J.D. David - Mondschein

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Als die junge Waise Lora in den Straßen ihrer Heimatstadt einen Jungen rettet, ahnt sie noch nicht, dass dies ihr Schicksal für immer verändern soll. Denn der Gerettete stellt sich als der junge König des Reiches Valorien heraus, und Lora wird in eine Welt von Macht, Krieg, und Intrigen hineingezogen. Während das Königreich noch immer unter den Folgen des letzten Krieges leidet, ist es innerlich zerrissen. Ehrgeizige Adelige ringen um Macht, wilde Horden gefährden den Frieden, und der junge König kann sich nur auf wenige loyale Ritter verlassen.

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Er ging zu dem kleinen Bach und nahm einen ordentlichen Schuss Wasser, den er sich erstmal ins Gesicht spritze. Das Wasser war eiskalt und herrlich erfrischend. Danach trank er gierig einige weitere Schlucke und füllte dann noch seinen Wasserschlauch auf. Nachdem er sich erhoben hatte, wandte sich Arthur zu dem Gefangenen und seinem Aufpasser Kilian, der den Urben während des gesamten Weges nicht aus den Augen gelassen hatte. Er beugte sich zu dem Urben herunter und schaute ihm ins Gesicht. Die langen schwarzen Haare des Urben hingen ihm schmutzig und von Blut verklebt im Gesicht. Die Platzwunde an der Stirn hatte das gesamte Gesicht mit einer dunklen Blutkruste überzogen, die dem Urben ein schauerliches Aussehen gab. Noch immer lag Hass im Blick seines Feindes, den er vorhin auf dem Schlachtfeld niedergestreckt hatte.

„Nimm ihm den Knebel ab!“, befahl er Kilian, der das grobe Lederband losband.

„Wie ist dein Name, Urbe?“ Es kam keine Antwort. Der Gefangene spuckte Arthur vor die Füße. Der Ritter fixierte seinen Gefangenen mit seinem Blick. Er wollte es erst auf die freundliche Art versuchen.

„Du bist offensichtlich ein höher gestellter Soldat deines Volkes, also glaube ich, dass du meine Sprache sprichst. Ich werde es erstmal freundlich probieren. Ich bin Arthur von Freital, Ritter Valoriens. Mit wem hatte ich letzte Nacht die Ehre, die Klingen zu kreuzen?“

Der Urbe musterte immer noch seinen gegenüber. Er ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er antwortete.

„Zirgas, Sohn des Lizasor. Anführer des Stammes der Gorbi Urboi.“ Arthur nickte. Das lief doch besser, als er befürchtet hatte.

„Ich hoffte, dass wir in der großen Schlacht die Urben unter Ikran Khan endgültig geschlagen hatten und die Überlebenden sich nach dem Tod des Khans in alle Windrichtungen zerschlagen hätten. Für eine marodierende Horde waren das gestern Nacht zu viele, und wir waren kein wirklich lohnenswertes Ziel. Ich will wissen, wer mich und meine Männer gestern angegriffen hatte.“

Zirgas grinste fies, ehe er mit seiner tiefen Stimme und seinem urbischen Akzent antwortete. „Der Tod aus der Steppe.“

Arthur lächelte und wandte sich ab. Blitzschnell fuhr er wieder herum und grub seine Faust in das Gesicht des Urben. Zirgas fiel nach hinten um und wurde von Kilian sofort wieder in eine sitzende Position hochgehoben. Blut lief aus seiner Nase, die nach einem lauten Knacken deutlich schiefer als zuvor wirkte.

„Wer hat uns angegriffen? Wenn du der Anführer gewesen wärest, hättest du den größeren Teil der Reiter geführt. Wer ist dein Herr? Wieso habt ihr uns angegriffen?“ Zirgas konnte seine schmerzverzehrte Miene schnell wieder in das fiese Grinsen verwandeln.

„Du bist ein guter Beobachter, Arthur von Freital, wirklich gut bemerkt. Und das in der Hitze der Schlacht.“ Er nickte anerkennend, obwohl nicht wirklich zu erkennen war, ob es sich um echte Anerkennung handelte, oder um sarkastische Herablassung.

„Ich habe Zeit. Zirgas. Viel Zeit. Und ich habe viele Männer, die gestern Nacht gute Freunde und Waffenbrüder verloren haben. Jeder wird sich über ein kleines Stückchen Rache freuen. Und glaub mir, die meisten dieser Männer wissen, wie man einen Mann am Leben hält, und ihm trotzdem große Schmerzen zufügen kann. Also, meine Fragen hast du gehört, wollen wir uns nicht einfach ein bisschen Zeit und dir ein paar Schmerzen sparen und sofort zum Punkt kommen? Ich verspreche dir dein Leben, wenn du mir alles erzählst, was du weißt. Das Versprechen eines Edelmannes, an einen Edelmann.“ Arthur meinte ein leichtes ängstliches Zucken in Zirgas Miene zu bemerken, die sich aber gleich wieder versteinerte. Dennoch glaubte er, dass die Drohung seine Wirkung gezeigt hatte.

„Ich diene dem wahren Khan der Urben, Narthas Khan, der nach dem Tod seines Vaters als Herr der Steppe emporstieg.“ Narthas Khan. Den Namen hatte Arthur noch nie gehört, wahrscheinlich ein Sohn des gefürchteten Ikran Khans.

„Und wie hat es dieser Narthas Khan aus der Gefangenschaft von Herzog Celan geschafft?“, hakte Arthur nach, dem die Geschichte noch nicht ganz geheuer vorkam. Zirgas setzte wieder sein Grinsen auf.

„Aus der Gefangenschaft? Nun ja, er wurde freigelassen. Wie wir alle anderen auch. Wir wurden freigelassen, unter dem Schwur, dem Herzog von Tandor eine Blutschuld schuldig zu sein. Bis ein Urbe einem Erben des Hauses Tandor das Leben rettet, sind wir zur Treue verpflichtet. Ein hoher Preis, aber der Khan akzeptierte ihn.“

Alles schien sich um Arthur zu drehen. Freigelassen? Blutschuld? Wieso? Das ergab alles keinen Sinn. Celan sollte froh sein, die Gefahr ein für alle Mal abgewendet zu haben und dabei noch einige Arbeiter für seine Mienen gewonnen zu haben. Wieso sollte er sich dem erneuten Risiko aussetzten, dass die Urben Tandor erneut terrorisierten, sollten sie wortbrüchig werden? Was plante Celan mit der Treue der Urben?

„Rede weiter, was weißt du noch alles“, sagte Arthur immer noch etwas in Gedanken versunken.

„Herzog Celan war es, der uns schickte euch alle zu töten.“

„Dieser Verräter!“, entfuhr es Arthur lauthals und er war auf der gesamten Lichtung zu hören. Zirgas fuhr grinsend fort, offensichtlich über den internen Verrat der Valoren belustigt.

„Nun, ihr Valoren scheint nicht so einig zu sein, wie ihr denkt. Aber das war noch nicht alles, was Herzog Celan veranlasste. Er ließ die besten fünf Krieger der Urben zu sich kommen und erteilte ihnen einen Auftrag. Einer dieser Krieger ist mein Bruder, und so erfuhr ich von der Aufgabe. Mit einigen anderen Tandorern sollen sie nach Südwesten reisen und den jungen König suchen, um ihn dem gleichen Schicksal zuzuführen, wie ihr es erleiden solltet.“ Arthur verschlug es die Sprache und auch Kilian wirkte offensichtlich entsetzt. Ein Mordversuch auf den König. Das war Hochverrat. Langsam schloss sich der Kreis. Herzog Celan baute seine militärische Streitmacht deutlich aus, er schwächte seinen Nachbarn im Süden und versuchte den König zu ermorden. Für Celan war Tandor nicht genug. Er musste aufgehalten werden.

„War das alles was du weißt?“, fragte er Zirgas. Er blickte ihm tief in die Augen, um zu erkennen, wenn dieser log. Zirgas nickte. „So wahr die Geister der Steppe über mich wachen, das ist alles.“ Der Urbe musste ein Lächeln unterdrücken. Er hatte Arthur bereitwillig die gesamte schmutzige Wahrheit erzählt. Es barg die kleine Hoffnung, auf sein Leben. Immerhin waren diese Valoren so erpicht auf ihre Ehre. Eine Schwäche, die ein Urbe niemals zulassen würde. Aber seine Gedanken gingen noch weiter. Sollten sich die Valoren doch gegenseitig bekämpfen. Tandor gegen Rethas. Die Krone gegen Tandor. Egal wie. Jeder tote Valore würde sie näher zu ihrer Freiheit bringen. Und auch sein Khan würde diese Chance erkennen. Denn Chaos war ein natürlicher Freund der Urben.

„Lauf. Und hoffe, dass du mir nie wieder über den Weg läufst.“, sagte Arthur und zog sein Messer um die Fesseln des Gefangen zu zerschneiden. Er hatte sein Wort gegeben.

Während Zirgas im Wald verschwand, nahm Arthur seine Sachen auf. Seinen Bogen hatte er auf dem Schlachtfeld verloren. Das war traurig. Aber er war sich sicher, dass er spätestens zurück in Freital angemessenen Ersatz erhalten würde.

„Hagen, Wulf, Kilian, Jorgen“, rief er einige seiner Männer heran. „Wulf, du wirst die Männer zurück nach Hause führen. Hagen, Kilian, Jorgen, der König ist in Gefahr. Ihr drei werdet zusammen mit mir nach Westen reisen. Höchstes Marschtempo. Wir brechen sofort auf.“

Die vier Männer nickten und nahmen ihre Waffen auf. Wulf kam noch mal auf Arthur zu und nahm dessen Arm zum Gruß. „Pass auf dich auf, Arthur.“ Der Ritter nickte. „Und führe du unsere Brüder zurück in die Heimat. Ich verlasse mich auf dich.“, sagte er und lief dann zusammen mit seinen drei Begleitern in westlicher Richtung von der Lichtung weg.

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