Und die Gnädige trank aus dem Glas mit Eingemachtem.
Jegor Michailowitsch sah zu, wie das Wasser die Kehle durchlief, und entgegnete dann sanft und trocken:
»So befehlen Sie also, den Dutloff zu bestimmen?«
Die Gnädige rang die Hände.
»Wie kannst du mich denn gar nicht verstehen? Wünsche ich denn das Unglück Dutloffs, habe ich denn irgend etwas gegen ihn? Gott ist mein Zeuge, daß ich bereit bin, alles für ihn zu tun.« (Sie schaute auf das Bild in der Ecke, entsann sich aber, daß das nicht Gott sei: »Nun ja, einerlei, nicht darum handelt es sich«, dachte sie. Wiederum ist es seltsam, daß sie nicht auf den Gedanken kam an die dreihundert Rubel.) »Was soll ich dann aber tun? Weiß ich denn, was und wie? Ich kann das gar nicht wissen! Nun, ich verlasse mich auf dich; du weißt, was ich will. Mache es so, daß alle zufrieden sind und dem Gesetze nach. Was soll man denn machen? Nicht für sie allein – für alle gibt es schwere Augenblicke. Nur den Polikei darf man nicht abgeben. Du verstehst, daß dies furchtbar wäre von meiner Seite ...«
Sie hätte noch lange gesprochen – so sehr hatte sie sich belebt, da trat aber das Dienstmädchen ins Zimmer.
»Was willst du, Dunjascha?«
»Ein Bauer ist gekommen, er läßt Jegor Michailowitsch fragen, ob er der Bauernversammlung zu warten befiehlt!« – sprach Dunjascha und blickte zornig auf den Jegor Michailowitsch. (»Ach, dieser Verwalter!« – dachte sie – »er hat die Herrin aufgeregt; jetzt wird sie mich wiederum nicht vor ein Uhr in der Nacht einschlafen lassen.«)
»So gehe denn, Jegor« – sprach die Herrin – »mach' es möglichst gut!«
»Ich gehorche.« (Er sprach schon nichts mehr über Dutloffs.) »Wen befehlen Sie aber wegen des Geldes zum Gärtner zu schicken?«
»Ist denn Petruscha noch nicht aus der Stadt zurückgekehrt?«
»Nein.«
»Kann dann aber nicht Nikolai fahren?«
»Sein Väterchen liegt an Kreuzschmerzen,« sprach Dunjascha.
»Werden Sie nicht mir selber morgen zu fahren befehlen?« fragte der Verwalter.
»Nein, du bist hier nötig, Jegor.« (Die Gnädige dachte nach.) »Wieviel Geld?«
»1617 Rubel.«
»Schicke den Polikei« – sprach die Herrin, indem sie dem Jegor Michailowitsch entschlossen ins Gesicht schaute.
Jegor Michailowitsch verzog, ohne die Zähne zu zeigen, die Lippen, als ob er lächle; er veränderte sich aber nicht im Gesicht.
»Ich gehorche!«
»Schicke ihn zu mir!«
»Ich gehorche!« – und Jegor Michailowitsch ging ins Kontor.
Polikei, als ein unbedeutender und anrüchiger Mensch, ja und dazu noch aus einem andern Dorf, erfreute sich weder der Protektion der Schließerin, noch des Büfettdieners, noch des Verwalters oder des Dienstmädchens der Herrin, und sein »Winkel« war der allerschlechteste, ungeachtet dessen, daß seine Familie, er selber eingeschlossen, sieben Köpfe zählte. Die »Winkel« waren noch von dem verstorbenen gnädigen Herrn so gebaut worden: in der Steinhütte stand in der Mitte ein russischer Ofen, ringsherum lief ein »Kolidor« (wie die Hofleibeigenen sagten), und in jeder Ecke war mit Brettern ein »Winkel« abgezäunt. Es gab also wenig Platz, besonders in dem Winkel des Polikei, der der Türe zunächst lag. Das Ehebett mit Steppdecke und Sitzkissen, eine Wiege mit einem Kindchen, ein Tischchen auf drei Füßen, auf dem gekocht und gewaschen ward, aller Hausrat gelegt zu werden pflegte, und an dem Polikei selber zu arbeiten pflegte (er war Kurschmied), Zuber, Kleider, Hühner, ein Kälbchen und die Sieben selber erfüllten den ganzen Winkel und hätten sich nicht rühren können, wenn nicht der gemeinsame Ofen durch seinen vierten Teil einen Raum gewährt hätte, auf dem Sachen abgelegt wurden und Menschen sich legten, ja, und wenn es nicht möglich gewesen wäre, auf die Eingangstreppe hinauszutreten. Das war freilich kaum möglich: im Oktober war es kalt, als warmes Kleidungsstück war aber nur ein Schafpelz vorhanden; dafür konnte man sich aber erwärmen: die Kinder, indem sie liefen, die Erwachsenen durch die Arbeit, und diese und jene, wenn sie auf den Ofen krochen, wo es bis 40 Grad warm war. Es scheint, es sei unter solchen Bedingungen furchtbar zu leben; ihnen aber machte das nichts aus: leben konnte man. Akulina wusch und nähte für die Kinder und den Mann, sie spann und webte und bleichte ihr Linnen, sie kochte und buk im gemeinsamen Ofen, sie zankte sich und klatschte mit den Nachbarn. Was sie an Lebensmitteln erhielten, reichte nicht nur für die Kinder, vielmehr auch noch, um die Kuh zu füttern. Holz war frei, Viehfutter gleichfalls, auch Heuchen fiel aus dem Pferdestall ab. Es war ein Streifchen Gemüsegarten vorhanden; das Kuhchen bekam ein Kälbchen; man hielt eigene Hühner. Polikei war am Pferdestall angestellt, er versorgte zwei Hengste; er ließ den Pferden und dem Vieh zur Ader, schnitt ihnen Schwellungen auf, reinigte die Hufe und gab eine Salbe von eigener Erfindung. Und dafür erhielt er bisweilen Gelderchen und Lebensmittel. Hafer von der Herrschaft blieb gleichfalls übrig. Im Dorfe war ein Bäuerlein, das gab regelmäßig im Monat für zwei Maß davon zwanzig Pfund Hammelfleisch. Leben hätte man also können, wenn kein Seelenleid gewesen wäre. Das gab es aber, und ein schweres für die ganze Familie. Polikei war von klein auf in einem anderen Dorfe auf einem Gestüt gewesen. Der Pferdeknecht, dem er gerade in die Hände fiel, war der erste Dieb in der ganzen Umgegend: man schickte ihn denn auch zur Ansiedlung nach Sibirien. Bei diesem Pferdeknecht ging Polikei in die Lehre, und weil er eben noch zu jung war, hatte er sich derart an diese »Kleinigkeiten« gewöhnt, daß, ob er auch später froh gewesen wäre, davon zu lassen, – er das gar nicht mehr vermochte. Er war ein junges Menschenkind, noch schwach; Vater und Mutter hatte er nicht, und es war niemand dagewesen, ihn zu unterweisen. Polikei liebte zu trinken und liebte nicht, daß irgendwo etwas »schlecht lag«. Ob es ein Lederriemen oder ein Sättelchen war, ein Schloss, Kupferbolzen oder etwas Wertvolleres – alles fand bei Polikei einen Platz für sich. Überall gab es Leute, welche diese Sächelchen annahmen und dafür in Schnaps oder Geld bezahlten, je nach Übereinkunft. Dieser Verdienst ist der allerleichteste, wie das Volk sagt: es ist dafür weder eine Lehre nötig, noch eine besondere Anstrengung, noch irgend etwas sonst; wenn man aber einmal den Versuch machte, so wünscht man keine andere Arbeit mehr. Eines nur ist nicht schön bei diesem Gelderwerb: Wenn man auch alles billig und mühelos erlangt, und zu leben angenehm ist, so geht es plötzlich schlechter Menschen wegen nicht mehr gut mit diesem Gewerbe, und dann muß man für alles auf einmal bezahlen und wird seines Lebens nicht froh.
So hatte es sich denn auch mit Polikei zugetragen. Er heiratete, und Gott hatte ihm Glück gegeben: zur Gattin – sie war die Tochter eines Viehhüters – war ihm ein gesundes, gescheites, arbeitsfrohes Weib zugefallen; Kinder gebar sie ihm, eines besser als das andere. Plötzlich überkam ihn aber Unglück, und er fiel herein. Und um Nichtigkeiten: bei einem Bauern hatte er Lederzügel beiseite gebracht. Man fand sie, prügelte ihn durch, führte ihn vor die Gnädige und begann auf ihn acht zu geben. Ein zweites und ein drittes Mal ward er ertappt. Das Volk fing an, von ihm schlecht zu sprechen, der Verwalter drohte, ihn unter die Soldaten zu stecken, die Gnädige gab ihm einen Verweis, seine Frau begann zu weinen und sich zu grämen, alles ging drüber und drunter. Er war dabei ein guter, keineswegs ein schlechter Mensch, nur schwach war er; er liebte zu trinken, und er hatte eine so heftige Gewohnheit dazu gefaßt, daß er auf keine Weise davon lassen konnte. Es kam vor, es beginnt ihn seine Frau zu schimpfen, sogar zu schlagen, wenn er betrunken nach Hause kommt, er aber weint: »Ich unglücklicher Mensch« – spricht er – »was soll ich denn machen? Mögen meine Augen zerplatzen, ich werde es werfen, ich werde nicht mehr!« Warte ab! Einen Monat darauf wird er wiederum aus dem Hause gehen, sich betrinken, zwei Tage verschwunden sein. »Von irgendwoher nimmt er doch wohl das Geld, um zu bummeln,« meinten die Leute. Seine letzte Affäre war mit der Kontoruhr. Es war da im Kontor eine alte Wanduhr, längst schon ging sie nicht mehr. Einst kam es so, daß er allein ins unverschlossene Kontor eintrat; die Uhr verführte ihn, er trug sie fort und verkaufte sie in der Stadt. Wie absichtlich ereignete es sich, daß jener Budeninhaber, dem er die Uhr verkauft hatte, zufällig Schwiegersohn einer Hofleibeigenen ward und zum Feiertag ins Dorf kam und von der Uhr erzählte. Man begann nachzuforschen, ganz so, als ob das irgendwem nötig gewesen wäre. Besonders der Verwalter liebte nicht den Polikei. Und man fand den Täter. Man hinterbrachte es der Gnädigen. Sie ließ den Polikei rufen. Der fiel sogleich auf die Knie und gestand mit Gefühl, so, daß es rührend war, alles, wie es ihm seine Frau beigebracht hatte. Er führte alles sehr gut aus. Es begann ihm die Gnädige zur Vernunft zu reden; sie sprach und sprach, predigte und predigte von Gott, von der Tugend, vom zukünftigen Leben, von seiner Frau und von seinen Kindern, und sie brachte ihn zu Tränen.
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