»Die sogenannten Leute vom Fach!«, spottete Educated Evans. »Ich könnte Ihnen etwas erzählen, das lässt Ihre Haare zu Berge stehen. Ihnen würden die Augen übergehen! Mr. Miller, ich treffe mich mit Lord Claverley.«
Der Müller starrte ihn an. »Du legst dich selbst herein«, warnte er. Aber diese Drohung zeigte bei Evans keinerlei Wirkung.
Er kannte Lord Claverley vom Ansehen her, von den Porträtaufnahmen der Klatschspalten, und als die Glocke am Sattelplatz den Hunt Cup eröffnete, traf er den Lord für einen Augenblick alleine an und ergriff die günstige Gelegenheit.
»Verzeihen Sie, Mylord«, sagte er und tippte grüßend an seinen Hut. »Sie haben vielleicht schon von mir gehört. Ich bin Educated Evans, der Welt führender Minister des Tippspiels.«
Der Lord schaute ihn mit blinzelnden Augen an. »So, so, das sind Sie wirklich?«, sagte er.
»Ich kann Ihnen leider keine Tipps geben, mein Herr.«
»Ich möchte auch gar keine haben, Mylord.« Evans Stimme klang feierlich und überzeugend. »Ich will Ihnen einen Tipp geben. Setzen Sie auf ‚Catskin’!«
Einen Augenblick lang schaute Lord Claverley ihn an, als wisse er im Moment nicht, ob er einen Polizeibeamten herbeirufen solle, auf dass der ihn auf oder über die Zaunspitzen des Geländes werfe oder sich einfach köstlich amüsieren sollte.
»Sie liegen falsch, mein Freund«, sagte er ruhig. »Kein Mensch hat Lust auf ’Catskin’. Mehr kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.«
Noch während er sich wegdrehen wollte, hielt Evans ihn hartnäckig am Arm zurück.
»Mylord«, sagte er aufgeregt, »beachten Sie das Gerede über ‚Catskin’ einfach nicht; er wird gewinnen! Mulcay würde auch noch mit dem Geist seiner Großmutter falsches Spiel treiben! Ich sage Ihnen, das Pferd wird gewinnen und nicht anders wird es kommen!«
Nun war selbst Lord Claverley beeindruckt.
»Sie liegen völlig falsch, Mr. – äh – Evans«, sagte er dennoch. »Aber leider kann ich diese Angelegenheit jetzt nicht weiter mit Ihnen diskutieren.«
Evans schlängelte sich durch die Reihen elegant gekleideter Damen, um die Parade der Starterpferde zu beobachten. »Amboya« war ein heißer Favorit, wohingegen »Catskin« mit Lakes, dem jungen Stallburschen im Sattel, keine herausragende Quote erzielt hatte. Die bloße Anwesenheit eines Stall-Lehrlings statt des etatmäßigen Jockeys, der normalerweise für den Stall im Sattel hockte, reichte aus, um 999 von 1000 Wettern abspringen zu lassen. Aber Evans ließ sich nicht abschrecken. Dieser Mann investierte unerschütterlich seinen letzten Viertelpenny zum besten Preis, den er den Größen von Tattersall’s abringen konnte.
Von einer abgetrennten Rasenfläche aus beobachtete er das Rennen, welches keine besonders detaillierte Beschreibung erforderte. »Catskin« erschien als erstes Pferd oben auf dem Hügel; er blieb durchweg an der Spitze des Feldes und gewann mit sechs Längen Vorsprung, als sei sein Galopp ein Spazierritt. »Amboya« wurde Zweiter.
Educated Evans fühlte sich im siebten Himmel, als er zurück zum Sattelplatz eilte, wo man gerade das Siegerpferd hereinführte. Dabei entdeckte er drei Gesichter, von denen eines Mulcay gehörte und ziemlich grün aussah. Er lief umher, als habe er einen bösen Traum. Lord Claverleys Gesicht erinnerte an ein drohendes Gewitter. Lediglich die jungenhafte Miene des Jockeys strahlte eine Mischung von Glück bis hin zu langsam sich steigernder Ekstase aus.
Der Sieg selbst war nicht besonders populär. Niemand zweifelte daran, dass es wieder einmal eines von Mulcays berüchtigten »cleveren Geschäften« gewesen war.
Lord Claverley sprach nicht mehr mit ihm, aber der ihm zugeworfene Blick ließ den Trainer erschaudern. Und dann kam Educated Evans in das Blickfeld seiner Lordschaft.
»Sie kommen mir gerade recht«, sagte er und zog die armselige Gestalt aus der Menschenmenge an die Seite.
»Nun erzählen Sie mir alles, was Sie über diese Sache wissen. Warum konnten Sie so sicher sein, dass dieses Pferd gewinnen würde?« Nun war er zunächst gezwungen, sich mit viel auferlegter Geduld Evans’ ausgedehnten Bericht über dessen Können und die letzten Erfolge anzuhören. Danach vernahm er endlich, was der Ratgeber ihm wirklich zu sagen hatte.
»Sie wollen behaupten, er habe dieses Pferd schlecht geredet... von Hereford aus? Sind Sie da sicher?«
»Das kann ich Ihnen in einer halben Stunde sagen, Mylord«, sagte Evans wichtig. »Mein Agent in Hereford – ich unterhalte überall Agenten in diesem Geschäft und Spione in jedem Stall...«
»Nun, und was ist nun mit ihm?«, fragte Lord Claverley ungeduldig und ziemlich verärgert.
Eine halbe Stunde später legte ein verdutzter Evans ein Telegramm in die Hände seiner Lordschaft, auf dem stand:
Dreihundert Telegramme eingereicht,
alle enthalten Wetten für »Amboya«...
»Natürlich kann es so sein, wie Sie sagen, Mr. Challoner«, sagte Evans gleichmütig, »und es ist sehr gut möglich, dass Lakes tatsächlich seinen Stall mit diesem Sieg ausgetrickst hat, wo er doch gar nicht hätte angreifen sollen. Ich behaupte auch nicht, dass ich von Lakes meine Informationen habe; wenn doch, würden Sie es mir gar nicht glauben.«
»Würde ich auch nicht«, antwortete der Müller, »denn dann hättest du gelogen.«
»Sehr wahrscheinlich«, bekannte Educated Evans. »Vielleicht wollte Lakes mit ihm abrechnen, so wie ich auch. Und dann stelle man sich vor, dass dieser verkommene Pferdeschinder die ganze Zeit auf ein anderes Pferd gesetzt hat! Das ist unehrlich, wenn Sie so wollen. Ich nenne das eine ausgesprochene Schlechtigkeit! Aber 50 : 1!
Was für ein Prachtexemplar! Und das alles entsprang meinen eigenen Überlegungen. Von Informationen, die ich mit eigenen Augen gesehen und erkannt habe.«
»Micky Mulcay hat eine Menge Gelde verloren«, sagte der Müller, der ebenfalls seine Informationsquellen besaß, wenn auch ein bisschen verlässlicher als jene, die sein Kumpel zuweilen anzapfte.
»Ich wünschte, er hätte alles verloren«, sagte Educated Evans giftig. »Alles außer 18 Pence – damit kann man sich nämlich überall ein paar Yards von einem guten Strick kaufen.«
Kapitel 7: Die Träumerin
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass gewisse Clubs in London ein Recht auf Turfgeschäfte gepachtet haben.
»Es kommt im Omph Club eine Liste raus«, weiß eine Sportzeitung; »heute Abend wird im Zimp Club das Cambridgeshire-Programm herauskommen«, weiß eine andere. Der Cheese Club in Camden Town wird gar nicht erst erwähnt und bei der Zusammensetzung seiner Mitglieder wird man sich gut vorstellen können, dass jede beliebige Wette genauso unbedeutend wie vernachlässigbar behandelt wurde.
Und dennoch stimmt dies nicht ganz, denn der Cheese Club stellte in der Sportwelt einen wichtigen Faktor dar. Es gab da gewisse große Wetter im Norden, deren Agenten sich niemals weiter südlich als bis zur Euston Road bewegten; einige berühmte andere machten den Cheese Club zu ihrem Hauptquartier und hielten gleichzeitig ihre Agenten bei den pompöseren Clubs.
Denn der Cheese Club hatte sich zu einem lebendigen Umschlagplatz gemausert und sogar solch große Buchmacher wie Notting und Elgin verschmähten diesen Club nicht, wenn es sich um besonders »heiße Kartoffeln« handelte.
Man konnte schier verrückt werden, wenn ein Pferd im Cheese Club hinauf oder heruntergehandelt wurde und man an großen Renntagen dort Männer antreffen konnte, die auch Wetten von 4000 : 500 annahmen.
Trotz allem gab es wie in jedem anderen Club die verschiedensten Mitglieder. Educated Evans war dort Mitglied; Billy Labock, der letzten Herbst einmal 20.000 zu 20 Pfund wettete, war ebenfalls Mitglied; der sehr ehrenwerte Claud Messinger war auch ein Mitglied – so ziemlich das umstrittenste, das je gelebt hatte.
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