Da Letzterer ein erbitterter Gegner Petkovs war, löste seine Ernennung unter den Zuchthäuslern, die in ihm einen »Banditen, Verräter, Trotzkisten« sahen, aber auch im »Parallelzentrum«, wo man ihn zum Opportunisten erklärte, eine Woge der Empörung aus. 179Trotzdem setzte sich Broz mit seiner Linie durch: Anfang November 1937 berief er eine Sitzung des ZK der KPJ ein, auf der die »gegen die Partei gerichtete Handlungsweise« der Organisation in Sremska Mitrovica verurteilt wurde. Miletić musste seinen Posten als Sekretär des Gefängniskomitees räumen, und zwar unter der Anschuldigung, entgegen der Beschlüsse des VII. Kongress der Komintern zu handeln.
Das »Parallelzentrum« in Paris reagierte mit der Behauptung, dass die Führung der Partei nicht mehr existiere und dass Broz kein Mandat für sein Handeln habe. Zudem versuchte man, einen Keil zwischen Broz und Đilas zu treiben, indem man Letzterem empfahl, in seiner Beziehung zu Tito vorsichtig zu sein und erst einmal zu sehen, »von wo der Wind weht«. Aber ohne Erfolg. 180»Ich weiß nicht, was ich über Železar sagen soll«, lautete Broz’ Kommentar, »aber unserer Partei hat er so großen Schaden zugefügt, dass er entweder ein Trottel oder ein ausgemachter Verräter ist.« 181
Im Zuchthaus spielten sich inzwischen wilde Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Miletićs und den Anhängern Pijades ab. Miletić behauptete etwa, Pijades Anhänger seien Homosexuelle, die versucht hätten ihn zu vergiften, und ähnliches mehr. 182Doch es half nichts, immer mehr Insassen schlugen sich auf Pijades Seite, da sie erkannten, wer der stärkere war.
Ende März 1938 erschien der Vertreter der Komintern, Nicolai Petrowitsch Bogdanow, in Paris und trat mit Kusovac und Marić in Kontakt, während er Broz völlig ignorierte. Darüber war Letzterer ziemlich aufgebracht, war dieses Verhalten doch Zeichen dafür, dass die Sympathien Moskaus sich dem »Parallelzentrum « zuneigten. Dieses hatte bereits aufgehört, den Direktiven des Politbüros zu folgen, und begonnen, eine »neue Garnitur« zu bilden. In dem Bewusstsein, dass er den Kampf für die Einheit der Partei nur in der Heimat gewinnen konnte, entschloss sich Broz zu einem riskanten Schritt. Ohne die Komintern um Erlaubnis zu fragen, setzte er die Führung der Partei in Paris ab und fuhr nach Jugoslawien. In der Praxis der von Moskau abhängigen kommunistischen Parteien war das ein äußerst gewagtes und präzedenzloses Manöver, das Marić dazu bewegte, sich als Sieger in dem Konflikt mit Broz zu sehen. Dabei zeigte Broz mit diesem Schritt zum ersten Mal seine Führungsqualitäten und gab ein deutliches Signal, dass er nicht vorhabe, eine sowjetische Marionette zu bleiben. 183
In diesem Sinne ist auch die Proklamation zu verstehen, die das Pariser ZK der KPJ auf seine Initiative hin zum Anschluss Österreichs ans Dritte Reich herausgab. In ihr wurde mehr als je zuvor betont, dass der Kampf gegen die nazistische Gefahr unumgänglich sei und man in diesem Sinne auch mit den jugoslawischen Regierungsparteien zusammenarbeiten müsse. Zum ersten Mal bekannte er sich, mit geradezu patriotischem Feuer, zu dem jugoslawischen Staat: »Völker Jugoslawiens! All ihr, denen Freiheit und Demokratie teuer sind, alle, die ihr eure Heimat und euer Volk liebt, alle patriotischen Staatsbürger, die ihr den faschistischen Eroberern nicht als Knechte dienen wollt, vereinigt euch!« 184Zudem erklärte er, dass man ein für alle Mal mit den Sektierern in der Partei aufräumen müsse und alle »gesunden« Elemente Seit an Seit zu stehen hätten. Das gelang ihm auch teilweise, denn im April fassten die auf einem Kongress in Zagreb versammelten Sozialdemokraten und Gewerkschaftsvertreter den Beschluss, mit den Kommunisten in einer Volksfront gegen den Faschismus zusammenzuarbeiten und auf ihre antisowjetische Propaganda zu verzichten. Dies hatte zur Folge, dass die Vertreter der Partei in der Führung der wichtigsten jugoslawischen Gewerkschaften festen Fuß fassen konnten. 185
In dieser Zeit traf sich Broz regelmäßig mit Häftlingen, die aus Sremska Mitrovica entlassen worden waren, um festzustellen, ob sie sich in die Parteiarbeit integrieren ließen, auch wenn sie ehemalige Anhänger Petko Miletićs waren. 186Zudem festigte er seine noch provisorische Führung der Partei auf heimischem Boden, indem er ein neues neunköpfiges Zentralkomitee bestimmte, das auch ohne Bestätigung durch die Komintern seine Arbeit aufnahm. In dieses Gremium berief er vor allem enge Vertraute, mit denen auch Dimitrow einverstanden war, darunter Đilas, Ranković und Kardelj. Bis auf Letzteren waren das Leute, die in Moskau unbekannt waren, sodass Broz zum alleinigen Mittler zwischen der Spitze der KPJ und der Komintern wurde. 187
Er unterband Eingriffe in die Parteipolitik aus dem Ausland und schuf einen engeren Austausch zwischen der politischen Führung und den Mitgliedern, was der Partei neuen Schwung verlieh. Die drei regionalen Zentren Belgrad, Zagreb und Ljubljana, die bisher nur gelegentlich über ihre Arbeit berichtet hatten, begannen ihre Aktivitäten aufeinander abzustimmen. Ein Militärkomitee, das von der neuen Führung eingerichtet wurde, hatte die Aufgabe, das Gerüst einer Einsatztruppe zu schaffen. Zu diesem Zweck wurden Kurse für Studenten organisiert, zuerst in Belgrad, danach auch in Slowenien. Daneben entwickelte die Partei eine umfangreiche halblegale Herausgebertätigkeit: Sie publizierte Zeitungen, Bücher und Broschüren, die sich gut verkauften und Geld in die Kassen spülten. 188Broz verlangte, dass sich die Partei selbst finanzieren müsse, um dem Vorwurf zu entgehen, sie seien »bolschewistische Söldner«. Diese Haltung entsprang allerdings auch einer Zwangslage, da Moskau der KPJ ohnehin keine Gelder überwies.
In einem Brief an Dimitrow berichtete Broz am 1. März 1938 von seiner Arbeit und klagte: »Es ist schwer, in dieser stürmischen Zeit ohne jede moralische, politische und materielle Unterstützung von deiner Seite zu arbeiten.« Voller Optimismus setzte er hinzu: »Ich verstehe die ganze Situation und werde bis zur letzten Minute alles versuchen, was möglich ist, damit wir die Firma retten und die Aufgaben erfüllen, die heute vor uns liegen.« 189
Dieser Brief blieb nicht ohne Echo: Auf Initiative Dimitrows zirkulierte er unter den wichtigsten Vertretern der Komintern, wo seit Jahresbeginn über die KPJ diskutiert wurde. Das Sekretariat des EKKI hatte zu diesem Zweck am 3. Januar 1938 eine Sonderkommission einberufen, der Pieck, Manuilski und der einflussreiche bulgarische Kommunist Kolarov angehörten. Ihre Aufgabe war es, »die Verhältnisse innerhalb der KPJ zu untersuchen, ihre Kader zu beurteilen und Vorschläge für die Erneuerung der Führung und der Parteiarbeit in der Heimat auszuarbeiten«. 190Trotz der Kritik des Bulgaren Georgi Damjanow (Below), Direktor des Kaderbüros, nach der Broz in der Zeit des Großen Oktobers »vor der Revolution geflohen« sei und dass ihn nach seiner Rückkehr nach Jugoslawien ein »hoher Herr« vor dem Polizeigefängnis und später eine »Absprache mit den Richtern« 191gerettet habe, teilten die Mitglieder der Kommission Dimitrow mit, dass Broz ihrer Meinung nach der geeignetste Mann für die Führung der Partei sei, und empfahlen, ihn nach Moskau zu rufen. »Man kann ihn einladen«, notierte Dimitrow am 26. April 1938 lakonisch auf dem erwähnten Dokument.
Von der Entscheidung in Kenntnis gesetzt reiste Broz im Juni 1938 in der Überzeugung nach Paris, die Ernennung schon in der Tasche zu haben. (Bereits im Mai 1938 stellte er sich seinem künftigen Biografen Vladimir Dedijer, der damals noch studierte, als Sekretär des Zentralkomitees vor. 192) Er war überzeugt, nur kurze Zeit in Frankreich bleiben zu müssen, aber zu seinem Verdruss ließ das Visum für die Weiterreise in die Sowjetunion auf sich warten. Broz befürchtete, dass die Komplikation mit den Papieren auf Intrigen seiner Feinde zurückzuführen war. Und tatsächlich waren Marić und Kusovac weiterhin höchst aktiv und behaupteten, Broz sei Gorkićs Mann gewesen, setze dessen trotzkistische Politik fort und würde sich selbst nicht von jenen Leuten aus dem alten Apparat trennen, die mit der Polizei zusammenarbeiteten oder dessen zumindest verdächtig seien. 193Sie verbreiteten Gerüchte, dass in der Partei »ein wahrer Zirkus« herrsche, dass ein Zentralkomitee überhaupt nicht existiere, dass die Komintern nur ihnen vertraue und das »Georgij« ihnen bald das Mandat zur Führung der Partei übertragen werde. 194
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