»Himmel habe Erbarmen! mein Gehirn! – mein Gehirn! – Philipp! – Philipp!« schrie die arme Frau; »verlass mich nicht – bitte – bitte – verlass mich nicht.« Während dieser Ausrufungen hatte sich die Witwe ungestüm von ihrem Bette aufgerichtet, bis sie zuletzt in die Arme ihres Sohnes sank. Da blieb sie einige Minuten regungslos liegen. Nach einer Weile ängstigte sich Philipp über ihre lange Ruhe; er legte sie sanft auf das Bett nieder, und während er dies tat, sank ihr Kopf zurück. Ihre Augen hatten sich verdreht – die Witwe Vanderdecken war nicht mehr.
Philipp Vanderdecken fühlte sich trotz seiner Seelenstärke doch fast gelähmt, als er entdeckte, dass der Geist seiner Mutter entwichen war. Eine Weile blieb er an der Seite des Bettes, keines Gedankens fähig und das Auge nur auf die Leiche geheftet. Aber allmählich fasste er sich wieder. Er stand auf, legte das Kissen zurecht, schloss der Verschiedenen die Augenlider und faltete dann seine Hände, während die Tränen über seine Wangen niederträufelten. Er drückte einen feierlichen Kuss auf die blasse, weiße Stirne der Toten und zog die Vorhänge um das Bett. »Arme Mutter!« sagte er bekümmert, als er sein Geschäft beendigt hatte; »endlich ist dir Ruhe geworden – aber deinem Sohne hast du ein bitteres Vermächtnisse hinterlassen.« Und als Philipps Gedanken zu dem, was vorgegangen war, zurückkehrten, bemächtigte sich die furchtbare Erzählung seiner Einbidungskraft und verwirrte ihm beinahe das Gehirn. Er erhob die Hände zu seinen Schläfen und drückte sie mit Macht zusammen, dabei über den Maßregeln brütend, die er einschlagen sollte. Er fühlte, dass er keine Zeit hatte, seinem Gram nachzuhängen. Seine Mutter war in Frieden – aber sein Vater – wo war dieser?
Er rief sich die Worte seiner Mutter in's Gedächtnis. ›Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch.‹ Hoffnung war also vorhanden. Sein Vater hatte ein Papier auf den Tisch gelegt – war es wohl noch zu finden? Ja, es musste so sein; seine Mutter hatte nicht den Muth besessen, es aufzunehmen. Der Brief, der mehr als siebenzehn Jahre unerbrochen da gelegen hatte, gab eine Aussicht an die Hand. Philipp Vanderdecken beschloss, das verhängnisvolle Gemach zu untersuchen, um mit einem Male das Schlimmste zu erfahren.
Sollte er es unverweilt tun, oder bis zum Morgen warten – aber, wo war der Schlüssel? Seine Augen ruhten auf einem alten, lackierten Schreine in dem Zimmer; seine Mutter hatte ihn nie in seiner Gegenwart geöffnet – er war also der einzige Ort, wo das, was er suchte, wahrscheinlicherweise verborgen sein konnte. Rasch in allen seinen Entschließungen, griff er nach der Kerze und schickte sich an, seine Untersuchung vorzunehmen. Der Schrein war nicht verschlossen; die Türen gingen leicht auf und Philipp durchspähte alle Schubladen, ohne den Gegenstand seiner Nachforschung zu finden; wieder und wieder öffnete er die Laden, aber sie waren leer. Da kam Philipp auf den Gedanken, dass vielleicht geheime Schubfächer vorhanden wären, und untersuchte das Geräte geraume Zeit ohne Erfolg. Endlich nahm er sämtliche Laden heraus, legte sie auf den Boden, erhob dann den Schrank und rüttelte ihn. Ein rasselndes Getöse in einer Ecke sagte ihm, dass der Schlüssel wahrscheinlich hier verborgen war. Er erneuerte seine Versuche, um zu entdecken, wie er ihn herauskriegen könne, aber vergeblich. Das Tageslicht strömte jetzt zum Fenster herein und Philipp hatte seine Bemühungen noch immer nicht eingestellt. Ermattet beschloss er endlich, die hintere Platte des Schreins herauszunehmen; er stieg nach der Küche hinunter, kehrte mit einem kleinen Stemmeisen und einem Hammer zurück, und lag eben auf seinen Knien, emsig damit beschäftigt, das Hinterbrett auszubrechen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Philipp fuhr zusammen. Sein Spähen und seine wild jagenden Gedanken hatten ihn dermaßen in Anspruch genommen, dass er den Schall nahender Fußtritte nicht vernahm. Er sah auf und erblickte den Pater Seysen, den Geistlichen des kleinen Sprengels, dessen Augen ernst auf ihm hafteten. Der gute Mann hatte Kunde erhalten von dem gefährlichen Zustande der Witwe Vanderdecken und war mit dem Grauen des Tages aufgebrochen, um sie zu besuchen und ihr geistigen Trost zu bringen. »Was soll das, mein Sohn?« fragte der Priester. »Fürchtest du nicht, die Ruhe deiner Mutter zu stören, und willst du mausen und stibitzen, noch ehe sie unter dem Boden liegt?« »Die Ruhe meiner Mutter fürchte ich nicht zu stören, guter Vater;« versetzte Philipp sich aufrichtend, »denn sie ist bereits unter den Seligen. Auch ist es nicht meine Absicht, etwas zu mausen, denn ich spähe nicht nach Gold, obgleich ich es mir mit Recht zueignen könnte, wenn welches vorhanden wäre. Mein Suchen gilt bloß einem Schlüssel, welcher, wie ich glaube, seit lange in diesem geheimen Schubfach verborgen liegt, das ich nicht zu öffnen verstehe.« »Deine Mutter ist nicht mehr, sagst du, mein Sohn? Und tot, ohne die heiligen Sakramente empfangen zu haben? Warum hast du nicht nach mir geschickt?« »Sie starb plötzlich, guter Pater – ganz plötzlich – erst vor ein paar Stunden in diesen meinen Armen. Für ihre Seele bin ich unbekümmert, obgleich es mir sehr leid tut, dass Ihr nicht an ihrer Seite wart.« Der Priester öffnete sachte die Vorhänge und blickte auf die Leiche hin. Dann sprengte er etwas Weihwasser auf das Bett und verharrte eine geraume Zeit in stummem Gebete. Endlich wandte er sich gegen Philipp um. »Warum sehe ich dich aber so beschäftigt, und was ist der Grund, dass du so ängstlich nach diesem Schlüssel suchst? Der Tod einer Mutter sollte doch wohl geeignet sein, kindliche Tränen und Gebete für ihre ewige Ruhe hervorzurufen, und doch sind deine Augen trocken. Du bemühst dich, einen gleichgültigen Gegenstand aufzusuchen, während die Hülle noch warm ist, aus der vor kurzem der Geist entwich. Das ist durchaus nicht schicklich, Philipp. Was ist's mit dem Schlüssel, den du suchst?« »Vater, ich habe keine Zeit zu Tränen – keine Zeit für Schmerz oder Wehklagen. Es bleibt mir viel zu tun, und ich habe mehr zu denken, als vielleicht mein Gehirn zu fassen vermag. Dass ich meine Mutter liebte, ist Euch nicht unbekannt.«
»Aber der Schlüssel, den du suchst, Philipp?« »Vater, es ist der Schlüssel zu dem Gemach, das seit Jahren verschlossen blieb – und das ich – öffnen will – selbst wenn – –« »Wenn was, mein Sohn?« »Ich wollte etwas sagen, was ich verschweigen muss. Vergebt mir, Vater: ich meinte, dass ich jenes Gemach untersuchen müsse.« »Ich habe längst auch von jener verschlossenen Stube gehört und weiß wohl, dass deine Mutter keine Auskunft darüber geben mochte, denn sie wollte sogar auf meine Fragen nie Rede stehen. Meine Pflicht veranlasste mich, in sie zu dringen, aber als ich fand, dass mein Eifer ihr Gefahr drohte, gab ich jeden weiteren Versuch auf. Auf das Herz deiner Mutter muss eine schwere Last gedrückt haben, mein Sohn, obgleich sie mir nie darüber beichten oder dieselbe vertrauen mochte. Sage mir, hat sie dir vor ihrem Tode das Geheimnis mitgeteilt?« »Ja, mein frommer Vater.« »Würde es dir nicht zum Trost gereichen, wenn du es mir anvertrautest? Ich könnte dir mit meinem Rate, mit meinem Beistande – –« »Gewiss würde das der Fall sein, Vater, denn ich könnte auf Euren Beistand bauen und weiß recht wohl, dass Euch nicht bloße Neugierde, sondern ein besserer Beweggrund leitet. Aber aus dem, was meine arme Mutter sagte, ist mir noch nicht klar, ob sie die Wahrheit sprach, oder ob ihr nur irgend ein Phantom das Gehirn verwirrt hatte. Hat es mit der Sache seine Richtigkeit, so will ich gerne die Last mit Euch teilen – wie wenig Ihr mir es auch Dank wissen werdet; vorderhand aber muss ich schweigen und mein Werk erfüllen – ich muss allein das verhasste Zimmer betreten.« »Fürchtest du dich nicht?« »Vater, ich fürchte nichts. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen – eine schreckliche zwar, aber ich bitte, fragt mich nicht weiter, denn gleich meiner Mutter, ist's mir, als ob eine Untersuchung der Wunde fast meine Vernunft über den Haufen werfen könnte.«
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