Burkhardt dachte nach. „Du meinst also, ich sollte mich für diesen – wie heißt der noch? – einsetzen?“
„Nein, nein, das meinte ich jetzt nicht, ich meinte eher, dass wir damit auch Erfolg haben könnten. Davon schwärmst du doch immer noch, oder?“
„Du bist verrückt!“
„Wieso?“
„Und wie sollten wir das allein aufziehen? Nein, nein, das ist mir viel zu heikel. Da sind ja tausende Fallstricke bei diesen NS-Themen zu beachten, da wird einem ja jedes Wort im Munde herumgedreht, insbesondere bei diesen Pressefritzen, die einem immer hinterher hängen und einem jedes Wort aus der Nase ziehen, und am Ende bereut man, überhaupt auch nur ein Wort gesagt zu haben, nein, nein, das ist nichts für mich!“
„Da hast du ja Erfahrung, bei deinen bisherigen Themen. Die sind ja auch nicht besonders gut angekommen“, konnte sich Drilling nicht verkneifen zu bemerken.
„Ja, ja, das habe ich mittlerweile auch bemerkt“, schnauzte Burkhardt zurück.
Drilling liebte diese Momente, in denen Burkhardt wie ein verwundeter Riese war, und er in seinen offen zutage liegenden Wunden herumstochern konnte, ohne dass er es ihm übel nehmen konnte, weil er sich selbst in diese Lage gebracht hatte. Und Burkhardt nahm sich in solchen Momenten immer wieder vor, Drilling bei der nächsten Gelegenheit wieder los zu werden. Aber er wusste auch, dass das nur der Wunsch eines kleinen Augenblicks sein konnte, denn sie waren ja geradezu aneinander gekettet. Und auch Drilling wusste, dass ihr Schicksal zu eng verwoben war, als dass er Burkhardt machen lassen konnte, was der wollte. Er wollte wissen, was Burkhardt tat und was dadurch auch auf ihn zukam. Und wenn Drilling etwas nicht leiden konnte, dann, dass er an einer für ihn selbst brenzligen Situation, die er selbst nicht zu verantworten hatte, nichts mehr ändern konnte und ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.
Burkhardt strich sich mit seiner großen Hand über das Gesicht. Dann setzte er sich zurecht, lehnte sich nach vorn und stützte seine Stirne in beide Hände.
„Also, die Geschichte der Abgeordneten. Im Nationalsozialismus. Aus unserer Stadt. Gut.“
„Nein.“
„Nein? Wieso nein? Aber du hast doch gerade ...“ Burkhardt brach abrupt ab nachzudenken und überlegte sich, ob er sauer auf Drilling werden sollte.
„Ich habe dir gesagt, was ich aus diesem Buch machen würde. Aber du brauchst ein anderes Thema. Etwas, was mit dir zu tun hat. Sonst glauben dir die Leute dein Engagement nicht.“
„Aha. So! Und was schlägst du da vor?“
„Eine Geschichte deiner Behörde. Bauen und Planen. Besser geht‘s doch gar nicht.“
„Wieso? Was soll dieses Amt besser geeignet für ein Thema machen als ...“
„Bau, Zulassung und Abnahme von Zwangsarbeiterlagern? Überplanung von Synagogen? Durchführen kriegswichtiger Aufgaben? Mit Zwangsarbeitern? Brauchst du noch mehr?“
„Ah. Äh, nein. Das reicht. Erst mal. Gut. Also...“
„Also?“
„Also, da brauchen wir einen, der das bearbeitet, einen Professor, wie wäre es mit – mit – verflixt, ich habe den Namen vergessen, der war früher auch mal aktiver in unserer Partei, falls wir den dafür begeistern können, ...“ Und sie überlegten, wie sie ein solches Unternehmen auf die Beine stellen könnten. Mit welchen Professoren, von der Universität, oder lieber doch aus den eigenen Reihen, nein, Drilling kannte jemanden von der Universität, „harmlos“, wie er meinte, „eher ein Zauderer, ein biederer Zauderer“, aber auch der könne ja hinter Geld und Stellen her sein wie der Teufel hinter der armen Seele, da müsse man also vorsichtig sein, „Aber wie der hieß ...“, nein, Drilling konnte sich nicht erinnern, Burkhardt hingegen fiel in diesem Moment der Name seines Parteifreundes ein, „Kriszeck“, richtig, Kriszeck könnte doch so ein Projekt aufziehen, der lehrte irgendetwas in Neuerer Geschichte, das müsste ja erst einmal hinhauen, und außerdem könnte man ja auch noch die Arbeitsstelle NS-Geschichte ansprechen, „das sind ja die Experten“, meinte Burkhardt. „Vielleicht“, meinte Drilling dazu, das wäre keine schlechte Idee. „Wir werden also erst einmal den einen ansprechen, den ... – Pulte! So hieß er, Pulte!“, rief Drilling schließlich.
„Nein, das war deiner, Drilling, der, den du von der Uni kennst. Ich meine aber den aus unserer Partei. Den Kriszeck! Also, Drilling, du telefonierst mit Pulte, ich mit Kriszeck.“ Burkhardt lehne sich zurück und nickte. „Schön.“
„Gut. Aber lass nicht wieder mich alles allein machen, ja? Und du solltest dieses Mal nicht wieder sofort ‚hier‘ rufen, wenn ein Posten irgendwo im Land frei wird, das geht manchen Leuten schon auf die Nerven. Lass dieses mal die anderen darauf aufmerksam werden, dass du gut bist für den nächsten wichtigen Posten.“
„Ja, ja, ja, ich halte mich dieses Mal zurück“, grummelte Burkhardt. „Aber du bist dir sicher, dass das Thema wirklich so ein Knaller werden könnte, dass ich mich da nicht selbst ins Spiel ...?“
„Das hängt davon ab, wie wir das präsentieren“, unterbrach Drilling ihn. „Und worauf es dabei wirklich ankommt! Worauf es dir ankommt!“ Drilling dachte dabei das „und mir“ in Gedanken immer mit. „Das Thema, das seriös bearbeitet werden soll, Stellen schaffen für nette Leute, schön, dass wir mal darüber geredet haben“, fuhr er also fort, „oder die Tatsache, dass du mit dem Thema auf dich aufmerksam machst? Man darf das Ziel bei dieser Sache nie aus den Augen verlieren! Und daraus ergeben sich dann ganz andere Anstrengungen und Maßstäbe.“
„Mensch, Drilling“, lachte Burkhardt, „du weißt ja, was wichtig ist, nicht wahr? Tue Gutes und rede drüber, ha, ha! Du durchtriebene Socke!“
„Aber es liegt eine Menge Arbeit vor uns, vergiss das nicht, es dauert Monate, bis wir erste Ergebnisse erzielen können. Frühestens.“
Burkhardt stand auf, ging um den Tisch herum und klopfte Drilling auf die Schulter: „Dann wollen wir mal, was? Komm, lass uns gehen, es ist schon spät geworden.“ Burkhardt griff nach seiner Tasche, öffnete die Türe und wartete dort, bis Drilling seine Sachen zusammengeräumt hatte. Ihre erfolgreichen Besprechungen ließen sie gewöhnlich bei dem etwas teureren Italiener „Capri“ neben „Annes Ecke“ bei einem späten üppigen Essen ausklingen.
Robert blinzelte in die regnerische Dunkelheit hinein, murrte ein wenig und drehte sich um.
Es war viertel nach Acht. Abends. Da konnte er gleich liegen bleiben.
Gestern war es spät geworden.
Mit fliegenden Schritten nahm Professor Kriszeck die letzten Stufen der Treppe und lief mit weit ausholenden Schritten den langgestreckten Gang entlang. Seine hagere, gereckte Gestalt schien nicht nur die Höhe, sondern eigenartigerweise auch die ganze Breite des immer gleich grauen Flures einzunehmen. Unwillkürlich gingen ihm die Studenten aus dem Weg und grüßten ihn zurückhaltend, darauf bedacht, den Abstand zu ihm möglichst groß zu halten. Aber nichts deutete darauf hin, dass er die im Flur stehenden Figuren überhaupt wahrgenommen hätte. Für ihn waren es Zwerge. Gut, das eine Gesicht dort, kannte er es nicht? Max Haas, richtig? Und daneben? Ralf-Roland Sowieso. Egal! Doch schon kurz darauf verschwammen die blassen, scheuen Gesichter für Kriszeck zusammen mit den anderen Gesichtern im fahlen Spätnachmittagslicht des Flures zu einer eigenartigen milchig-trüben Masse, die ihm meist nur im Weg stand, die ihn störte, die es im Grunde aber auch nicht wert war, eingehender beachtet zu werden. Er war froh, wenn er sich aus dieser milchigen Trübe in sein Büro flüchten konnte.
Er blieb vor der Türe zu seinem Büro stehen, kramte in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel, die dünne Aktentasche zusammen mit dem Fahrradhelm unter den anderen Arm geklemmt. Er schloss umständlich die Türe auf, ging hinein, gab der Türe einen heftigen Stoß, dass sie knapp vor Max’ Nase zuknallte und stellte die Tasche auf dem mit Büchern, Papieren und dem Bildschirm bereits übervollen Schreibtisch ab. Sein Blick fiel auf die Post. Sein Blick verengte sich, seine Züge wurden kantig, die Falten tiefer als üblich. Sein Gesicht, ohnehin spitz durch die große, weit nach vorn ragende Nase, wurde scharf. Er blätterte die Umschläge schnell durch. Heute war der erhoffte Brief immer noch nicht gekommen!
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