Die Arbeit ist relevant, da bereits Neumann et al. (2002) feststellten, dass die Personengruppe der Mann-zu-Frau-Transsexuellen unter starken Einschränkungen im Alltag leiden.
Ziel dieser Arbeit ist am Ende einen Überblick zu schaffen, welche größeren Organisationen evidenzbasierte Regelungen geschaffen haben bzw. im Begriff sind, diese zu schaffen. Weiterhin sollen die evidenzbasierten Hintergründe für die jeweiligen Standards, Richtlinien, sowie einzelne Bestandteile der Stimme und Behandlungsmethoden dargestellt werden.
Die Zielgruppe der Arbeit sind bereits tätige Logopäden, welche erste Erfahrung mit MFT haben, bzw. mit dieser Patientengruppe arbeiten möchten. Ebenfalls werden deren interprofessionelle Kontaktstellen wie Phoniater und Psychologen, angesprochen. Die Arbeit trägt somit bestenfalls auch zu einer Verbesserung der Behandlungsbedingungen und der Aufklärung, auch für die Gruppe der Patientinnen und deren Angehörigen bei.
Es wurde bei der Auswahl der Studien auf die folgenden Kriterien geachtet. Sie sollten nicht älter als 20 Jahre und peer-reviewed sein, es sollte Primärliteratur sein und die Studien sollten verfügbar sein. Es sollten außerdem keine ungenauen Literaturangaben verarbeitet werden d.h., war die zitierte Aussage in der angegebenen Quelle nicht auffindbar, wurde sie nicht verwendet.
Es wurde darauf geachtet, dass Literatur, welche kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat, sich zumindest an wissenschaftliche Standards hält. Dies gilt etwa für Masterarbeiten und Dissertationen, da diese ebenfalls immer von weiteren Fachpersonen überprüft werden und somit eine höhere Chance haben, evidente und relevante Informationen nach grundlegenden wissenschaftlichen Kriterien zu liefern. Dieser Zeitraum wurde gewählt, da medizinische Konzepte und Verfahren in der Regel nach einem Zeitraum von 20 Jahren als veraltet gelten, wie z.B. die Überarbeitungszeiträume der SOC, Leitlinien und Richtlinien in den entsprechenden Kapiteln zeigen. Die Sprache der Literatur wurde beschränkt auf Deutsch und Englisch.
In dieser Arbeit wird ein deskriptiver Ansatz verfolgt und es handelt sich um ein kritisches Review. In der Literaturrecherche fand sich eine, nicht erwartete hohe Anzahl an Studien. Diese wurden nach Aktualität und Relevanz für die Forschungsfragen ausgewählt. Auf chirurgische Maßnahmen, deren Qualität, Evidenz oder Erfolg wird nicht eingegangen. Dies gilt ebenfalls für Studien zur Diagnostik.
Schlagwörter für die Literaturrecherche waren Evidenz, Evidenzbasierung, evidence, Interdisziplinarität, interdisciplinary, Geschlechtsdysphorie, Geschlechterdysphorie, gender, dysphoria, Geschlechtsidentitätsstörung, gender, identity, disorder, Geschlechtsinkongruenz, incongruence, Leitlinien, guidelines, Transgender, Transsexualismus, Transsexualism transsexuell, transsexual, Leitlinienimplementierung, Versorgungsqualität, quality, Stimmtherapie, Stimme, voice, Therapie, therapy, Behandlung, treatment, Programm, program, Lakru, Stimmbehandlung, treatment, speech, markers, Stereotypen, stereotypes, parameter, Intervention, Methode, method, specific, spezifisch.
Die Wörter wurden in sinnvollen Möglichkeiten miteinander kombiniert wie etwa: voice AND therapy AND transgender, speech AND markers, transgender AND guidelines etc. Groß- und Kleinschreibung wurde in der Suche deaktiviert, um englische wie deutsche Vorschläge zu erhalten. Zur Suche wurde der Bibliothekskatalog der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der Freien Universität Berlin, Google Scholar, DBIS, die EZB, das Bibliotheksnetzwerk Bayern, Ebsco, die Fachdatenbanken Pubmed, Cochrane Library, speechbite und ASHA N-CEP genutzt. Weiterhin wurden Quellen aus den Literaturverzeichnissen der Ergebnisse entnommen. Probleme bei der Literaturbeschaffung waren häufige Nicht-Verfügbarkeit wegen Zugangsbeschränkungen. Dies wurde häufig versucht zu umgehen, indem die einzelnen Artikel direkt bei den Autoren angefragt wurden. Die Antwortrate lag allerdings nur bei ~30% (4 Antworten von 13 Literaturanfragen).
Es wird an dieser Stelle angemerkt, dass die in dieser Arbeit verwendeten Begriffe für die betroffene Patientengruppe der MFT stetigen Veränderungen unterliegen und in keinem Fall von jedem Menschen als passend empfunden werden.
Es wurde versucht, auf eine genderneutrale Sprache zu achten, was allerdings nicht vollständig möglich war, da manche Studien sich eindeutig auf weibliche bzw. männliche Individuen beziehen. Ansonsten gilt, dass mit der Verwendung männlicher Formen, stets auch die weibliche Ansprache gemeint ist und umgekehrt.
In Deutschland ist für die Verschlüsselung von Diagnosen in diesem Bereich die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems - 10th edition - german modification (ICD-10-GM) verbindlich. Ich verwende daher den Begriff Transsexualismus (ICD-10-Code ist F64.0), betroffene Personen sind Transsexuelle, das entsprechende Personalpronomen ist „sie“.
Transsexualismus bezeichnet „[den] Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen“ (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) unter Beteiligung der Arbeitsgruppe ICD des Kuratoriums für Fragen der Klassifikation im Gesundheitswesen (KKG), 2018, p. 208).
3.2 Mann-zu-Frau-Transsexuelle (MFT)
MFT sind Menschen, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet wurden, welche ihre Körper oder ihre Geschlechterrolle geändert haben und nun eine femininere Rolle bzw. einen feminineren Körper haben, oder diesen anstreben (Coleman et al., 2012).
Es handelt sich, um eine Personengruppe, die anatomisch gesehen, einen männlichen Larynx aufweist und mit diesem eine weibliche Stimme erzeugen möchte, da sie sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt (Palmer, Dietsch, & Searl, 2012).
Der in der vorliegenden Arbeit fokussierte Personenkreis wird durch die Autorin dieser Arbeit als Mann-zu-Frau-Transsexuelle (MFT) bzw. Patientinnen definiert.
Als Männer und Frauen sollen hier Personen beschrieben werden, welche bei der Geburt dem männlichen bzw. weiblichen Geschlecht zugeordnet wurden und keine Diskrepanz zwischen Geburtsgeschlecht und Geschlechterrolle empfinden.
„Der Begriff „Standard“ ist in der Medizin nicht eindeutig definiert“ (Frahm et al., 2018, p. 447).
Einer zwar alten, aber dennoch weiterhin häufig gebrauchten Definition nach, wird der medizinische Standard aber abgebildet durch „den jeweiligen Stand naturwissenschaftlicher Erkenntnis und ärztlicher Erfahrung, der zur Erreichung des ärztlichen Behandlungszieles erforderlich ist und sich in der Erprobung bewährt hat“ (G. Carstensen, 1989, A-2432).
Diesem Leitbildbild folgt die Evidenzbasierte Medizin (EbM). Somit sollte als Standard gelten, was sich auf die EbM bezieht. Weiterhin sollten die Wünsche der Patienten in einen Standardbegriff einbezogen werden. Dieser sollte auch zugangs- und versorgungsgerecht sein. Die wirtschaftsökonomische Seite eines Standards sollte hingegen davon getrennt betrachtet werden. Da jede behandelnde Person aber auch an Behandlungs- bzw. Rahmenverträge gebunden ist, gilt es in der Patientenversorgung auch einen rechtlichen Standard zu definieren. Dies bleibt aufgrund der Arbeit mit Menschen und ihrer Individualität (sowohl des Arztes als auch des Patienten) dennoch schwierig (Frahm et al., 2018).
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