Und noch einen Grund gab es für mich, das Thema der »buddhistischen Erleuchteten« anzugehen. Ich stelle immer wieder fest, dass die Kursteilnehmenden und Meditierenden in meinem Umfeld zwar oft von den Methoden buddhistischer Praxis angetan sind, sich aber mit der dahinter stehenden zweieinhalbtausendjährigen Tradition keineswegs verbunden fühlen. Zuerst fand ich dies eher hilfreich und verstand es als Ausdruck innerer Unabhängigkeit und Freiheit von »Altlasten«, die Religionen ihren Anhängern oft mitzugeben scheinen: von nicht hinterfragten Dogmen und Ritualen bis hin zu fundamentalistischer Erstarrung.
Aber ich musste dann erkennen, dass dieses fehlende Interesse an der Geschichte der eigenen Praxis-Tradition auch einen Mangel an Eingebundensein und Zugehörigkeit bedeuten kann. Doch ein spiritueller Weg, der unser Wesen zutiefst transformieren soll, kann nicht einfach auf die Anwendung einiger Methoden beschränkt sein. Auf diesem Weg, der unser ganzes Leben und unsere ganze Hingabe verlangt, ist es wesentlich, dass wir uns sowohl unserer Praxis wie auch der Tradition tief verbunden fühlen. Dieses Gefühl von Eingebundensein und Vertrauen gibt uns die Inspiration, die Kraft und die Ausdauer, die nötig sind, um die Schwierigkeiten und Durststrecken, wie sie uns immer wieder begegnen, überwinden oder auflösen zu können und uns langfristig in unserer Praxis zu verwurzeln.
Gegenwärtig wächst das Interesse an Meditation und der Erforschung der Achtsamkeit, und sie scheinen zunehmend in der Mitte der Gesellschaft anzukommen und Anwendung zu finden in den Bereichen der Psychotherapie, Gesundheit und Wellness. Das ist sehr begrüßenswert und – wenn ernsthaft angewendet – für viele Menschen hilfreich und heilend. Damit einher geht zugleich die Tendenz, Meditation zu säkularisieren. Auch dies ist wünschenswert, befreit es doch die zentralen Anliegen und die wertvollen Mittel der Praxis von einem religiösen Überbau, der über die Jahrhunderte bis heute Menschen oft mehr geschadet als genützt hat. Leider scheint dadurch aber auch das Wissen um die Wichtigkeit tiefer Praxis mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. Selbst Dharma-Lehrer und -Lehrerinnen können sich von dieser Tendenz verführen lassen, nicht nur weil die Leiden mancher Menschen auch durch rein säkular verstandene Methoden geheilt werden können, sondern möglicherweise auch, weil sich so ein größeres Publikum finden lässt. Wenn wir aber den Pfad und die Praxis zum vollständigen Erwachen, zur Befreiung von den »täuschenden und quälenden Eigenschaften von Herz und Geist« (kilesa/klesha) wie Verblendung, Verlangen und Ablehnung und ihre weitreichenden leidvollen Auswirkungen, lebendig erhalten wollen, dann brauchen wir auch Menschen, die ihr ganzes Leben in diese Praxis investieren – bis zum Erreichen der vollständigen Befreiung. In diesem Buch finden sich Geschichten über Menschen, deren Leben wir nicht unbedingt in dieser Konsequenz nachahmen können oder wollen, Geschichten, die uns aber daran erinnern, dass es immer wieder Individuen gab – und hoffentlich weiter geben wird –, die den Weg des Erwachens bis zur Vervollkommnung gegangen sind.
Vertrauen – Eingangstor für alle heilsamen Qualitäten
Vertrauen zählt zu den stärksten Kräften auf dem Weg. Vertrauen – nicht zu verwechseln mit blindem Glauben – gilt als ein Eingangstor für alle heilsamen Qualitäten. Vertrauen öffnet Herz und Geist, es macht uns berührbar und inspiriert uns, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional, ja, noch tiefer gehend erreicht Vertrauen die Schichten unseres Unterbewusstseins! Vertrauen (saddha/shraddha) ist die erste der Fünf Spirituellen Fähigkeiten, die wir kultivieren müssen, um den Pfad zu betreten und ihn stetig weitergehen zu können. Es ist dieser Prozess des Vertrauens, des Sich-Öffnens, der Inspiration und Hingabe, der einen Fluss spiritueller Energie, einen Strom des Segens in uns zum Fließen bringt.
Oft erlebe ich, wie Teilnehmende, selbst wenn sie in Meditationsretreats angenehme Erfahrungen machen, unvermittelt wieder von der Praxis ablassen, während andere, selbst wenn sie mit großen Hindernissen konfrontiert sind, konsequent dabei bleiben, bis die Schwierigkeiten geklärt sind. Dieses Plus an Beständigkeit und Zielbewusstsein entsteht durch die Wirkung einer Kraft: der Kraft des Vertrauens.
Lama Tsoknyi Rinpoche illustriert die Funktionsweise dieses »Segensstroms« mit einem zeitgemäßen, sehr treffenden Bild: »Die Buddhas und Bodhisattvas stehen mit ihren Handys permanent in Verbindung zu uns. Das Problem ist, dass wir nicht rangehen, weil wir es gar nicht klingeln hören und – noch öfter – das Besetztzeichen ertönt: Wir sind zu beschäftigt, um die Verbindung zuzulassen.« Diese Verbindung können wir aufnehmen – durch Vertrauen!
In der buddhistischen Praxis sind Vertrauen und Hingabe unverzichtbar. Vertrauen in die Belehrungen, in die Methoden der Praxis und in die Lehrenden. Unter Letzteren kann der Buddha als der ursprüngliche Lehrer und Archetyp des Erwachens zu Weisheit und Mitgefühl verstanden werden – oder auch die eigenen Lehrer, Lehrerinnen, die Lamas, Sayadaws, Ajahns, Shifus oder Roshis – oder die gesamte Übertragungslinie großer Meister und Meisterinnen, von Buddha bis zu uns heute.
Der bekannte amerikanische spirituelle Lehrer Ram Dass wurde einmal gefragt, was für ihn beim Übermitteln der Lehre das Wichtigste sei. Er antwortete, es sei die in der eigenen Erfahrung wurzelnde Überzeugung und das daraus entstandene Vertrauen, das in den Schülern und Schülerinnen große Inspiration und Hingabe wecke.
Die tibetischen Praktiken der »Hingabe an die Lehrenden«, das sogenannte Guru-Yoga, betonen, diese Hingabe ermögliche den schnellsten und mühelosesten Zugang zu den Verwirklichungen. Sie öffne einen Kanal für Segensströme, die durch die Übertragungslinie der Meister und Meisterinnen in unseren Geist und unser Herz fließen. Hingabe sehen sie als das Herzstück der Methoden zur eigenen Verwirklichung.
Wir brauchen auf unserem Weg tiefes Vertrauen und Hingabe, aber natürlich brauchen wir auch Weisheit, eine Art von gesundem Menschenverstand, mit dem wir die Dinge unvoreingenommen und mit Scharfsinn überprüfen.
In den Anfängen meiner Praxis besuchte ich ein Meditationszentrum, in dem zwei Retreats in zwei unterschiedlichen buddhistischen Traditionen stattfanden. Beide Traditionen lehrten die Hingabe an den Meister, die Meisterin als wichtigen Verstärker für die eigene Praxis. Als die Teilnehmenden Gelegenheit hatten, den beiden Retreat-Leitern Fragen zu stellen, war ihre brennendste Frage die nach der Hingabe an die Lehrenden. Worauf der aus der einen Tradition stammende Lehrer betonte: »Wenn dein Meister sagt, Schwarz ist Weiß, dann ist Schwarz für dich Weiß!« Der zweite, einer anderen Tradition angehörende Lehrer unterstrich hingegen: »Leute, überprüft es besser selbst!«
In seiner berühmten Lehrrede an die Kalamer ermutigt der Buddha seine Zuhörerschaft, selbst herauszufinden, was für ihr Leben und ihre spirituelle Praxis wertvoll und hilfreich sei:
Aus diesem Grunde eben, Kalamer, haben wir es gesagt: Geht nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters. Wenn ihr aber, Kalamer, selbst erkennt: »Diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl«, dann oh Kalamer, möget ihr sie euch zu eigen machen. 3
Wir sind auf dem Weg zur Befreiung voll und ganz auf authentische Belehrungen und weise Unterstützung durch erfahrene und qualifizierte Lehrende angewiesen, wollen wir uns nicht auf endlosen Umwegen oder gar in Sackgassen wiederfinden. Dazu brauchen wir nicht nur irgendwelche guten Ratschläge, sondern die über Jahrhunderte erprobten Belehrungen von Menschen, die in einer ungebrochenen Übertragungslinie stehen.
Читать дальше