Er wandte sich zum Gehen. Bevor er das Haus verließ, sah er sich noch einmal um und zwinkerte ihr zu.
„Eine alte Schachtel sind Sie aber sicher nicht. Und mein Motto ist: Allzeit bereit.“
Sie lachte und griff zu einem muffigen Kissen. Er wich dem Flugobjekt geschickt aus und verschwand mit einem sympathischen Grinsen auf den Lippen.
*
„Zwei Monate? Soll das ein Witz sein?“
Tucker O’Brian starrte Theo an. Der hob die Schultern.
„Das hat sie Ethan gestern auch schon gesagt. Wird also stimmen.“
O’Brian fluchte und ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen, was dieser mit einem lauten Knirschen kommentierte.
„Auch das noch“, stöhnte er. „Eines Tages werde ich diesen Jackson in Einzelteile zerlegen. Was denkt der Kerl sich eigentlich dabei, diese Bruchbude zu vermieten?“
Theo grinste.
„Vermutlich will er dich bloß ärgern.“
„Und das gelingt ihm auch noch“, knurrte Tucker O’Brian. „Verdammt, wie werden wir dieses Weib wieder los?“
Theo hob die Schultern.
„Ich finde sie eigentlich ganz nett. Sie hat zumindest Humor.“
O’Brian runzelte die Stirn und starrte ihn an. Theo hob sofort die Hände.
„Ich hab’s probiert, aber sie nicht angefasst, Ehrenwort.“
„Und wie hat sie reagiert?“
„Äh - ich glaub‘, sie hat mich ausgelacht. Ganz sicher bin ich mir nicht.“ Er grinste. „Aber sie hat mich auf einen Kaffee eingeladen. Was nicht ist, kann ja noch werden.“
Tucker O’Brian stöhnte auf.
„Wolf, du lässt die Pfoten von ihr, klar? Überleg dir lieber, wie wir sie loswerden. Ich will kein neugieriges Weibsbild in unserer Nähe haben! Wer weiß, wo die überall herumschnüffelt.“
„Sollen wir sie überwachen?“
„Ich bitte darum! Ja!!“
„Und wenn sie Hilfe braucht?“
O’Brian starrte ihn finster an.
„Ich will hier keinen Unfall, keine Verletzte und erst recht keine Tote. Das gibt nur Ärger.“
„Alles klar, Boss. Ich geb den Jungs Bescheid.“
Theo wandte sich zum Gehen.
„Theo!“
Er sah zu O’Brian und zog automatisch den Kopf ein, als er in Tuckers Augen sah.
„Du lässt die Pfoten von ihr!“
„Äh - geht klar.“
Mit diesen Worten hastete er eilig nach draußen.
*
Hannah brauchte nicht allzu lange, bis sie ihr Gepäck aus dem Wagen geladen und in der Hütte verstaut hatte. In dem Schuppen mit dem Generator fand sie diverse rostige Werkzeuge und eine Axt. Diese war immerhin noch so scharf, dass sie ein wenig Holz in Stücke hacken konnte. Zwar war es mehr Reisig als richtige Holzscheite, aber für eine gekochte Mahlzeit würde das wohl reichen.
Eine Stunde später saß sie zufrieden vor dem Haus und löffelte von einem alten Porzellanteller ihre erste Bohnensuppe aus der Dose. Dabei ließ sie den Blick umherstreifen und genoss das dunkle Grün um sich herum.
Die Hütte lag mitten im Wald auf einer winzigen Lichtung. Nur wenige Meter von ihr entfernt standen schon die ersten Bäume und entsprechend schattig war es wohl meistens. Aber jetzt zur Mittagszeit saß sie in der Sonne und fühlte sich pudelwohl.
In Gedanken ging sie durch, was sie alles besorgen musste. Es kam einiges zusammen und wahrscheinlich fiel ihr im Laufe des Tages noch mehr ein. Also würde sie erst morgen früh in die Stadt fahren und den heutigen Tag für Aufräumen und Reparaturen nutzen. Vielleicht war ja auch ein kleiner Rundgang in der näheren Umgebung drin.
Tag 3
Barnshire, Minnesota
Am nächsten Tag fuhr sie schon früh in die Stadt und versorgte sich mit allem, was nötig erschien. Sie fand sogar einen Menschen, der ihr die Axt schliff.
Anschließend führte sie zwei Telefongespräche. Eines mit ihrem Autoverleiher und ein zweites mit ihrem Vermieter.
Beide Telefonate empfand sie als äußerst befriedigend. Sie konnte ihr Auto bei einem der ortsansässigen Autovertreter austauschen und ihr Vermieter war mit einem deutlichen Preisnachlass einverstanden.
Zur Feier des Tages gönnte sie sich ein Mittagessen in einem kleineren Pub und kam dabei mit dem Wirt ins Gespräch. Dieser war natürlich neugierig, was sie hierher verschlagen hatte. Als sie ihm erzählte, dass sie in der Jackson-Hütte wohnte, lachte er.
„Das wird Tucker aber nicht gefallen.“
„Sie meinen Tucker O’Brian?“
„Genau.“
„Warum? Was hat er für ein Problem?“
„Nun ja, die Hütte ist der einzige Fleck in seinem Umfeld, der nicht zu Dark Moon Creek gehört. Er will ihn seit Jahren Jackson abkaufen, aber der weigert sich.“
Der Wirt grinste.
„Die zwei können sich auf den Tod nicht ausstehen. Warum, weiß ich leider nicht. Ich vermute mal, dass Jackson die Hütte nur an Sie vermietet hat, um Tucker zu ärgern.“
„Oh je“, seufzte Hannah. „Bin ich jetzt zum Gegenstand eines Sandkasten-Krieges geworden?“
„Keine Sorge. Tucker ist zwar launisch, aber fair. Er wird nicht zulassen, dass Ihnen etwas passiert.“
„Seine Leute nennen ihn Boss.“
„Das ist er auch. Er ist der Chef von Dark Moon Creek. Ich nehme an, Sie haben ihn schon kennengelernt?“
„Allerdings.“
„Na, dann wissen Sie ja, was ich meine. Wenn Sie Hilfe brauchen, kommen Sie an ihm nicht vorbei. Aber er wird sie Ihnen auch geben. Da können Sie sich drauf verlassen.“
„Er wirkte nicht sehr freundlich.“
Wieder grinste er.
„Er ist nie freundlich. Aber glauben Sie mir: Wenn er wirklich sauer ist, dann gehen alle in Deckung. Das kommt aber, glaube ich, selten vor.“
Dark Moon Creek
Als Hannah zurückfuhr, hatte sie viel Stoff zum Nachdenken gesammelt. Doch sie hatte ja auch noch einige Wochen Zeit.
Sie fuhr direkt nach Dark Moon Creek und hielt noch vor den ersten Häusern. Dann stieg sie aus und schlenderte los.
Es dauerte nicht lange, da traf sie auf eine ältere Frau.
„Entschuldigen Sie“, sprach sie die Frau an. „Ich bin auf der Suche nach Theo. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finde?“
Die Frau betrachtete sie von oben bis unten.
„Sie sind die Ausländerin aus der Jackson-Hütte?“
Hannah lächelte freundlich.
„Stimmt. Das spricht sich wohl schnell rum.“
„Was wollen Sie von Theo?“
Hannah ignorierte das Misstrauen, das ihr da entgegensprang, und behielt ihr freundliches Lächeln bei.
„Oh, ich wollte mich nur bei ihm bedanken. Er hat mir immerhin den Wagen repariert.“
„Normalerweise ist er im Geräteschuppen.“
Die Frau zeigte zu einem der größeren Lagerschuppen. „Ansonsten müssen Sie Tucker fragen.“
Hannah sah zu den Schuppen hinüber und stutzte.
„Ist das da ein Wolf?“, staunte sie. Neben dem Gebäude stand ein kleiner dunkelgrauer Vierbeiner, der aufmerksam zu ihr herüber spähte. Sie hatte schon viele Wölfe gesehen, von nahem und von weitem und die Silhouette kam einem Wolf verdammt nahe.
„Äh nein, natürlich nicht“, versicherte die Frau schnell. „Das ist ein Hund. Wir haben hier viele davon. Außerdem meiden Wölfe Siedlungen, wussten Sie das nicht?“
Hannah war sich zwar sicher, dass das so nicht stimmte, aber sie verzichtete auf Widerspruch und hob nur die Schultern. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf am helllichten Tag in einem Dorf herumstromerte, tendierte eindeutig gegen Null. Außerdem war das Tier sowieso inzwischen verschwunden.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe“, lächelte Hannah und stiefelte in die angedeutete Richtung.
Theo stand tatsächlich vor der geöffneten Motorhaube eines Jeeps. Als er sie sah, grinste er breit.
„Hey Hannah, alles in Ordnung?“
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