Es lebte einmal ein Papalagi in Europa, der berühmt wurde, zu dem viele Menschen kamen, weil er ihnen sagte: »Es ist nicht gut, daß ihr so enge und schwere Häute an den Füßen tragt, geht barfuß unter dem Himmel, solange der Tau der Nacht den Rasen bedeckt, und alle Krankheit wird von euch weichen.« Dieser Mann war sehr gesund und klug; aber man hat über ihn gelächelt und ihn bald vergessen.
Auch die Frau trägt gleich dem Manne viele Matten und Lendentücher um Leib und Schenkel gewunden. Ihre Haut ist davon bedeckt mit Narben und Schnürwunden. Die Brüste sind matt geworden und geben keine Milch mehr vom Druck einer Matte, die sie sich vom Hals bis zum Unterleib vor die Brust bindet und auch auf den Rücken; einer Matte, die durch Fischknochen, Draht und Fäden sehr hart gemacht ist. Die meisten Mütter geben daher auch ihren Kindern die Milch in einer Glasrolle, die unten geschlossen ist und oben eine künstliche Brustwarze trägt. Es ist auch nicht ihre eigene Milch, die sie geben, sondern die von roten, häßlichen, gehörnten Tieren, denen man sie gewaltsam aus ihren vier Zapfen am Unterleib entzieht.
Im übrigen sind die Lendentücher der Frauen und Mädchen dünner als die des Mannes und dürfen auch Farbe haben und weit leuchten. Auch scheinen Hals und Arme oft durch und lassen mehr Fleisch sehen als beim Manne. Trotzdem gilt es als gut, wenn ein Mädchen sich viel bedeckt, und die Leute sagen mit Wohlgefallen: Es ist keusch; das soll heißen: Es achtet die Gebote rechter Gesittung.
Darum habe ich auch nie begriffen, warum bei großen Fono 6und Essensgelagen die Frauen und Mädchen ihr Fleisch am Hals und Rücken frei sehen lassen dürfen, ohne daß dies eine Schande ist. Aber vielleicht ist dies gerade die Würze der Festlichkeit, daß dies einmal erlaubt ist, was nicht alle Tage erlaubt ist.
Nur die Männer halten Hals und Rücken stets stark bedeckt. Vom Hals bis hinab zur Brustwarze trägt der Alii 7ein Stück hartgekalktes Lendentuch von der Größe eines Taroblattes. Darauf ruht, um den Hals geschlungen, ein ebenso weißer, hoher Reifen, ebenfalls hart gekalkt. Durch diesen Reifen zieht er ein Stück farbiges Lendentuch, verschlingt es wie ein Bootsseil, stößt einen goldenen Nagel hindurch oder eine Glasperle und läßt das Ganze über das Schild hängen. Viele Papalagi tragen auch Kalkreifen an den Handgelenken; nie aber an den Fußgelenken.
Dieses weiße Schild und die weißen Kalkringe sind sehr bedeutungsvoll. Ein Papalagi wird nie da, wo ein Weib ist, ohne diesen Halsschmuck sein. Noch schlimmer ist es, wenn der Kalkring schwarz geworden ist und kein Licht mehr trägt. Viele hohe Alii wechseln darum täglich ihre Brustschilde und Kalkringe.
Während die Frau sehr viele bunte Festmatten hat, ja viele aufrecht stehende Truhen voll, und sie viele ihrer Gedanken daran gibt, welches Lendentuch sie heute oder morgen wohl tragen möchte, ob es lang oder kurz sein möge, und sie mit vieler Liebe immer davon spricht, welchen Schmuck sie darauf hängen soll – hat der Mann zumeist nur ein einziges Festkleid und spricht fast nie davon. Dies ist die sogenannte Vogelkleidung, ein tiefschwarzes Lendentuch, das auf dem Rücken spitz zuläuft wie der Schwanz des Buschpapageies. 8Bei diesem Schmuckkleid müssen auch die Hände weiße Häute tragen, Häute über jedem Finger, so eng, daß das Blut brennt und zum Herzen läuft. Es gilt daher als zulässig, daß vernunftvolle Männer diese Häute nur in den Händen tragen oder daß sie sie unterhalb der Brustwarzen in das Lendentuch einkneifen.
Sobald ein Mann oder Weib die Hütte verläßt und auf die Gasse tritt, hüllen sie sich noch in ein weiteres Lendentuch, das, je nachdem ob die Sonne scheint oder nicht, dick oder dünner ist. Dann bedecken sie auch ihren Kopf, die Männer mit einem schwarzen, steifen Gefäß, wölbig und hohl wie das Dach eines Samoahauses, die Frauen mit großen Bastgeflechten oder umgestülpten Körben, an die sie Blumen, die nie welken können, Schmuckfedern, Fetzen von Lendentüchern, Glasperlen und allerlei anderen Zierat knüpfen. Sie gleichen der Tuiga 9einer Taopou beim Kriegstanz, nur daß diese weit schöner ist und auch beim Sturm oder Tanz nicht vom Kopfe fallen kann. Die Männer schwingen diese Kopfhäuser bei jeder Bewegung zum Gruße, während die Frauen ihre Kopflast nur leise nach vorne neigen wie ein Boot, das schlecht geladen ist.
Nur bei Nacht, wenn der Papalagi die Matte sucht, wirft er alle Lendentücher von sich, hüllt sich aber sogleich in ein neues einziges, das den Füßen zu offen ist und diese unbedeckt läßt. Die Mädchen und Frauen tragen dieses Nachttuch zumeist am Halse reich verziert, obwohl man es wenig zu sehen bekommt. Sobald der Papalagi auf seiner Matte liegt, bedeckt er sich augenblicklich bis zum Kopfe mit den Bauchfedern eines großen Vogels, die in einem großen Lendentuch zusammengehalten werden, damit sie nicht auseinanderfallen oder fortfliegen können. Diese Federn bringen den Leib in Schweiß und veranlassen, daß der Papalagi denkt, er läge in der Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Denn die wirkliche Sonne achtet er nicht so sehr.
Es ist nun klar, daß durch dies alles der Leib des Papalagi weiß und bleich wird, ohne die Farbe der Freude. Aber so liebt es der Weiße. Ja die Frauen, zumal die Mädchen, sind ängstlich darauf bedacht, ihre Haut zu schützen, daß sie nie im großen Lichte rot werde, und halten zur Abwehr, sobald sie in die Sonne gehen, ein großes Dach über sich. Als ob die bleiche Farbe des Mondes köstlicher sei als die Farbe der Sonne. Aber die Papalagi liebt es, in allen Dingen sich eine Weisheit und ein Gesetz nach seiner Weise zu machen. Weil seine eigene Nase spitz ist wie der Zahn des Haies, ist sie auch schön, und die unsere, die ewig rund bleibt und ohne Widerstand, erklärt er für häßlich, für unschön, während wir doch genau das Gegenteil sagen.
Weil nun die Leiber der Frauen und Mädchen so stark bedeckt sind, tragen die Männer und Jünglinge ein großes Verlangen, ihr Fleisch zu sehen; wie dies auch natürlich ist. Sie denken bei Tag und Nacht daran und sprechen viel von den Körperformen der Frauen und Mädchen und immer so, als ob das, was natürlich und schön ist, eine große Sünde sei und nur im dunkelsten Schatten geschehen dürfe. Wenn sie das Fleisch offen sehen lassen würden, möchten sie ihre Gedanken mehr an andere Dinge geben, und ihre Augen würden nicht schielen, und ihr Mund würde nicht lüsterne Worte sagen, wenn sie einem Mädchen begegnen.
Aber das Fleisch ist ja Sünde, ist vom Aitu 10. Gibt es ein törichteres Denken, liebe Brüder? – Wenn man den Worten des Weißen glauben könnte, möchte man wohl mit ihm wünschen, unser Fleisch sei lieber hart wie das Gestein der Lava und ohne seine schöne Wärme, die von innen kommt. Noch aber wollen wir uns freuen, daß unser Fleisch mit der Sonne sprechen kann, daß wir unsere Beine schwingen können wie das wilde Pferd, weil kein Lendentuch sie bindet und keine Fußhaut sie beschwert und wir nicht achtgeben müssen, daß unsere Bedeckung vom Kopfe fällt. Laßt uns freuen an der Jungfrau, die schön von Leib ist und ihre Glieder zeigt in Sonne und Mondenlicht. Töricht, blind, ohne Sinn für rechte Freude ist der Weiße, der sich so stark verhüllen muß, um ohne Scham zu sein.
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