„Jaaa, du bekommst dein Geld. Morgen. Wirklich!“
„Dann musst du deine Bankangestellte aber noch reichlich bestechen, was?“ Max schaute in den sternklaren Nachthimmel. „Ich hab nur vergessn, Geld abssuholen, dass’s alles! Ehrlich! Du bekommsses morgen ssurück! Ehrlich!“
Max fröstelte, trotz des schweren Gewichts, das sich auf ihn stützte.
„Das krieg ich schon hin, verlass dich drauf. Diese Frau ...“
Max blieb abrupt stehen, fast wäre ihm Robert von der Schulter gerutscht. Robert konnte ja sein Leid klagen, worüber auch immer, aber wenn Robert von seinen Schwerenötereien erzählte, dann versetzte es Max immer einen Stich, und er mochte ihm gar nicht mehr zuhören. Normalerweise wusste Robert, dass Max immer davon träumte, in dieser Hinsicht ein bisschen so zu sein wie Robert, es aber nicht schaffte, und normalerweise nahm Robert auch immer Rücksicht darauf. Nur manchmal rutschte ihm so eine Bemerkung heraus. Max musste tief Luft holen.
„Oh, ’schuldigung“, brabbelte Robert.
Max setzte sich wieder mühsam in Bewegung.
„Ja, ja! Soffie!“ Und Robert wirbelte seinen freien Arm in die Luft. „Das wäre ein Leben, was, mit einer solchen Frau ...?“ grölte er in die Nacht hinein.
„Sei still“, fuhr ihm Max unwirsch dazwischen, „erstens kenne ich sie nicht und zweitens hetzt du uns noch die Polizei auf den Hals mit deiner Schreierei!“
„Ach was, ich werd doch wohl noch was träumen dürfen, oder?“
Max alle Mühe, den Träumer nach Hause zu bekommen ohne selbst gegen eine Hauswand oder ein parkendes Auto zu fallen. Polizei ließ sich an diesem Abend zum Glück auch nicht sehen. Und es wurde spät. Und er musste morgen zu seinem Professor. Und es war nicht der liebenswürdige Pulte!
Ein schweres Motorrad fuhr die Straße entlang und röhrte durch das geschlossene Fenster mit einer irrwitzigen Lautstärke bis an Roberts Ohr. Robert lag immer noch quer über das Bett gestreckt, hörte das Motorrad gar nicht und schlief tief und fest und schnarchte hin und wieder ein bisschen dabei.
Klaus Burkhardt ließ die Seiten durch seine großen, langen Finger gleiten. Der Geruch eines frisch gedruckten Buches wehte ihm in die Nase. Er liebte diesen ganz eigenen Geruch aus frisch geschnittenem Papier, Druckerschwärze und Leim. Am liebsten war es ihm, wenn er das Buch aus der Verpackung auspacken konnte, dann war der Geruch am intensivsten. Er holte sich umständlich seine Lesebrille aus dem schwarzen Etui. Das Alter hatte sie vor nicht allzu langer Zeit seiner Eitelkeit abgenötigt. Er setzte sie sich immer noch ungeübt auf die Nase, knöpfte sich sein Jackett auf und lehnte sich bequem zurück, um ein paar Zeilen zu lesen. Der kleine gepolsterte Bürostuhl unter ihm ächzte. Burkhardt war zwar nicht besonders dick, er war nur eben groß. Und der Stuhl unter ihm war nur ein normaler Bürostuhl, wie sie hier überall standen, in jedem Büro und in jedem Vorzimmer der Beigeordneten und Referenten. Burkhardt hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, viel Zeit in seinem Vorzimmer bei Drilling zu verbringen. Er mochte die Gesellschaft anderer bei der Arbeit, deshalb war er meist hier und eher selten, ja, fast nie in seinem eigenen Bürozimmer.
Burkhardt las nur wenige Zeilen, um dann plötzlich, ohne irgendeine Ankündigung, unter einem lautem Zischen in sich zusammen zu sinken, nach vorn auf beide Ellbogen zu fallen, mit denen er sich auf den Tisch stützte, um, so schien es, fast ganz unter den Tisch zu sinken.
„Ja, ja, ja, da schreiben irgendwelche Heinis irgendwas, machen ein Buch daraus, schicken es hierhin und dorthin und meinen, damit einen Job zu bekommen. Am besten noch meinen.“
Die Bemerkung war an sein Gegenüber gerichtet, Stefan Drilling. Er war sein persönlicher Assistent. Zuständig für Pressearbeit, Koordination, Termine. Er war unscheinbar, nicht so eine imposante Erscheinung wie Burkhardt, und er war eher leise, gegenüber dem manchmal unangenehm lauten Burkhardt. Das Auffälligste an ihm war die viel zu große, viel zu rote Nase. An manchen Tagen war die Nase besonders rot, sie leuchtete regelrecht, niemand sprach ihn darauf an, alle aber dachten sich ihren Teil zu diesem leuchtenden Ding mitten in Drillings Gesicht. Manchmal aber leuchtete seine Nase allerdings auch dann schon auf, wenn er nur ein wenig nervös war. Das hatte ihm bereits manch unangenehme Situation eingebracht, vor allem auf behördeninternen Besprechungen, damals, im Archiv! Manche hatten sich daraus dann und wann auch schon einmal einen kleinen Scherz mit Drilling und seinem Ding im Gesicht erlaubt. Aber das war schon lange her. Seitdem hatte er seine Arbeit immer im Stillen verrichtet und war, als sich vor einigen Jahren die Gelegenheit ergab, Burkhardts persönlicher Assistent geworden. Und unter diesem Chef konnte er seine Fähigkeiten sehr schnell unter Beweis stellen. Das hat schon mancher zu spüren bekommen. Er war klug. Und hintertrieben. Intrigant. Nachdem Burkhardt ihn kennen gelernt hatte, konnte er nicht mehr auf ihn verzichten. Und Stefan Drilling hätte nicht mehr tauschen wollen. Er mochte Burkhardt vom ersten Tag an. Er liebte ihre Geistesverwandtschaft.
Burkhardt rückte wieder auf seinem Stuhl zurecht, nahm den Brief, der dem Buch beigelegen hatte, und las ihn noch einmal mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln durch.
Stefan Drilling schrieb unterdessen weiter unbeirrt an einem Brief, ließ sich nicht durch Burkhardt stören, denn solches Stöhnen entfuhr Burkhardt ständig, wenn dieser große Körper zusammengesunken auf dem viel zu kleinen Stuhl saß.
„Stefan?“
„Ja?“, kam es militärisch knapp zurück, Drilling sah auf.
„Hast du nicht zugehört?“
Burkhardt ließ die Seiten wieder durch seine Finger gleiten.
„Nein.“
„Meinst du, mit so was kann man Erfolg haben?“
„Doch, ich glaube schon. Wenn man das richtige Thema zur richtigen Zeit bearbeitet und rechtzeitig veröffentlicht, dann kann es sein, dass man damit sogar großen Erfolg hat.“
„Hm. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags.“
„Das kann schon was Spannendes sein.“
„Das sieht mir aber nicht so aus.“
„Hast du schon mal hineingeguckt?“
„Ehrlich gesagt, nein. Aber lass mal sehen“, sagte Stefan Drilling und hielt die Hand hin. Burkhardt reichte ihm das Buch über den Tisch hinüber. Für die Aufgaben, die er zu erledigen hatte, war Drillings Platz in diesem Büro eher knapp bemessen. Er saß hinter dem Schreibtisch, unmittelbar vor dem wuchtigen Regal an der rechten Seite des Büros, so dass Drilling zwischen diesem Regal und Schreibtisch eingezwängt saß, und dazu hatte er auf seinem Schreibtisch alle Ablagen und Stapel, die Burkhardt auf dem niedrigen Schränkchen neben der Türe nicht unterbringen wollte. Der Platz vor dem Schreibtisch war demgegenüber riesig. Das sollte so sein, weil es großzügiger wirkte, meinte Burkhardt. Deshalb musste Drilling seinen Bauch einziehen, wie Burkhardt einmal sagte, das war eben so bei Burkhardt – ganz einfach – zack!
Drilling hatte unterdessen begonnen zu lesen. „Das könnte man interessanter machen“, meinte er kurz darauf.
„Aha?“
Und Drilling entwarf in knappen Sätzen die Fragen, Probleme und Zusammenhänge, die er in einem historischen Projekt bearbeiten würde, er hätte sich mehr auf eine einzelne Gruppe Abgeordneter konzentriert, aus der Stadt, der Region vielleicht, und dann wäre er weiter in die Vergangenheit zurückgegangen, hätte die Abgeordneten im Nationalsozialismus untersucht, historische Brüche herausgearbeitet, Karrieren unter die Lupe genommen, aber in jedem Fall die Zeit des Nationalsozialismus genommen, damit würde man immer Aufsehen erregen, kurz, er entwarf für Burkhardt ein kleines Buch, ein Projekt, etwas, das Burkhardt am Ende aufhorchen ließ. „Und zu einer bestimmten Zeit veröffentlicht, könnte es passieren, dass man auf einmal in aller Munde ist, und das würde einigen aus der Partei deinen Namen wieder einmal in Erinnerung bringen“, schloss er seine kleine Skizze.
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