Nur ein schmaler Kiesweg markierte vor seinem Grundstück die Grenze zum Wald. Lotus rannte voraus, sah nach seinem Herrchen, war verschwunden und kam erneut aus dem Wald gerannt. Irgendwann würde der Hund bei Fuß folgen. Doch erst einmal durfte er sich austoben. Der Waldboden war hart gefroren, die kalte Morgenluft kratzte an seinem Gesicht.
„Platz“, sagte Brückner punkt 7:30 Uhr auf den Stufen der Eingangsveranda. Er holte eine Schale Hundefutter aus der Küche. Lotus erhielt sein Frühstück stets hier draußen hinter den Säulen. Während der Hund fraß, stellte Brückner drinnen die Espressomaschine an, schnitt zwei Orangen auf, jagte sie durch die Saftpresse und ging nach oben. Er ließ seine Waldsachen zu Boden fallen und betrat das Badezimmer, einen Raum aus Marmor, Holz und Glas. Vor dem wandhohen Spiegel posierte er kurz. Von wegen Baumstamm, Herkules! Gut gelaunt stellte er sich unter die Dusche. Das Wasser prasselte aus einem tellergroßen Duschkopf, das Shampoo roch nach Moschus. Die Termine für den heutigen Tag? Zu allererst ein spaßiges Treffen bei der EnVer. Der Energieriese hatte zu seiner alljährlichen Lieferantenkonferenz eingeladen. In Gedanken entschied er sich für das neue rosafarbene Hemd und seinen braunen Anzug. Maßgefertigt. Das hatte Yvonne irgendwann einmal empfohlen. Davon verstand sie was. Seitdem jemand die Dinger für ihn anfertigte, saßen die Jacken perfekt. Er überlegte, ob eine Krawatte heute sein musste. Doch damit fühlte er sich nie richtig wohl. Ich, der Kumpel Putzmann! Damit arrangierten sich alle immer gerne. Rasieren, Zähneputzen, Aftershave. Abschließend kämmte er seine Haare und strich dabei mit der Hand den Kammspuren nach, um kleine Defizite zu kaschieren. Am Ende war er wie stets zufrieden.
Yvonne war nicht mehr im Bett, sondern auf der Kinderseite der Galerie. Brückner zog sich an. Seinen Orangensaft trank er in einem Zug und kippte den Espresso hinterher. Ein letzter Blick in den Spiegel der Halle, er liebte dieses Wort, dann rief er nach oben: „Einen schönen Tag wünsche ich meinen Prinzessinnen.“ Er ließ die schwere Eingangstür hinter sich zuschlagen. Draußen kraulte er noch einmal Lotus, während sich das Tor des Grundstückes öffnete. Die Zeitschaltuhr war auf 8:15 eingestellt. Am Auto besah er sich kurz im Lack. Heute werde ich den F&E-Mann der EnVer kennenlernen. Frisches Blut im Vorstand seines alten Kunden. Das riesige Forschungszentrum stand nicht mehr zur Disposition. Auch das werde ich putzen. Zu einem sauberen Preis! Er schmunzelte über seinen kleinen Witz und die schwarze G-Klasse passierte die Lichtschranke, bevor sich das Tor der Taunusvilla wieder schloss.
25 Kilometer von Brückners Morgenritual entfernt horchte Axel Hoppe seit 5 Uhr in die Dunkelheit hinein. Ohne Eile und allein in einer Wohnung aufzuwachen hatte er etliche Jahre nicht mehr erlebt. Warum er das nun noch einmal machte? Ganz sicher war er sich nicht und Lust darauf hatte er auch keine. Doch im dunklen Zimmer wach zu liegen, half nicht bei der Suche nach einer Antwort. Also tastete er irgendwann nach dem Lichtschalter einer kleinen Lampe, die auf dem Fußboden neben dem Bett stand, und schlurfte über den Flur ins Bad. Danach bediente er sich von dem Haufen, den er gestern in den alten Einbauschrank hineingestapelt hatte. Bei der Gelegenheit schob er Kathrins Briefchen sorgfältig unter die weißen T-Shirts und schloss den Schrank.
Im Flur zog er Schuhe an. Eine Dienstpistole hatte er hier in Frankfurt noch nicht erhalten. Also war er jetzt fertig. Ein heißer Kakao wäre nicht schlecht gewesen. Aber in dieser Wohnung gab es weder Milch noch Kakaopulver. Michel fehlte. Sein Sohn war 600 Kilometer weit weg. Hoffentlich schlief er noch. Und wenn er aufwacht? Würde es ihm gefallen, ebenfalls alleine zu sein? Los Alter, raus mit dir, ermahnte er sich. Er nahm die Jacke vom Nagel. Mist! Es klirrte leise auf den Dielen. Er bückte sich, suchte den Boden nach dem Nagel ab, hob ihn auf und steckte ihn in das ausgebröselte Loch zurück. Das hält bald gar nicht mehr, dachte er kurz und drehte sich um, stülpte sich eine Mütze über, die hielt den Kopf zusammen, griff nach den Hausschlüsseln und verließ die Wohnung.
Um 8:30 Uhr sollte er in der Adickesallee sein, wo Berge harmloser Akten auf einem verstaubten Schreibtisch in irgendeiner Ecke auf ihn, den Austauschschüler, warten würden. Hoppe sah die nächsten Wochen ganz klar vor sich. Erst unten vor dem Haus seiner Nummer 62 hielt er kurz inne. Rasend schnell hatte er vor irgendetwas die Flucht ergriffen. Viel zu früh war er nun unterwegs. Der Morgen dämmerte erst schwach. Er entschied sich, ein oder zwei Stationen zu laufen und später in die U-Bahn einzusteigen. Die leere Schweizer Straße hatte er schnell hinter sich gebracht. Auf der Untermainbrücke hielt er an, schaute zum Fluss und zum Uferweg hinunter. Wie von selbst nahm er die Stufen hinab. Niemand war hier im Zwielicht des Novembermorgens. Das Wasser bewegte sich kaum. Der Schiffsverkehr hatte noch nicht eingesetzt. Axel ging ein paar Schritte. Zwei Enten schwammen unaufgeregt. Neben dem Dönerschiffchen, das hier also festgemacht war, blieb er stehen. Er tastete nach seinem Telefon, umfasste es in der Jackentasche. Er betrachtete ein paar Lichtpunkte auf der anderen Uferseite. Die Bürotürme täuschten mit ihrer Beleuchtung Geschäftigkeit vor, die zu dieser Tageszeit dort gar nicht vorherrschen konnte. Habe ich etwa einen Kloß im Hals? Er räusperte sich und zog langsam das Telefon aus der Jacke. Wie spät ist es jetzt bei Kathrin? „Hallo. Bist noch wach? Schön. Hier ist alles prima. Und bei dir? Das ist doch gut für dich. Bin ein bisschen durch die Stadt gelaufen. Natürlich habe ich die gefunden. Ich dich auch.“ Kurzes Telefonat, beendet!
Nach oben nahm er drei Stufen auf einmal. Ohne sich umzusehen ging er dem Ende der Brücke entgegen. Die Stadt lag praktisch vor ihm. Auf der anderen Mainseite schaute er noch einmal auf dem Stadtplan seines Telefons nach. Seine Hände zitterten ein wenig, was er so noch nicht erlebt hatte. „Jetzt also die Friedensstraße“, murmelte er vor sich hin. Der Straßenname stimmte ihn milde. Komm runter Alter, ermahnte er sich nun schon zum zweiten Mal heute Morgen und ging auf die Turmfront zu. Gestern hatten die Wolkenkratzer geglitzert. Heute Morgen bildeten sie dunkle Schluchten. Kein Mensch war unterwegs. Hinter großen Schaufenstern stellten Geschäfte Hochglanzkleiderschränke, Stühle, die nicht zum Hinsetzen einluden oder halb fertig genähte Anzüge aus. Tapfer marschierte er daran vorbei. Auf einem Straßenschild wurde die Alte Oper ausgewiesen. Doch heute musste er durch die Kaiserstraße bis zur U-Bahnstation Hauptwache. Er ließ sein Telefon langsam zurück in die Tasche gleiten. In der Kaiserstraße hantierten ein paar LKW-Fahrer an Laderampen und schoben Unmengen Kartonagen, Paletten oder Drahtkörbe in Geschäfte und Cafés hinein. Bald trat er auf einen zugigen Platz. Noch einmal zog er den Handy-Stadtplan hervor. Sollte ich schnell zur Paulskirche schauen? Um halb sieben? Ob Michel noch schlief? Kathrin würde bald schlafen gehen. Wenn das so weitergeht, werde ich nicht lange mitmachen. ‚Hauptwache‘ las er an dem U-Bahn-Schild. Michel sei groß und nun wäre sie wieder dran, hatte Kathrin gesagt. Und ich hatte gedacht, die Sache mit Frankfurt wäre ein Spaß gewesen. Er hauchte in die Hände. Wohin muss ich jetzt? ‚Eschersheimer Landstraße‘, verglich er noch einmal mit dem Bildchen auf dem Telefon. Der Straße werde ich einfach stur geradeaus folgen. Von 6:30 Uhr bis 8:30 Uhr werde ich das wohl auch zu Fuß schaffen!
Im Polizeipräsidium angelangt erkundigte er sich nach der Kantine, wo er sich zum ersten Mal an diesem Morgen ein wenig entspannte. Mit großem Appetit schaute er auf die Brötchen mit Käse, Ei, Salami, die Brezeln mit Frischkäse, Joghurt und Säfte in den typischen Glastheken. Er nahm mehrere Brötchenhälften, zapfte sich einen Pott Kaffee, stellte ein Kakaopäckchen hinzu und tauchte mit seinem beladenen Tablett in einer Sitzecke neben einem Ficus Benjamin ab. Hier zog er seine Jacke aus, nahm das Telefon aus der Tasche, trank einen Schluck Kaffee und streifte dabei über die Namensliste auf dem Display. Bei ‚Michel‘ hielt er an, drückte auf das Hörersymbol. „Michel. Ich weiß, dass du auf dem Weg bist. Wie ist es? Cool? Verstehe. Du kannst ja im Bistro Eurer Schule essen. Das mache ich auch gerade. Nein, nicht in Eurer Schule. Die Wohnung? Hat deine Mutter gut gemacht. Ja, verstehe. Ich rufe heute Nachmittag nochmal an. Halt die Ohren steif.“ Er nahm einen großen Schluck Kaffee. Scheiße, war der heiß. Tränen schossen ihm in die Augen.
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