„Du gehst von Männern als Tätern aus?”
„Bei dem Kraftaufwand? Das hätten schon russische Gewichtheberinnen gewesen sein müssen.” Der Mann vom Erkennungsdienst grinst.
„Irgendwelche Blutspuren, von der Blutlache abgesehen?”
„Nein, nichts. Die Halswunde ist ihm vermutlich erst beigebracht worden, als er bereits kopfüber hing.”
„War er bei Bewußtsein?”
„Schlecht zu sagen. Das wird Klinge, äh, ich meine Professor Anderson Dir nach der Obduktion sicher sagen können. Aber sieh hier.” Der Spusi-Mann, was Nielsen, im Gegensatz zu anderen Kollegen, ganz gern hört, klinge irgendwie niedlich, deutet auf Rötungen an beiden Mundwinkeln. „Das könnte ein Anzeichen für eine Knebelung sein. Vermutlich hat man ihm am Schreien hindern wollen.”
„Gib mir doch mal die Prüflampe.” Nielsen reicht sie ihm und Malvoisin beginnt, in halb gebückter Stellung den Waldboden um die Blutlache herum abzuleuchten. Im Schein des blauen Lichtes erkennt er, was er vermutet hatte.
„Sieh hier. Einzelne Blutstropfen, mal fast runde Kleckse, mal einige Zentimeter lang, als würde man sich Ketchup auf den Hotdog ziehen.”
Malvoisin richtet sich auf und reicht Nielsen die Lampe zurück.
„Was schließen wir daraus?”
„Der Mann hat sich bewegt.”
„Richtig. Hat er noch gelebt oder bewegte ihn die Brise von See her? Wir hatten gestern starken anlandigen Wind.”
„Oder die Täterschaft hat ihn angestoßen.”
„Warum sollte sie das tun”, bohrt Malvoisin nach.
„Um den Eindruck eines gehängten Verbrechers am Galgen zu erzeugen?” Langeland tritt näher. Er hatte abseits bei den Bestattern gestanden und sich die Leiche nochmals genau angesehen.
„So eine Art Triumph beim Verlassen der Leiche, in der Art ‚Hätte nicht sein müssen, wenn du nicht das getan hättest, was du getan hast’?”
„Vielleicht. Aber noch mal zurück zur Frage, ob er noch gelebt hat. Kommt mal mit.”
Malvoisin, Langeland und Nielsen gehen zum Sarg, der gerade angehoben werden soll. Malvoisin kommandiert:
„Stellt noch mal ab.” Mürrische Gesichter.
„Macht noch mal auf.” Die mürrischen Gesichter werden nicht besser. „Mann, ich hatte schon zwei Leichen heute nacht. Ich will nach Hause.”
Malvoisin sieht den Mauligen in einer Mischung aus Ach-was-tust-du-mir-leid und strafendem Blick an.
„Rate mal, wobei man mich heute morgen gestört hat? Und gegen das maulige Gesicht meiner Frau bist Du jetzt geradezu eine Schönheit. Und unsere Zwillinge wurden auch wach. Gegen meine zwei Krähhälse …”. Er schluckt die Erinnerung an das lebhafte Geschrei der beiden herunter
Verhaltenes Lachen der Umstehenden. „Junger Vater!” „Kann einem leid tun.”
Malvoisin sieht ungnädig in die Richtung der spöttischen Kommentare. „Wie bitte?”
„Nichts!” Eifriges Kopfschütteln.
„Also, aufmachen.” Der Deckel wird abgehoben. Langeland fordert den Bestatter auf, den rechten Arm des Toten anzuheben und die rechte Handfläche zu zeigen.
„Blutig.” Malvoisin sieht Langeland fragend an.
„Richtig. Und warum?”
„Weil aus der Halswunde das Blut auch am Arm entlanggelaufen ist.”
„Und sich schön gleichmäßig von selbst auf der Innenfläche verrieben hat.” Langeland verzieht kritisch-spöttisch sein Gesicht. „Der Tote hat, als er noch nicht ohnmächtig war, offenbar bemerkt, was mit ihm passiert und hat instinktiv versucht, mit der rechten Hand an der rechten Halsseite die Wunde zuzuhalten.”
„Und woher kommt der blaue lange Striemen über dem rechten Bizeps?”
Langeland geht weg. Malvoisin und die anderen sehen ihm mit Achselzucken nach. Langeland sucht den Boden südlich der Blutlache ab, bückt sich plötzlich, hebt ein etwa einen Meter langes Aststück auf. Dann kommt er zurück.
„Daher.” Er hält das Fundstück Malvoisin und dem Nielsen unter die Nasen.
Im oberen Drittel ist ein längliches Stück angetrockneten Blutes zu sehen.
„Also hat er versucht, sich zu wehren und wurde auf den Arm geschlagen. Vorsichtig ins Labor. Das Blut dürfte vom Toten sein, aber vielleicht findet Ihr noch mindestens eine weitere DNA, wenn das Stück ohne Handschuhe angefaßt wurde.” Malvoisin bedeutet den Bestattern, den Sarg nun zu schließen.
„Na endlich”, murmelt einer, der Sarg rutscht ins Wageninnere und beide Männer beeilen sich, abzufahren.
„Und Deine Leute, Hans, durchkämmen mir jetzt genauestens den Boden, notfalls tragt ihr ihn ab. Irgendwas wird die Täterschaft verloren haben, Haare, einen Knopf, Wollflusen, egal. Finden!” Malvoisin klingt sehr bestimmt.
„Du weißt doch, wir kriegen sogar ‘raus, ob des Teufels Großmutter hier vorbeigelaufen ist.”
Hans Nielsen grient Malvoisin an, der ihm wortlos, mit einem Anflug von Lächeln, gegen die linke Schulter klopft. Er ist immer noch stinkig, am Morgen mit Maren gestört worden zu sein und für den unnötigen “Gesang“ der Zwillinge. Am liebsten würde er den Störern die beiden Alarmsirenen einmal “ausleihen”, aber seine Löwin machte dabei sicher nicht mit. Ruhe hin oder her.
*
In einem mit kunsthandwerklichen Kacheln ausgeschmückten Bad sitzt eine schöne junge Frau unter dem prasselnden Strahl eines großen englischen Brausekopfes auf dem Boden des Duschbeckens. Die milchige Kabinentür wird zugeschoben und gleich darauf die Badezimmertür von außen geschlossen. Die Schöne zieht die Knie an, schließt die Augen und senkt den Kopf. Die Sonne des noch jungen Tages hüllt sie, eindringend durch das gegenüberliegende Fenster, plötzlich in eine gleißende Lichtdusche. Sie richtet sich auf und sieht in die Sonnenflut. Ihre blauen Augen scheinen zu brennen.
*
Malvoisin und Langeland biegen am Strandkasino auf die Promenade von Kellenhusen ein und gehen auf die Fischstube von Ueli Bäni und Lisa zu. Malles Schweizer Freund sitzt draußen. Lisa bedient drinnen einen der letzten Frühstücksgäste.
Ueli steht auf und begrüßt fröhlich die beiden, denen man nun die Abgespanntheit anmerkt.
„Hallo, gruezi miteinand. Schön, Euch auch mal etwas früher zu sehen.
„Moin, Fischbändiger.” Malvoisin und Fritz geben ihm die Hand.
„Nur, der Grund ist nicht so schön.” Malvoisin nimm mit einem verpustenden Seufzer auf der Bank Platz, Langeland spreizt die Beine und setzt sich quer hin.
„Ich hab’ schon gehört. Der Dorffunk ist schnell. Möchtet Ihr ‘was essen, und vielleicht ein Flensburger? Geht auf‘s Haus.”
„Du weißt doch, wir dürfen nichts umsonst nehmen. Wir können uns noch ‘rausreden, aber wenn ein profilierungssüchtiger junger Staatsanwalt seine moralisch-ethischen fünf Minuten hat, bist Du dran, Deine Konzession ist weg und Du gehst Alphornblasen. Wie oft soll ich Dir das noch sagen? Aber danke fürs Angebot. Gib mir bitte ein Fischbrötchen …”, er dreht sich um „… Du auch, Fritz?” Langeland nickt wortlos. „Also zwei Fischbrötchen und zwei Mineralwasser.”
„Lisa, hasch g’hört?”
„Kommt gleich!” schallt es aus der Küche zurück.
„Schlimme Sache das. Wir sind ein schönes Ostseebad. Bi ois sollet Gäschte sich erhole und nüt an de Füaß in de Bäume g’hängt werre, oder?” Ueli schüttelt nachdenklich den Kopf. Da kommt Lisa mit einem kleinen Tablett heraus.
„Guten Morgen, schöne Männer. Da, laßt es Euch schmecken.” Sie klopft Langeland auf die Schulter und geht wieder hinein.
Der beißt herzhaft in sein Fischbrötchen, Malvoisin setzt auch dazu an, als ihn eine ihm wohlbekannte, markant aufgeregte Stimme unterbricht und er im Zubeißenwollen wieder absetzt und das Gesicht verzieht.
„Herr Hauptkommissar! Was ist hier los? In meinem Wald hängen nackte Männer kopfüber in den Bäumen?”
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