Seine Augen folgen mir, als ich auf ihn zugehe. Da ist etwas Dunkles, Raubtierhaftes an seinem Blick. Angst und Erregung flattern in meiner Brust. Es kostet mich all meine jahrelange Praxis, meiner äußeren Erscheinung nicht ansehen zu lassen, was ich innerlich fühle. Als ich beinahe bei Jasons Tisch angelangt bin, erhebt er sich – ganz der Gentleman – von seinem Stuhl, um mich zu begrüßen.
„Madison“, sagt er, meine Hand in seine nehmend, doch diesmal küsst er nicht meine Hand, sondern lehnt sich vor, um mich auf beide Wangen zu küssen. „Sie sehen umwerfend aus“, raunt er in mein Ohr, ehe er einen Schritt zurücktritt und mir einen Stuhl hervorzieht. Nachdem ich sitze, setzt er sich wieder mir gegenüber und winkt einen Kellner heran. Er bestellt eine Flasche Weißwein und Wasser. Der Keller hat uns keine Speisekarten gegeben.
„Ich habe mir erlaubt, unser Dinner vorab zu bestellen“, erklärt Jason mit einem Lächeln, als er seinen Blick kurz zu meinem Dekolleté gleiten lässt, ehe er mir wieder in die Augen sieht. „Haben Sie zuvor hier gegessen?“
Ich schüttle den Kopf und räuspere mich, ehe ich antworte: „Nein. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit. Sie scheinen jedoch nicht das erste Mal hier zu sein.“
„Ich komme stets hierher, wenn ich in New York bin“, erwidert er. „Die besten Scampi, die ich jemals gegessen habe. Ich hoffe, Sie mögen Scampi?“
„Ja, ich bin ein unkomplizierter Esser. Es gibt wenig, was ich nicht mag.“
„Eine Frau nach meinem Herzen“, sagt Jason grinsend und zwinkert mir zu. „Ich bin gespannt, welche Vorzüge von Ihnen ich heute noch entdecken werde.“
Ich kann nicht verhindern, dass Röte in meine Wangen steigt, und ich wende hastig den Blick ab, um mich mit meiner Serviette zu beschäftigen. Jason lacht leise.
„Mache ich Sie nervös?“
„Nein.“
„Lügnerin“, raunt Jason, sich über den Tisch lehnend. „Ich kann Ihr Herz bis hier rasen hören. – Und ihre Nippel sind hart.“
Ich schmeiße meine Serviette auf den Tisch, und erhebe mich, ihn aufgebracht anfunkelnd.
„Ich sehe, es war zu viel zu erwarten, dass Sie sich wie ein Gentleman benehmen. Behalten Sie ihr Geld.“
Jason erhebt sich ebenfalls und greift nach meinem Arm. Unsere Blicke treffen sich. Meiner wütend, seiner entschuldigend.
„Bitte gehen Sie nicht, Madison. Es tut mir aufrichtig leid, wenn ich eine Grenze überschritten haben sollte. Geben Sie mir noch eine Chance. Ich verspreche, ich werde ganz brav sein.“
Mein Herz klopft aufgeregt als ich in seine dunklen Augen starre. Sein herbes Aftershave kitzelt meine Nase, und ich werde mir bewusst, wie nah wir uns plötzlich sind. Er hat eine Hand an meine Hüfte gelegt, die andere hält noch immer meinen Arm.
„Frieden?“, fragt er mit einem jungenhaften Grinsen. „Ich würde mit der Serviette wedeln, doch leider hat sie die falsche Farbe.“
Gegen meinen Willen muss ich lachen. Jason sieht aus wie ein zerknirschter Junge. Er hat sich wirklich zu viel heraus genommen für meinen Geschmack, doch er ist es wahrscheinlich gewohnt, dass Frauen ihm zu Füßen fallen.
„Heißt das, Sie vergeben mir?“, fragt er hoffnungsvoll.
„Okay. Letzte Chance“, erwidere ich.
„Danke. Sie werden es nicht bereuen.“
Tristan
Verdammt! Ich hättees beinahe vermasselt. Das kommt davon, wenn man sein Opfer wie eine potenzielle Bettpartnerin behandelt. Die Frauen, die ich für mein sexuelles Vergnügen treffe, sind leicht zu haben, und hätten mein Flirten erwidert, doch Madison ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Ich gebe mir Mühe, den Rest des Abends respektvoll zu sein. Ich lasse sie über ihr Lieblingsthema Wohltätigkeit plaudern, und wir verspeisen unser Essen und trinken zwei Flaschen Wein. Sie schaut auf die Uhr.
„Mein Fahrer wird jede Minute hier sein“, erklärt sie. „Danke für einen schönen Abend. Sie können doch ein ganz anständiger Kerl sein, wenn Sie sich Mühe geben.“
„Danke. Ich habe den Abend auch sehr genossen. Lassen Sie mich schnell den Scheck schreiben und die Rechnung begleichen, dann begleite ich Sie nach draußen. Ich werde mit Ihnen warten, bis Ihr Fahrer da ist.“
Sie weiß nicht, dass ihr Fahrer nicht kommen wird. Ich werde – ganz der Gentleman – anbieten, sie nach Hause zu fahren. Natürlich wird sie niemals sicher zuhause ankommen. Nein. Sie wird eine kleine Reise machen, und wenn sie erwacht, wird sie eine kleine Überraschung erleben.
Kapitel 2
Tristan
We do whatever we enjoy doing. Whether it happens to be judged good or evil is a matter for others to decide.
-Ian Brady-
Ich hab siedort, wo ich sie haben will. In meinem Kerker. Nackt. Allein. Hilflos. Noch ist sie bewusstlos, doch sie wird bald erwachen. Ich kann es kaum erwarten, ihre Reaktion zu sehen. Zuerst die Orientierungslosigkeit. Dann Fassungslosigkeit. Schließlich die Panik. Es ist mit allen meinen Opfern dasselbe. Interessant wird es, wenn wir uns zum ersten Mal offiziell als Opfer und Killer gegenüberstehen. Wird sie vor mir kauern? Wird sie flehen? Oder wird sie kämpfen? Das ist etwas, was bei jedem Opfer unterschiedlich ist. Am Liebsten sind mir die, welche versuchen, mich zu bekämpfen. Welche Pläne schmieden, um mich in meinem eigenen Spiel zu besiegen. Sie haben niemals Erfolg damit, doch es ist interessant zu beobachten, wie sie es immer wieder versuchen, bis sie lernen, dass es keinen Ausweg für sie gibt als den Tod.
Ihre Zelle ist hell erleuchtet. Ich kontrolliere das Licht, und es wird Zeiten geben, wo ich sie in der Dunkelheit halten werde. Doch für den Moment, wo sie erwacht, will ich, dass sie in aller Klarheit sieht, wo sie sich befindet. Ich kann sie jederzeit sehen, da die Kameras alle über Nachtsicht verfügen, doch wenn ich ihre erste Reaktion studiere, nachdem sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, dann will ich sie klar und in Farbe sehen. Eindringlich starre ich auf ihr Gesicht, als könne mein Wille allein sie dazu bewegen, endlich aufzuwachen. Als ihre Augenlider zucken, halte ich den Atem an. Die Lider flattern ein paar Mal, dann öffnen sie sich.
„Guten Morgen, Beautiful“, sage ich leise, und ein sadistisches Grinsen tritt auf mein Gesicht. „Willkommen in meinem Reich.“
Madison
Als ich erwache,habe ich pochende Kopfschmerzen und mein Mund ist trocken. Hab ich gestern zu viel getrunken? Wo war ich gestern? Was für ein Tag ist heute? Warum fühle ich mich so orientierungslos? Normalerweise bin ich stets klar und topfit, wenn ich aufwache. Meine Augenlider sind so schwer, dass ich ein paar Mal blinzeln muss, ehe ich es schaffe, meine Augen zu öffnen. Verwirrung breitet sich in mir aus, als ich auf die Decke über mir starre. Eine graue Betondecke. Dies ist nicht mein Schlafzimmer. Ein ungutes Gefühl nagt an mir, doch ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Alles ist so unklar in meinem Kopf. Mein Herz schlägt unruhig in meiner Brust, und mein Magen fühlt sich an, als wäre er mit Blei gefüllt. Ein paar Erinnerungen kommen langsam zurück. Die Wohltätigkeitsveranstaltung. Sie war ein voller Erfolg gewesen. Wir hatten beinahe acht Millionen eingesammelt. Mehr als genug für die Stiftung, um Kindern in Russland zu helfen. Doch was war seit der Veranstaltung bis jetzt geschehen? Wie viel Zeit war vergangen? Ein Gesicht erscheint vor meinem inneren Auge. Ein gut aussehender Typ, ein paar Jahre älter als ich. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Die magnetische Anziehung, die ich für ihn empfunden habe. Jason. Sein Name ist Jason... Jason... Ich erinnere mich. Jason Carter. Er hat mich zum Abendessen eingeladen. Ich schließe die Augen, als ich versuche, mich zu konzentrieren, um mehr Erinnerungen wachzurufen. Wir haben zusammen zu Abend gegessen. Wein getrunken. Es war ein angenehmer Abend gewesen. Dann haben wir auf meinen Fahrer gewartet, doch er war nicht gekommen. Auch telefonisch war er nicht erreichbar gewesen. Jason hat mir angeboten, mich zu fahren. Ich bin in seinen Audi eingestiegen und dann... Verdammt! Warum kann ich mich nicht erinnern? Hat er mich entführt? Der Gedanke lässt mein Herz noch schneller rasen. Ich setze mich auf und schaue mich panisch um. Wo bin ich? Der Raum, in dem ich mich befinde, ist etwa zwölf Quadratmeter groß. Ein Bett, auf dem ich liege mit einem einfachen Nachtschrank. Eine offene Feuerstelle in der Ecke. Eine Tür die ein wenig offen steht und Sicht auf ein Badezimmer offenbart. Eine andere Tür, die geschlossen ist. Kein Fenster. Kein Teppich. Keine Tapete. Nur nackter Beton. Und es ist kühl. Mit einem flauen Gefühl im Magen sehe ich an mir hinab, und ein Schrei kommt über meine Lippen. Ich bin nackt. Das Bett ist bar. Kein Laken. Kein Kissen. Keine Decke. Ein Schluchzen steigt in meiner Kehle auf. Jemand hat mich entführt und mich hier eingesperrt, und wenn ich die Erinnerungen richtig deute, dann war es Jason. Mein ungutes Gefühl, dass er eine Gefahr für mich darstellt, war gerechtfertigt gewesen. Hätte ich doch nur auf dieses Gefühl gehört. Was will er von mir? Was hat er mit mir vor? Mich vergewaltigen? Mich töten? Ein Zittern geht durch meinen Leib, und es rührt nicht nur von der Kälte her. Niemand hat mir jemals Gewalt angetan. Ich hab als Kind nicht einmal einen Klaps bekommen. Der Gedanke, dass jemand mir wehtun will, ist erschreckend. Was soll ich tun? Ich muss hier raus. Es gibt kein Fenster, also ist die geschlossene Tür der einzige Weg aus dieser Zelle. Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass Jason – oder wer immer hinter meiner Entführung steckt – die Tür sicher nicht offengelassen hat, muss ich es versuchen. Ich stehe aus dem Bett auf und begebe mich auf unsteten Beinen zu besagter Tür. Das ist der Moment, wo mir auffällt, dass es keine Klinke gibt. Mein Herz sinkt. Wie kann ich hier heraus kommen? Hektisch schaue ich genauer hin und entdecke das Kontroll-Pad neben der Tür. Wie es aussieht, ist ein Handabdruck erforderlich. Wenn es wenigstens eine Zahlenkombination wäre, dann hätte ich eine geringe Chance, doch wenn ein Handabdruck erforderlich ist, dann besteht für mich keine Möglichkeit, diese Tür zu öffnen. Ich weiß ohne Zweifel, dass nur der Abdruck meines Entführers die Tür öffnen wird. Ich bin technisch vollkommen unbedarft, ansonsten könnte ich die Tür vielleicht kurzschließen. Doch wenn ich es falsch mache, dann bleibt die Tür vielleicht für immer verschlossen, und nicht einmal mein Entführer kann sie öffnen. Ich fühle mich schwindelig vor Angst. Meine Beine drohen unter mir nachzugeben. Ich lehne mich gegen die Tür und versuche, die aufsteigende Panikattacke zu verhindern.
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