Sowohl im Sankhya als auch in der Entwicklungsbiologie entsteht aus einem dualen Gegensatzpaar etwas eigenes, unabhängiges und zunächst nonduales Drittes. Schon heute hat die Wissenschaft den materiellen Aspekt dieses Vorgangs, bestehend aus Zellteilung und der anschließenden Neuorganisation von Erbmaterial, Organzellen und Zellinhalten durch einzelne, steuernde Enzyme, im Großen und Ganzen entschlüsselt. Welche Voraussetzungen jedoch erfüllt sein müssen, damit ein Bewusstsein, unsere Seele, in den entstehenden Körper einzieht, entzieht sich bisher jeder Kenntnis.
Gegenwärtig können wir beobachten, wie auf der ganzen Welt zunehmend leistungsfähigere Computer entstehen. Gespannt wird dabei die Frage diskutiert, ob – und wenn ja, ab welchem Potenzial von Intelligenz – sich dabei eigenständiges, kreatives Bewusstsein entwickeln kann. Wann wird auf einem Display das erste kindliche, hochbegabte »Hallo – ist da jemand? Wer bin ich?« erscheinen? Doch während die Rechenleistung, zuletzt mit der Entwicklung von Quantencomputern, in kaum noch nachvollziehbare Dimensionen reicht, ist daraus bis heute kein selbstbewusstes Bewusstsein hervorgegangen.
Möglicherweise braucht es dafür die Wechselwirkung zwischen Denken und Fühlen auf der Grundlage eines sinnlich erfahrenden Körpers. Auch im Sankhya erscheint die Natur (Prakriti) immer in Gestalt aller drei Gunas , und soweit wir wissen, ist die Gastrulation mit der Entstehung der drei Keimblätter Ausgangspunkt unserer Psyche.
Bewusstsein ist sicherlich mehr als die Summe seiner Teile Denken, Fühlen und Handeln. Zugleich aber sind diese Teile scheinbar eine unverzichtbare Grundlage von Sein, das sich seiner selbst bewusst ist.
Das entstandene Leben braucht einen eigenen Körper, um die Welt zu erfahren und sich in ihr ausdrücken zu können. Im anschließenden Prozess der weiteren Ausdifferenzierung offenbart sich in beiden Schöpfungstheorien noch eine bemerkenswerte Parallele. Die Grafiken weiter unten geben zu den Ausführungen einen Überblick.
Hier entsteht eine Differenzierung, die den entwicklungsbiologischen Prozessen auf faszinierende Weise genau entspricht. Beschrieben werden:
Die Wahrnehmungs- und Erkenntnisorgane (Jnanendriyas): Zu ihnen gehören der Bereich der Gedanken und Gefühle (Manas) sowie die äußeren Wahrnehmungsorgane mit der Fähigkeit zu hören, zu sehen, zu riechen und zu schmecken.
Die Handlungsorgane (Karmendriyas): Zu ihnen gehören die Fähigkeiten zu greifen, zu gehen, sich zu entleeren und zu zeugen.
Die Energie (Tanmatra und Mahabhuta): Die Tanmatras werden als feinstoffliche Elemente oder subtile Form der Energie beschrieben. Aus ihnen gehen die Mahabhutas , verkörperte, grobstoffliche Energie in Form der Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde, hervor. In der traditionellen chinesischen Medizin haben die Elemente Wasser, Feuer, Erde, Holz und Metall außerdem einen direkten Bezug zum Organ- und Drüsensystem. Das schafft eine weitere Verbindung zur nun folgenden Entwicklungsbiologie und der Keimschicht des Entoderms.
Auf der entwicklungsbiologischen Ebene entfaltet sich der Mensch aus den drei oben bereits angesprochenen Keimblättern. Sie werden als Ektoderm, Mesoderm und Entoderm bezeichnet. Ihr Potenzial gestaltet sich, wie folgt:
Die Wahrnehmungsorgane (Ektoderm): Aus diesem Keimblatt entwickeln sich Ohren, Augen, Nase, Haut, Zunge und das zentrale Nervensystem mit den Funktionen des Denkens.
Die Handlungsorgane (Mesoderm): Aus dem Mesoderm entfalten sich unsere Handlungsorgane wie Arme, Beine, Muskeln, Knochen, Wirbelsäule, Herz und Geschlechtsorgane.
Der Energiespeicher (Entoderm): Aus diesem Keimblatt entstehen Lunge, die Organe des Rumpfes und der Verdauung sowie unser Drüsensystem wie Pankreas, Schilddrüse und Thymus. Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen Emotionen und Drüsensystem verortet David Boadella die Gefühle im Bereich des Entoderms (Boadella 1991).
»Die Kraft, die den Körper erschaffen hat, kümmert sich auch um ihn.«
Nisargadatta Maharaj

Relevanz für die Yogapsychologie
Die drei eben beschriebenen Seinsebenen können wir als unsere grundlegendsten Arbeits- oder Orientierungsfelder begreifen. Gerät eine dieser Ebenen aus der Balance, verliert sie leicht den Kontakt zu den anderen beiden.
So kann sich beispielsweise ein in Konzepten und Ideologien verstrickter Geist immer weiter von den Emotionen entfernen. Ein hyperaktiver Körper kann dagegen kaum noch einen rationalen Gedanken fassen, sondern läuft Gefahr, sich in blindem Aktionismus zu verlieren. Eine hohe emotionale Ladung wiederum führt zu explosiven Ausbrüchen und verhindert ergebnisorientierte, geplante Handlung.
Immer wenn wir auf einer Ebene blockiert sind, fallen Fühlen, Denken und Handeln auseinander. Daher ist es hilfreich, die jeweiligen Funktionen der Ebenen zu verstehen, um so auch ihre Blockaden erkennen und benennen zu können.
Sowohl Sankhya als auch Entwicklungsbiologie beschreiben eindrucksvoll die Ursache und Bedeutung unserer inneren Dreiteilung. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass sich die drei wichtigsten Arbeitsfelder des Yoga an dieser organischen Architektur orientieren. Sie bildet das Fundament für Atemübungen, Körperarbeit und Meditation.
Wir finden sie in den ursprünglichen Yogawegen Karma-Yoga , Bhakti-Yoga und Jnana-Yoga wieder. Sie sind Gegenstand der Unterweisung, die Krishna, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, dem Krieger Arjuna in der Bhagawadgita zukommen lässt.
Karma- Yoga:Karma bedeutet Handlung und ist uns bereits im Zusammenhang mit unseren Handlungsorganen, den Karmendriyas , begegnet. Karma-Yoga ist demnach das Yoga der Handlung, Yoga auf der Ebene des Körpers. Im Karma-Yoga geht es darum, sein Leben entsprechend der eigenen Bestimmung zu leben, ohne sich mit den Ergebnissen dieser Handlung zu identifizieren.
Jnana-Y oga: Jnana ist die Erkenntnis; die Jnanendriyas sind die Erkenntnisorgane. Jnana-Yoga ist das Yoga auf der Ebene unseres Geistes. Es führt über den Intellekt, das Studium und die Auseinandersetzung zu Urteilskraft und Unterscheidungsvermögen ( viveka ). Diese Klarheit ist die Voraussetzung, um das wahre Wesen, die Essenz aller Dinge zu erkennen.
Bhakti-Yoga: Bhakti bedeutet Liebe, Verehrung oder Anbetung und meint damit die Hingabe zu Gott. Dies ist das Yoga der Emotionen. Jede Tat in Liebe zu vollbringen, führt den Bhakti-Yogi zur Selbsterkenntnis. Eine derartige Liebe ist allumfassend und geht weit über die persönlichen Emotionen und Motive des Übenden hinaus.
Patanjali vereinigte später diese drei Formen des Yoga im Ashtanga-Yoga oder königlichen Weg. Er führt über acht Stufen ( Ashtanga ) zur Befreiung. Inhaltlich umfasst er Anleitungen zu Pranayama , verschiedene Atemübungen und Asanas , einschließlich der heute so populären Körperübungen, sowie Meditation.
Pranayama: Prana bedeutet Energie oder Lebensenergie, Ayama steht für Kontrolle. Im Pranayama geht es also um die Kontrolle der Lebensenergie. Das bei uns gebräuchliche Wort Psyche stammt aus dem Altgriechischen und bedeutete ursprünglich Atem oder Hauch. Wenn wir von der Psychologie als Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen sprechen, greifen wir die enge Beziehung zwischen Atem, Emotionen und Körper unmittelbar auf. Pranayama steht dabei nicht nur für die Kontrolle der Lebensenergie, sondern unterstützt auch die Regulation von Gefühlen. Er hilft, eine ausgleichende Harmonisierung des Körpers zu erreichen.
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