Aber eine Tochter blieb doch eine Tochter! Und die konnte nichts dafür, dass sie nicht willkommen gewesen war und dass es keinen Vater für sie gab, nur einen, der ihr seinen Namen nicht hatte geben wollen! Und dieses ganze Gerede im Dorf über ihre roten Haare und die roten Haare vom Siewer-Bauern, all diese halben Andeutungen darüber, warum der Siewer-Bauer eine Magd mit Kind auf seinem Hof geduldet hatte, und dieses doofe Lachen! So blöd war sie nicht, dass sie sich nicht zusammenreimen konnte, was dahintersteckte, und dann bekam sie einen knallroten Kopf und wusste nicht, was sie sagen sollte, so wie jetzt.
Blindlings stolperte sie in den Garten.
Die Mutter saß auf der Feierabendbank an der sonnenbeschienenen Hauswand und hatte die Augen geschlossen. Fast leblos saß sie da, die abgearbeiteten Hände im Schoß zusammengelegt, tiefe Falten um den Mund. Nicht älter als dreißig war sie, aber wie eine alte Frau sah sie aus, und so fremd.
Beinahe wäre Lene wieder gegangen. Sie räusperte sich. „Mutter!“
Die zuckte zusammen, öffnete die Augen, blinzelte gegen die Sonne. „Du!“, sagte sie. Mehr nicht. Keine Regung, keine Überraschung, keine Freude. Und dann nach einer langen Pause: „Sag nicht, dass dich der Lehrer rausgeworfen hat!“
„Nein!“ Lene schüttelte den Kopf. „Es ist nur ...“ Sie sprach nicht weiter.
„Was — nur?“, fragte die Mutter schroff.
„In zwei Wochen ist Konfirmandenprüfung“, erwiderte Lene heiser. „Und in vier Wochen Einsegnung.“
Die Mutter rückte auf der Bank zur Seite. Lene setzte sich neben sie. Das war immerhin ein Anfang. Sie schwiegen.
„Du kommst, weil du nichts anzuziehen hast!“, stellte die Mutter schließlich fest.
„Nein! Doch! Ich — ich meine ...“ Lene verhaspelte sich. Warum nur stiegen ihr die Tränen auf? Sie würde nicht heulen, nein, das Heulen hatte sie sich doch schon vor langer Zeit abgewöhnt und sie wusste ja, wie die Mutter war. Überhaupt war ihr alles gleich, und diese fremde Frau hier allemal. „Die Frau Lehrer hat mir ihr abgelegtes Kleid gegeben, das arbeite ich um. Ich nehm die abgewetzten Stellen raus und die Ärmel schneid ich einfach ab, weil — an den Ellenbogen sind sie durch, aber sonst wird das Kleid gut, und sie leiht mir ihre Schuhe. Die Frau Lehrer hat zwei Paar Schuhe, sie sind mir zwar zu groß, aber das macht nichts.“ Lene unterbrach ihren Redeschwall. Es half alles nichts, die Frage musste raus. Mühsam rang sie sich ab: „Die Frau Lehrer schickt mich. Ich soll dich fragen, ob du zu meiner Prüfung kommst. Und zur Einsegnung.“
Keine Antwort.
Lene wartete. Hörte auf zu warten.
Sie hätte nicht kommen sollen. Sie hatte doch gewusst, wie es enden würde.
Aus dem Haus dröhnten die dumpfen Faustschläge, mit denen die Knechte ihre Trümpfe auf den Tisch hieben. In der Ferne schrie ein Kind.
„Was für eine Farbe hat das Kleid?“, fragte die Mutter.
„Grau.“
Die Mutter schüttelte den Kopf. „Schwarz muss es sein. Was denken sonst die Leute!“
„Was denken sie erst, wenn du nicht kommst!“, brach es aus Lene heraus.
Die Mutter fuhr auf „Ich hab gesagt, ich geh da nie wieder zurück! Schlimm genug, dass ich neun Jahre dort bleiben musste mit dir, nur damit du ein Dach über dem Kopf gehabt hast, bis du alt genug warst, in Stellung zu gehen, weil mich mit Kind keiner genommen hat. Schlimm genug. Und der Siewer-Bauer hat noch getan, als wär's eine Gnade — und die Bäuerin erst! Das Kotzen kommt mir, wenn ich an die denk! Und die Leute mit ihrem Gerede, als hätt ich mir das so ausgesucht! Als wär's nicht der Bauer gewesen, der mir nachgestiegen ist, bis ich mich nicht mehr erwehren konnte, blutjung wie ich war!“
Lene saß da mit offenem Mund. Noch nie hatte die Mutter davon gesprochen, noch nie. Und wie es sich anhörte!
Das Herz schlug Lene im Hals. Ein seltsames Rauschen war in den Ohren.
Bis ich mich nicht mehr erwehren konnte — nur damit du ein Dach über dem Kopf gehabt hast ...
„Die sehn mich nie wieder!“, erklärte die Mutter.
An sie, an ihre eigene Tochter, dachte die Mutter anscheinend gar nicht dabei.
„Es wär ja nur für die Kirche“, murmelte Lene schwach.
„Nur!“ Die Mutter lachte höhnisch. „Nur die Kirche!“ Dann stand sie abrupt auf. „Komm!“
Hinter der Mutter her ging Lene ins Haus, stieg die Treppe zur Mägdekammer hinauf. Warum war sie noch immer da, warum ging sie nicht einfach?
Die Mutter nahm ihr gutes schwarzes Gewand, das in ein Tuch gehüllt auf einem Bügel an der Wand hing, und hielt es Lene hin: „Da! Mach dir dein Konfirmationskleid daraus! Kannst es zerschneiden, mir passt es nicht mehr!“
Lene brachte keinen Ton heraus. „Aber“, begann sie endlich.
„Jetzt geh!“, meinte die Mutter harsch. „Ich muss in den Stall! In zwei Wochen ist Prüfung, sagst du?“
Lene nickte stumm.
„Dass du ja alles kannst!“, drohte die Mutter.
Das Kleid über dem Arm polterte Lene die Treppe hinunter und lief aus dem Haus. Sie rannte, bis sie die Allee erreicht hatte, rannte auch dort immer weiter. Laut klapperten ihre Holzpantinen auf dem Kopfsteinpflaster.
Als sie endlich nach Atem ringend stehen blieb, wurde ihr klar, dass sie noch immer nicht wusste, ob die Mutter nun eigentlich kommen würde oder nicht.
„Ist mir doch gleich!“, schrie sie in den Wind und stapfte weiter. „Ist mir doch gleich!“
Die Anne hatte doch mit ihr im gleichen Schulzimmer gesessen!
Lene, im Kreis der anderen Schüler, starrte die Fremde an, die da während der Schulpause mitten auf dem Dorfplatz stand und sich drehte und wendete, damit man sie von allen Seiten bewundern konnte. Nein, es war nicht zu fassen, dass diese feine Dame dieselbe Anne sein sollte, die vor drei Jahren nach der Schulzeit aus dem Dorf weggegangen war. Anne hatte doch genauso wie Lene keine Schuhe gehabt und hatte sich so wie Lene mit einem bis zur Unkenntlichkeit geflickten Drillichkleid und einer verwaschenen Schürze in die Schulbank der Großen gedrückt, dieselbe Bank, die nun Lenes Platz war. Nur so gute Antworten wie Lene hatte die Anne nie gegeben. Und jetzt war sie eine Städterin in Lederstiefeletten und hatte es weit gebracht, das sah man gleich.
Dabei hatte die Anne nicht einmal einen Vater. Das hieß, immerhin hatte sie einmal einen gehabt, einen Häusler ohne Land, der nichts besessen hatte als die winzige Kate mit Garten und eine einzige Ziege und der seine Familie als Tagelöhner mühselig ernährt hatte, bis er beim Holzfällen unter eine umstürzende Eiche geraten war.
Die Schulkinder standen mit offenen Mündern um Anne, die vornehme Heimkehrerin, und gafften. „Was ist denn das?“, fragte schließlich eines und wies auf den hellblau und weiß gestreiften, mit Volants gesäumten kleinen Schirm, den Anne in der Hand hielt.
„Ein Sonnenschirm, was sonst!“, erwiderte diese, öffnete den Schirm und ließ ihn über ihrer Schulter kreiseln. „So was tragen die Damen in der Stadt, damit ihre Haut blass bleibt, weil: Das ist vornehm.“
Tatsächlich, stellte Lene fest, Anne war mehr als blass. Fast durchscheinend sah sie aus. Sie musste sehr vornehm geworden sein.
Und dieses Kleid! Aus leichtem, hellem Stoff, Meter um Meter musste der hinten zu einem richtigen Höcker geraffte Rock verschlungen haben, und dann auch noch ein Unterrock, dessen Spitzen darunter hervorsahen! Und bestimmt trug Anne — Lene schaute scharf auf die unerhört schlanke und straffe, irgendwie eisern wirkende Taille der anderen —, nein, es gab keinen Zweifel, Anne hatte ein Korsett an! So etwas trug im Dorf einzig und allein die Frau Pastor.
„Aber Anne“, fragte Lene leise, „wie bist du denn so reich geworden? Hat dich am Ende ein feiner Herr geheiratet?“
„Was noch nicht ist, das kann noch werden!“, antwortete die Gefragte und lachte. „In drei Tagen geh ich ja wieder zurück nach Berlin. Und in Berlin gibt es jede Menge feine Herren. Aber das, was ihr hier seht, das hab ich mir selbst verdient. Fabrikarbeiterin in einer Spinnerei bin ich, damit ihr es nur wisst!“ Sie warf ihren Kopf in den Nacken, dass die künstlich gekräuselten Locken unter dem zierlichen Hut wippten, und blitzte herausfordernd in die Runde.
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