Morphembegriff: Morpheme sind minimale sprachliche Einheiten, die nicht mehr weiter in kleinere Einheiten mit bestimmter Lautung und mindestens einer außerphonologischen Eigenschaft zerlegt werden können.
Die außerphonologische Eigenschaft, auf die diese Definition Bezug nimmt, kann sich auf die Bedeutung beziehen, die mit einer bestimmten Segmentfolge verknüpft ist (z.B. bei Elementen wie Wolke , Gurke , grün , -lich etc.). Es kann sich jedoch auch um eine grammatische Eigenschaft handeln, die im Fall von -en eben darin besteht, die Infinitivform von Verben zu bilden. Ähnliches gilt für viele Flexionsendungen (z.B. Kasusmorpheme), aber auch für bestimmte Wörter/freie Morpheme wie den Infinitivmarkierer zu oder das semantisch neutrale sog. Vorfeld- es , dessen (syntaktische) Funktion lediglich darin besteht, in Sätzen wie Es wird gearbeitet die satzinitiale Position zu füllen. Die obige Definition erlaubt es auch, Interjektionen wie wow , pff , äh als Morpheme zu bestimmen, nur dass hier die relevante außerphonologische Eigenschaft einer bestimmten semantisch-pragmatischen Funktion entspricht (z.B. Ausdruck von Emotionen und Sprechereinstellungen wie Überraschung, Ablehnung etc.). Ein liberalerer Morphembegriff scheint also nötig zu sein, um auch sprachliche Einheiten als Morpheme identifizieren zu können, die durch das Raster einer rein bedeutungsbezogenen Definition fallen würden.
Analog zur Unterscheidung zwischen Phon (lautliches Segment) und Phonem (bedeutungsveränderndes lautliches Segment) unterscheidet man in der Morphologie ferner zwischen Morphenund Morphemen. Ein Morph ist eine Segmentfolge, die eine bestimmte Markierungsfunktion ausübt, ohne dass diese näher spezifiziert wird. So kann man Bretter und später morphologisch jeweils als eine Kombination aus zwei Morphen ( Brett/spät + -er ) analysieren. In einem zweiten Analyseschritt werden die Morphe dann klassifiziert, d.h. sie werden als bestimmte Morpheme identifiziert, die im vorliegenden Beispiel zufällig gleichlautend sind (Pluralsuffix - er vs. Komparativsuffix -er ).
Es bleibt noch zu klären, wie sich der Begriff des Morphems relativ zu anderen grundlegenden grammatischen Analyseeinheiten wie Wort und Silbe verhält. Wir haben bereits am Beispiel von Wolke gesehen, dass Wörter und Morpheme zusammenfallen können. Wörter, die nicht mehr in kleinere morphologische Einheiten zerlegbar sind, bezeichnet man auch als einfache Wörteroder Simplizia( Vogel , Nest , Gold, Kind , grün , blau , aus , ein , Bau , etc.). Besteht ein Wort aus mehreren Morphemen, spricht man auch von einem komplexen Wort( Vogel+nest , Gold + kind , grün+blau , Aus+bau , Ein+bau , ein+bau+en , Kind+er , kind+lich , Kind+lich+keit etc.)
Ähnlich wie bei der Relation zwischen Wort und Morphem können auch Morphem- und Silbengrenzen zusammenfallen (wie etwa in Ein-bau oder Gold - kind ). Das Verhältnis von Morphem und Silbe wird aber dadurch verkompliziert, dass die Grenzen der beiden Analyseeinheiten oft nicht nur nicht-identisch sind, sondern sich auch überschneiden können. So besteht etwa steh-st (2. Person Singular von stehen ) aus einer Silbe, aber zwei Morphemen, während die morphologische Struktur von Kinder ( Kind+er ) andere Grenzen aufweist als die Silbenstruktur ( Kin-der ).
2.3.2 Typen von Morphemen
Um die Bestandteile und den inneren Aufbau von Wörtern präzise beschreiben zu können, sind weitere begriffliche Unterscheidungen zwischen verschiedenen Typen von Morphemen notwendig. Wir haben bereits gesehen, dass bestimmte Morpheme auch gleichzeitig eigenständige Wörter sein können. In diesem Fall spricht man von freien Morphemen. Wortbausteine wie -en , -er , - lich , - keit , die nicht selbständig auftreten können, bezeichnet man hingegen als gebundene Morpheme. Gebundene Morpheme, die an ein lexikalisches Trägerelement bzw. eine lexikalische Basisherantreten, werden in der Sprachwissenschaft unter dem Oberbegriff Affixzusammengefasst. Abhängig von ihrer Position relativ zur Basis unterscheidet man zwischen Präfixen(z.B. ver- , ent- , be- ) und Suffixen( -ung , -s , -er ). Das Deutsche verfügt überdies über einige wenige Zirkumfixe, bei denen ein bestimmtes Merkmal durch eine Kombination aus Prä- und Suffix signalisiert wird wie im Falle des Partizip Perfekt/Partizip II:
(10) |
ge+ V +t (schwache Verben) |
|
ge-kauf-t, ge-sag-t, ge-lieb-t, ge-mach-t, ge-lach-t, ge-räucher-t etc. |
(11) |
ge+ V +en (starke Verben) |
|
ge-sung-en, ge-seh-en, ge-ruf-en, ge-ronn-en, ge-rat-en, ge-fror-en etc. |
Einige der Partizipien in (10) und (11) enthalten eine lexikalische Basis wie sung oder ronn , die nicht ohne Weiteres als freies Morphem auftreten kann. Offenbar können also auch lexikalische Elemente in gebundener Form, d.h. unterhalb der Wortebene auftreten. Abhängig davon, ob die lexikalische Basis eines Wortes einfach oder (potentiell) komplex ist, unterscheidet man zwischen Wurzelnund Stämmen(Fuß 2012: 52):
Wurzel: Wurzeln sind die einfachste, atomare Form lexikalischer Morpheme. Sie enthalten keinerlei Affixe und bilden den lexikalischen Kern von Wörtern.
Stamm: Ein Stamm ist ein (potentiell komplexer) Teil eines Worts, der noch nicht Gegenstand von Flexionsprozessen gewesen ist.
Die Unterscheidung zwischen Stamm und Wurzel ist unter anderem dadurch motiviert, dass in vielen Sprachen Stämme mithilfe morphologischer Prozesse aus lexikalischen Wurzeln abgeleitet werden.1 Stämme können also morphologisch komplex sein und eine Kombination aus einer Wurzel und weiteren Wortbausteinen darstellen. Die begriffliche Trennung von Stamm und Wurzel ist im Deutschen allerdings weniger leicht nachvollziehbar, da Wurzeln und Stämme oft zusammenfallen und auch frei auftreten können. Substantive wie Reim , Kauf , Rausch , Adjektive wie blau , gut , schön oder Adverbien wie oft , selten , gern sind gleichzeitig Wurzeln, Stämme und Wörter. Während Substantive und Adjektive Flexionsmorpheme tragen können ( Reim-e , der blau-e Fisch ) und somit Eigenschaften von Stämmen zeigen, treten Adverbien generell unflektiert auf.
Die Unterscheidung zwischen Stamm und Wurzel lässt sich aber auch für das Deutsche motivieren, und zwar an Vokalwechseln, die die Klasse der sog. starken Verben betreffen. Hier können wir beobachten, dass unterschiedliche Tempus- und Modusformen des Verbs nicht nur durch Affixe, sondern durch Veränderungen des Stammvokals markiert werden, die bestimmten Mustern folgen. Dieses Phänomen nennt man Ablaut; die bei den Vokalwechseln auftretenden Muster werden als Ablautreihenoder Ablautgruppen bezeichnet (vgl. die erste Spalte in Tabelle 2):2
Vokalalternation |
Präsens |
Präteritum |
Partizip Perfekt |
i-a-u |
find- |
fand- |
(ge)-fund-(en) |
e/i-a-e |
geb-, gib- |
gab- |
(ge)-geb-(en) |
i-a-o |
rinn- |
rann- |
(ge)-ronn-(en) |
ie-o-o |
frier- |
fror- |
(ge)-fror-(en) |
ei-ie-ie |
schein- |
schien- |
(ge)-schien-(en) |
Tabelle 2: Beispiele für Ablautreihen im Deutschen
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