A sana:Heute werden alle Körperstellungen im Yoga Asana genannt (eigentlich »Sitz« oder »Körperhaltung«). Asana -Sequenzen sind dementsprechend aufeinander folgende Körperhaltungen. In der Regel sind die Positionen dabei so aufeinander abgestimmt, dass sie unseren Energiehaushalt, die Körperspannung und den Geisteszustand ausgleichen und verbinden können. Der Körper ist sehr viel mehr als nur die stoffliche Grundlage für Geist und Emotionen. Sinn und Sinnlichkeit sind eng miteinander verbunden. So erleben Menschen, die sich aus ihren körperlichen Empfindungen zurückgezogen haben, nicht selten auch eine geistige Leere. Die Asanas stehen insgesamt für die Körperarbeit im Yoga.
Dharana:Im Yoga geht die Übung der Konzentration (Dharana) der Meditation (Dhya na) voraus. Zunächst schulen wir unseren Geist, sich auf ein Objekt auszurichten und zu sammeln, ohne dabei in blockierende Anstrengung zu geraten. In der sich anschließenden Meditation löst sich die Identifikation vom Meditationsgegenstand ab. Der Geist geht über ihn hinaus und öffnet sich in einen Zustand losgelöster Freiheit. Meditation als regelmäßige Praxis kann uns dabei unterstützen, immer tiefer reichende Gleichmut (Vairagya) zu erreichen. Diese ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, vielmehr geht es in dieser annehmenden Offenheit um ein umfassendes Vertrauen und unsere Bereitschaft, sich dem Leben auf allen Ebenen hinzugeben. Fassen wir im folgenden Abschnitt die Perspektiven zusammen.
Die energetische Ebene: Gefühle – Entoderm – Pranayama
Die energetische Ebene pulsiert zwischen Auf- und Entladung.
Blockaden äußern sich in Über- und Unterladung.
Wenn wir uns auf der energetischen Ebene befinden, geht es um das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus, um die Pulsation zwischen Auf- und Entladung. Auf der Ebene des vegetativen Systems offenbart sich damit das Phänomen der Überladung, wie während einer Manie, oder das der Unterladung, wie während einer Depression.
Yogapsychologische Ausrichtung
Auf der Ebene des vegetativen Nervensystems geht es darum, die Schwingungsfähigkeit zwischen den beiden Funktionsmodi Anspannung und Aktivierung (Sympathikus) sowie Entspannung und Erholung (Parasympathikus) wiederherzustellen.
Die meisten Bereiche des vegetativen Nervensystems lassen sich nicht willentlich steuern. Allerdings beeinflusst die Regulierung des Atems, wie beispielsweise das Anhalten, Verlangsamen oder Beschleunigen, die verschiedenen vegetativen Funktionen. Damit befinden wir uns auf dem Feld des Pranayama .
Auf der einen Seite können wir hier die Entspannungsfähigkeit des Organismus fördern, um das Nervensystem zu beruhigen. Mit verlangsamenden Atemübungen lernen wir, belastende Stresskreisläufe zu unterbrechen, um eine chronische Überladung zu korrigieren.
Auf der anderen Seite haben einzelne Atemübungen aber auch das Potenzial, den Sympathikus zu aktivieren, Aktionsfähigkeit zu steigern und einer Unterladung, beispielsweise bei Erschöpfung, entgegenzuwirken.
Wechselt die Unterrichtsstunde zwischen aktivierenden und entspannenden Sequenzen, macht der Organismus die Erfahrung lebendiger Pulsation zwischen beiden Polen und lernt mit der Zeit, in diesen natürlichen Regulationsprozess zurückzufinden. Im Yogasutra von Patanjali heißt es dazu:
» Prāṇāyāma (die Atemtechnik) wird geübt mit umsichtiger Einfühlung in die Ausatmung, die Einatmung und das Anhalten, die Körpergegend, in der sich die Atmung abspielt, die Länge jeder Atempause und die Anzahl der Atemzüge. Dabei wird der Atem lang und zugleich sanft geführt« (Sriram 2006).
Yogasutra 2.50
Die Handlungsebene: Körper – Mesoderm – Karmendriyas – Asana
Die Handlungsebene pulsiert zwischen An- und Entspannung.
Blockaden äußern sich in Über- und Untererdung.
Auf der Handlungsebene reguliert das Stammhirn innerhalb des extrapyramidalen Systems unser Gleichgewicht zwischen bewussten, halb bewussten und unbewussten Bewegungen. Dies können wir als Überspannungen und Unterspannungen erleben. Hypertonische, »überspannte« Muskulatur kann als übererdet bezeichnet werden. Schlaffe, hypotonische Muskulatur dagegen als untererdet.
Yogapsychologische Ausrichtung
Wir alle kennen die Neigung zu muskulären Verspannungen bei privater oder beruflicher Belastung. In gewisser Weise leiden wir dabei unter aufgestauter, nicht umgesetzter Handlungsenergie: Wir speichern gleichsam Stress in der Muskulatur ab.
Auf der Ebene des Bewegungsapparates bietet Yoga mit seinen abwechslungsreichen Asanas und Asana -Sequenzen ein differenziertes und präzises Angebot an strukturierten Bewegungen und Haltungen, um überflüssige Anspannung zu lösen. Die einzelnen Übungen bauen dabei aufeinander auf und sprechen ganz gezielt die verschiedenen Muskelgruppen des Körpers an. Durch die systematischen Bewegungen kann sich gestaute Energie entladen. Überschüssiges Cortisol, das Stresshormon unseres Körpers, wird abgebaut und ausbalanciert.
Zudem lernen wir in den angeleiteten Asana -Klassen ein verfeinertes Körper- und Bewegungsbewusstsein. Die Asanas laden uns dazu ein, nach innen zu spüren und unser Bewusstsein auch für sehr kleine, feine Erfahrungen im Körper zu öffnen. Asana -Sequenzen sind Meditation in Bewegung. So kann sich unser Bewusstsein wieder im Körper erden. Das schafft die Voraussetzung für eine vitale Pulsation zwischen gezielter Anspannung und ausreichender Regeneration.
Die Wahrnehmungsebene: Geist – Ektoderm – Jnanendriyas – Dharana
Die Wahrnehmungsebene pulsiert zwischen Aufnahme und Integration.
Blockaden äußern sich in Über- und Unterfokussierung.
Auf der Wahrnehmungsebene geht es um das Filtern, die Verarbeitung und Einordung empfangener Reize durch unser zentrales Nervensystem. In der Körperpsychotherapie spricht man von einer Unterfokussierung, wenn es nicht gelingt, Reize ausreichend zu filtern. In der Folge erleben wir uns als überflutet; Konzentration fällt schwer oder misslingt ganz. Die Regulationsfähigkeit hinsichtlich der Menge und Art einströmender Reize ist diesem Zustand beeinträchtigt. Eine Überfokussierung hingegen liegt dann vor, wenn wir mit einseitiger, zwanghafter Wahrnehmung versuchen, unerwünschte Erfahrungen auszublenden (Boadella 1991).
Yogapsychologische Ausrichtung
Das angebrochene Informationszeitalter stellt uns vor die Herausforderung, extrem viele Eindrücke verarbeiten zu müssen. Gelingt es dem Geist nicht, Informationen zu sortieren, ihre Menge zu regulieren und den emotionalen Gehalt anzupassen, werden wir von ihnen überflutet. Unser Geist wird regelrecht »be-unruhigt«. Verloren in der Flut überfordernder Wahrnehmungen, verlieren wir auch den Kontakt zu uns selbst.
Im Yoga lernen wir durch Konzentration und Meditation die Möglichkeit kennen, gegenwärtig zu sein und dabei zugleich unser Nervensystem zu beruhigen. Achtsamkeit hilft uns wahrzunehmen, ohne zu werten oder auszublenden, ohne sich mit etwas zu identifizieren oder in etwas zu verstricken. So entsteht eine Haltung, die es erleichtert, einen angemessenen Abstand zu äußeren wie inneren Einflüssen einzunehmen.
In diesem erweiterten Raum wird es möglich, bisher ausgeblendete Erfahrungen zuzulassen: Wir fühlen uns dem eigenen Erleben nicht mehr ausgeliefert. Aufgrund der gesunden Distanz können wir Inhalte besser verarbeiten und integrieren, statt sie wie zuvor abzuspalten, zu verdrängen oder zurückzuweisen. Wenn es uns gelingt, einen Abstand zu kultivieren, in dem unser Atem wieder frei und anstrengungslos fließt, wird es auch möglich, uns selbst wahrzunehmen, zu erkennen und mitfühlend anzunehmen.
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