„Habe nicht gesagt, dass Sie da was sollen.“ Er ließ den Motor an. Das klang nach sattem Diesel und ordentlich Hubraum. „Ich fahre nach Düsseldorf, wenn Sie wollen auch bis zu Ihnen nach Hause.“
Hättest du gerne, dachte sie und unterstellte ihm sofort böse Absichten.
Er griff nach hinten und fischte einen dicken Pullover vom Sitz, den er ihr anbot.
Klar dachte sie, der riecht nach Schwefel aus der Hölle, deine Heimat. Genau das brauchte sie jetzt. Wolle, Wald, Feuer, gerne, denn ihr war kalt. Erfrieren war eins, warm und wohlig sterben war besser und das war dieser üppiger Pulli. Erde roch sie als sie das Strickzeug überstreifte. Skepsis blieb, auch wenn er noch so mild lächelte. Wunderbar, circa 40 Kilometer, mit einem – Himmel hilf, was war er denn nur? Der Teufel, ein rettender Engel oder ein berechnender Triebtäter, Frauenhasser? Sie musste unbedingt unauffällig auf das Handy sehen. Er hätte alle Zeit gehabt es beim Auffinden zu zerstören. Genau ihr Handy schreckte sie in dem Moment jäh aus den Gedanken.
Tante Klara meldete sich. Ehrlich sie wäre nicht rangegangen säße sie nicht in diesem verflixten Wagen. Sie musste ein Zeichen geben, einen Standort mitteilen, eine Autonummer übermitteln. Nur wie? Klara nervte mit einem Projekt Hausbau. Isa versuchte ruhig zu antworten, denn Klara konnte nicht dafür, dass sie in so einer Bescheidenen Situation war. „Ja – nein – weg wieso – verstehe ich nicht – wieso mein Ulf?“ Mit siebzig ein Haus bauen, dazu noch mit wackeren Freunden im selben Alter! Wer kam auf so eine Idee? Kein Wunder, dass die Banken da zurückhaltend waren mit der Vergabe von Hypotheken.
Sie beruhigte Klara, versuchte es, aber Klara war aufgebracht, sie versprach zu helfen und sich mit Ulf in Verbindung zu setzen. Das wird echt ein Problem. Isa legte auf. So ein Mist, ihre Vitamin B Quelle, Ex Ulf war ja versiegt.
Sie spürte das Schmunzeln ihres Chauffeurs, oder bildetet sich es ein. War sie zu laut? Hatte er mitbekommen worum es ging? Nein, eher nicht.
Er war ihr zu schnell unterwegs. Die schlechte Sicht in dieser stockfinsteren Nacht und das viele Wasser auf der Straße.
Sie meinte sie müsse etwas sagen. „Pardon, haben Sie schon mal ein Haus gebaut?“ Sie versuchte es erheitert auszudrücken.
„Eins?“, fragte er knapp.
„Ja ein Haus!“, sagte sie. Sprach sie kein Deutsch? Was für ein Gubbe!
„Nö“, sagte er knapp.
Aha, ein Mann baut ein Haus, zeugt einen Sohn und pflanzt einen Baum fiel aus. Ebenso wie Verständnis ihrer Lage. An einen komischen Waldschrat war sie da geraten.
Sie hätte ihm gerne etwas aus seinem Leben entlockt, aber wenn er der Luzifer war, sicher nicht so prickelnd.
Ab Wuppertal ging es auf der A 46 weiter. Die Lichter von Haan tauchten auf, wie der weite Blick über Düsseldorf. Sie hatte überlebt und am Bahnhof in Düsseldorf könnte sie in alle Richtungen unbemerkt verschwinden.
Wie gewünscht hielt er am Taxistand Hauptausgang am Bahnhof, als sie die Tür öffnete sagte er: „Viele.“
„Viele?“ wiederholte sie.
„Häuser gebaut.“ Er lächelte. „Man sieht sich immer dreimal.“ Er reichte ihr eine Visitenkarte, die sie unachtsam in ein Seitenfach stopfte, bevor sie in der Menschenmenge, die gerade aus dem Haupteingang stürmte untertauchte und für immer vor ihm flüchtete.
Zu Hause goss sie Tee auf, streifte den Pullover ab, schleuderte in auf den Sessel und warf sich auf das Sofa. Sie starrte auf das naturfarbene Strickzeug gegenüber. Narturbelassene reine Schurwolle mit Kaschmir von Hess Natur, das Teil hat ein Vermögen gekostet. Sie war in seiner Schuld. Postweg reicht, sinnierte sie sie zog die Visitenkarte aus der Tasche. Die Gedanken überschlugen sich.
Lev Czok
Gutachter & Architekt für Biologisches Bauen
Feng shui Berater
Czok, Schock gesprochen, Lev Kotz, der Mann mit den zweifarbigen Augen. Der seltene Name, die Wortkarg Art. Er war 17 als er das Abi machte. Er hatte nicht ein Haus gebaut, er hatte viele Häuser gebaut. Er hatte sich verdammt ansehnlich gemausert. Gut zehn Zentimeter gewachsen und ein Drittel Gewicht verloren und er sah wirklich nicht scheiße aus, im Gegenteil. Das glaubt ihr keiner von den damaligen Freunden. Vor allem aber, er war da! Hatte sogar möglicherweise hinter der Tür gestanden, als sich alle, wie damals über die alten Geschichten lustig machten!
Es war peinlich!
Tante Klara stand am Montag
vor der Tür im Schlepptau ihr neuer Freund Hannes, trotz seines Alters ein Mann mit aufrechten Gang und silbergrauen vollen Haaren. Wie sie sich Seniorenfreundschaften vorstellen musste lag im Nebel der Unwissenheit. Wenigstens war der graue Herr ihr sympathisch. Klara war aufgewühlt, fast zornig, dass hatte sich seit Samstagabend nicht gelegt.
Klara sagte. „Schalt mal center.tv ein.“
„Isa stöhnte. „Das ist doch nur Wiederholung von Gestern.“
„Eben, das reicht.“
Na dann, sah sie sich die Wiederholung von Sonntag an.
Isa staunte nicht schlecht, das Unternehmen von ihrem Ex Freund Ulf war im Regionalsender, aber statt er seine Erfolge verkündete, war ihm das verbindliche Lächeln abhandengekommen. Das Thema war Immobilienbetrug, Geldwäsche, gefälschte Bilanzen. Da hatte sie aber noch mal richtig Glück gehabt, denn Ulf hatte sie nach Geld gefragt, nur kurzfristig sei er etwas klamm, wegen einem tollen Projekt das er stemmen wollte. Sie hätte beinahe ihr Erbe das kleine Haus beliehen, wenn ihr Bankberater ihr nicht dringend davon abgeraten hätte. Klara mochte den Mann nie und jetzt war sie da um ihren Triumpf zu feiern.
Dann sah sie die beiden Herrschaften an. Nee, sie sah keinen Triumpf, sie sah betretene Gesichter.
„Ihr habt doch nicht etwa…“
„Doch, wir haben deinem Ulf unser ganzes Vertrauen geschenkt.“
„Und euer Geld.“
„Wenn du so willst. Wir haben ein Grundstück gekauft, mit Bodenplatte. Das war der Grundstock für unser Haus. Der Architekt ist auch weg. Alles ist weg.“
„Nee.“ Isa plumpste rückwärts auf den Ohrensessel. Eine Weile saßen sie stumm da. Jeder Versuch war es wert, absolut jeder, auch wenn es Illusion war. Die Visitenkarte, wo steckte sie nur?
An der Pinnwand in der Küche, wo sonst. Aber da stand nur
Lev Czok
Gutachter & Architekt für Biologisches Bauen
Feng shui Berater
Keine Telefonnummer, keine Adresse und schon gar kein Internetauftritt. So einen Quatsch kann sich jeder drucken lassen bei vistaprint. Sie ahnte doch gleich, dass der sich etwas merkwürdig benommen hatte.
Klara stand dicht hinter ihr und schaute ihr über die Schulter. „Ach so, hätte ich fast vergessen, bin auch schon leicht schusselig. Dein Wagen ist Mittwoch fertig, du kannst ihn bei P&A auf dem Höherweg abholen.“
„Wieso, weißt du das und woher…“
„Schon vergessen, der Wagen ist noch auf meinen Namen angemeldet. Die hatten ja nur die Papiere die im Wagen lagen. Rechnung ist dann übrigens schon bezahlt.“ Klara sah Isa an als müsste ihre Nichte ihr etwas erklären.
Versuchte Isa erst gar nicht, wollte sie nicht und konnte sie nicht.
„Du weißt also nicht wie der Wagen da hingekommen ist?“, fragte Klara.
Verflixte kluge Alte, sinnierte Isa.
„Ich sage es die, ein netter junger Mann hat ihn abschleppen lassen und ist in Vorkasse gegangen. Du musst ihn doch kennen! Also ich wusste immer im Leben wer mein Gönner war und es gab nicht viele.“
machte die Arbeit auf dem Carlsplatz mehr Freude, als an Regentagen oder im Winter bei Frost. Sie musste sehr früh da sein, denn bis alle Kisten mit Gemüse und Salaten in der Auslage standen verging eine geraume Zeit, und es war eine anstrengende Plackerei. Isa hatte Stammkunden die jeden Mittwoch kamen, oft schon über Jahre. Das Gemüse und alles was der Markt bot, Fleisch, Käse, Gewürze, Blumen und vieles mehr war nicht billig. Wer hier einkaufte musste schon ein wenig Geld locker haben für Bioproduckte und ausgefallene Auslagen. Sicher der teuerste und edelste Markt in Düsseldorf. Der Düsseldorfer traf sich hier gerne mit Freunden ob flüchtige bekannte, Nachbarn oder man kam beim Kaffee oder Alt nach dem Einkauf einfach nur ins Gespräch.
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