Dein verzerrtes Bild Deiner selbst kann nur ein ebenso verzerrtes Bild Deines Schöpfers hervorbringen. Das eine ist die logische und unvermeidbare Konsequenz des anderen. Gott ist vollkommene Liebe. Vollkommene Liebe ist vollkommene Glückseligkeit. Wenn Dich das, was man Dich lehrt, was Du denkst und glaubst, nicht mit Glück erfüllt, kann es unmöglich Wahrheit sein.
Niemals kann etwas erschaffen sein, das nicht inhärent in seinem Schöpfer vorhanden wäre. Nichts kann sein, das nicht Teil seines Schöpfers wäre. So wie kein Maler jemals ein Bild hervorbringen könnte, das nicht in ihm ist, und wie kein Dichter jemals Gedanken formulieren kann, die nicht Teil seines Geistes sind, so kann auch Gott bei seiner Schöpfung nur sich selbst hervorbringen. Nur was innen vorhanden ist, kann nach außen drängen, denn nur was ist, kann sein.
Da jede Schöpfung den ›Rohstoff‹ seines Schöpfers spiegelt, kannst auch Du nur aus derselben Essenz beschaffen sein, die Gottes Essenz ist. Alles erschafft aus sich selbst heraus und so hat Gott auch Dich aus sich selbst hervorgebracht. Im Klartext bedeutet das: Du bist ein Teil Gottes, ihm gleich und nach seinem Bilde erschaffen. So siehst Du Dich denn hier zwei Prinzipien gegenüber, die für Deine Wahrheitsforschung von unvorstellbarem Wert sind:
1. Es gibt ein absolutes Prinzip, Gott, Schöpfer von
allem, was da ist.
2. Weil dieses absolute Prinzip Dich erschaffen hat,
kannst Du nur von ihm auf Dich selbst schließen.
Es gibt viele Formulierungen und Namen, die Menschen Gott gegeben haben. Sicher ist Dir bewusst, dass es mit menschlichen Begriffen, mit dem reduzierenden und begrenzten Medium Sprache, niemals auch nur annähernd möglich ist, der Größenordnung und Komplexität des ›absoluten Prinzips Gott‹ gerecht zu werden. Gewiss bist Du Dir im Klaren darüber, dass Worte Gott nie wirklich und gültig erklären und begrifflich machen können.
Nun sind wir eben auf Sprache als Transportmittel für diese spirituelle Energieübertragung angewiesen. Anstelle von ›Gott‹ können wir ebenso gut vom ›Liebesprinzip‹ reden, vom ›Prinzip Leben‹, vom ›Schöpfer‹, vom ›Urvater‹, von der ›Urmutter‹ ...
Die meisten Menschen bevorzugen eine Benennung, die eine Personifizierung impliziert. Eine weniger persönliche Formulierung ist ihnen zu abstrakt und daher beängstigend, da sie ein Gefühl von Distanziertheit begünstigt. Dies lässt Euch zurück mit einem schalen Gefühl von Verlassenheit, Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit. Nichts wäre weiter entfernt von der Wirklichkeit Gottes als das. Da es niemals Schubladen geben kann, in die Gott passen könnte, ist klar, dass Er sowohl gänzlich persönlich als auch gänzlich unpersönlich ist. Niemals kann es etwas geben, was Gott nicht ist. Gott ist nie ›Entweder-oder‹, Gott ist immer ›Sowohl-als-auch‹. Weil dem so ist, werden wir uns im weiteren Verlauf oft der Formulierung ›Alles-was-Ist‹ bedienen, da sie, besser als jede andere, der Absolutheit des Göttlichen gerecht wird.
Es gibt kein Konzept, das sich dieser Formulierung entziehen und sich von ihr ausschließen könnte. Sie beinhaltet alles nur Vorstellbare. Sie beinhaltet das Persönliche und das Unpersönliche, das Belebte und das Unbelebte, das Materielle und das Geistige, das Sichtbare und das Unsichtbare, das Irdische und das Außerirdische, das Männliche und das Weibliche, das Mögliche und das Unmögliche, ja sogar das Liebevolle und das Angstvolle. Alles-was-Ist ist alles, was ist und was jemals sein kann. Punktum. Nichts anderes hat es je gegeben, gibt es und wird es jemals geben können. Nichts kann sein, das da jemals außerhalb dieses Prinzips wäre. Wir sprechen vom Superlativ dessen, das jenseits jeglicher Vorstellungskraft existiert. Um es in den schönen und treffenden Worten von Anselm von Canterbury zu sagen: »Gott ist das, wovon etwas Größeres nicht gedacht werden kann.«
Meine liebe Freundin, mein lieber Freund, gleich welchem Gotteskonzept Du auch anhängen magst, ihnen allen ist ein fundamentaler Denkfehler, dem ein Wahrnehmungsfehler zugrunde liegt, gemeinsam. Diese Fehlwahrnehmung ist Ursache für alle Leiden und Nöte, die es jemals geben kann: die Unerreichbarkeit Gottes.
Dies ist der wohl tragischste Aspekt des menschlichen Gottesbildes, das sich die Welt geschaffen hat. Gott ist Dir so unendlich viel näher, als Du ahnen kannst, und es ist jetzt an der Zeit, dass die Menschheit in besonderer Weise zu dieser Erkenntnis erwacht. Diese Wahrnehmungserweiterung, die mit dem Erkennen einhergeht, wird dem vorhin erwähnten ›Spaßfaktor‹, den ihr Menschen in Eurem spirituellen Leben im Allgemeinen bis dato so schmerzlich vermissen musstet, deutlichen Aufschwung verleihen. Wo Gott ist, da ist Freude. Wo Freude ist, da ist Gott. Und wo bist Du?
Das Fazit Deiner zweiten Einsicht ist also, dass Du nun zumindest weißt, warum Du lesen kannst. Oder, um es korrekt zu formulieren, Du weißt jetzt, warum Du lesen lernen konntest. Du verstehst, warum Du alles andere lernen konntest und warum Du überhaupt lernen kannst. Du weißt, warum Du all die anderen Dinge tun kannst, die immer Du tust. Du weißt, warum Du denken und fühlen kannst. Du weißt, warum Du Dir Gedanken darüber machen kannst, dass Du Dir Gedanken machen kannst. Du weißt, warum Du Dich infrage stellen und Dir Deiner selbst bewusst sein kannst. Du weißt, warum Du sozusagen aus Dir selbst hervortreten, Dich von ›außen‹ betrachten und nach Selbsterkenntnis streben kannst: Weil Dir all diese wundervollen göttlichen Eigenschaften von Deinem Schöpfer gegeben sind. Deine Eigenschaften sind seine, denn aus Dir selbst heraus hast Du kein Sein.
Du hast wahrlich allen Grund zur Freude. Könntest Du diese fantastische Wahrheit in ihrer ganzen Tragweite und Dimension für Dich erfassen, würdest Du wahrhaftig nur noch jubelnd und freudestrahlend durchs Leben gehen.
Wenn Du einen Augenblick innehältst, um Dir der Bedeutung Deiner Erkenntnis auf einer tieferen, wahrhaftigen Ebene bewusst zu werden, um sie in Deinem Herzen zu fühlen, dann veränderst Du Dein Leben in ungeahnter Weise. Das Einzige, das wirklich Einzige, das in Deinem Leben Änderungen hervorbringen kann, ist eine Korrektur der Wahrnehmung Deiner selbst. Alles, wirklich alles in Deinem Leben entscheidet sich an der Frage, wie Du Dich selbst siehst.
»Der Mensch kann in sich ein Göttliches finden,
weil sein ureigenstes Wesen dem Göttlichen entnommen ist.«
Rudolf Steiner
3. Ein-Sicht
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Wer auf Knien sucht, findet nur,
was unten liegt
Mein lieber Freund, meine liebe Freundin, vielleicht willst Du es wagen, Dich selbst richtig zu sehen. Wahrhaft Wundervolles kannst Du dort entdecken. Zum richtigen Sehen musst Du einen einzigen wichtigen Grundsatz beherzigen, den einzigen, der jetzt und ewig von Bedeutung ist, wenn Du der Wirklichkeit in den Dingen auf die Spur kommen willst.
Wie so oft, nein, wie immer, lehrt Dich Dein Schöpfer selbst, wie es richtig zu machen ist, wie Du richtig hinsiehst, damit Du überhaupt etwas Reales erkennen kannst. Du musst mit den Augen dessen schauen, der alle Dinge erschaffen hat: Du musst mit Liebe auf das schauen, was Du betrachtest. Alles, was Du sehen kannst, was immer sich Deinem Blick erschließt ohne Deine Liebe, ist nur Blendwerk, nur der Schein, der das Sein verhüllt. Es ist gar nichts.
Immer dann, wenn Du ohne Liebe schaust, wenn Du ohne Liebe bist, kannst Du nur trügerische Illusion wahrnehmen: vergängliches äußeres Haben, das ewiges inneres Sein verschleiert. Der Blick ohne Liebe kann Dir niemals die wahre Dimension der Erscheinungen, die Seele der Dinge und ihre ewig gültige Wahrheit enthüllen. Der lieblose Blick ist der gottlose Blick und zeigt immer nur die vergängliche Form, die den ewigen Inhalt verschleiert. Die immerwährende Wirklichkeit, die wahre und wahrhaftige Realität in allem, was da ist, kann sich Dir nur in und durch Liebe erschließen. Dies gilt nicht weniger, ja ganz besonders, für Deinen Blick auf Dich selbst. Nur was Du in Liebe anschaust, kannst Du so sehen, wie es wirklich ist.
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