Gabriele Richter sah Georg Kolbe lange nachdenklich an, und als sie dann den Mund öffnete, wusste Kolbe schlagartig, dass sie nun die Frage stellen würde, vor der er sich seit Beginn ihres Gespräches fürchtete.
„Wenn Tanaka, so wie es aussieht, eine glänzende internationale Karriere vor sich hatte, wie erklären Sie sich dann, dass er sich auf diese scheußliche Art, nämlich mit Harakiri, das Leben genommen hat?“
„Seppuku, es heißt richtig Seppuku“, sagte Kolbe in oberlehrerhaftem Ton und überspielte damit seine eigene Unsicherheit. „Die japanische rituelle Selbsttötung heißt nur bei uns Harakiri, sie wird mit dem japanischen Kurzschwert, dem Wakizashi, ausgeführt, indem der Delinquent sich von links nach rechts unterhalb des Nabels den Bauch tief aufschneidet und abschließend die Klinge nach oben reißt. Sieht die Wunde bei Tanaka danach aus?“
„Lieber Dr. Kolbe, darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben, das müssen sie doch verstehen.“, antwortete Gabriele Richter bissig.
Kolbe blieb unbeeindruckt und ließ nicht locker: „Wenn der Schnitt nämlich in Kreuzform ausgeführt wurde, hat er sich der Technik des jumonji-giri bedient, damit die Eingeweide schneller hervortreten“.
Als er merkte, wie analytisch er den Tod seines Freundes beschrieb, musste Kolbe heftig schlucken. Was war er doch manchmal für ein überhebliches Arschloch, wenn er ins Dozieren geriet! Auch Gabriele Richter schaute ihn entgeistert an. Das hatte sie von dem netten älteren Herrn nicht erwartet. Kolbe wusste, dass er sich nun nicht länger um die Antwort auf Gabriele Richters Frage drücken konnte und sagte leise und müde: „Ich weiß es nicht, ich kann es mir einfach nicht erklären“.
Er ließ den Kopf hängen, aber nach einer Pause sah er Gabriele Richter mit festem Blick an.
„Aus welchem Grund er sich auch immer umgebracht hat, es ist keine Sache traditioneller japanischer Ehre gewesen, also der Ehre, die einen Samurai dazu gebracht hat, mit seiner Selbsttötung eine Ehrenschuld zu begleichen. Ich nehme an, dass sein Großvater ihm über diese Ehrbegriffe auch einiges erzählt hat, Tanaka jedoch hat sich sehr abfällig über Seppuku geäußert und gemeint, ein Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts brauche keinen Methoden des Mittelalters, um ehrenhaft zu sein oder zu werden. Und es kommt noch etwas Wichtiges hinzu: beim Seppuku ist der Delinquent nicht allein in seinem Kämmerchen, es gibt Zeugen, einen Protokollanten und vor allen einen Adjutanten, der dem Delinquenten mit scharfem Schwert den Kopf fast komplett abtrennt, falls er nicht schnell genug das Bewusstsein verliert und große Schmerzen erleidet. Nur durch die Anwesenheit anderer erlangte der Samurai seine Ehre im Tode zurück.“
Bevor Gabriele Richter, die angesichts dieser Widerlichkeiten das Gesicht verzogen hatte, das Gespräch fortsetzen konnte, kam der Gerichtsmediziner auf sie zu. Dr. med. Walter Hartmann war ein von einem unglücklichen Leben gezeichneter Mittfünfziger mit zahllosen Falten, dessen zynische Augen aber aufleuchteten, als er Gabriele Richter sah. Er setzte sich ächzend auf einen weiteren klapprigen Bürostuhl und streckte seine Glieder.
„Entschuldigung“, sagte er, „ich muss mich recken, ich habe die meiste Zeit bei der Untersuchung der Leiche in der Hocke verbracht. Frau Richter, ich möchte Ihnen das vorläufige Ergebnis meiner Tatort- und Leicheninspektion mitteilen.“
„So, Dr. Kolbe“, wandte sich Gabriele Richter an Kolbe, „nun muss ich mich erst mal von Ihnen verabschieden. Sollte ich weitere Fragen an Sie haben, weiß ich, wo ich Sie finden werde.“
Kolbe reagierte ziemlich verdattert, fing sich aber schnell wieder und fragte: „Ach, Frau Richter, eigentlich wollte ich für einen Kollegen ein Zeitschriftenheft aus dem Magazin holen, dazu müsste ich aber noch mal an die Regale gehen.“
„Wo denken Sie hin, der Tatort ist vorläufig polizeilich abgesichert!“, entgegnete Gabriele Richter genervt. Gekränkt und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ Kolbe das Magazin.
Hartmann hatte belustigt Kolbes Abgang beobachtet und wandte sich nun an Gabriele Richter.
„Der Leiter der Spurensicherung, Viktor Vogel, hat mich gebeten, dass ich an seiner Stelle auch über die Ergebnisse dieser Untersuchung berichte“, begann Hartmann, „er ist noch sehr jung und hat so eine Leiche, die quasi im eigenen Blut schwimmt, noch nicht gesehen. Eigentlich ist er für diesen Beruf ungeeignet. Nun, der Tote lag mit verkrampft angezogenen Beinen halb auf seiner rechten Seite, halb auf dem Rücken, mit dem Kopf zur Gangöffnung. Sein Kopf war in den Nacken überstreckt und …"
"Und deshalb hat Kolbe ihn sofort erkannt!", unterbrach Gabriele Richter ihn unhöflich.
"Ja, ja", Hartmann fasste sich an die Stirn, "wo war ich? Ach ja, der Dünndarm war aus der Wunde ausgetreten und durch den Schnitt geöffnet worden. Das japanische Messer ist die Waffe, die in Kreuzform mit großer Kraft geführt wurde und die Aorta durchtrennt hat, weshalb der Körper komplett ausgeblutet ist. Wir haben festgestellt, dass die Abdrücke im Blut von Tanakas Füssen stammen, er muss sie im Todeskampf heftig bewegt haben. Spuren einer zweiten Person oder weiterer Personen haben wir nicht gefunden, sodass Fremdverschulden, sprich Mord, mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Ohne Zweifel ist der Fundort der Leiche auch der Tatort, falls man hier überhaupt von einem Tatort sprechen kann.“
Hartmann überlegte einen Moment und fuhr fort: "Spätestens in vierundzwanzig Stunden haben Sie den kompletten Untersuchungsbericht auf Ihrem Schreibtisch."
Stöhnend erhob er sich und zog seinen blutbefleckten Overall und die Untersuchungshandschuhe aus, die ein herbeigeeilter Kriminalassistent in eine feste Plastiktüte stopfte.
"Ach ja", wandte sich Hartmann wieder an Gabriele Richter, "wir werden Tanakas Blut auf Infektionen wie HIV und Hepatitis testen, damit sichergestellt ist, dass Mitarbeiter der Reinigungsfirma, die diese Schweinerei beseitigen müssen, dabei keiner Infektionsgefahr ausgesetzt sind. Und sagen Sie bitte diesem Bibliothekar, dass etliche seiner wertvollen Bücher vor allem am Buchrücken massiv mit Blut beschmiert sind. Ob die Reinigungsfirma das beseitigt, kann ich jetzt beim besten Willen nicht sagen."
"Danke, Doc", meinte Gabriele Richter und schaute Hartmann etwas verwundert an, "so ganz menschenverachtend und zynisch sind Sie wohl doch nicht, wenn Sie an so etwas denken."
"Geschenkt", knurrte Hartmann, "wenn Sie in vierundzwanzig Stunden ein Ergebnis der Obduktion haben wollen, dann sorgen Sie dafür, dass die Leiche so schnell wie möglich auf meinen Tisch kommt. Bis dahin alles Gute."
Gebeugt von der Last seiner Aufgaben verließ er das Magazin. Gabriele Richter begab sich zu dem Toten, gab Anweisungen zum Abtransport in die Gerichtsmedizin und ordnete an, dass die Türen zum Magazin polizeilich versiegelt werden sollten, auch wenn es sich, wie es aussah, nur um einen Selbstmord handelte.
Niedergeschlagen saß Prof. Brettschneider, der Geschäftsführende Direktor des Paracelsus-Instituts für Systemforschung, hinter seinem Schreibtisch, doch in seinem Hirn jagten sich die Gedanken und überstürzten sich die Fragen. Er hatte seine Dienstreise nach München Hals über Kopf abgebrochen und war mit dem erstbesten Flieger zurückgekehrt, als er die Nachricht von Tanakas Tod erhalten hatte.
Brettschneider, der an die meisten Probleme mit messerscharfem, analytischem Verstand heranging, fragte sich, was Tanaka dazu getrieben haben könnte, sich umzubringen. War es die beißende soziale Kälte, die im Institut grassierte und gegen die bis jetzt wenig auszurichten gewesen war? War sie es, die bereits zwei andere Doktoranden in den Tod getrieben hatte? Oder war es dieser maßlose Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen, selbst, wenn das intellektuelle Kapital nicht ausreichte? Er erinnerte sich daran, dass vor Jahren im Institut der Spruch "Du hast keine Chance, aber nutze sie!" an fast jeder Bürotür gehangen hatte. Bei Tanaka traf dieser Spruch auf keinen Fall zu, dessen Intelligenz und Wissen hätten für eine weitere exzellente Doktorarbeit gereicht.
Читать дальше