„Lassen wir Sentimentalitäten. Nenne wir es Zufall und zufällig benötigst du einen Gutachter. Ob du bei mir richtig bist, ist noch fraglich. Was ist passiert?“
„Ich weiß nicht wirklich viel. Meine Tante und ihre Freunde wollten ein Haus bauen, Barrierefrei und großzügig, nicht so kleine Zimmer wie sie in den Heimen sind, aber auch nicht so teuer wie der Rosenhof oder Haus Lörick. Und…“ Mist! „Sie haben wohl fehlinvestiert. Das Alter hat sie wohl leichtsinnig gemacht. Es ist Baustopp und der Architekt ist verschwunden.“
Er hatte ihr schweigend zugehört. Nicht eine Zwischenfrage, keine Mimik. Er wollte wissen wo der Bauplatz war.
Irgendwo zwischen Korschenbroich und Liedberg lag die Baustelle. Der Standort entlockte ihm einen Blick als hätte sie ihn auf eine rooftop Party eingeladen, die nun wirklich nicht sein Ding war.
„Unser Bürgermeisterkandidat, meinst du der hat eine Chance?“, wollte er wissen.
Was für eine Wendung im Gespräch?
„Bernd, er war immer schon ein Drahtzieher, ein Macher, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat dann wird er das Ziel erreichen und wenn er über Leichen geht.“
„Der alte Bernd Steiner“, sagte er stimmlos.
„Früher verdammt eitel heute umso mehr. Hast du verpasst am Samstag.“
Das wird jetzt nicht der Einstieg in die Frage was aus ihr geworden ist? Kunststudium erfolgreich, ohne nennenswerten Erfolg, aber ehrliche Arbeit die ihr Spaß macht, ganz ohne Alltagstrott. Da hatte sie gerade verdrängt, dass sie für ihn nur eine Gemüse Marktfrau ist, die Cipolle Rosse di Tropea nicht von Braunschweiger unterscheiden kann.
Er sah auf die Uhr. Fünf Uhr am Nachmittag. Stand auf, zahlte den Espresso. „Schick mir alles was du hast in mein Büro auf den Kaiser-Wilhelm-Ring.“
Er hing am Hacken. Ihm gefiel das Projekt private Altenresidenz, jedoch die Lage, der Bauplatz mitten in der Pampa, was sollen denn rüstige Rentner auf den Kappesfeldern?
Isa sagte. „Ich frage mich, ob ich mir dich leisten kann?“
„Ich weiß nicht ob ich eine Rechnung schreibe. Immerhin habe ich dir das Abitur versaut.“
Lev hatte sich akribisch alles besorgt
was man über dieses Fleckchen Land wissen musste. Isa hatte ihm per Fahrrad-Kurier die Pläne zukommen lassen, die er nur oberflächlich in Augenschein nahm, denn das Projekt war für ihn so schon gestorben er musste nur noch einen Grund für den endgültigen Todesstoß finden.
Das wird er davon war er überzeugt als er im strömenden Regen mit Gummistiefeln durch den Schlamm watete. Er betrat lange vor der Verabredung mit Isa den Bauplatz. Da er ein Mann der Ruhe war wollte er diese nutzen. Frauengeplapper, das auf vermeintliche Fehler hinzuweisen versuchte, konnte er nicht gebrauchen.
Als sie mit ihrem Wagen vorfuhr, schaute er konzentriert über die Gemüsefelder, visierte den Kirchturm von Korschenbroich an.
Er hatte wieder diesen praktischen Parker aus Wachs Cotten an, während sie sich mit einem Schirm abquälte, den, der Wind versuchte ihr zu entreißen.
Tölpel! Kein Grußwort! Sie war augenblicklich sauer auf seine Kinderstube. Hellweg, Pflegekind einer Familie die sich mit der Pflege Geld verdiente. Ja seine Wurzeln verliert man nie, dachte sie. Umgehend verlor er alle Sympathie. Gekränkt tat sie es ihm gleich. Zur Sache! „Und was geht dir durch den Kopf? Dir geht doch was durch den Kopf?“ fragte sie.
„Immer wenn ich nichts im Kopf habe ist die Gefahr besonders groß, dass mir was einfällt“, gab er zurück.
„Also hast du keine Idee aber dir wird was einfallen.“ Stellte sie fest, nicht ohne zu denken ob er irgendwann mal Bekanntschaft mit der Waldorfschule gemacht hatte lange vor dem Gymnasium. „Was soll dir denn einfallen?“, fragte Isa.
„Wie ihr die Bauruine wieder los werdet.“
„Ruine?“ empörte sie sich. „Was ich sehe ist ein wunderschönes Grundstück im Grünen, mit einem Keller für Tiefgaragenplätze und einer gegossenen Bodendecke.“ Etwas nass dachte sie, aber bei dem sintflutartigem Regen war alles nass.
„Eine Bodendecke mit einseitiger Absenkung, eine Tiefgaragenausfahrt die nicht nutzbar sein wird.“
„Sorry, du spinnst, jetzt - etwas.“
„Danke, ich mag Komplimente. Spätestens in einem Jahr wird hier die Umgehungsstraße gebaut, dazu wird die Trasse um zwei Meter angehoben und mit einem Lärmschutzwall umgeben. Das Ganze endet hier.“ Er sprang von der Kellerdecke direkt vor die Tiefgarage, so, dass ihr der Matsch bis auf die Schuhe spritzte.
Sie hüpfte verärgert zurück.
„Wie du siehst es ist sehr nass hier.“
„Es gießt in Strömen. Was soll da trocken bleiben?“
„Es ist ein Feuchtgebiet, vermutlich auf einer Torflinse. Von der Torflinse abgesehen hätte hier eine Betonbodenwanne hingehört und auf keinen Fall eine Tiefgarage. OK auf die Garage kann man verzichten, und auf nasse Keller auch. Hier hat sich einer vermessen, Das Objekt steht mindestens zwei Meter zu weit rechts. Aber das macht ja nichts, die Kellerdecke ist eh Bauschutt, der Keller muss neu hochgezogen werden, am besten gegossen. Die Kosten erhöhen sich damit, und vorher müssen Rüttelstopfpfähle oder Schachtringe in den Boden. Je Ring kannst du mit sechs Tausend rechnen. Außerdem würde mich eine Bodenprobe interessieren.“
„Bist du wahnsinnig?“
„Hast du mich gefragt, weil ich der Depp bin?“
„Und jetzt?“ fragte sie.
„Ich frage mich was will eine Handvoll Senioren hier auf dem platten Land? Das sind doch Städter. Die nächste Bushaltestelle ist weit weg, hier kannst du nicht einkaufen und auch nicht in die Oper gehen. Wo sollen sie hier die Rentner Bravo bekommen? Hier kannst du nur bei der Spargelernte helfen.“
„Und jetzt?“
„Das ist das was ich fürs Erste sehe. Und nun frage ich dich wer die Hütte entworfen hat und was er sich dabei gedacht hat.“
„Keine Ahnung. Wieso?“
„Die Treppe ist zu eng, kein Fahrstuhl, Bäder zu klein, Barrieren ohne Ende.“
„Wenn ich dich richtig versteh, fällt das hier Buchstäblich ins Wasser und ist zum Scheitern verdammt.“
Ins Wasser fallen? Hier ist kein Fluss und kein See in der Nähe, dachte Lev, dann hatte er die Idee, was ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann stirbt. „Das Haus, so und hier, ja unbedingt. Das Projekt nicht.“
„Meine Tante und ihre Bekannten haben da schon zu viel investiert. Da gibt es doch kein zurück. Was meinst du mit dem Projekt nicht?“
„Wie ich schon sagte das Projekt muss nicht scheitern.“ Tatsächlich hatte er das Gefühl, dass nicht er auf den Zug sprang, sondern der Zug sprang auf ihn. Eine Vision machte sich breit.
Gerne folgte sie seinem Vorschlag die nasse Baustelle zu verlassen und im Nachbarort Glen im Kirchen-Café einen Tee zu trinken.
Am Nachbartisch saß eine Gruppe Damen im mittleren Alter bei Frühstück und Sekt.
„Bekomme ich das alles schriftlich?“, erkundigte sie sich nachdem sie lange in ihr Teeglas gestarrt hatte.
„Mit Brief und Siegel, sobald ich das Ergebnis der Bodenprobe habe. Schick die Herrschaften zu mir. Ich spreche mit ihnen, ich rede ihnen das hier aus.“
„Das würdest du machen?“
„Mein Job.“
„Scheiß Job.“
„Nein, es ist ein Job der den Menschen hilft zu ihrem Recht zu kommen. Sieh es doch so, ob eine schwarze Katze Unglück bringt hängt doch davon ab ob du eine Maus bist oder ein Mensch.“
Zweifellos war er der Mensch, wer war Katze und wer die Maus?
Lev hatte sich bequem zurückgelehnt. Die Vision griff immer mehr Raum in ihm. Ja er spürte eine Flutwelle im Gehirn und je mehr er das Potenzial, was sie ihm eröffnen könnte erkannte, umso mehr verlor er die Einsicht über Recht und Gesetz. Marionetten, er wird sie dazu machen. Marionetten ihrer Eitelkeit und er hält das Spielkreuz in der Hand. Doch dazu benötigte er viel mehr Informationen, über ihre Eitelkeiten, Leidenschaften, Unvollkommenheiten, Geheimnisse, Fehler, Sucht.
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