jeden Kontakt mit ihm abgebrochen. 195
In dieser schwierigen Situation kam ihm der Slowene Josip Kopinič-Vokšin zu Hilfe, den Broz schon seit 1935 aus Moskau von der Kommunistischen Universität der nationalen Minderheiten des Westens her kannte, einer Einrichtung für nichtrussische Parteikader im europäischen Teil der Sowjetunion und für Emigranten aus Mitteleuropa, Skandinavien und vom Balkan. Broz war hier Kopiničs Dozent gewesen. Sie sollen auch wegen gemeinsamer Weibergeschichten befreundet gewesen sein. Kopinič war ein rätselhafter und umtriebiger Mensch: Noch während seiner Dienstzeit als Unteroffizier in der königlichen Kriegsmarine war er Mitglied der KPJ geworden und hatte dreizehn Parteizellen gegründet. 196Als ihm zu Ohren kam, dass man ihn verhaften wolle, war er 1934 nach Moskau geflohen, wo er Mitarbeiter der sowjetischen Nachrichtendienste wurde. In Spanien hatte er zu den ersten fünf Ausländern gehört, die kaum einen Monat nach Beginn des Bürgerkriegs der Republik zu Hilfe gekommen waren, und sich als heldenhafter Kämpfer einen Namen gemacht. Unter anderem hatte er auf einem Unterseeboot zuerst im Atlantik, danach im Mittelmeer gegen Francos Kriegsflotte gekämpft. Weil es ihm dabei gelungen war, die Blockade bei Gibraltar zu durchbrechen, stieg er in der spanischen republikanischen Armee unter allen Jugoslawen in den höchsten Rang auf. Er wurde Fregattenkapitän und wurde zum Mitglied der spanischen Militärmission in Paris ernannt. 197Deshalb genoss er innerhalb der internationalen Linken großes Ansehen und hatte Verbindungen zu höchsten Kreisen. Mit Hilfe seiner Kontakte besorgte Kopinič für Broz eine Unterkunft im Schloss eines Marquis, des Militärattachés an der Botschaft der spanischen Republik in Frankreich, an der er auch selbst arbeitete.
Er versprach ihm, sich auch in Moskau für ihn einzusetzen. Broz gab ihm einen Brief für Dimitrow mit auf den Weg. Es handelte sich um den verzweifelten Appell, »Genosse Georg« möge doch etwas zur »Rettung meiner Familie« unternehmen. 198
Kopinič überbrachte den Brief, versah ihn aber noch mit einem eigenen Anschreiben, das mit den Worten endete: »Ich wende mich an Sie wie ein Sohn an seinen Vater und bitte Sie, mir die Fragen des Genossen Walter zu beantworten. […] Sie sind meine letzte Hoffnung, denn alle anderen, die ich frage, was unternommen wurde, antworten mir, dass es besser sei, nicht zu viel zu fragen.« 199
Doch Dimitrow antwortete, dass er nicht mehr tun könne, als Kopinič den Rat zu geben, sich an die Kaderabteilung des EKKI zu wenden, die das Kontrollorgan der gesamten Organisation bildete. Damjanow (Below), ihr Leiter, empfing Kopinič zwar, gab ihm aber zu verstehen, dass er nicht helfen könne: »Gegen Walter [Broz] laufen Ermittlungen, und solange die nicht abgeschlossen sind, kann ich nicht intervenieren.« Kopinič ließ aber nicht locker, kehrte zu Dimitrow zurück und schlug ihm vor, man solle Broz erlauben nach Moskau zu kommen, damit er sich selbst verteidigen könne. Dieses Mal schickte ihn Dimitrow zu Božidar Maslarić-Andreev, dem Stellvertreter Manuilskis, der Kopinič noch aus Spanien gut kannte.
Der war etwas gesprächiger und erläuterte, um was für Anschuldigungen es sich handelte. Es waren die üblichen Verdächtigungen: Broz stehe direkt oder indirekt im Dienste der jugoslawischen Polizei und der Gestapo. Die Komintern finanziere die Presse der KPJ nicht, woher stammten dann die Gelder, wenn nicht von der jugoslawischen Polizei? Ivo Lola Ribar und Boris Kidrič seien Söhne von Kapitalisten, also Polizeiagenten und Provokateure. Schlimmer noch, Ribars Vater, ein bekannter Freimaurer, sei Präsident des Belgrader Parlaments gewesen, als die Obznana beschlossen wurde, ein Gesetz, mit dem die Behörden die KP in die Illegalität gezwungen hätten. Um gar nicht von Herta Haas zu reden, die eine Deutsche und ein Gestapospitzel sei. Was völlig hinreiche für die Lubjanka oder ein Erschießungskommando. Doch letztlich zahlte sich die Hartnäckigkeit Kopiničs, dem Maslarić sogar den Posten des Generalsekretärs der KPJ anbot, aus. Broz wurde erlaubt, nach Moskau zu kommen und zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. 200
Tatsächlich verließ Broz am 23. August 1938 Paris und flog über Stockholm nach Moskau, das er über zwei Jahre lang nicht besucht hatte. Man kann sich vorstellen, mit welchen Gefühlen hinsichtlich der Ereignisse der Jahre 1936–1937, als annähernd achthundert jugoslawische Kommunisten mitsamt ihren Familien verhaftet worden waren. Wie er selbst sagt, fühlte er sich wie der letzte Mohikaner: »Außer mir hat man alle eingesperrt.« 201Čolaković, der als »Gorkićs Mann Nr. 1« galt, und Žujović, die »Nr. 2«, waren von der Komintern aufs Abstellgleis geschoben worden. Sie überlebten nur, weil sie sich nicht in Reichweite des NKWD befanden. »Was war das Schwerste?«, sagte Tito später. »Dass ich in der Sowjetunion aufgrund der Anschuldigung umkommen würde, ein Konterrevolutionär zu sein. In Jugoslawien zu sterben, das war nicht schwer. Da wusstest du, dass du als Revolutionär sterben würdest. So ging ich in die Illegalität, als ginge ich in die Freiheit.« 202
Am 24. August 1938 begab er sich zum Sitz der Komintern, wo man ihn demütigte, indem man ihn vier Stunden warten ließ, bevor er überhaupt das Gebäude betreten durfte. 203Sofort musste er sich vor einer fünfköpfigen Kommission verantworten, in der drei ihm feindselig gesinnte Bulgaren saßen, die seine Verurteilung wegen der Expedition forderten, die vor Budva gescheitert war, von ihm verlangten, »seine Schuld einzugestehen« und die Meinung vertraten, dass Petko Miletić zum Generalsekretär ernannt werden müsse. Wenn das nicht möglich sei, solle man einen gewissen Hauptmann Dimitrow, einen Bulgaren, der in Spanien gekämpft hatte, als Kommissar einsetzen. Walter hingegen müsse »liquidiert« werden. Unter anderem auch deshalb, weil sein Lebensstil nicht mit seinen finanziellen Mitteln in Einklang zu bringen sei, was den Verdacht nahelege, dass er bestochen wird. In die Untersuchung mischte sich auch der sowjetische militärische Nachrichtendienst mit der Behauptung ein, Walter sei ein Trotzkist. Broz entkam nur um Haaresbreite, weil sich herausstellte, dass die Anschuldigungen gegen ihn gewöhnliche Verleumdungen waren. 204
Dazu trug zweifellos auch der Bericht vom 23. September 1938 bei, in dem er detailliert seine Beziehungen zu Personen beschrieb, »die als Saboteure und Feinde unserer Partei entlarvt worden sind«. Es handelte sich dabei um neun prominente jugoslawische Kommunisten, von denen sieben bereits erschossen worden waren, nur zwei von ihnen lebten noch, standen aber auch unter dem Verdacht, Trotzkisten zu sein. Natürlich fand er für keinen von ihnen ein gutes Wort, obwohl er später behauptete, vorsichtig gewesen zu sein und über die Genossen, über die er Beurteilungen verfasst hatte, nur gesagt habe, »dass ich sie nicht so gut kenne und dass ich nicht mit ihnen zusammengearbeitet habe«. 205Jedenfalls setzte sich Manuilski für ihn ein, vielleicht auch der mächtige Trilisser-Moskvin, einer der Leiter des NKWD, mit dem Broz schon lange zusammenarbeitete, der aber schon Ende November selbst ein Opfer der stalinistischen Säuberungen wurde.
Tito selbst sagte über diesen Aufenthalt in Moskau: »Ich konnte nicht sicher sein, ob sie eines Tages nicht auch mich holen würden. Dass ich nicht festgenommen wurde, habe ich Dimitrow zu verdanken, der Vertrauen in mich hatte und der Meinung war, das ich die Führung der kommunistischen Partei als Generalsekretär in meine Hände nehmen müsse.« 206Jahre später schilderte er diese Zeit in einem vertraulichen Gespräch mit Dedijer wie folgt: »Eine Nacht bei Karaivanow. Etliche Flaschen Wodka. Ich bin sehr erschrocken. Jetzt verstehe ich, warum sie in der UdSSR so viel trinken. Sie trinken, weil sie Angst haben …« 207Karaivanow, ein bulgarischer Kommunist, Mitarbeiter des NKWD, Vertrauter von und Verräter an Broz, schrieb über diese Zeit: »Er war sehr in Sorge. Seine Augen waren voller Tränen. Das waren die Tage, als Genosse Tito die ersten grauen Haare bekam.« 208
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