„Also gut“, sagte sie. „Gehen wir an den Anfang zurück. An den Anfang, den es so wahrscheinlich nicht gibt.“
„Jetzt bist es Du, die alles kompliziert macht“, sagte Max.
„Das bestreite ich. Nicht ich bin kompliziert, sondern die Wissenschaften. Ich bin eher einfach gestrickt“, sagte Thea, „wie die Natur.“
„So kommen wir nicht weiter“, stellte Max fest.
„Vielleicht doch. Weißt Du noch?“, fragte Thea.
„Nein, ich weiß nicht mehr!“, rief Max.
„Genau das ist unser Problem“, sagte Thea. „Wir haben sie vergessen. Eine ganz einfache Idee. Stattdessen haben wir zu lange studiert. Durchaus so einiges.“
„Aber weder promoviert noch habilitiert“, sagte Max.
„Das klingt fast ein wenig resigniert. Ich dachte, akademische Grade hätten Dich nicht interessiert“, meinte Thea.
„Ich habe lieber selbst experimentiert“, erinnerte sich Max.
„Und ich nahm mir gewisse Freiheitsgrade. Die waren zu wenig integriert“, sagte Thea.
Beide waren in einer Zeit aufgewachsen, in der Mathematik längst die Hauptrolle übernommen hatte. Buchstaben entnahm man dem griechischen Alphabet nur noch zum Rechnen.
Zu denjenigen, die in Zahlen dachten und träumten, hatte Max nie gehört. Für ihn war Mathematik ein Hilfsmittel geblieben. Dafür hatte er wie andere Jungs schon mehrere Chemiebaukästen verschlissen, bevor das Fach in der Schule unterrichtet wurde.
Thea hatte andere Erfahrungen. Mädchen wurden im Physikunterricht an der Tafel so lange peinlich befragt, bis sie in Tränen ausbrachen, erst dann durften sie sich wieder setzen. Während das Alte noch nicht ausgestorben war, entstand bereits das Neue. Mit langen Haaren und pädagogischen Absichten. Dies hatte die Mengenlehre zur Folge und dass Thea zwar nicht Rechnen lernte, aber Denken. Sie legte später trotz der Noten in Mathematik das Abitur ab.
Max wurde Physiker, Thea Biologin.
Während Max seinen Gedanken nachhing, sagte Thea: „Vielleicht sollten wir diesmal alles ganz anders machen.“
„Ich muss noch raus“, sagte Max unvermittelt und stand auf.
„Ich muss morgen früh raus. Da habe ich die besten Ideen“, sagte Thea und ging schlafen.
Am nächsten Tag kam Thea mit einem Stick an, Max mit sehr vielen Büchern und Papierstapeln. Sie sahen sich an und sagten beide: „Sieh mal, was ich gefunden habe.“
Thea stellte fest: „Wir hatten es längst entdeckt.“
„Wenn Du es einmal siehst, dann siehst Du nichts anderes mehr“, sagte Max.
„Wir müssen es so formulieren, dass es in die heutige Zeit passt“, schlug Thea vor.
„Es muss vor allem zu den Naturwissenschaften passen“ sagte Max.
„Damit es auch Physiker verstehen?“, fragte Thea.
„Damit sie es überhaupt wahrnehmen“, sagte Max.
„Das klingt kompliziert“, wiederholte Thea, während sie sich wieder an der Espressomaschine versuchte.
„Im Gegenteil“, widersprach Max. „Es ist sogar sehr einfach.“
„Ich bin dagegen“, sagte Thea.
Max kannte das. „Wogegen? Ich habe noch gar nichts gesagt.“
„Wolltest Du aber. Du wolltest wieder mit Physik anfangen“, behauptete sie.
„Womit sonst?“, fragte Max. „Die Physik bestimmt nun einmal unser Weltbild. Sie hat heutzutage das, was man die Deutungshoheit nennt.“
„Dann wäre es eine Art Majestätsbeleidigung, wenn man es wagen würde, ohne Physik oder Mathematik über unser Weltbild nachzudenken?“, fragte Thea.
„So ähnlich“, sagte Max, der wusste, wann er Thea besser nicht widersprechen sollte.
„Überlassen wir weiterhin alles den Physikern, geschieht das, was immer geschieht“, prophezeite sie und deutete auf ein Buch, das ganz oben auflag. „Auf dem Holzweg durchs Universum“, las sie vor. „Das sagt schon alles.“
Max hatte es im Gegensatz zu ihr bereits gelesen, konnte aber nicht widersprechen.
„Wollten wir nicht diesmal alles ganz anders machen?“, fragte sie.
„Hast Du einen besseren Vorschlag?“, fragte Max zurück.
„Alles zu seiner Zeit. Wir werden die vielen Widersprüche der Physik nicht vergessen. Ohne eine neue Idee werden wir sie aber auch nicht auflösen“, sagte Thea.
„Am Ende muss es zusammenpassen“, verlangte Max.
„Hast Du nicht gerade selbst behauptet, das sei einfach? Zuerst die Idee, dann die Physik“, sagte Thea. „Bis dahin darf gelten: Wir sollten wieder vom Prinzip her denken.“
„Das ist ein guter Ansatz“, meinte Max.
„Schade eigentlich, dass die Philosophie aufgegeben hat“, bemerkte Thea.
„So kann man das nun auch wieder nicht sagen“, widersprach Max.
Thea stichelte weiter: „Man hat sie durch Physik ersetzt. Dass das nicht ganz ausreicht, sieht man nicht erst jetzt.“
„Der Mensch kam damit bis zum Mond und noch viel weiter, vergiss das nicht“, sagte Max.
„Die Erfolge bestreitet niemand. Man sollte aber nicht mehr aus jedem Einzelergebnis ein neues Weltbild basteln“, forderte Thea.
„Du übertreibst wie immer“, sagte Max. „Außerdem können wir die Physik nicht ignorieren, selbst wenn wir wollten. Sie hat längst unseren Alltag geprägt. Wir reden von Elementarteilchen wie von alten Bekannten.“
„In diesem Fall wohl eher wie von alten Unbekannten“, korrigierte Thea. Es ist so ähnlich wie mit den Quanten. Niemand hat sie verstanden, aber es gibt sie angeblich. Oft springen sie auch.“
„Der populäre Gebrauch ist häufig sogar paradox. In der Physik ist es ein winziges Ereignis, eigentlich ein bloßer Effekt. Wir verwenden den Begriff jedoch gerne, wenn wir einen besonders großen Entwicklungssprung meinen, häufig in der Technik“, sagte Max.
„Dann wäre ein Quantencomputer ein super Beispiel für einen Quantensprung in der Computertechnologie“, ergänzte Thea.
„Um solche Wortspielereien geht es nicht“, sagte Max. „Es geht darum, dass wir aus dem physikalischen Denkstil nicht aussteigen können.“
„Das mag sein. Wir dürfen uns trotzdem nicht davon diktieren lassen, was wir zu denken haben“, insistierte Thea, „schon gar nicht von einem sogenannten Denkstil.“
Max gab sich amüsiert. „Seit wann lässt Du Dich davon abhalten, selber zu denken?“
Thea verlor die Geduld: „Wenn wir so weitermachen, kommen wir nie zu unserer Idee. Mir wird das so langsam zu viel. Müssen wir immer wieder bei Adam und Eva anfangen?“
„In unserem Kulturkreis genügt ‚Von Homer bis heute‘. Passender wäre allerdings ‚Von Aristoteles bis Allesmögliche‘, sagte Max.
„Das wird immer besser“, sagte Thea. „Was denn noch alles? So geht es einfach nicht.“
„Wir wiederholen uns“, bemerkte Max.
Thea dachte nach. „Wie wäre es damit: Wir arbeiten uns nicht mehr endlos an der Geschichte ab. Wir legen sie eine Weile beiseite. Ablegen können wir sie sowieso nicht.“
„Können wir dann endlich anfangen?“, fragte Max.
Die Idee oder das eine Prinzip
Thea rückte ihren Stuhl zurecht und schrieb am Küchentisch gleich mit: „Wir nehmen an, dass es ein universelles Prinzip geben muss, nach dem die Natur funktioniert. Es ist Polarität. Wir formulieren Polarität als das eine Prinzip.“
„Anschließend wenden wir das Prinzip auf die Physik an. Wir stellen fest, dass es dort zwar längst vorkommt, aber nicht als allgemeines Prinzip erkannt wurde. Wie nebenbei eint es alle Naturwissenschaften – weil es ein universelles Prinzip ist, ergänzte Max.“
„Ist das nicht ein Zirkelschluss?“, fragte Thea.
„Gibt es auch etwas anderes? Wir gehen einfach davon aus. Von irgendeiner Idee geht man immer aus. Dann werden wir feststellen, ob es Widersprüche gibt oder nicht“, sagte Max.
„Gerade wenn Du das Ergebnis bereits zu kennen glaubst, solltest Du es nicht vorwegnehmen. Das muss ausgerechnet ich Dir sagen?“, wandte Thea ein.
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