Am Blumenladen angekommen, kam Grace mir bereits mit einem Lächeln entgegen. Ich spürte, wie sich meine Stimmung änderte. Mein Herz löste sich von der ersten schmerzlichen Empfindung und begann sofort im fröhlichen Rhythmus zu schlagen. Ihr war es leider nicht möglich gewesen, an meiner Abschlussfeier teilzunehmen, da sie im Laden arbeiten musste. Was ich aber nicht als schlimm empfand, denn dafür war sie jetzt für mich da.
»Eve, wie war die Feier?«, fragte Grace und nahm mich dabei zärtlich in den Arm. Wohlige Wärme machte sich breit, aller Schmerz war vergessen. »Die Feier war ganz okay, Grace, aber so ganz allein macht es nun doch keinen Spaß. Ich wollte nicht länger unter den Familien sein und zuschauen, wie sie sich vergnügen.«
Meinen Blick hielt ich in diesem Moment von ihr abgewendet. Ihre mitfühlenden Augen sprachen Bände und das Letzte, was ich jetzt wollte, war Mitleid. Mitleid von der einzigen Person, die mir wichtig war. Ich wollte in diesem Moment nicht über mein geschädigtes Verhältnis zu meinen Eltern nachdenken. Nein, ich wollte diesen Augenblick in den Armen von Grace einfach nur auskosten.
»Ich hab eine Überraschung für dich, meine Große. Komm, ich kann es schon seit Wochen kaum erwarten, sie dir zu überreichen.«
Grace hatte kaum die Worte ausgesprochen, da zog sie mich hinter sich her, bis wir in den hinteren Raum des Blumenladens gelangten. Inmitten des Raumes, an einen Tisch gelehnt, stand ein großes, abgedecktes Bild. Es sah zumindest so aus. Mehr konnte ich nicht erkennen, da es mit einem Leinentuch bedeckt war. »Ein Bild?«, wollte ich von Grace wissen.
»Na, du musst schon das Tuch herunternehmen«, antwortete sie lächelnd und stupste mich auffordernd in die Seite.
Schwungvoll entfernte ich das Tuch und im selben Moment blieb mein Herz einen Augenblick lang stehen. Ich war nicht im Stande etwas zu sagen. Sprachlos wandte ich den Blick zu Grace.
»Was sagst du dazu, Eve? Ich denke, es wird Zeit für einen Besitzerwechsel?«, flüsterte Grace mir ins Ohr, ergriff meinen Arm und rüttelte mich. »Na, sag schon was.«
Vor mir stand ein neues Reklameschild für den Blumenladen mit hellgelbem Hintergrund. Darauf stand in einer geschwungenen Schrift geschrieben, ‚Eves Blumenparadies‘, zusätzlich verziert mit ein paar roten Rosen. »Eve? Freust du dich etwa nicht?«, wollte Grace mit unsicherer Stimme wissen.
»Du schenkst mir deinen Laden? Warum?« Meine Stimme klang leider nicht sehr freundlich. Ich war geschockt.
Grace drehte sich zu mir um, nahm meine Hand und suchte direkten Blickkontakt. »Eve, ich bin der Meinung, dass es für mich Zeit wird. Ich möchte auf Reisen gehen, noch etwas erleben!«
Ihr Blick verriet mir, dass sie es ernst meinte. Was sollte ich dazu sagen? Es war mein Traum, irgendwann einen eigenen Blumenladen zu besitzen, aber schon jetzt? Was dies zu bedeuten hatte, war mir sofort klar. Die einzige Person, die mir wichtig war, wollte mich verlassen. In diesem Moment konnte ich mich nicht freuen. Der Gedanke schmerzte mich zu sehr. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde mir bewusst, dass ich reagieren musste. Grace sollte mich nicht für undankbar halten. Ich sah sie an und versuchte zu lächeln, meine Gefühle zu kontrollieren.
Mit gespielt freudiger Stimme flüsterte ich: »Danke, Grace, es bedeutet mir sehr viel. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Meinst du wirklich, dass ich schon bereit dafür bin?«
Sanft strich Grace mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, streichelte mit der Hand über meine Wange und sprach in ruhigem Ton zu mir: »Eve, du bist die Person, die ich in Zukunft hier im Blumenladen stehen sehen möchte. Die Kunden lieben dich und du arbeitest bereits seit acht Jahren für mich. Bereits als Kind bist du mir eine große Hilfe gewesen. Niemand kennt sich besser mit Blumen aus als du. Es würde mich sehr freuen, wenn du dieses Geschenk annehmen würdest. Ich erkläre dir alles Weitere und in ein paar Wochen bist du dann die Alleinverantwortliche für dieses Geschäft.«
Gestärkt durch ihre Worte fing ich an, zu realisieren, was auf mich zukam. Mein Traum vom eigenen Blumenladen wurde schneller real, als ich es mir je erträumt hatte. Ich dürfte mich hier entfalten, meine Ideen einbringen, ohne fragen zu müssen. Mit gemischten Gefühlen verabschiedete ich mich von Grace. Für heute hatte ich einiges zu verdauen. Dazu wollte ich erst einmal nach Hause.
Immerhin war ich bereits über neun Stunden unterwegs und Jazz wartete bestimmt schon sehnsüchtig auf mich. Jazz war meine Hauskatze. Eines Tages lief sie mir auf dem Heimweg entgegen und wich einfach nicht mehr von meiner Seite. Vermutlich war sie ausgesetzt worden, weil sie auf einem Auge blind war. Jedenfalls hatte niemand nach ihr gesucht und so entschied ich mich bald dazu, sie bei mir zu behalten. Immerhin war sie auch nicht gewollt.
Zu Hause angekommen war es, wie ich es vermutete. Jazz saß direkt am Eingang und konnte es kaum erwarten, mich zu belagern. Mir blieb nichts anderes übrig, als den direkten Weg in die Küche zu nehmen. Nicht einmal eine Chance, meine Schuhe ausziehen, hatte ich. Zu schnell überredete mich Jazz durch ihren flehenden Blick dazu, ihr erst einmal etwas zu fressen zu geben. In der Küche angekommen, öffnete ich den kleinen Schrank und holte eine Dose Katzenfutter heraus. Noch schnell in die extra für Jazz gekaufte Schüssel eingefüllt und schon konnte es losgehen. »Lass es dir schmecken, Jazz.«
Kaum ausgesprochen, konnte man am Schmatzen erkennen, dass es sich meine Kleine bereits schmecken ließ. Nun konnte ich mich um mein eigenes Wohlbefinden kümmern. Der Tag war hart gewesen und ich völlig erschöpft. Für viele war dies ein Tag wie jeder andere auch. Für mich aber war es wieder die Hölle.
Zuerst musste ich miterleben, wie Familien mit ihren Kindern den Abschluss feierten. Dann war da die Überraschung von Grace. Alles zusammen hatte mich sehr viel Kraft gekostet. Einzig und allein der Gedanke, gleich in meinem Bett liegen zu dürfen, munterte mich auf. Ein für mich wirklich bedeutsames Leben war mit einem Mal zum Greifen nah.
Bislang fand mein Leben für mich nur in meinen Träumen statt. Diesen Wunsch hatte mir der liebe Gott erfüllt, als ich ihn vor Jahren darum gebeten hatte. In meinen Träumen konnte ich sein, wie ich war. Ich fand mich in einer Welt wieder, die mich selbst immer wieder aufs Neue überraschte. Jede Nacht durchlebte ich wunderschöne Dinge. Daraus ergab sich inzwischen so etwas wie ein abendliches Ritual. Nachdem ich mich im Bad bettfertig gemacht hatte, machte ich es mir in meinem Bett gemütlich. Jazz, die jede Nacht bei mir verbrachte, kuschelte sich dann immer an mich. Samt der Wärme von Jazz und der Vorfreude auf meinen Traum konnte ich mich sanft in den Schlaf gleiten lassen.
Während meine Augenlider immer schwerer wurden, fühlte ich den Hauch einer Welle, die mich in meine Traumwelt aufsteigen ließ. Meine heimische Umgebung nahm ich gar nicht mehr wahr. Mir bekannte Gerüche aus meiner Wohnung verschwanden und mein Körper signalisierte mir, dass ich meinen Traum betrat.
Dieses Umfeld sah ich eigentlich nicht als Traumwelt an. Diese Welt war meine eigentliche Heimat, hier fühlte ich mich geborgen und geliebt.
Kapitel 2
Traumwelt
Das feuchte Gras wanderte sanft durch meine Zehen. Der Morgentau warf einen Schleier auf meinen Körper und der Duft der Blumen entführte meine Sinne hinein in meine Welt.
Ich bin wieder hier, bin frei!
Die Umgebung war einfach wunderschön. Sie verzauberte durch die farbenfrohen Wiesen, geschmückt mit Blumen, die so im realen Leben nicht zu finden waren. Eine schöner als die andere. Inmitten der Landschaft, ein See. Das Wasser klar bis zum Grund. Fische schwammen in Schwärmen und am Rand des Sees fanden sich Tiere aller Arten zusammen, um das Wasser zu kosten. Ein harmonischer Ort, der so nur in meinen Träumen zu finden war. Eingeladen von der Sonne, lehnte ich mich an einen Baum, um mich von der Wärme verführen zu lassen. Mit geschlossenen Augen wartete ich auf die zärtlichen Berührungen meines Geliebten. Meine Sehnsucht war kaum noch zu bändigen und ließ mich ungeduldig werden. Gerade als ich meine Augen öffnen wollte, um Ausschau nach ihm zu halten, spürte ich seine Nähe. Seine Wärme umschmeichelte meinen Körper, sanft berührten mich seine Hände.
Читать дальше