Zusammen mit der gesunden Waldluft atme ich sie bereits ein.
Sie werden sich noch öfter zeigen, die Möglichkeiten, die Auswege, die Boten der Hoffnung.
Alles ist Gnade
So war es schon immer.
Das Licht ist die Hoffnung, aber in den Schatten lauert das Unheil. Ohne das eine weiß ich nichts vom anderen.
Ich habe kurz gezögert, als ich bei der Beerdigung von der Kapelle bis zum Grab hinter dem Sarg hinterhergehen sollte. Nun läuft sie immer wieder vor meinen Augen ab, die Szene, als der Sarg in der Dunkelheit des Erdreichs verschwindet. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam empfängt ihn die Endgültigkeit. Leichte Panik steigt in mir auf und ich muss aufpassen, nicht von einem Sog des Mitsterbenwollens erfasst zu werden. Doch ich bleibe am Leben, um Kontrolle bemüht. Komischerweise werde ich später bei jedem Grabbesuch das eingemeißelte Datum von Geburt und Tod überprüfen, nur um jedes Mal wieder festzustellen, dass alles richtig ist.
Die weinenden Gesichter ziehen an mir vorüber. Hier am offenen Grab ist noch nichts davon zu spüren, aber jede Trauerträne kündigt bereits eine an, die irgendwann vor Freude über das Gesicht laufen wird.
Im Grab ist es dunkel, aber das Leben braucht Licht.
Nimm beides oder du hast gar nichts und nichts zu haben ist gnadenlos.
Fürchte dich nicht
Ein Sonnentag.
Die Kinder freuen sich über die Freiheit auf ihren Fahrrädern und spielen das Spiel "Nicht über meinen Schatten fahren!"
Keiner darf über den Schatten der anderen fahren, was aber natürlich jeder mit viel Geschrei und Freude versucht.
Wie konnte ich bloß dieses unbeschwerte Spiel mit den Schatten verlernen.
Wie konnten sie nur plötzlich so mächtig werden.
Ohne Hilfe komme ich da nicht heraus, aus dem geschlossenen Raum der Dunkelheit. Doch für jede Tür, die zuschlägt, gehen zwei neue auf. Ich werde wieder ans Licht kommen.
Vielleicht nicht wie ein Zug, der aus dem Tunnel ins Sonnenlicht fährt und dann gleich die Panoramastrecke entlang der Küste nimmt. Vielleicht eher wie ein Seevogel, der sich mit verklebten Federn aus dem Wasser einer Ölkatastrophe retten kann.
Es wird eine Möglichkeit geben, um wieder zu fliegen.
Ich werde ins Licht fliegen oder fahren oder springen oder kriechen.
Aber ich werde. Keine Angst.
Nochmal.
Keine Angst!
"A piece of cheddar-cheese and a slice of ham, please."
Er steht in einem kleinen Laden und kauft für das Frühstück ein. Nach einer verrückten Anreise sind sie auf einem Campingplatz in der Nähe von London gelandet.
"London würde ich gerne mal sehen."
Ja dann los, machen wir!
Sie sind jung und knackig aber der Opel alt und rostig. Noch in Deutschland gibt der Auspuff auf und die Schrottkarre wird laut und langsam. Die Fähre über den Ärmelkanal verpassen sie um wenige Minuten und winken ihr noch nach.
Schließlich doch auf Englands Straßen unterwegs, droht ein Polizist mit Gefängnis, wenn sie sich nicht endlich an den Linksverkehr halten.
Hier fahren alle verkehrt herum und seine neue Freundin hat den Führerschein noch nicht so lange.
Jetzt steht ihr Zelt im Nieselregen und heute wollen sie nach London, in die City.
Auf dem Bahnsteig des Londoner Vorortes warten sie auf die U-Bahn, die hier draußen allerdings noch über Tage fährt. Ein Zug rollt ein und alle Türen schieben sich wie von Geisterhand auf. Er spaziert am Zug entlang, um ein nettes Abteil auszusuchen, lässt sich aber etwas zu viel Zeit. Ein kurzer Warnton, dann schließen sich die Türen wieder und der Zug fährt los.
Er dreht sich um und ruft: "Das ging aber schnell, hast du...", sie ist weg.
Aus dem Fenster heraus sieht sie ihn auf dem sich entfernenden Bahnsteig.
Er sieht sie in dem abfahrenden Zug.
Sie ist weg! Einfach eingestiegen.
Wieso steigt sie denn ein durch die offenen Türen?
Wie kann das angehen? Und was nun?
Elf Minuten vergehen in England langsamer als in Deutschland. In elf Minuten kommt wieder ein Zug und wenn sie schlau ist, steigt sie am nächsten Bahnhof aus und wartet auf ihn. So würde er es machen.
Nichts zu sehen von ihr. Auch nicht beim nächsten Halt und danach auch nicht.
Warum steigt sie nicht aus, verdammt?
"Warum steigst du nicht ein, du Idiot?", fragt er sich. "Du weißt doch, wie orientierungslos sie sein kann." Immerhin, so gut kennt er sie schon.
Allein in London wäre sie doch hoffnungslos verloren!
Der Zug taucht ab in den Untergrund und je näher er der Innenstadt kommt, desto voller werden die Bahnsteige und desto voller wird die Bahn.
"Die findest du nie!" Verzweiflung kommt auf. Ein Plan muss her.
Er spricht mit sich selbst: "Denk nach, Mann. Habt ihr irgendwas abgemacht?
Eine Sehenswürdigkeit, ein Stadtviertel, eine Kirche, eine Veranstaltung?"
Nein, nichts geplant. Sie wollten sich treiben lassen, ungezwungen und frei.
Er studiert den U-Bahn-Plan, der an der Wand hängt. Gestern Abend im Zelt hatten sie auch so einen Plan vor der Nase. Hatte er nicht vorgeschlagen, wo sie gut aussteigen könnten? Ja klar... Piccadilly? Nein, Oxford Circus, genau! "Liegt mittendrin, guter Ausgangspunkt", das waren doch seine Worte.
"Ja, das sehen wir morgen" war ihre Antwort.
Oxford Circus, noch sechs Stationen.
Das ist der Plan!
Oxford Circus ist ein U-Bahnkreuz mitten in der City of London.
Voll ist es, übervoll.
Alle strömen zu den Ausgängen. Nur er hält dagegen wie ein Felsen im Wasserfall. Irgendwann ist der Bahnsteig leer.
Graue Fliesen auf dem Boden, weiße Fliesen an den Wänden. Riesige bunte Werbeflächen.
Wie lang der ist! 200 Meter, 400 Meter?
Da hinten, ganz am anderen Ende, da steht sie doch! Das ist sie doch!
Ist ja filmreif, denkt er, als sie sich aufeinander zu bewegen. Erst langsam, dann schneller, dann rennen sie bis zur Umarmung.
Die ist lang, fest und innig.
Es sollen noch viele weitere folgen, aber diese ist am Anfang, voller Dankbarkeit und Glück.
Let's go.
This is London and this is everywhere.
Zuerst fließt der Fluss durch die Highlands.
Danach geschieht lange Zeit nichts.
1751 baut jemand eine Brücke über den River Orchy, später einen Pub für alles Lebenswichtige und ein Hotel für die Hoffnung. Außerdem einen Bahnhof zum Abreisen. Ein Gleis Richtung Norden und eines, um in Schottlands Süden zu kommen. Zwischen den Gleisen liegt der Bahnsteig und darauf steht die von uns gebuchte Unterkunft.
The West Highland Way Sleeper.
Hört sich gut an. Nach einer langen Trekkingtour sind unsere Füße platt aber die Herberge ist verlassen und verschlossen. Gerümpel und Müll hinter den Fenstern lassen eine leichte Panik aufkommen. Diskussionen und Telefonate werden geführt.
Wie ein Geist aus dem Hochmoornebel entsteigt er dann doch irgendwann seinem Wohnwagen und schlendert über den Bahnsteig, der Herbergsvater.
Die einen halten ihn für leicht angetrunken, die anderen für sternhagelvoll. Wahrscheinlich hat er aber nur sein Level, welches er nun mal täglich spät nachmittags hat.
Stolz zeigt er uns die Schlafsäle, jedenfalls nennt er sie so. Unsere Bemerkung, es sei doch alles möglicherweise geringfügig unsauber entlockt ihm ein erstaunliches Repertoire an Schimpfwörtern.
Den Mief muss man mögen, die Unordnung tolerieren. Die wackeligen Drei-Etagen-Betten in den engen Räumen könnten tatsächlich noch eine Nacht durchhalten, bevor sie auseinanderfallen. Die fleckige Bettwäsche auf den durchhängenden Matratzen vermittelt einen Hauch Gemütlichkeit. Ihre kleinen einheimischen Bewohner feiern in der dunkelsten Ecke ein Erntedankfest: "Halleluja, fünfzehn frische deutsche Pilger für eine ganze Nacht. Hoffentlich duschen sie nicht vorher. Was sind wir doch für glückliche Flöhe."
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