Juliane schaut ihr ungläubig ins Gesicht.
Marietta wiederholt den Satz noch einmal, jetzt aber laut: „Juliane, ich muss es wissen!"
„Gut," sagte Juliane leise. Der Brotzeitteller stand halb voll vor ihr, doch der Appetit war ihr vergangen.
„Du weißt so vieles nicht, Marietta," seufzte sie. „Es fing an auf der Sommerparty, als Klaus und du, als ihr euch näher gekommen seid. Anstatt auf mich fliegen wie alle anderen Jungs auch, guckte er sich gerade dich aus! Das hatte mich seit damals gewurmt." Sie machte eine Pause, griff zu ihrem Rotweinglas und trank einen großen Schluck.
„Mein Gott," warf Marietta ein.
„Juliane strich ihre blonden Locken zurück.
„Du willst es ja hören: Vor ein paar Jahren habe ich Klaus zufällig abends in einem Hotel in München getroffen. Erst haben wir einfach nur geplaudert, doch dann fing ich an, ihn zu umgarnen. Ich wollte es einfach wissen. Tja, er ist eben auch nur ein Mann. Als seine Tagung nach drei Tagen zu Ende war, war es vorbei."
Es war so still in dem nur schwach beleuchteten Gastraum, dass man eine Stecknadel hören könnte. Marietta war wie betäubt. Sie hatte soeben, wie es ihr schien, ihren Mann, ihre beste Freundin, eigentlich ihr gesamtes bisheriges Leben verloren. Was machte sie eigentlich in dieser unwirtlichen Stube?
Wie in Trance stand sie auf, wollte in den Schnee, einfach weg, weg aus ihrem Leben, öffnete die Tür, trat hinaus.
Doch der Sturm drückte sie zusammen mit einer riesigen Menge Schnee in den Raum zurück, schob sie bis zu Juliane, die bereits kreidebleich aufgesprungen war, ihr hinterherlaufen wollte und jetzt in die Knie ging und versuchte, sie aus dem Schnee zu ziehen.
„Marietta! Was tust du nur? Es ist doch vorbei! Ich weiß, dass es unrecht war, ich habe es wirklich schon viele Male bereut."
Marietta konnte nicht reden. Sie war am Ende all ihrer Kräfte, die Kehle war ihr zugeschnürt und sie zitterte am ganzen Körper.
Juliane wollte sie in den Arm nehmen, doch Marietta entzog sich ihr.
„Marietta, du frierst; wenn du nicht krank werden willst, musst du wieder warm werden, und zwar schnell! Lass mich dir helfen!“
Marietta zögerte noch, doch dann siegte die Vernunft und sie ließ sich von Juliane in den Arm nehmen.
„Wirst du mir irgendwann verzeihen können?"
Marietta schaute noch immer zu Boden. Dann nickte sie fast unmerklich, blickte auf und meinte: „Ja, aber nicht irgendwann, sondern jetzt und hier, sonst ist alles verloren.“
Eine Last schien von ihr abzufallen, als sie gleich darauf Juliane umarmte und lächelnd meinte: „Es ist lange her und sowas sollte uns nichts mehr anhaben können.“
Wortlos umarmten sie sich lange Minuten in dem einsamen Gastraum. Als sie sich endlich losließen, hatte auch der Schneesturm nachgelassen.
„Komm, lass uns zurückkehren in die Gegenwart," sagte Marietta.
Während sie schweigend auf den Skiern unterwegs waren, kam tatsächlich die Sonne wieder zum Vorschein, strahlte ihnen ins Gesicht und im Gegenlicht liefen ihnen Klaus und Rolf an der Talstation entgegen, deren sorgenvolle Gesichter sich bei ihrem Anblick sogleich aufhellten.
Es war alles gut.
Bankraub mit Donnerschlag
Magda Norden stand am Kassenschalter der kleinen Bankfiliale am Rande von Wasserscheidt und zählte Geldscheine. An diesem Freitagnachmittag arbeitete sie, wie so oft, ganz allein. Doch das störte sie nicht. Nachher würde Herr Wanders, ihr Chef, noch einmal hereinschauen, um gemeinsam mit ihr die Kasse zu schließen. Und nach einem letzten Kontrollgang würde er dann die Filiale fürs Wochenende sicher machen. So war das jeden Freitag.
.
Es wurde dunkler im Raum, und so blickte Magda auf und betrachtete zum mindestens zehnten Mal die grauen Wolken hinter den bläulichen Fensterscheiben. Sie hatten sich inzwischen immer mehr aufgetürmt und begannen, sich vor die Sonne zu schieben. Es würde bald ein Gewitter geben. Zugleich erblickte sie Frau Melchers, eine Rentnerin, die gerade, auf ihren Gehstock gestützt, am Schalter angekommen war. Sie kam immer am Monatsletzten, um ihre Rente abzuholen. Von Ferne ließ sich ein erstes Donnergrollen vernehmen.
„Guten Tag Frau Melchers, was kann ich heute für Sie..." abrupt brach Magda ab, denn ein ihr völlig unbekannter, gedrungener Mann trat unvermittelt hinzu, drängte Frau Melchers unsanft zur Seite und schob Magda, noch bevor sie ihn hätte zurechtweisen können, einen leicht zerknitterten Zettel zu. Sie sah zu ihm hoch und blickte in sein finsteres, von Falten stark verzerrtes Gesicht. Sie stutzte, dann las sie den in krakeligen Buchstaben geschriebenen Text:
„Ich schieße sofort, wenn sie Alarm geben. Alles Geld in diese Tasche!"
Magda bekam rote Ohren, ihre Beine begannen weich zu werden und kalte Schauer rieselten ihr den Rücken herab. Vorsichtig blickte sie von dem Zettel hoch und bemerkte, wie ihr der Mann eine alte schwarze Aktentasche herüber reichte. Magda zögerte. Sollte sie das jetzt wirklich machen? Sie hütete das Geld der Bank wie ihre eigenen Augäpfel, und nun so etwas! Unverwandt starrte sie auf das schwarze, schmuddelige T-Shirt ihres Gegenübers. Plötzlich sah sie eine Pistole aufblinken, die der Mann direkt auf sie richtete. Magda ging beinahe in die Knie. Wie im Zeitlupentempo streckte sie ihren rechten Arm aus, nahm die Tasche an sich, öffnete sie und griff mechanisch in die Geldschublade, um die gerade noch von ihr geordneten Scheine herauszunehmen. Langsam und sorgfältig, wie es ihre Art war, begann sie sodann, das Geld in die Tasche zu legen. Ihre Hände versagten ihr fast den Dienst.
„Beeil' dich," raunzte sie der Mann mit kratziger Stimme an.
Magda griff sich mit fahrigen Bewegungen in die Haare; sie wollte etwas sagen, bekam jedoch keinen Ton heraus. Stumm versuchte sie, das Geld schneller einzupacken, im steten Kampf mit ihrem Innersten und ihren Fingern, jedoch mit nur geringem Erfolg. Bilder ihrer Kinder schossen ihr durch den Kopf, wie sie heute morgen gelacht und sich von ihr verabschiedeten hatten, um zur Schule aufzubrechen. Nein, er durfte nicht schießen!
Als sie gerade die Tasche schloss und aufblickte, erscholl von draußen ein derart lauter Donner, dass sie kurz aufschrie und zugleich zusammen zuckte. Die Tasche fiel ihr beinahe aus der Hand, doch der Unbekannte ergriff sie, drehte sich auf dem Absatz um und lief Richtung Ausgang. Dabei stieß er Frau Melchers, die in der Zwischenzeit langsam zurückgewichen war, mit dem linken Arm beiseite, und verschwand unter einem erneuten heftigen Donnerschlag nach draußen. Frau Melchers wäre noch fast zu Fall gekommen, hätte nicht direkt neben ihr der Geldzählautomat gestanden, an dem sie sich nun mit letzter Kraft festhielt.
Totenstille herrschte im Raum. Eine Ewigkeiten dauernde Sekunde später erinnerte sich Magda an den Alarmknopf, den sie drückte. Jetzt würde die Polizei bald auftauchen. Irgendwie fühlte sie sich wie in Watte gepackt. Ein Schleier hing ihr vor dem Kopf, so dass jeder Denkvorgang nur noch mühsam möglich war. Wie von weit weg nahm sie das Geräusch eines aufheulenden Motors wahr.
„Da, hören Sie das?", fragte Frau Melchers leise. „Ich glaube, das war er. Er ist weggefahren."
„Gut," flüsterte Magda, dann brach sie hinter dem Schalter zusammen, fiel auf den Teppich, und alles wurde schwarz.
Sie sollte erst im Krankenhaus wieder zu sich kommen.
Sommerferienbeginn! Herrlich warmes Wetter und Freizeit für sechs lange Wochen. Was gab er Schöneres? Susi und Eva wollten heute einfach nur raus. Von morgens an schien, ja brannte die Sonne auf die glänzende und funkelnde Landschaft und es duftete - ja, es duftete nach Sommer! Mit ihren Rädern fuhren sie am Feldweg entlang, wo die schönsten Wiesenblumen wuchsen. Das Korn auf den Feldern wogte leicht im Wind, und die beiden Zwillingsschwestern flogen fast über die Strecke. So kam es ihnen jedenfalls vor.
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