Doch sie kam nicht drum herum, sich ihm noch einmal zuzuwenden.
»Darf‘s noch was sein?« Sie nahm das leere Glas und stellte es zu dem anderen schmutzigen Geschirr, das die Küchenmädchen regelmäßig abholten.
Er blickte auf, fast ein wenig überrascht, als hätte sie ihn aus tiefen Gedanken gerissen.
»Ähm«, machte er, einen Augenblick verwirrt, »ein alkoholfreier Cocktail?«
»Klar«, gab Nadeya zurück und musterte ihn interessiert, während sie ihm die Cocktailauswahl auf der Karte aufschlug. Er schien wahllos einen auszusuchen, und während sie ihm einen Früchtecocktail zubereitete, schielte er hinüber zur Bühne.
»Wann startet denn bei euch die Live-Musik? Ich war ewig nicht mehr hier.«
»Um zehn«, antwortete sie automatisch.
»Noch zwei Minuten«, sagte er mehr zu sich selbst, während er einen Blick auf sein Handy warf.
»Bitte sehr.« Sie stellte den Cocktail vor ihm ab.
»Vielen Dank. Sieht klasse aus«, gab er zurück und lächelte sie an. Einen Moment zögerte er, bevor er die Hand ausstreckte.
»Ich bin übrigens Christian... Oder Chris.«
Einen winzigen Augenblick starrte sie irritiert auf die kleinen, keltischen Symbole, die in die Innenseite seines Unterarms eintätowiert waren, bevor sie seine große, warme Hand ergriff. Von seiner Arbeit als Makler waren seine Finger bestimmt nicht so rau geworden.
»Nadeya«, antwortete sie und stieß nervös mit der Zunge gegen ihre Piercings. Geistesabwesend spielte sie daran herum.
»Freut mich, Nadeya. Ich hab übrigens auch mal da gestanden, wo du jetzt stehst.«
Überrascht sah sie ihn an. Er schien keinen Witz zu machen.
»Du hast im Underground gearbeitet?«
Er nickte.
»Joe ist ein guter Chef. Er bezahlt ganz anständig.«
Nadeya zuckte ausweichend mit den Schultern.
»Es gibt sicher Schlimmere.«
»Was machst du sonst? Außer hier zu arbeiten, meine ich.«
Sie blickte ihn irritiert an.
»Nichts.«
»So gar nichts?« Da war es wieder. Sein Lachen. Nadeya musste selbst ein Lächeln unterdrücken.
»Naja, ich studiere nicht, oder so. Ich arbeite hier und verdiene genug, um davon zu leben.«
Chris musterte sie einen Augenblick, doch das Lächeln verschwand nicht aus seinen markanten Zügen.
In diesem Moment setzte die Musik ein. Einfach so, ohne dass jemand den Neuling angekündigt hätte. Der erste Gitarrenschlag ließ Nadeya leicht zusammenzucken. Sie kannte dieses Lied. Heute Morgen hatte sie es zuletzt gehört. Automatisch wanderte ihr Blick zur Bühne.
»Oh Scheiße!«
Chris lachte wieder.
»Lass ihn das bloß nicht hören. Das würde mächtig an seinem Ego kratzen.«
Nadeya schüttelte ungläubig den Kopf, während genau derselbe Mann dort auf der Bühne saß, der am Morgen noch aus ihrem PC-Bildschirm herausgelächelt hatte. Er war es. Ohne Zweifel. Es waren dieselben braunen Locken, die er in seinen Videos fast immer im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Heute trug er sie offen. Sie fielen ihm über die Schultern und ins Gesicht.
Nadeya kannte die Art, wie er Gitarre spielte und wie seine Stimme in den niedrigen Tonlagen besonders voll und rau klang. Sie kannte jede einzelne Note dieses Songs, hatte sie sie doch selbst zu singen geübt.
Verdammt! Ausgerechnet heute, wo Khyra hier war.
»So ein Mist«, murmelte Nadeya und starrte den Sänger ungläubig an.
»So schlecht ist er nun auch wieder nicht.«
»Nein! Nein... oh verdammt...«
»Na Chris, hältst du meine Bedienung vom Arbeiten ab?« Joe war an ihrer Seite aufgetaucht und legte locker den Arm um ihre Schulter.
»Ich weiß nicht recht. Ich glaube sie hält sich gerade erfolgreich selbst davon ab. Kians Stimme scheint ihr nicht sonderlich zu gefallen.«
»Soll das ein Scherz sein? Dein Bruder singt unglaublich.«
Joe musterte Nadeya anklagend. Ihr schlug das Herz in doppelter Geschwindigkeit. Bruder? Das war einfach nicht möglich. Solche großen Zufälle konnte es nicht geben. Wahrscheinlich hatte Khyra sich den Kuss nur ausgedacht und gemeinsam mit Joe diesen Plan ausgeheckt, um sie auf die Schippe zu nehmen. Das hätte sie vielleicht geglaubt, wenn Joe und ihre Schwester einander gekannt hätten und Khyra der Typ für solche Späße gewesen wäre.
»Khyra...«, murmelte sie und machte sich von Joe los. Ohne Zeit zu verlieren, sprang sie auf den Tresen, schwang die Beine über die Kante und landete neben Chris auf dem Boden.
»Was zum...«, stieß der aus und Nadeya konnte seinen Blick spüren, als sie sich durch den immer voller werdenden Pub kämpfte. Menschen rempelten sie an, stießen sie bei Seite und beleidigten sie, weil sie sich so unwirsch vorbei drängte. Sie musste zu Khyra und ihre kleine Schwester vor Dummheiten bewahren.
»Hey!«, blaffte sie jemand an, als sie gegen ihn stieß. Der stämmige, kleine Typ schubste sie zurück. Sie taumelte und stieß gegen den nächsten Körper.
»Nein...«, keuchte sie, während Hände sie berührten. Grobe Hände, raue, unwirsche Finger, die ihr die Kleider vom Leib rissen... Nein... Das war nicht echt. Das waren bloß... Erinnerungen!
Nadeya rang nach Atem, griff sich an die Kehle und keuchte. Sofort schossen ihr die Tränen in die Augen und sie spürte, wie sie in sich zusammensackte. Ihre Knie schlugen hart auf dem Boden auf.
Nur undeutlich nahm sie wahr, dass dieser Kian aufgehört hatte zu singen. Er sprach in das Mikrofon, stellte sich vor und redete irgendetwas, das nicht richtig zu ihr durchdrang. Verzweifelt schlang sie die Arme um den Oberkörper und spürte das unkontrollierbare Zittern. Füße von Menschen, die sie nicht sahen, stießen gegen sie. Niemand half ihr auf. Sie spürte die Tränen über ihre Wangen laufen, heiß und unaufhaltsam. Es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Sie würde einfach hier sitzen bleiben, bis sich der Pub leerte und niemand mehr hier war, der sie bedrängen konnte. Sie machte sich klein, schlang die Arme um ihren Kopf, wollte Geräusche und Menschen ausblenden und nicht mehr sie selbst sein...
Zwei starke Hände packten sie plötzlich und zogen sie auf die Füße. Ihr erster Impuls war zu schreien, doch aus dem Augenwinkel sah sie die keltische Tätowierung auf der Innenseite des Unterarms und der Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Im nächsten Moment blickte sie in diese unendlich blauen Augen. Sie glänzten im gedämpften Licht des Pubs.
»Chris«, stieß sie atemlos aus.
Einen Augenblick waren sie sich so nah, dass sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. Dann trat er einen kleinen Schritt zurück, doch seine rauen Hände umfassten noch immer ihre Oberarme.
»Oh Mann, du weinst ja«, sagte er leise. Sie musste aussehen wie ein verflixtes Streifenhörnchen. Wer hätte schon damit rechnen können, dass sie wasserfestes Make-up benötigen würde?
»Brauchst du frische Luft?«
Sie nickte langsam. Ohne zu zögern, nahm er ihre Hand in die seine und bahnte ihnen einen Weg zum Ausgang. Hinter ihm zu gehen war leichter, als sich selbst durchzukämpfen. Chris schien so etwas wie eine natürliche Autorität zu besitzen, denn Nadeya war sich sicher, dass die Leute ihm nicht nur wegen seiner muskulösen Statur Platz machten. Er war ohnehin nicht überdurchschnittlich breit gebaut. Muskulös ja, doch er sah nicht aus, wie einer dieser übertriebenen Bodybuilder.
Ihr wurde jäh bewusst, was sie hier tat. Sie hielt die Hand eines Typen, den sie kaum... nein, eigentlich überhaupt nicht... kannte und ging mit ihm zum Ausgang. Er könnte wie diese Kerle von damals sein, nur nett verpackt. Doch stattdessen fühlte Nadeya sich vollkommen sicher mit ihm. Das Zittern ihrer Knie war verschwunden und es liefen keine Tränen mehr über ihre Wangen. Wie machte er das mit seiner bloßen Anwesenheit?
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