Walter Thaler - Erinnerungswürdig

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Nicht irgendwer!
Man weiß in Salzburg, wer Konstanze Mozart, Herbert von Karajan, H.C. Artmann oder Carl Zuckmayer war. Wer aber war Franz
Michael Vierthaler? Oder Barbara Krafft? Oder Rosa Kerschbaumer-Putjata?
Es ist beeindruckend, was Menschen erreichen können, wenn sie sich etwas zutrauen, herrschende Tabus brechen und abgestandene
Wertvorstellungen über den Haufen werfen – oder, wenn sie weitsichtig genug sind, Entwicklungen zu erkennen und diese beschleunigen!
Viele der in diesem Buch beschriebenen Persönlichkeiten mussten sich gegen Benachteiligungen ihren Platz erkämpfen und
sich gegen die starren Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnen. Mit Mut und Zuversicht haben sie ihren Weg gemeistert
und einige sind zu Vorbildern für uns alle geworden. Manch andere der hier Porträtierten aber haben durch ihr Handeln auch großes
Unrecht begangen und sind für Leid und Tod vieler Menschen verantwortlich.
Walter Thaler hat die Lebenswege von 65 Salzburger Männern und Frauen aus drei Jahrhunderten feinfühlig nachgezeichnet – er
lässt uns teilhaben an den Höhen und Tiefen im Leben dieser Menschen. Viele Namen sind bekannt, andere wiederum sind es wert
entdeckt zu werden. Er hat Schutzschichten der Verdrängung und Verleugnung aufgedeckt, um die Geschichte gegen das Vergessen
neu auszuleuchten und in dokumentarisch-literarischen Porträts anschaulich zu machen.

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Im Jahr 1797 lernt Constanze den dänischen Legationssekretär und Diplomaten Georg Nikolaus Nissen kennen. Sie kann ihn erst 1809 auf der Flucht vor Napoleon im damals ungarischen Preßburg heiraten, da im österreichischen Teil des Habsburgerreiches religiöse Mischehen verboten sind. Constanze führt ab dem Winter 1800 in Wien einen der wichtigsten musikalischen Salons am Michaelerplatz, um Mozarts kammermusikalische Werke zur Aufführung zu bringen. Als der Diplomat 1810 nach Kopenhagen berufen wird, lebt Constanze mit ihm zehn Jahre in der dänischen Hauptstadt. Zwischen 1820 und 1824 bereist das Ehepaar Nissen Deutschland, bevor es sich 1824 endgültig in Salzburg niederlässt.

Nissen ist den beiden überlebenden Söhnen Mozarts ein liebevoller Vater. Carl, den Constanze zum Kaufmann ausbilden lässt, wird von ihr nach Italien geschickt, wo er als Verwaltungsbeamter der Monarchie lebt und 1858 als letzter Mozart stirbt. Sein Bruder Franz Xaver Wolfgang, ein begabter Sänger, Komponist und einer der renommiertesten Pianisten der Zeit, arbeitet in Lemberg beim Grafen Viktor von Baworowski, da er in der Pubertät mit seinen Eltern ständig in Konflikt geraten ist. In Salzburg machen sich Constanze und Nissen daran, das Leben Mozarts aufzuarbeiten und eine erste Biografie zu verfassen. Doch Constanze schildert ihrem Gatten hauptsächlich vordergründige Begebenheiten und kann über seine Musik nur Oberflächliches berichten. Daher stützt sich Nissen auf die Aufzeichnungen des Philosophen und Musikkritikers Franz Xaver Niemetschek. Zudem ist Nissen bemüht, alle ihm unschicklich erscheinenden Ereignisse im Leben Mozarts auszublenden, denn er will dem Ruhm des Meisters keinesfalls schaden. Als Nissen – der kein Adeliger war – 1826 stirbt, nimmt Constanze ein „von“ in ihren Namen auf. Sie vervollständigt Mozarts Lebensbericht. Das Buch „Biographie W.A. Mozarts“ erscheint 1828 und wird in Europa viel gelesen und in mehrere Sprachen übersetzt. In ihren letzten Lebensjahren in Salzburg darf auch ihr Beitrag für die Gründung des Mozarteums und die Errichtung der Mozartstatue auf dem Mozartplatz nicht unterschätzt werden.

Constanze stirbt am 6. März 1842 in Salzburg an einer Lungenentzündung und überlebt damit Mozart um ein halbes Jahrhundert. Ihre jüngere verwitwete Schwester Sophie, die mit ihr im ehemaligen Domherrenstöckl Mozartplatz 8 wohnt, kann wenige Wochen nach Constanzes Tod ihre Blicke auf das neu errichtete Mozartdenkmal richten. Der „Witwe Mozart“, wie Constanze sich auch in ihrer Ehe mit Nissen stets bezeichnet hat, ist dieser sehnsüchtige Rückblick nicht mehr gegönnt.

Drei weniger biografische als fiktionale, allerdings sehr lesenswerte Romane über Constanze Mozart haben die österreichische Schriftstellerin Renate Welsh („Constanze Mozart. Eine unbedeutende Frau“), die Münchener Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Lea Singer („Das nackte Leben“) sowie die aus Constanze Mozarts Geburtsort stammende Schriftstellerin Heidi Knoblich („Constanze Mozart geb. Weber“) verfasst. Der Tiroler Dramatiker Felix Mitterer hat das Leben der Familie Weber in seiner musikalischen Komödie „Die Weberischen“ dramatisch gestaltet.

BARBARA KRAFFT

1764–1825

Sie schuf das Porträt Mozarts

Fast niemand kennt ihren Namen. Auch sind kaum dokumentarische Materialien wie Briefe, Tagebucheintragungen oder andere persönliche Zeugnisse von ihr erhalten. Nur Kunstexperten wissen um ihre wichtigsten biografischen Lebensstationen und kennen ihre bedeutendsten Bildnisse. Aber fast alle kennen das von ihr geschaffene Porträt Mozarts, das sogar Mozartkugeln ziert. Barbara Krafft hat 28 Jahre nach dem Tod Mozarts im Jahr 1819 nach den Angaben von Mozarts Schwester Nannerl das am häufigsten reproduzierte und inzwischen bekannteste Bildnis Mozarts gemalt. Sie gehört zu den bedeutendsten Porträtmalerinnen des Klassizismus und verstand es als Künstlerin, sich ein Netzwerk von Auftraggebern zu schaffen und Verkaufsausstellungen zu organisieren. Kurzum: Sie ist nicht nur eine bedeutende Malerin, sondern auch ein Marketingtalent des 18. und 19. Jahrhunderts.

Barbara Krafft wird am 1. April 1764 in Iglau an der böhmisch-mährischen Grenze als Tochter des k. u. k. Hofmalers Johann Nepomuk Steiner geboren. Er porträtiert Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Joseph II., bleibt aber trotzdem ein von Geldsorgen geplagter Künstler. Die Mutter Maria Anna verfügt deshalb in ihrem Testament, dass nur das Kind erbberechtigt sein soll, das einen „ordentlichen“ Beruf ergreift. Daher erhält Barbara nach deren Tod nur den Pflichtteil, Bruder Franz Xaver, der Chirurg ist, wird Universalerbe. Schon in ihren Kinderjahren erhält Barbara Malunterricht von ihrem Vater, mit dem sie nach Wien übersiedelt und dort 1786 ihr erstes Bild ausstellt. Sehr rasch macht sie sich als Porträtmalerin einen Namen.

1789 heiratet sie den Apotheker Josef Krafft. Im Jahr 1792 wird ihr Sohn Johann August geboren, den sie zum Maler ausbildet und der später in München als Lithograf tätig wird. Die Tochter Barbara wird 1801 in Prag geboren. In der Folge signiert sie ihre Bilder mit „Barbara Krafft nata Steiner pixit“ (Barbara Krafft, geb. Steiner hat es gemalt), um ihres Vaters Bekanntheit und ihre Herkunft als Qualitätsmerkmale anzuführen. 1794 zieht Barbara mit ihrem Mann und Sohn Johann August in die fürsterzbischöfliche Residenzstadt Salzburg, weil sie sich dort weniger künstlerischer Konkurrenz stellen muss. Die Stadt zählt damals 16 000 Einwohner und ist bereits vom Geist der Aufklärung geprägt. Sehr rasch erhält sie Aufträge für großformatige Repräsentationsporträts durch Salzburger Adelsfamilien, so etwa von Graf und Gräfin Kuenberg oder von Franz Xaver Altgraf von Salm-Reifferscheidt, aber auch von wohlhabenden Bürgerfamilien. Alle hier geschaffenen Porträts bemühen sich um eine Deutung des Charakters der dargestellten Person, was sich besonders in den Mund- und Augenpartien abzeichnet. Die Porträts der Salzburger Bürger*innen zeugen durch die genaue Darstellung von teuren Stoffen und prachtvollem Schmuck von der Wohlhabenheit der Dargestellten. Obwohl sie nur zwei Jahre in der Stadt verbringt, entstehen damals viele bedeutende Porträts, von denen das Salzburg Museum eine Reihe besitzt.

Von Salzburg übersiedelt sie in ihre Geburtsstadt Iglau und geht 1797 nach Prag. Die Gründe für ihren oftmaligen Ortswechsel sind unbekannt. Vermutlich hat die Adelsfamilie Kuenburg eine Vermittlerrolle gespielt. Zudem ist Prag weitaus größer als Salzburg und zeigt ein reges kulturelles Leben. In den sieben Prager Jahren entstehen wieder eine Reihe von Porträts und auch ihr einziges Altarbild für die Pfarrkirche von Bubeneč, einem Stadtteil von Prag.

Als Barbara Krafft 1804 nach Salzburg zurückkehrt, ist Salzburg mittlerweile durch die Napoleonischen Feldzüge zu einem Spielball der europäischen Politik geworden. Das geistliche Fürsterzbistum ist jetzt ein weltliches Kurfürstentum, das 1806 unter die Habsburgerherrschaft, 1809 unter französische, 1810 unter bayerische Verwaltung und schließlich ab 1816 endgültig ins k. u. k. Reich eingegliedert und zu einem Bezirk Oberösterreichs degradiert wird. Durch die Kriegsgeschehnisse leidet das Kulturleben enorm. Doch die ehemals als Auftraggeber für ihre Porträts aufgetretenen reichen Bürgerfamilien übernehmen nun wichtige Verwaltungsaufgaben, was sich für die Künstlerin wirtschaftlich positiv niederschlägt. Im Jahr 1819 entsteht das Mozartporträt im Auftrag Joseph Sonnleitners nach den Angaben von Mozarts Schwester Nannerl. Sonnleitner ist Librettist, Theaterdirektor, Archivar und Gründer der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Das Porträt des Musikgenies soll Mozart nach den Angaben Nannerls am treffendsten darstellen.

Nach 16 Jahren verlässt Barbara Krafft erneut Salzburg und zieht mit ihrem bereits künstlerisch tätigen Sohn Johann August und ihrer noch minderjährigen Tochter Barbara nach Bamberg. Auch diese Residenzstadt war ursprünglich ein geistliches Hochstift und vom Wittelsbacher Herzog Wilhelm übernommen worden. Obwohl Bamberg nur halb so viele Einwohner wie Salzburg zählt, von denen sich die meisten aus Militärangehörigen, Beamten und Handwerkern zusammensetzen, hat sich ein reges Kulturleben entwickelt. Es entsteht ein Theater, eine Stadtbibliothek und ein Museum. In den vier Jahren ihres Bamberger Aufenthaltes soll Barbara Krafft, wie in einem Nekrolog festgehalten wird, nicht weniger als 145 Porträts geschaffen haben. Tatsächlich haben Kunsthistoriker aus der Bamberger Zeit aber nur 42 ermitteln können.

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