Fünf Hennen und ein Hahn waren die glücklichen Bewohner.
Natürlich hatte jede Henne ihren eigenen Namen, genauso wie jede von ihnen ihre ganz sonderlichen Eigenheiten hatte.
Da war einmal die dicke Berta, ein sehr gemütliches, freundliches Huhn mit schlichtem, braunem Federkleid.
Dann waren da Rosa und Olga. Beide waren unkompliziert und anspruchslos. Sie waren meistens auf Futtersuche und scharrten den ganzen Tag am Boden nach Essbarem.
Es gab dann noch die feine und elegante Ingrid. Sie stolzierte mit ihrem schwarz-weiß gefleckten Gefieder immer mit viel Gegacker durch das eingezäunte Areal und kam sich dabei besonders gut vor.
Als fünftes Hühnchen gab es Ilse, ein eher zartes, etwas verschrecktes und übernervöses, quirliges Zwerghühnchen mit schmucken Federfüßchen.
Aber das ist eine eigene Geschichte …
Und natürlich gab es auch einen Hahn. Einen sehr schmucken und stolzen Hahn mit einem in allen Farben schillernden Federkleid. Er hieß Oskar.
Oskar bewachte seine Hennen nach Kräften und zeigte ihnen oftmals, wer hier der Herr im Hühnerstall war.
Gegen den Fuchs, der oftmals hungrig und gierig um den doch etwas abgelegenen Hühnerstall schlich und dabei bestimmt von einem saftigen Hühnchen träumte, konnte auch Oskar nicht viel ausrichten.
Ein einziges Mal hätte es Meister Reineke fast geschafft.
Da hatte er sich in einer Nacht mit viel Mühe und Ausdauer beinahe unter den Steckzaun des Hühnerstalls gegraben.
Außer Oskar hatte noch einer die Aufgabe, über Hühner, Haus und Hof zu wachen.
Basti, Opas Hund, ein mittelgroßer, damals noch junger Mischlingsrüde. Eine Rasse zwischen … Ach, wer wusste das schon so genau? Opa sagte immer: „Basti ist ein Kind der Liebe.“ Manche Leute schauten Opa dann ganz verwundert an und meinten, diese Rasse würden sie nicht kennen.
Basti war ein gutmütiger, friedlicher und treuer Geselle und dank Opas ständiger Schulung und seiner konsequenten Erziehung war er auch ein sehr guter Wachhund geworden.
So hatte Basti zum Beispiel auch etwas dagegen, dass der Fuchs einen Einbruch ins Hühnergehege plante.
Durch Oskars lautes, aufgebrachtes Kikeriki und Krächzen geweckt und aufmerksam gemacht, meldete er, wie es sich für einen gut erzogenen und abgerichteten Hund gehört, den Einfall des Fuchses mit lautem Gebell.
Und auch das ist wiederum eine eigene Geschichte …
Nun, das großelterliche Anwesen lag mitten im Grünen, ganz in der Nähe eines kleinen, versteckten, romantischen Badesees, der zum Plantschen und Schwimmen einlud. Markus konnte schon schwimmen.
Er hatte es unter Aufsicht von Herrn Hemetsbergers, des Bademeisters im städtischen Hallenbad, erlernt.
Dieses idyllische Gewässer war von einem dichten, jedoch nicht allzu breiten und hohen Schilfgürtel umwachsen, in dem sich viele Tiere, die meisten davon kannte Markus damals noch nicht, aufhielten und lebten.
Auch ein lauschiges Wäldchen befand sich in nächster Umgebung, das immer wieder zu spannenden Entdeckungsabenteuern einlud.
Trotzdem kam es Markus damals wie das Ende der Welt vor.
Abgeschottet von jeglicher Zivilisation.
Heute sah er das ganz anders und er dachte oft und gerne zurück an die herrliche und unbeschwerte Zeit damals sowie an die vielen schönen Tage, die er dort verbracht hatte und immer noch verbringen wird.
Eine angenehme Unterbrechung
Plötzlich wurde Markus durch das schrille Läuten seines Smartphones aus seinen schönen Erinnerungen gerissen.
Das Display zeigte das Bild seines geliebten, fürsorglichen Opas.
Unverzüglich nahm Markus das Gespräch freudig an.
Er vernahm Opas warme, vertraute Stimme, die immer eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte. In sanftem Ton versicherte er ihm, dass alles in bester Ordnung sei. Oma sei auch wohlauf und Basti hätte letzte Woche wieder einmal erfolgreich Meister Reinekes Versuch, in das Hühnergehege einzubrechen, verhindert, und dieses Mal ohne Verletzung.
Markus’ Frage nach Opas persönlichem Befinden wurde mit einem kurzen „Danke, gut“ beantwortet.
Opa informierte ihn, dass er am nächsten Vormittag einen Termin in der Stadtklinik habe, und fragte Markus, ob er Lust und Zeit hätte, sich mit ihm zu treffen.
Beiden war natürlich klar, dass in der aktuellen Corona-Zeit so ein Treffen nicht besonders klug war, und Markus musste Opa hoch und heilig versprechen, nichts den Eltern zu sagen, denn diese würden ein Treffen zwischen den beiden angesichts der Coronapandemie momentan nicht gutheißen.
Klar wollte sich Markus mit seinem Opa, den er über alles liebte, treffen.
Ob Opa auch Basti mitbringen würde, war Markus’ nächste Frage.
Opa verneinte dies, das würde Basti zu lange dauern und in die Klinik dürfe er ja ohnehin nicht mit.
Außerdem müsse er ja Haus, Hof und Hühner hüten und – das Allerwichtigste – auf Oma aufpassen.
Ach ja, Oma habe ihren legendären Apfelkuchen gebacken und ein großes Stück davon schon für Markus reserviert und für ihn eingepackt. Über Markus’ Gesicht breitete sich ein glückseliges Lächeln aus. Er nahm bereits den herrlichen Duft von Omas Apfelkuchen in seiner Nase wahr, wenngleich es weit und breit keinen Apfelkuchen gab. Oma, die Gute! Sie war ein richtiger Goldschatz. Die Aussicht auf ein großes Stück dieses traumhaften Gebäcks – besonders jetzt in dieser deprimierenden Zeit – was könnte es Besseres geben? Es versüßte einfach das Leben, den Gaumen und die Seele.
Das wollte Markus sich natürlich auf keinen Fall entgehen lassen. Wer könnte einer solchen Verlockung auch widerstehen?
Und so war es ausgemacht.
Am nächsten Tag, 13.00 Uhr, wollten sie sich im Rosengarten der Klinik treffen, bei der dritten Bank.
Markus war außer sich vor Freude.
Noch dazu, wo morgen das distance learning bereits um 11.00 Uhr enden sollte. Also stand ihrem Treffen nichts mehr im Wege. Am liebsten hätte er einen Freudenschrei ausgestoßen. Er jubelte innerlich, so groß war seine Vorfreude auf das Wiedersehen mit seinem besten Freund, seinem Opa.
Nach diesem überaus erfreulichen Telefonat legte sich Markus auf sein Bett und schwelgte weiter in Erinnerungen von „vor Corona“.
Wie es weiterging …
Als sein Vater ihm mitteilte, dass am kommenden Wochenende, also in zwei Tagen, seine Übersiedlung ins großelterliche Anwesen auf dem Land vonstattengehen sollte, wurde Markus klar, dass es wohl doch vernünftiger gewesen wäre, das Betretungsverbot für Mias Zimmer beherzigt zu haben.
Nun ja, hätte, hätte, Fahrradkette.
Jetzt war es zu spät. Er konnte die Uhr nicht mehr zurückdrehen.
Nun musste er wohl das Beste daraus machen und die Konsequenzen ohne Murren hinnehmen. Sein Vater stellte ihm noch einen braunen, für sein Empfinden viel zu kleinen Pappkarton in sein Zimmer und meinte, dieser müsse groß genug sein für die Spielsachen, die er mitnehmen wollte.
Markus’ Widerworte, dass diese „Pappschachtel“ viel zu winzig wäre, verhallten ungehört. Sein Einwand, dass nicht einmal einen Bruchteil seiner Sachen dort hineinpassen würde, fand bei niemandem Gehör.
Playstation, Nintendos, XBoxen und noch viele andere für ihn unverzichtbare Dinge – wie um Himmels willen sollte er das alles in diesem viel zu kleinen Karton unterbringen?!
Das war jetzt eine wirkliche Herausforderung. Markus wurde richtig stinkig. Jedoch halfen alles Geraunze, Gemotze und Gesudere nichts, da musste er jetzt durch.
Der Tag der Übersiedlung aufs Land rückte immer näher, nach Markus’ Befinden viel zu schnell. Und dann war es schließlich so weit!
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