Von einer halben Schnitte schnitt sie den Rand ab und bestrich das Brot mit Gehacktes. Gehacktes frisch vom Schwein, frisch auf den Tisch. Mami konnte es nicht glauben. In kleine Schäfchen geschnitten schob es Tante Maria mir in den Mund. Erst verdrehte ich die Augen, dann wurden diese groß und größer und ich fand Gefallen daran. Ratzfatz war die halbe Schnitte verputzt und Maria musste aufpassen, das ich ihr nicht in die Finger biss, wenn sie nicht schnell genug war. Mir hat es geschmeckt, alle waren wieder glücklich und der Grundstein für eine Zeit ohne Brei war gelegt. Von nun an erklärte ich Milch, Möhren und Brei eine Abfahrt. Schwester Maria erzählte das alles schon Dr. Martin, meinem Arzt. In der nächsten Sprechstunde erzählte ihm Mami auch von der Milchverweigerung. Der Doktor sagte darauf nur: Geben Sie ihm jeden Tag zwei Stückchen Vollmilch-Schokolade, dann hat er seine Milch. Der Doktor war mein Freund! Von nun an bekam ich täglich 2 Stückchen Vollmilch-Schokolade. Sie bestand damals aus Vollmilch, Kakao, Kakaobutter und Zucker. Also aus reinen Zutaten. Mir fehlte es an nichts und mir ging es gut. Ich wuchs wie jedes andere Kind und hatte nach dem Windelabwurf auch eine schöne Figur, ich war schlank. Egal wo ich mit meiner Mama erschien sagten immer die Tanten: Ach ist das ein hübscher Junge, wie die Mama. Das ging runter wie reines Öl.
Bei uns wurde alles selber gekocht aus reinen Zutaten. Am liebsten mochte ich Hühnerbrühe, Hühnersuppe mit Fadennudeln oder Hühnerklein mit Muschelnudeln. Buchstabennudeln gab es damals bei uns noch nicht. Oder vielleicht das russische Alphabet, keine Ahnung, denn ich konnte noch nicht lesen. Papa hielt ein paar Hühner und auch Kaninchen. Im Winter gab es oft Kaninchen-Braten am Sonntag. Aber auch Enten und Gänse an den Feiertagen. Die bekamen wir von den Bauern teilweise im Tausch, wie es auf dem Dorf so üblich war. Als ich unterwegs war, also Mama mit mir schwanger ging, mußte Papi sehr oft Hühner schlachten. Wenn die schlecht oder nicht mehr legten, kamen die Hühner in den Topf. Mami liebte während der Schwangerschaft Hühnerbrühe und Hühnersuppe. Omi kochte gleich große Töpfe, denn es war ja kein Problem. Die Hühner konnten so richtig schön am Rand des Kohleherdes auskochen. Im Sommer gab es in unseren Dachzimmern brütende Hitze im Gebälk. Da hatten wir einen zweiflammigen Propangaskocher zum Kochen stehen. Also die Hühnersuppe war gerettet und wurde mir mit in die Wiege gelegt. Ich mag für mein Leben gerne Hühnersuppe. Fertiggerichte kannten wir damals nicht. Alles wurde selber zubereitet und den Menschen ging es gut. Welch ein Wunder. Mitte der 1960-er Jahre zogen wir vom Dorf in die Kreisstadt und in eine Neubauwohnung. Der Neubau verzögerte sich, weil Ulbricht erst einmal seine Mauer in Berlin bauen mußte. Und in der Küche stand wieder so ein schöner Herd, ein geteilter Herd. Links waren 2 Flammen und darunter eine Backröhre für Stadtgas. Auf der rechten Herdseite war der Kohleteil mit Feuerloch, Aschekasten und oben das hohe Ofenrohr. Im Winter heizte Mami den Herd und tagsüber legte Omi immer wieder Brikett oder Knorpel nach. Schön warm war es in der Küche. Rechts neben dem Ofenrohr stand immer eine Emaille-Kanne mit warmen Muckefuck, Malzkaffee. Er war aus reinem Schrot und Zichorie, einfach lecker und warm und er ging nie aus. Links neben dem Ofenrohr stand der kleine Topf mit dem Teesieb zum Teebrühen. Am Herdrand stand der Emaille-Pfeifkessel für heißes Wasser. Wir liebten den herrlichen Kräutertee aus dem Erzgebirge. Im Sommer wurde Tee und Muckefuck auf den Gasflammen gekocht, allerdings bleiben die Kanne und der Topf am gleichen Ort stehen, darin waren die leckeren kalten Getränke. Durstlöscher!
Und auch jetzt wurde weiter wie immer gekocht. Gekocht mit normalen Zutaten, alles selber zubereitet. Wir hatten und haben eine wundervolle einfache Küche, eine Küche mit Hausmannskost, ganz bodenständig. Mami und Omi kochten die gute ostpreußische Küche und Papi brachte die böhmische Küche mit in unseren Haushalt.
Streßreduzierter Haushalt
Anfang der 1970-er Jahre wurde es einfacher für die Küchen, für die Hausfrauen und -männer. Die Industrie, die Wirtschaft, holte auf in Ostdeutschland. Die altbekannten Zutaten zum Kochen standen nun in neuer Qualität in den Regalen des Einzelhandels. Für viele Zutaten fehlte dem Osten schlichtweg das Geld und wir mussten alle sparen. Auch die Schokoladenindustrie mußte sich etwas einfallen lassen. In Miltitz gab es ein großes Werk, es stellte Aromen her. Diese waren so beliebt, dass der größte Teil ins Ausland verkauft wurde, Devisenbringend. In der Schokoladenfabrik wurde zum Beispiel Erbspürree gekocht und mit Aroma versehen. Das wurde dann in eine Vollmilchpraline eingespritzt, und man erhielt ein Messe ausgezeichnetes Produkt mit dem Namen „Die fruchtigen Zwölf – Ananas“, dieses Produkt gab es in vielen Geschmacksrichtungen. Es schadete aber niemanden. Nüsse waren bei uns knapp, wir verwendeten Pfirsichkerne, veredelten diese und brachen sie in Stückchen. Es waren die Nüsse auf den Nußbergen mit Alkoholfüllung. Auch das schadete niemanden. Entweder liebte man sie oder man hasste sie. Wir kauften sie nicht. Unsere Läden füllten sich mit Büchsen und Dosen, Fischbüchsen, Fischsoljanka, Bohnen und anderes Gemüse, Obst. Aber auch kamen jetzt die Suppina – Tütensuppen in den Handel, Tempo – Erbsen und – Linsen, Suppenwürze und Brühwürfel. Sie sollten die Suppen verfeinern, das Essen verfeinern. Sie taten es auch und überwürzten alles. Es war das blanke Salz. Auch gab es als Suppina – Tütensuppe Hühnersuppe mit Fadennudeln zu kaufen. Man konnte sie nicht genießen, es ging einfach nicht. Die Suppina – Tütensuppen waren echt legendär. Allerdings die Tempo – Gerichte, es waren nur Zutaten, keine Fertiggerichte kauften auch wir gerne. Dadurch ersparten wir uns das zeitaufwendige wässern der Hülsenfrüchte.
Sehr lecker kamen die Fischbüchsen daher, in Öl oder Tomatensoße. Sie waren rein ohne viele und chemische Zutaten. Dafür gab es sie bei uns oftmals als Bückwaren unter dem Ladentisch, waren eine rare Delikatesse. Sie gingen fort, fort für die harte Währung in den Westen. So auch unsere leckere Schokolade, bestehend aus Kakao, Zucker, echter Kakaobutter.
Die moderne Hausfrau oder der moderne Hausmann kochten in Ostdeutschland alles selber am heimischen Herd. Dafür hatte unsere Industrie gesorgt, im speziellen die Konsumgüterproduktion. Alle Haushalte konnten sich jetzt Kühlschränke leisten, Kühlschränke mit Gefrierfach und auch Gefriertruhen. Und wer die reiche Westtante hatte, bekam alles Schöne aus dem Genex-Katalog.
Die kleinen Helferlein zogen in unsere Küchen ein, Kochtöpfe mit dicken Stahlböden, Schnellkochtöpfe, Küchenmaschinen, Mixer, Grillgeräte und vieles mehr. Hatte man Glück oder Vitamin „B“, also Beziehung, klappte alles schneller. Auch ich schenke meiner Mama im Frühjahr 1988 eine tolle Küchenmaschine „berlinett“ für 450 Mark der DDR. Zwei Jahre später konnte ich diese Küchenmaschine im „Quelle“ – Katalog bei Grete Schickedanz für 79,99 DM kaufen – da bekommt Kochen eine ganz andere Bedeutung. Nach 30 Jahren hatte diese Küchenmaschine ihr Leben ausgehaucht. Das war noch Qualität!
Wir, also unsere Familie, war glücklich. Wir hatten ein Dach über unserem Kopf, hatten es warm und hatten zu Essen. Wir hatten uns. Mehr kann man dazu nicht sagen.
Und da gab es noch etwas ganz wesentliches! Wenn man es hatte, war es schön, sogar sehr schön, wenn man es nicht hatte, war es allerdings auch gut: die Westverwandtschaft. Meine Patentante lebte in Bonn, die andere Patentante und Cousine meines Papi in Marktredwitz und Omi ihre Freundin, Tante Fuchs, in Norderstedt. Das waren unsere Kontakte in den goldenen Westen. Mami ihr Cousin lebte mit seiner Familie in München, Tanten und Onkels aus Ostpreußen lebten in Stade und Umgebung. Allerdings gab es dorthin keinen Kontakt. Das Telefon war zwar bereits erfunden, aber wir hatten es nicht und für uns war auch kein Anschluß vorgesehen. Also Briefwechsel und auch die persönlichen Treffen hier in Ostdeutschland und der Tschechei. Anders war es für uns nicht möglich, der „Eiserne Vorhand“ blieb für unsere Familie geschlossen.
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