Jeder von uns weiß aus hinreichend eigener Erfahrung, wie schwierig das alles ist, wie oft wir uns irren, etwas völlig falsch einschätzen, uns tölpelhaft unsinnig verhalten, schweigen, wo wir schreien sollten, uns zu Wort melden, wo wir unseren Denkunsinn besser für uns behalten hätten, und wie schnell wir in Krisen – persönliche, berufliche, landesweite oder gar globale – hinein stolpern können.
Aber ohne irgendein Bild von der Welt ist der Mensch nicht überlebensfähig. Es ist die Basis für Aktivsein, für Orientierung in einer von seinem Willen unabhängigen Außenwelt, für die Bestimmung der Zielrichtungen und der Art seines Handelns.
Über Jahrtausende konnten allerlei Mythen und Märchen verschiedene Bilder von der Welt malen, die für manche Zwecke brauchbar, für viele Menschen auch hilfreich waren oder noch immer sind.
Aber wir sind nun mal Vertreter der stolzen Gattung Homo sapiens sapiens. Als weise Menschen sollten wir die Welt nicht nur empfinden und erleben, nicht unbedingt nur glauben, sondern auch wissend verstehen. Wir wollen daher schon über den Alltags-Tellerrand hinausschauen, wollen unseren Blick weiten und unsere Kenntnisse vertiefen, wollen wissen, wie unsere Welt denn eigentlich beschaffen ist, wie die Dinge außer uns funktionieren, was da in den Tiefen des Universums und der Materie vor sich geht.
Das oben angeführte Bemühen, mit der Welt einfach nur klarzukommen, kennzeichnet im Prinzip ja auch die Tierwelt – Steuererklärung, Internet, CDU/CSU und Linkspartei mal links liegen gelassen. Auch Tiere wollen Nahrung zu sich nehmen, brauchen einen sicheren und warmen Schlafplatz, wollen sich fortpflanzen, lassen Muskeln spielen oder versuchen mit äußeren Attributen zu imponieren, schmieden Allianzen, mobben andere Rudelmitglieder, ordnen sich unter oder wollen Leithirsch oder Silberrücken sein. Da sind Tiere auch nur Menschen – oder umgekehrt.
Aber weiser als Esel oder Affe wollen und sollten wir schon sein. Es ist daher nicht nur Neugier, nicht nur geistiger Übermut, auch nicht nur Luxus, wenn wir uns dafür interessieren, was es außerhalb unseres unmittelbaren Erlebens noch so alles Wichtiges gibt in der Welt. Es kann unseren Blick weiten, uns weiser und reifer machen, einsichtiger und souveräner; es sollte uns nicht gläubiger, wohl aber ehrfürchtiger und bescheidener machen.
Also beschäftigen wir uns auch mit den Fragen, woraus die Welt besteht, wie sie entstanden ist, wie sie sich entwickelt und wohin. Wir wollen das genauer und verlässlicher wissen, verstehen, geistig nachvollziehen können. Wir stellen uns deshalb Fragen nach der Herkunft der Welt, nach den dem Universum zugrunde liegenden Zusammenhängen und Ordnungsprinzipien, nach dem Wie und Warum und danach, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts – manchmal auch schon, was besser wäre.
Schließlich beschäftigt uns auch die spannende Frage, warum es uns gibt, woher wir kommen und wohin wir gehen. Gut, bezüglich Letzterem wollen einige nur wissen, wie viel Kohle dabei zu machen ist und andere, was sie dazu anziehen sollen. Aber es gibt auch viel ernsthaftes Bemühen, zu verstehen, wie die Natur denn eigentlich beschaffen ist, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält – oder auseinander treibt.
Wirklichkeit oder Realität
Die Wirklichkeit sieht anders aus als die Realität. Dieser Satz wird dem Ex-Kanzler der Deutschen Republik, Helmut Kohl, zugeschrieben. Ob er ihn tatsächlich formuliert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Wahrscheinlich diente der Satz und seine Zuordnung mehr dem Zweck, Intellektuellen und solchen, die es gern sein möchten, Gelegenheit zu geben, sich lustig machen und ihren überlegenen Geist demonstrieren zu können.
Es passt mir nicht und viele Intellektuelle wird es entsetzen, aber wenn Kohl den Satz aussprach, könnte das im Sinne der modernen Physik von weisem Durchblick zeugen. Tatsächlich gibt es Wissenschaftler, die die Begriffe Wirklichkeit und Realität unterschiedlich verwenden. Sie definieren die Wirklichkeit als alles das, was der Mensch als seine Lebenswelt wahrzunehmen imstande ist, was ihn als die ihm sinnlich zugängliche Umwelt umgibt, von der er sich klare Vorstellungen machen, vor allem als das wirklich Existierende erleben kann.
Außer dieser, sagen wir mal, „Physischen Zugangswelt“, also der subjektiv zugänglichen, empfundenen und verarbeiteten Welt aber gibt es etwas, was außerhalb dieser Subjektivität existieren muss. Das nennen sie dann Realität.
Diese Differenzierung hat einen in Grenzen nachvollziehbaren Hintergrund. Schließlich gehen wir mit Überzeugung und belegt durch Tatsachen davon aus, dass die Welt schon existierte, bevor der Mensch auftauchte. Auch ist für die meisten von uns die Überzeugung selbstverständlich, dass es auch außer unserer individuellen Existenz ungezählte Objekte und Prozesse der Natur gibt, von denen weder der einzelne Mensch noch die Menschheit in der Gesamtheit ihrer räumlichen und zeitlichen Existenz je auch nur ein Zipfelchen „zu Gesicht“ bekommen werden. Das ist die objektive Außenwelt.
Der Mensch als Subjekt bewegt sich in einer Außenwelt und steht zu ihr in Beziehung. Jeder Mensch sieht, hört, schmeckt, riecht, spürt die Welt außer ihm, macht mit ihr und in ihr seine Erfahrungen, lernt mit ihr umzugehen und leitet daraus Erkenntnisse, Weisheiten, Wahrheiten und Vorstellungen über die Zustände und Zusammenhänge der Außenwelt und seiner Rolle darin ab. Die Summe dessen ist das, was wir als gesunden Menschenverstand ansehen und was wir auch in der Beurteilung einzelner Vorgänge als Maßstab setzen.
Guten Gewissens hält der Mensch das für verlässlich, denn es entspricht ja dem, was er selbst erleben durfte, ertragen musste, beobachten konnte oder von anderen erfahren hat. Und doch ist der Sogenannte, also das, was sich der „gewöhnliche“ Nichtwissenschaftler so vorstellt und für wirklich gegeben oder logisch hält, das muss man anerkennen, schon eine recht trügerische Sicht. Was wir gewöhnlichen Sterblichen so oder anders als Welt wahrnehmen und empfinden, ist nämlich etwas, was die gelehrten Naturerklärer verächtlich, aber nicht unberechtigt, als nur naiven Realismus bezeichnen.
Das deshalb, weil wir die Welt sowieso nur in Falschfarben sehen, etwas empfinden, wo Empfindungen keinerlei Bedeutung haben und nach Sinn suchen, wo die Sinnlosigkeit regiert.
Natürlich liefern uns unsere Sinnesorgane Informationen über unsere Außenwelt. Aber das sind keine originalgetreuen Abbilder der Außenwelt. Die Sinnesorgane wandeln das, was als Information der Außenwelt zu ihnen vordringt und was sie, gefiltert und reduziert durch ihre Beschaffenheit und Empfindlichkeit, aufzunehmen imstande sind, mittels bestimmter sensorischer Zellen in Nervenimpulse um. Diese sind höchst einfacher Natur. Da geschieht nichts weiter, als dass der Ladungszustand der Nervenzellen, lokal und zeitlich stark begrenzt, verändert wird. Man nennt das ein Ladungsumkehrpotential. Dieses pflanzt sich von Zelle zu Zelle fort, jagt durch den Nervenstrang bis zum Gehirn.
Erst das Gehirn macht dann aus den einfachen Folgen von Ladungsumkehrpotentialen Bilder der Außenwelt, Vorstellungen von Vorgängen, Empfindungen von Farben, Gerüchen und Tönen, die uns die Welt erleben und empfinden, fühlen und genießen lassen.
Das müssen wir uns immer mal wieder vor Augen führen: Die Sinnesorgane liefern dem Gehirn keine 1 x 1-Abbilder der Außenwelt, sondern lediglich Erregungszustände in Form einfacher Ladungspotentiale. Diese sind nicht einmal spezieller Natur, also keine Seh-Potentiale oder Geräusch-Potentiale. Alle Sinnesorgane liefern die gleichen eigenschaftsarmen Ladungsumkehrpotentiale. Und daraus macht das Gehirn alles das, was wir als unsere Umwelt wahrzunehmen glauben.
Das Geschehen hat Konsequenzen. Diesen Fakt machen wir uns selten bis nie bewusst: Wir kennen die Welt, in der wir leben, nicht wirklich. Ganz selbstverständlich neigen wir dazu, unsere Außenwelt als eine objektive Welt zu akzeptieren. Die Dinge außer uns sind halt – das ist unser Grundeindruck – so wie sie sind; sie sind es ohne unser Zutun, wir können sie nur zur Kenntnis nehmen.
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