>>Ich komme doch gar nicht dazu, weil immer einer von euch schneller ist.<<
>>Haha, und beim Kaufen von einer neuen Packung offensichtlich auch.<<
>>Na gut, ich bin mal wieder dran. Werde es morgen beherzigen<<, sagte Chase und zog beleidigt ab.
Kimberlee musste grinsen. Eigentlich gefiel ihr der Haufen, einschließlich der Ärzte, hier ganz gut. Dabei hatte es zu Anfang ganz anders ausgesehen. Der erste Tag würde ihr für immer im Gedächtnis bleiben.
Voller Aufregung und Nervosität hatte Kimberlee ihre neue Stellung in der großen Klinik angetreten. Schon als Kind hatte sie gewusst, dass sie dort einmal arbeiten würde. Immer wenn sie mit ihren Eltern an dem imposanten Bau vorbeigefahren war. Percy und Amanda Dearing hatten ihrer Tochter den Spleen gelassen. Wohl wissend, dass Kinder bis zum Erwachsenwerden noch öfter ihren späteren Berufswunsch ändern. Doch Kimberlee hatte mit Hingabe ihre Puppen versorgt. Ihnen Salben aufgetragen und Pflaster und Verbände angelegt. Und wenn jemand in der Familie krank wurde, war sie nicht müde geworden, den „Patienten“ mit heißem Tee und kleinen Köstlichkeiten zu füttern. Nicht nur Fieber messen, sondern auch den Puls fühlen waren ihre liebsten Handlungen gewesen. Und Amanda hatte mit Rührung bemerkt, wie die Kleine dabei auf ihre Armbanduhr sah, ohne recht zu begreifen, was der aktuelle Wert bedeutete.
In den folgenden Jahren hatte Kimberlee mit großer Zielstrebigkeit ihren Berufswunsch verfolgt. Nach dem High School Abschluss hatte sie den College-Abschluss in Pflege und zuletzt die NCLEX-RN-Pfüfung zur Erstregistrierung als Registered Nurse absolviert. Doch später musste sie eine Mindeststundenzahl in der Pflegepraxis und ständige Weiterbildung nachweisen, um ihre Berufslizenz und ihre Registrierung zu behalten. Die einwandfreie Lebensführung, entsprechend einem Führungszeugnis, die von ihr erwartet wurde, stellte für sie als wohl erzogene und behütete Tochter keine Hürde dar.
Der erste Tag in der Klinik war trotz allem nicht leicht für sie – inmitten neuer Kollegen und unbekannter Ärzte. Doch was sie dort erwartete, zeichnete sich bereits deutlich ab. Das Grauen, das ihr an diesem Tag widerfuhr, hielt sie für einen Augenblick für einen Streich oder eine Bewährungsprobe der Kollegen. Aber wie hätten diese eine derartige Inszenierung bewerkstelligen sollen? War fortan der prägende Gedanke.
Man bat sie lediglich um einen Gefallen, weil gerade kein Pfleger zur Verfügung stand. Sie sollte eine vor drei Stunden verstorbene Patientin mit dem Lastenaufzug in die pathologische Abteilung im Keller der Klinik bringen. Ein Gedanke, der ihr nicht besonders behagte – allein mit einer Leiche im Fahrstuhl. Doch was dann kam, überstieg ihre schlimmsten Befürchtungen.
Der Aufzug blieb plötzlich zwischen zwei Etagen stehen, und das Licht erlosch. Alle Versuche, ihn mittels Drücken der Knöpfe wieder in Gang zu bringen, scheiterten. Doch damit nicht genug.
Im trüben Schein der Notbeleuchtung sah Kimberlee aus den Augenwinkeln, wie sich der Körper der Verblichenen langsam unter dem Laken aufrichtete. Ein klagender Laut begleitete die Bewegung. Kimberlee schrie aus vollem Halse und hämmerte mit den Fäusten gegen die Metalltüren.
Nach schier einer Ewigkeit setzte sich der Aufzug wieder in Gang und hielt in einer der unteren Etagen. Kimberlee fiel dem durch die Schreie aufgeschreckten Klinikpersonal in die Arme und zitterte wie Espenlaub.
>>Die Frau ist noch am Leben>>, stammelte sie. >>Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und gehört.<<
Einer der Ärzte beugte sich über die Bahre und untersuchte die aufgebahrte Frau.
>>Eindeutig Exitus<<, sagte er nach einer Weile. >>Ich weiß nicht, was Sie zu sehen und zu hören glaubten, aber die Frau ist tot.<<
>>Aber das kann nicht sein. Sie hat sich aufgerichtet und klagende Laute ausgestoßen.<<
>>Das ist ganz unmöglich, meine Liebe. Ja, bei Leichen entstehen Fäulnisgase, die auch aus den Körperöffnungen entweichen, aber nicht schon nach so kurzer Zeit. Und das mit dem Aufrichten ist für Horrorfilme erfunden worden. In der Realität kommt so etwas nicht vor. Ihre Fantasie hat Ihnen aus Angst einen Streich gespielt. Wann ist denn Ihre Schicht zu Ende?<<
>>In zwanzig Minuten.<<
>>Ich denke, niemand wird es Ihnen verübeln, wenn Sie jetzt schon nach Hause gehen und sich ausruhen.<<
>>Aber man erwartet mich oben zurück.<<
>>Keine Sorge, ich telefoniere hinauf.<<
Amanda Dearing hatte sofort gespürt, dass ihre Tochter Kummer hatte. >>Ist dein erster Tag nicht so gut verlaufen wie erhofft?<<, fragte sie besorgt.
>>Doch, doch, aber es ist alles noch so neu, und an die Kollegen muss ich mich erst gewöhnen.<<
Am nächsten Tag war sie von manchen schief angesehen oder mitleidig belächelt worden. Nur Brooke hatte sie zur Seite genommen.
>>Ich habe gehört, was passiert ist. Lass dich davon nicht entmutigen. Ich glaube, jede andere hätte ebenso reagiert wie du.<<
Das war der Beginn ihrer Freundschaft gewesen, und zum Glück hatte Brooke darauf verzichtet, Einzelheiten zu erfragen.
Am Tag nach der nächtlichen Putzaktion sah Kimberlee, wie der Puertoricaner José die Kammer ansteuerte und kurz darauf zu fluchen begann.
>>Holy Jesus, das ist ja ein Gestank wie aus der Hölle.<<
Kimberlee eilte zu ihm und setzte eine schuldbewusste Miene auf. >>Sorry, ich habe gestern Nacht eine Dose Thunfisch von der Pantry mit zum Stationstresen genommen. Dabei war ich etwas ungeschickt und habe die Hälfte verschüttet.<<
>>Ich hoffe, Sie haben den Fisch nicht gegessen<<, sagte José. >>Dem intensiven, fauligen Gestank nach muss er schon länger verdorben gewesen sein.<<
>>Nein, nein<<, stotterte Kimberlee. >>Ich habe das natürlich auch gemerkt und die Dose gleich weggeworfen. Ich hoffte, das Desinfektionsmittel würde den Geruch abdecken.<<
>>Das hat offensichtlich nicht geklappt. Der Wischmop taugt nur noch für die Tonne.<< José hielt Kimberlees Verlegenheit für ein Zeichen ihres Schuldbewusstseins. >>Nun lassen Sie sich mal keine grauen Haare wachsen, Lady. Es gibt noch reichlich Ersatz hier in der Kammer.<<
>>Fein, bitte verpetzen Sie mich nicht. Es wird nicht gern gesehen, wenn wir am Tresen essen.<<
>>Aber wie werde ich denn? Ich bin Kavalier genug.<<
>>Danke. Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon hier im Haus?<<
>>Das müssen jetzt schon einige Jährchen sein.<<
>>Immer auf dieser Station oder auch auf anderen?<<
>>Früher war ich eine Etage höher, aber jetzt bin ich schon etwa vier Jahre nur auf dieser.<<
>>Und haben Sie mal etwas Ungewöhnliches erlebt, hier oder oben?<<
>>Sie meinen, ob mir ein Gespenst begegnet ist?<<
Kimberlee nickte heftig.
>>Dann haben Sie also auch von dem Klatsch gehört, den man so erzählt? Mir ist in der Tat oben etwas widerfahren, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich habe das noch niemand erzählt, damit man mich nicht für einen hält, der mit dem Vogelbauer Milch holen geht.<<
Kimberlee lachte. >>Nein, auf den Gedanken wäre ich bei Ihnen nie gekommen. Also, was war los?<<
>>Ich habe öfter einen schwarzen Schatten gesehen, der entweder um die Ecke gelugt oder mitten auf dem Gang gestanden hat. Dabei wurde mir jedes Mal angst und bange. Als würde man mir jegliche Lebensenergie aussaugen. Alles erschien plötzlich so sinnlos, und ich wurde grenzenlos traurig. Deshalb habe ich mich auch nach hier unten versetzen lassen.<<
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