Im selben Moment bewegte sich ihr Blick auf absurde Abwege, seine Hände. Kein Ehering! Er saß da wie eine Tiger zum Sprung bereit. Und es bewegte sich das kleine Glöckchen der Auferstehungskapelle, ping, ping, sie hörte es nicht.
Sie sagte: „Ich hätte dich nie erkannt.“
„Ich dich sofort. Hast dich nicht verändert. Schon die Autonummer D-IM, Isa Maree, plus Geburtsjahr. Wie blöd ist das denn?“
Wieder traf sie so ein Blick als hätte sie der Schwachsinn überfallen. Ab wann hatte er sie gesehen am Samstag? Verfolgt? Wenn sie jetzt sagen sollte, sie sei nicht sauer, dann wäre das eine glatte Lüge. Jedoch nun saß er vor ihr, Beherrschung sollte die Devise sein, hier wollte sie etwas von ihm! Seine Dienstleistung. Na ja, eigentlich Tante Klara benötigte Hilfe. Sie war nur Vermittler. Schon ging es ihr etwas besser. Sie plagte die Erinnerung, genau der Teil an den sie sich nicht so gut erinnerte. Wie war sie damals zu ihm? Wie war ihre Beteiligung an den vielen Mobbing-Attacken? Hatte sie bis heute gedacht, dass sie sich gemäßigt verhalten hatte, so kamen jetzt gewaltige Zweifel auf. Viel zu auffällig sah sie ihm dabei in die Augen. Sah tiefer und sah den jungen Mann mit den Raspel kurzen Haaren. Wo war die starke Brille?
„Das leasert man heute“, unterbrach er ihre Gedanken.
Ja er hatte sie ertappt, denn genau die Frage nach der starken Brille stellte sie sich momentan. Noch etwas bemerkte sie, heute hatte er grüne Augen. Später wird sie bemerken er trägt blaue und grüne Shirts und wechselt die Kontaktlinse passend.
Isa ärgerte sich insgeheim,
was sie wiederum mächtig störte. Sie wird Lev sicher nicht wiedersehen, denn sie hatte es aus der Hand gegeben. Sie musste sich eingestehen, dass sie es bedauerte. Alles Weitere regelt der Herr Architekt mit den Senioren. Klara und Hannes suchten nicht mehr nach einer Hypothek, es war ruhig um die Senioren geworden, also zog sie das Resümee das Projekt Alten WG sei geschlossen.
Sie gönnte sich an diesem sonnigen und recht milden Herbsttag einen Bummel durch die Stadt, kehrte bei Breuniger ein und verließ genauso schnell wieder den Kö-Bogen, denn es war nicht ihre Welt. Gelangte bald zur Königsallee. Die Straßencafés waren voll und überall wurde Prosecco geschlürft. Düsseldorf konnte so dekadent sein. Obdachlose kauerten mit ihren Hunden vor Prada oder H & M Fenstern. Auf der Straße parkten die Nobel Cabriolets. Die ersten Pelze wurden ausgelüftet und stolz ausgeführt.
Dann sah sie ihn. Er war so auffallend anders, nicht billig aber schlicht gekleidet unspektakulär, Cargo Hose, T-Shirt. Im Sonnenlicht sah sie, dass er mehr grau als blond war. Lev hatte eine Tüte von Saturn in der Hand und steuerte direkt auf sie zu. Und neben ihm ging, sie stutze, ein älterer Mann. Jedoch, sie traute ihren Augen nicht. Hannes, sie hatte ihn beinahe nicht erkannt. Hannes trug die grauen Haare, die seit Jahren keine Schere gesehen und ihn so wie ein zu groß gewachsenes Rumpelstilzchen aussehen ließen kurz gestutzt. Nicht genug, da war auch Klara, mit flottem Kurzhaarschnitt und Föhnfrisur. Sie hatte das ewig alte und langweilige rosa Ajour-Muster abgelegt und gegen blauen Strickblazer und Jeans ausgetauscht. Ausgelassene Laune ging mit ihnen des Weges. Ja, Isa war als musste sie ihre Emotionen neu organisieren.
Hannes umarmte sie überschwänglich und Klara verteilte Wangenküsse während Lev da stand wie eine vereiste Wassersäule. Doch bei genauem Hinsehen, huschte ihm polare Sonne über das Gesicht. Sein Händedruck war viel zu frostig und zu fest. Idiot, elender, dachte Isa, wenigstens den Verstand wollte sie auf Abstand halten.
Eigentlich wollte Lev ins Büro und sich mit seinem neuen Laptop befassen. Eine wichtige Anschaffung die er für das Projekt Senioren WG benötigte. Was er vorhatte beschrieb er selbst mit einem hohen Maß an Hybris oder aber mit Mut, gar flottierendem Leichtsinn. Vermutlich war beides mit von der Partie. Jetzt aber wurde sein Verstand, eher ausgeschaltet, von anderen Organen regiert, so ließ er sich nicht lange bitten und landete in einem Café. Es war eng und er saß viel zu dicht neben Isa. Nähe die ihn irritierte.
Die beiden Rentner bestellten Sekt, auch für Isa, er wählte einen doppelten Espresso. Sektrauschen im Kopf konnte Lev jetzt nicht gebrauchen.
Isa hätte sich freuen sollen die beiden Alten so munter zu erleben. Ausgerechnet diese Heiterkeit zog sie runter. Verunsicherte sie. Intuitiv gab sie Lev die Schuld, war natürlich völliger Unsinn. Das wusste sie. Er muss doch mit ihnen geredet haben, das Bauvorhaben ausgeredet haben! Das hatte er, und zwar grünlich erfuhr sie von Hannes nach dem ersten Schluck Sekt. Nur warum stimmt es die beiden Senioren noch immer so gut gelaunt?
Sie beobachtet Lev aus dem Augenwinkel. Er war stumm, löffelte zu viel Zucker in seinen Espresso. So frostig wie er war, spürte sie doch den Teufel des Jahrhunderts, der sein Feuerzeug sucht in ihm.
Isa öffnete die Handtasche und gab den beiden Alten, die Einladung zu ihrer kleinen Vernissage und sie zog noch eine für Lev aus der Tasche. Das war der Moment ihm zu zeigen, dass sie nicht nur Gemüse verkaufte. Vor allem aber ihr ein Wiedersehen versprach, wenigstens die Hoffnung darauf..
Hannes prostete ihr vergnügt zu. „Wir haben einen Verein gegründet.“
„Wer wir?“, wollte Isa wissen. Hatten die Alten jetzt den Verstand verloren?
„Wir vier, Klara, Franz, Berta und ich.“
„Ihr vier!“
„Du kannst eintreten, jeder kann es“, soufflierte Hannes während Klara heftig nickte. Ihre Augen hingen an Hannes.
„Warum sollte ich das tun?“
„Du kannst dir zum Beispiel einen Altersruhesitz sichern. Oder jetzt schon einziehen in ein hübsches Appartement. Wie denken an eine zentral gelegene Stadtvilla.“
Wer? Isa sah zu Lev. Der dachte gerade nichts außer Kaffeesatz im Espresso.
Hannes fuhr fort: „Wer von Anfang an dabei ist kann sein Reich noch mitgestalten. Natürlich nur, wenn es in das Baukonzept passt. Du weißt schon Bio, also nachhaltig. Wir finanzieren das mit einem Mehrgenerationen Haus. Jung hilft Alt und anders rum.“ Hannes sprach es aus einer tiefen Überzeugung heraus. „Jedem ist so geholfen.“
Nachhaltig, Isa schluckte. Sie tötet Lev fast mit einem schneidenden Blick. „Wer brauch das denn, wem wollt ihr helfen? Da bleiben doch nur Alleinerziehende mit sozial schwachem Hintergrund über und die wollen bestimmt nicht zu ihren sechs Kindern zusätzlich für alte Leute einkaufen und putzen. Geschweige dass sie über Kapital verfügen, das ihr ja benötigt. Die anderen Menschen brauchen euch nicht, die beschäftigen Personal. Ich sehe nicht wie ihr das finanziell stemmen wollt!“
„Einem Verein kann man auch Geld stiften“, grinste Klara ihren Einwand weg. „Einige Investoren könnten wir schon noch gebrauchen.“
„Ha, das glaubst du doch nicht, dass ihr da jemand für begeistern könnt.“
„Ich glaube sogar noch mehr, nämlich, dass wir einen Investor und nicht nur einen finden,“ sagte Hannes lakonisch. Isa sah den alten Mann an als hätte er in der letzten Nacht den Verstand völlig verloren. Dabei sah sie Lev an wie ein Stier vor dem Kampf.
„Isa, glaube mir er kann Berge versetzen“, zischte Hannes, während Klara noch immer bestimmend nickte.
„Nun ja, Isa, an das Gute glauben war noch nie dein Ding.“ Mit diesen Worten erhoben sich die beiden Alten. Hannes klopfte Lev auf die Schulter. Der zuckte erschrocken zusammen.
„Die Quittung von dem Laptop kannst du behalten. Ich kann sie eh nicht abrechnen“, sagte Hannes.
„Ich auch nicht“, antwortetet Lev. „Behalte sie, ist bei dir besser aufgehoben.“
Sie waren per du? Isa stutzte.
Mit einem Elan der Isa Sorgen machte und einem kurzen Ade, verschwanden die älteren Herrschaften.
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