„Was wohl?“, pariert sie mit eisiger Stimme. „Das mit deiner Tante!“
„Sie ist halt meine Tante. Du kennst doch Tante Elke.“, flüchte ich mich in Floskeln.
„Nein, ich kenne deine Tante Elke nicht.“, erwidert Carina gereizt. „Du hast uns einander schließlich nie vorgestellt.“
Das habe ich in der Tat nicht, und zwar aus gutem Grund. „Nein, das stimmt.“, gebe ich zu. „Aber ich habe dir von ihr erzählt. Du weißt doch, wie sie ist.“
„Ich wusste nicht, dass sie dich mit gebratenen Tierkadavern durchfüttert.“, lässt sie mich mit säuerlicher Miene wissen. „Ich dachte, du wärst Vegetarier.“
Ich dachte das nie, aber was habe ich denn für eine Chance? Carina ist da absolut nicht kompromissbereit. Also habe ich mein Leben darauf ausgerichtet, zu Hause kein Fleisch zu essen. Aber es ist jetzt vielleicht nicht der richtige Augenblick für eine Grundsatzdiskussion. Andererseits, wann ist der schon? Mein schwammiges Gehirn setzt für einen Moment die angeborenen Selbstschutzmechanismen außer Kraft. „Ich mag Hackbraten.“, keuche ich in einem Akt aufbegehrender Verzweiflung. „Er schmeckt lecker und gibt mir Kraft.“
Ehe ich mich‘s versehen kann, stiebt Carina davon. Durch meine schweißgetränkten Augen kann ich nur noch ihren Hintern und den Pferdeschwanz sehen, der sich in rasender Geschwindigkeit von mir entfernen.
Vor unserer Haustür erwartet sie mich stretchend und mit einem höhnischen Grinsen. „Kraft, ja?“, funkelt sie mich böse an.
Verzweifelt hebe ich die Arme. „Ja, ein echter Mann braucht Proteine.“ Der Satz verlässt meinen Mund, bevor ich irgendetwas dagegen tun kann. Joggen weicht definitiv das Gehirn auf.
„Ein echter Mann?“ Carina baut sich vor mir auf. Ihre vernichtenden Blicke stechen ebenso fest zu wie ihr Zeigefinger, der sich schmerzhaft in meine Brust bohrt. „Ein echter Mann lässt seine Freundin nicht so im Stich. Und ein echter Mann lässt sich von seiner Tante nicht herumkommandieren wie ein kleines Kind.“
Das hat gesessen. Alle Achtung! Ich spüre das instinktive Bedürfnis, die Hacken zusammenzuschlagen und „Jawoll!“ zu brüllen. Zum Glück fehlt mir dazu die Kraft und ich lasse mich seitlich gegen die Hauswand fallen. Der raue, angegraute Putz sticht schmerzhaft in meine Schulter.
„Manchmal glaube ich ehrlich, dass du mich gar nicht liebst.“, fährt Carina bereits die nächste Attacke. Das ist jetzt wirklich unfair und das weiß sie auch, aber wenn sie einmal in Rage ist, gehen schon mal die Pferde mit ihr durch.
„Liebst du mich?“, fragt sie mich herausfordernd.
„Natürlich.“, sage ich. „Natürlich liebe ich dich.“
„Natürlich!“, regt sie sich auf. „Was soll das denn jetzt heißen?“
,Ganz dünnes Eis!‘, warnt mich mein Unterbewusstsein. „Carina. Ich liebe dich. Das weißt du.“, erwidere ich betont ruhig.
„Beweis es!“, fordert sie und dreht sich um. „Welche Augenfarbe habe ich?“
Du lieber Himmel! Woher soll ich denn wissen, welche Augenfarbe sie jetzt gerade hat? Das kommt doch ganz auf das Licht und ihre Stimmung an. In ihrem Pass steht braun, aber oft sind ihre Augen eher grau-blau mit einem breiten braunen Rand. Wenn sie in einem Streit so richtig in Fahrt ist, werden sie grün wie zwei Smaragde. Wenn sie ganz entspannt ist, wie an einem Winterabend vor dem warmen Kamin, dann strahlen sie warm und herzlich in einem dunklen Braunton. Am allerliebsten habe ich es aber, wenn sie glücklich ist oder die Sonne schräg in ihr Gesicht scheint. Dann leuchten ihre Augen wie Bernstein, so dass ich einfach nur dahinschmelzen könnte.
Aber jetzt gerade? „Keine Ahnung.“, sage ich hilflos. „Das kommt doch ganz...“ Weiter komme ich nicht, denn wie von der Tarantel gestochen, schießt sie davon. Ihre rechte Hand erscheint mit gestrecktem Mittelfinger über der Schulter. Meine Knie sind viel zu weich, um ihrem straffen Sprint etwas entgegensetzen zu können und so bleibt mir nichts anderes übrig, als ihrem wippenden Pferdeschwanz und dem obszönen Finger hinterherzustarren und mich zu fragen, was jetzt schon wieder falsch gelaufen ist.
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