„Richtig“, sagt Opa. „Julian hatte es tatsächlich. Sein Vater hatte es im Geräteschuppen untergestellt.“
„Das musst du mir nicht sagen“, brummt das Mammut, „ich habe es dir ja verraten. Ich bin ein allwissendes Mammut auf einem Bergplateau. Tausende von Jahren an Weisheit sammeln sich in diesem kleinen Köpfchen“, sagt er und tippt sich mit dem Rüssel gegen den großen Kopf. „Enttäuscht bin ich trotzdem. Ihr Menschlein könntet mich alles fragen, was ihr nur wollt: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wie viel Hundert Jahre dauert es, bis der VFB Deutscher Meister wird? Warum ist eine Banane krumm? Aber nein. Immer nur diese Trivialitäten.“
„Dann weißt du, wo mein Hausschlüssel ist?“, frage ich verdutzt.
„Natürlich“, sagt das Mammut, „ich habe mit meinem Tod absolute Weisheit erlangt. Ich könnte euch erklären, wie genau Leben auf diesem Planeten entstanden ist oder aber wann genau ihr von Außerirdischen erobert und ausgelöscht werdet. Man nennt mich auch Ignazius der Weise.“
„Dein Fell ist aber grau“, merke ich an.
„Ach das ist eine Marketingsache. Dein Schlüssel ist übrigens in deinem Nachttisch.“
„Was? Wieso das denn?“
„Du hast ihn gestern, als du von der Arbeit kamst, mitsamt deinem Portemonnaie dort hineingeworfen.“
„Tz“, sage ich und ärgere mich über mich selbst. „Danke.“
„Keine Ursache. Ihr Menschen seid schon ein komisches Volk. Jeder von euch darf mich zu Lebzeiten nur eine Sache fragen, mich praktisch nur ein einziges Mal im Leben sehen und dann so was.“
„Ich hab dich schon zum zweiten Mal gesehen“, sagt Opa.
„Tatsächlich“, sagt das Mammut und hebt andächtig den Kopf. „Hast du auf dein Fahrrad gut aufgepasst?“
„Das ist schon lange kaputt und entsorgt“, sagt Opa mit einer abweisenden Handbewegung.
„Verstehe. Bald droht dir dasselbe, Kurt Bimmel. Mein drittes Auge sagt mir, dass du dem Tod näher bist als dem Leben.“
„… sagte das magische Mammut, das spätestens in einer halben Stunde wieder verpufft“, kontert Opa.
„Oho“, macht das Mammut. „Vorsicht Florian“, sagt es und tritt von einem Bein auf das andere, „hier wird scharf geschossen, was?“
„Darf man dir wirklich nur eine einzige Frage im ganzen Leben stellen?“, frage ich.
„So ist es“, sagt Ignazius stolz. „Wobei ein bisschen Geplänkel schon erlaubt ist. Nur die tiefgründigen Sachen, da gibt es ein Ein-Fragen-Maximum.“
„Mist“, sagt Florian. „Da wären mir jetzt bessere Dinge eingefallen.“
„Im Nachhinein ist man oft klüger“, sagt das Mammut.
„Es gibt also ein großes, untotes, aber vom Licht des Vollmondes lebendig werdendes Mammut auf einem Berg im Wald hinter Plüderhausen“, murmele ich vor mich hin.
„Wenn man die richtigen Worte spricht“, korrigiert Opa.
„Und nett bittet“, sagt das Mammut. „Ohne ein Bitte komme ich nicht mehr. Etwas manierlich muss man schon miteinander umspringen. Ich bin ja keine Zwerggiraffe, die man mal kurz herbeiruft.“
„Wie bist du denn gestorben, Ignazius?“, wage ich die Frage.
„Das ist aber sehr persönlich“, sagt das Mammut und wendet sich von uns ab. „Aber gut, wenn ihr es wissen wollt. Ich bin aus Einsamkeit gestorben.“
„Oh“, mache ich.
Opa scharrt mit den Füßen.
„Das ist aber traurig.“
„Ja, das ist es. All die anderen Mammuts waren nicht mehr da, und ich war das letzte. Tja und dann kam eines Tages ein helles goldenes Licht vorbei und fragte, ob ich nicht in den Himmel kommen möchte, zu all den anderen Mammuts. Was mich gefreut hat, endlich hab ich meine Eltern und Freunde wiedergesehen. Und natürlich mein Weibchen“, sagt Ignazius und wackelt mit den schwarzen Augenbrauen.
„Und ab und an darfst du zurückkommen, um mit uns Menschen zu sprechen?“, frage ich.
„Nicht nur mit euch. Die Geschöpfe des Waldes haben auch ihre Fragen. Wusstet ihr, dass es hier wieder Wölfe gibt? Sogar ein Bär hat letztens mit mir gesprochen.“
„Was wollte der Bär denn wissen?“, fragt Opa.
„Das ist privat. Aber so viel sei gesagt, er wusste ganz genau, wo er sein Fahrrad abgestellt hatte, Kurt Bimmel.“
„Klugscheißer …“, brummelt Opa.
Das Mammut schießt einen Stoß warme Rüsselluft in Opas Richtung.
„Wisst ihr, was mich seit Jahrhunderten ärgert?“, merkt Ignazius an. „Die wenigsten fragen etwas, das ihnen irgendeinen Vorteil verschaffen würde. Ich kenne zum Beispiel die Lottozahlen – 12, 8, 16, 27, 89 und 55.“
Hastig tasten wir uns beide nach Papier und Stift ab.
„OPA!“, sage ich panisch.
„Nichts …“, sagt Opa, der sich komplett abgetastet hat.
Dann fällt es mir ein! Mein Smartphone! Eilig hole ich es hervor und schreibe die Zahlen auf.
„Soll ich sie noch mal sagen?“, fragt Ignazius.
„Das wäre fantastisch“, sage ich.
„12, 8, 16, 27, 89 – 55 Hast du es?“
„55 …“, murmele ich und tippe alles ein.
„Ich kann es nicht glauben“, sagt Opa. „Ein steuerfreier Geldgewinn.“
Ignazius hat ein breites Grinsen im Mammutgesicht.
„Stimmen diese Zahlen?“, frage ich skeptisch.
„Sicher“, sagt Ignazius.
„Aber?“, fragt Opa unsicher mit den Händen in der Lederjacke.
„Die Zahlen sind von letzter Woche.“
Wir stöhnen.
„Wie gesagt, es ist nur eine Frage pro Mensch auf Lebenszeit erlaubt. So sind die Regeln.“
„Argh“, sagt Opa und rauft sich die Haare.
Ignazius streckt uns die Zunge raus und wackelt mit den Ohren.
„Es spricht ja für euch, dass es euch nicht darum geht, euch zu bereichern. Das Leben ist voller Reichtümer, die mancher Mensch nie wirklich sieht, auch wenn er sie immer bei sich trägt.“
„Zum Beispiel?“, fragt Opa mürrisch.
„Ihr habt einander.“
Opa schaut mich an, als wäre ich ein voller Müllsack.
„Na danke“, sagt er genervt.
„Wisst ihr, ich bin hier oben noch immer sehr einsam“, sagt das Mammut und schaut auf uns herab. „Die meisten stellen ihre Frage und verschwinden. Ich sitze dann noch ein paar Stunden hier, bis ich wieder zurückgerufen werde.“
„Und was machst du dann?“, frage ich.
„Ich beobachte die Sterne“, sagt Ignazius. „Schaut mal dort drüben“, sagt er und zeigt auf eine Sternkonstellation. „Das ist die große Erdnuss. Und da drüben ein Ball. Und das hier ist mein absoluter Liebling. Da, der große Teddybär“, sagt Ignazius und fährt die Sternenkonstellation mit dem Rüssel nach.
Wir schauen den Himmel an. Ein Firmament voller Sterne. Ein schöner Anblick, der einen auf eigentümliche Weise beruhigt.
„Können wir dir noch etwas Gutes tun?“, frage ich.
„Tja“, sagt das Mammut und lässt nervös das Bein kreisen. „Wisst ihr, eine Vorliebe, die ich mit den Menschen teile, fehlt mir dort oben im Mammuthimmel. Auch wenn sich mein Weibchen meiner ab und an erbarmt.“
„Was denn?“, frage ich.
„Würdet ihr“, sagt Ignazius, „eine Runde Mammut Ärgere dich nicht mit mir spielen?“ Er schiebt eine kleine Kiste nach vorne.
Ich kann sehen, dass darin lauter Brettspiele liegen.
„Es ist eine Spezialversion von Mensch ärgere dich nicht, die mir ein freundlicher Mensch gebracht hat. Ein Spielzeugmacher. Also der hatte wirklich eine Frage, huijuijui“, sagt Ignazius und pfeift mit seinem Rüssel im Maul. „Da haben mir die Ohren aber geschlackert. Der hat was ganz anderes gesucht als Fahrräder und Hausschlüssel.“
„Wir haben es ja verstanden. Wir zwei sind nur einfaches Volk“, sagt Opa.
„Also“, sagt Ignazius freudig. „Spielen wir?“
„Ich bin rot“, sage ich und setze mich auf den Boden.
Ignazius plumpst auf den Hintern.
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