Connor packte den Gangster an der Kehle und schlug ihm die geballte Faust in die Weichteile. Sein Griff erstickte Joyners Schrei und nur ein schwaches Gurgeln drang aus seinem Mund. Dann sackte er mit glasigen Augen in sich zusammen.
Connor zerrte ihn rücksichtslos zu seinem Wagen zurück und stieß ihn auf den Rücksitz. Dann schwang er sich auf den Fahrersitz.
Zeitgleich schob sich einer der Riesen zu Joyner auf die Rückbank. Der andere joggte zu Connors Wagen und klemmte sich dort hinters Steuer. Mit quietschenden Reifen schossen die beiden Autos auf die Straße. Zurück blieben zwei regungslose Gestalten auf dem Gehweg.
Sie fuhren direkt zu einem Schrottplatz, der außerhalb der Stadt lag. Connor benötigte nicht lange, um das Schloss zu knacken, das das Tor geschlossen hielt. Drei Wachhunde kamen kläffend angerannt, doch kurz vor den Männern stoppten sie und standen erst wie erstarrt. Dann kniffen sie den Schwanz ein und verzogen sich so schnell es ging in die hinterste Ecke des Geländes. Die Männer ignorierten die Tiere komplett und stiefelten zielstrebig voran.
Minuten später dröhnte der Motor der Schrottpresse auf und das Knirschen und Kreischen von Metall schrillte durch die Nacht.
Connor verzog das Gesicht. Nur gut, dass die Besitzer des Platzes nicht vor Ort wohnten. Aber das war ja auch der Grund, warum sie sich für diesen Standort entschieden hatten.
Kurz warf er einen Blick auf Clay Joyners, der gefesselt und geknebelt zu seinen Füßen lag und unverständliche Geräusche von sich gab.
„Halt die Klappe“, knurrte er. „Trag‘s wie ein Mann, dass deine Zeit abgelaufen ist. Für so ein Drogenschwein wie dich war das eh zu lang.“
Ein Stöhnen entwich dem Gefesselten. Connor sah wieder hoch, als die beiden Männer auf ihn zu kamen.
„Alles klar, Streuner“, knurrte der eine. „Lass uns verschwinden.“
Er bückte sich, packte Joyners am Kragen und schleifte ihn ungerührt hinter sich her, bis sie an einem Van ankamen. Mit Schwung warf er den Drogendealer hinein.
Connor schob sich hinters Steuer und startete den Wagen.
Jetzt begann der gefährlichere Teil.
Mississippi
Es war heiß und die Sonne gleißte erbarmungslos vom Himmel.
Reece Baker stieß ein gereiztes Knurren aus und hätte am liebsten gegen das Armaturenbrett des Wagens getreten. Doch das würde mit Sicherheit eine Riesendelle hinterlassen, und der letzte Anschiss des Chiefs klang ihm noch in den Ohren nach.
„Wann kriegen wir eigentlich mal einen Wagen, bei dem die Klimaanlage funktioniert?“, knurrte er.
Kian Stewart, sein Partner, lachte und steuerte den Wagen an der nächsten Abzweigung des Highways.
„Warte noch hundert Jahre“, schlug er vor. „Allerdings gibt es dann vielleicht keine Autos mehr, wer weiß.“
„Alles ist besser als diese Schrottkiste.“
Reece war deutlich schlecht gelaunt. Seit mehreren Stunden waren sie unterwegs und durchquerten gerade den Bundesstaat Mississippi. In diesem Jahr war es ungewohnt heiß und sie ertrugen die erbärmliche Hitze nur schwer.
„Wir können ja Pause machen“, schlug Kian vor. Er kannte seinen Partner gut genug, um zu erkennen, dass dieser kurz vor einem Wutausbruch stand.
Sie fuhren inzwischen auf einer staubüberzogenen Landstraße und Kian hielt nach einem schattigen Platz Ausschau. Vor ihnen erstreckte sich eine trockene und sandige Landschaft, die nur von einigen Gebüschen unterbrochen wurde.
Plötzlich kam ein Bus in Sicht und donnerte auf sie zu. Reece murmelte eine leise Verwünschung, als der aufgewirbelte Staub sich auf die Windschutzscheibe legte.
„Sieh dir das an.“
Kian zeigte zur Seite. Reece erspähte eine kleine Gestalt, die mit einem Rucksack auf dem Rücken durch das Gelände joggte. In ihrer Begleitung befanden sich drei riesige Hunde, die dicht neben und hinter ihr rannten.
Kian bremste die Geschwindigkeit herunter und sie beobachteten, wie die Gestalt über einen Felsbrocken sprang und unvermindert weiter rannte.
„Eine Frau“, grinste er. „Cool. Wo will sie hin?“
Er tippte auf dem Navigator herum. Sekunden später lachte er auf.
„Kaum zu glauben, aber hier in der Nähe gibt es tatsächlich etwas. Ein Trainingslager oder so. Ob sie dahin will?“
Reece lächelte versonnen und blickte auf den Navigator.
„Ist nicht allzu weit weg. Ein bisschen Bewegung tut uns vermutlich auch gut.“
Seine Laune war schlagartig gestiegen. Er sah noch einmal in Richtung der Frau. Sie rannte immer noch und das trotz der sengenden Hitze.
„Entweder ist die echt zäh oder durchgeknallt“, meinte er. Beide Optionen gefielen ihm.
Sie erreichten das Camp vor der Frau und parkten den Wagen etwas abseits.
Es wirkte geschlossen. Das Gelände war mit einem hohen Metalldrahtzaun abgegrenzt und sehr weitläufig. Erfreulicherweise gab es viele große Bäume, die Schatten spendeten. Am Eingangstor befand sich eine kleine Hütte.
Sie spähten hinein, doch niemand war zu sehen. Dafür hing ein fettes Schild im Fenster: Closed.
„Wie enttäuschend“, grinste Kian. Dann drehten sich beide gleichzeitig um. Die Frau kam in Sichtweite. Die Hunde rannten immer noch neben ihr.
Kurz vor der Hütte wurde sie langsamer und blieb schließlich stehen. Ihr Atem ging etwas schneller und ihre Haut war schweißnass, doch sie wirkte keineswegs erschöpft. Die Hunde hatten sich ihrem Tempo exakt angepasst und standen rechts und links neben ihr. Sie ließen die Männer nicht aus den Augen und ein leises Grollen entwich ihren Kehlen.
Kian starrte sie nacheinander an. Das Grollen verstummte und die Hunde zogen den Schwanz ein. Dann sah er wieder auf die Frau. Sie war eher klein und schlank, und eine halblange schwarze Mähne umrahmte das schmale Gesicht. Sie trug Jeans, Sportschuhe und ein khakifarbenes Top, das den Blick auf braungebrannte, straffe Arme zuließ. Kein Zweifel, diese Frau war sportlich und schien durchtrainiert zu sein.
Ihre blauen Augen musterten die beiden Männer hellwach und ohne Furcht. Das allein war schon erstaunlich. Kian wusste sehr genau, wie er und erst recht wie Reece auf Menschen wirkte. Sie waren beide außergewöhnlich groß und breitgebaut, und ihre ärmellosen Shirts hoben die ausgeprägten Armmuskeln, die mit bizarren Tattoos überzogen waren, noch heraus. Dazu kam ihr militärischer Look, sprich Militärhose, Shirt und die dazu passende Weste. Viel Platz für viele Gegenstände. Doch das alles schien diese Frau nicht zu beeindrucken.
Sie sah auf die geduckten Hunde und dann wieder zu ihnen.
„Pechtag“, grinste Kian sie an. „Das Camp ist geschlossen.“
„Ich weiß!“ Ihre Stimme war von einer angenehmen tiefen Klangfarbe. Kian schätzte sie auf etwa Mitte zwanzig. „Es öffnet nur für angemeldete Gruppen.“
„Hm, und was willst du dann hier?“
Jetzt lächelte sie tatsächlich. Kian spürte, wie es in seiner Hose enger wurde. Verdammt, die Kleine gefiel ihm.
„Ich sehe es mir nur an.“
Sie trat an ihnen vorbei und ging zum Eingangsbereich. Dann zog sie den Rucksack von den Schultern und öffnete ihn. Ein faltbarer Wassernapf kam zum Vorschein und eine große Flasche. Sie nahm einen tiefen Schluck und schüttete dann Wasser in die Schüssel. Ein leiser Pfiff ließ die Hunde sofort antraben und trinken. Dann legten sich die Tiere neben den Rucksack.
„Passt auf!“
Der Befehl war leise, aber so durchdringend, dass Kian erstaunt zu Reece sah.
Der runzelte ebenfalls irritiert die Stirn. Soviel Autorität aus einem so hübschen Mund zu hören, war eher ungewöhnlich.
Sie drehte sich um und betrachtete den drei Meter hohen Drahtzaun.
„Na dann“, meinte sie und sprang hoch. Mühelos hangelte sie sich nach oben und schwang sich über die Kante. Federnd landete sie im Sand und grinste die Männer an.
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