Giuseppe Morello rekrutieren aus diesen Quartieren die Mitglieder ihrer Gang, die um die
Jahrhundertwende die grösste der Stadt sein wird. Auch hier gibt es eine "Black Hand", in die sich
der Polizeileutnant Joseph Petrosino infiltrieren kann. Als er die Polizeiarbeit gegen die Mafia mit
italienischen Fahndern koordinieren will, wird er in Sizilien angeblich von Don Vito Cascio Ferro
persönlich ermordet. Bekannt sind auch die "Five Points" und die "James Street Gang" von Johnny
Torrio, dem Neffen von Colosimo. Die Politik von New York City wird durch die Tammany Hall, ein
ämterverteilender Wahlapparat der Demokratischen Partei, beherrscht. Irische und dann auch
jüdische Gangster schmieren die Politiker der Tammany Hall, stellen ihnen die Wahlhelfer und
Schläger zur Verfügung, damit sie von Polizei und Justiz in Ruhe gelassen werden. Nach
bewaffneten Strassenschlachten im August 1903 zwischen der 1200 Mann starken jüdischen Gang
von Monk Eastman mit rivalisierenden Gangs greifen die Behörden ein, allerdings nicht, um die
Gangs zu eliminieren, sondern nur, um einen Waffenstillstand zu vermitteln.
Quellen : Davis (1988): 20-28, Delorme: 17-33, Giancana: 28ff, Marrs: 157, Best.
1898: Lateinamerika-Politik der USA top.
Bereits am 2.12.1823 verkündete Präsident James Monroe die nach ihm bekannte Doktrin, die den
Europäern jeglichen Einfluss in den amerikanischen Kontinenten verbietet. Die Briten wollen das
bröckelnde Kolonialreich der Spanier beerben, was die USA zu verhindern verstehen. 1824 erfolgt
eine militärische Intervention der USA in Puerto Rico, 1831 in Argentinien, und 1845 und 1847 in
Mexico, worauf die USA die Hälfte des Territoriums annektieren. Nach dem Ende des Bürgerkriegs
proklamierte Präsident Ulysses Grant seinen Glauben an die "offenkundige Bestimmung" der USA,
den gesamten Kontinent unter ihre Vorherrschaft zu bringen. Zur "Verteidigung der Demokratie"
werden laufend Unabhängigkeits-Bewegungen abgeklemmt.
Meist wird der amerikanische Imperialismus religiös legitimiert: Schon im Krieg gegen die
Mexikaner in den 1840er Jahre wurde mit Rekurs auf die Prädestinationslehre behauptet, Gott
selbst habe die Pferde und Kanonen der Vereinigten Staaten gesegnet. 1859 verteidigte Horace
Greeley die Massaker an den Prärieindianern mit derselben Logik: "Diese Leute müssen
aussterben - es kann ihnen niemand helfen. Gott hat die Erde denen gegeben, die sie sich
Untertan machen und sie zu kultivieren verstehen; es wäre vermessen, sich seinem gerechten
Auftrag zu widersetzen."
Die Depression im Winter 1893/94 brachte grosse Arbeitslosigkeit, gewalttätige Streiks in den
Stahlwerken von Pennsylvania und den Kohlebergwerken von West Virginia. Der Aufruhr zwang
die Oligarchen an der Ostküste, etwas zu finden, um den "Eiter aus dem anarchistischen,
sozialistischen und populistischen Furunkel zu ziehen", wie ein Banker aus Philadelphia sich
ausdrückt. Präsident William McKinley setzt auf die Idee eines amerikanischen Empire: Seit 1895
führte Jose Marti den zweiten Unabhängigkeitskrieg in Kuba, und McKinley nahm die Explosion
des Panzerkreuzers USS Maine im Hafen von Havanna zum Anlass, Spanien den Krieg zu
erklären. McKinley untergrub alle Versuche der Spanier zu verhandeln. Die Pressezaren Joseph
Pulitzer von World und William Randolph Hearst vom New York Journal behaupteten mehrere
Wochen lang, die Spanier hätten eine Mine gelegt. Die USA erobern Puerto Rico und unterstellen
es bis zur formalen Annektion von 1952 einem US-Gouverneur. Beim Feldzug auf den Philippinen
massakrieren die Marines 200'uOO Einwohner.
Albert Beveridge, republikanischer Senator aus Indiana, meint 1901 : "Wir werden nicht klein
beigeben im Auftrag, unserer Rasse, unter Gottes Wille weltweit als Treuhänderin der Zivilisation
zu wirken, und wir werden mit unserem Werk weitermachen, ohne wie Sklaven, die zu ihrer Arbeit
gepeitscht werden, unseren Schmerz herauszuschreien, sondern mit Dankbarkeit für ein
Unternehmen, das unserer Kraft würdig ist, mit Daknbarkeit gegenüber dem allmächtigen Gott,
dass er uns als sein auserwähltes Volk bezeichnet hat, das fortan seine Heilung der Welt anführen
darf."
191 1 kommt eine Untersuchungskommission zum Schluss, ein Explosionsunglück im
Maschinenraum habe den Untergang des Schiffes und den Tod von 260 Seeleuten ausgelöst. Die
USA dirigieren die Innenpolitik und intervenieren bei Widerstand militärisch: 1906, 1912 und 1917,
wonach bis 1934 eine US-Militärverwaltung besteht.
Wegen der Kontrolle der Häfen und der Hafengewerkschaften arbeiten die Import- und
Exportfirmen, vor allem wenn sie mit schnellverderblichen Gütern handeln, mit der Mafia
zusammen. In der Revolution von 191 1 in Honduras spielt die Mafia von New Orleans eine
führende Rolle. Dabei werden die europäischen Banken und Investoren zurückgedrängt, und die
US-Bananenfirmen bekommen freie Hand. Samuel Zemurray von der Cuyamel Banana Company,
die später zur United Fruit gehört, finanziert den in einem Bordell von New Orleans geplanten
Coup. Bereits 1903 und 1905 haben die USA die "Ordnung wiederhergestellt" und 1919 und 1924
erfolgen erneute militärische Interventionen.
Die Kooperation von US-Firmen, dem Militär, der Mafia und lokalen Herrschern bewährt sich in
ganz Lateinamerika: Nach einer ersten Intervention 1853 machte sich der Amerikaner William
Walker 1855 dank seiner Söldnerarmee zum Präsidenten von Nicaragua. 1857 und 1860
intervenieren die US-Marines erneut in Nicaragua. 1909 stürzten die Marines Präsident Zelaya und
die USA besetzten das Land, wobei die Mafia ihre Zusammenarbeit mit den US-Firmen
institutionalisiert. Nach der Intervention von 1912 wurde Adolfo Diaz an die Macht gesetzt, der den
Amerikanern die Kontrolle des Finanzsystems Nicaraguas und den Bau einer Militärgarnison bei
Managua erlaubte, wo die Marines bis 1925 blieben. 1914 erfolgte der Bryan-Chamorro-Vertrag,
der den USA das exklusive Recht auf den Bau eines geplanten Kanals sicherte. Nachdem der US-
Schützling Emiliano Chamorro sich an die Macht geputscht hat, greifen die Marines gegen die
Unabhängigkeitsarmee von Augusto Cesar Sandino 1927 erneut ein und bauen die berüchtigte
Nationalgarde auf, an deren Spitze Anastasia Somozo 1932 die Macht übernimmt.
1903 erweiterte Theodore Roosevelt die Monroe-Doktrin, indem die USA die Funktion der
"Weltpolizei" übernehmen müsse bei einem "Fehlverhalten" eines Staates. Da Kolumbien sich
weigerte, die Nutzungsrechte des geplanten Kanals in der Provinz Panama den Amerikanern für
hundert Jahre zu überlassen, erzwangen die USA 1903 die Gebietsabtrennung. Eine Invasion in
der kolumbianischen Provinz war bereits 1860 erfolgt, und 1926 erhielt Panama faktisch den
Status eines Bundesstaates. Präsident William Taft prophezeit 1912: "Die gesamte Hemisphäre
wird uns gehören, da sie uns kraft der Überlegenheit unserer Rasse moralisch eigentlich schon
jetzt gehört". In den nächsten 25 Jahren folgen 12 weitere Interventionen und 8 Invasionen. 1915
wird die Republik Haiti erstickt: Unter William B. Caperton landet ein Korps in Port-au-Prince und
zwingt das Land, wie schon im Falle der Dominikanischen Republik 1907, die Militär-, Zivil- und
Finanzverwaltung sowie das Zoll- und Steuersystem in die Hände der Amerikaner zu übergeben.
1921 wird mit einer US-Intervention Präsident Herrera in Guatemala gestürzt, der sich gegen die
Expansionspläne der United Fruit stellt. 1923 werden Pläne für eine Föderalistische Republik von
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