Er blickte sich schnell nach links und rechts um. Es stand gut für sie, die meisten Urben waren auf den schnellen Gegenangriff nicht gefasst gewesen. Nur noch wenige saßen im Sattel. Gerade wollte er sich noch mal genauer umschauen, als ihm sein nächster Gegner entgegentrat. Sofort erkannte Arthur den Unterschied zu den anderen Feinden. Die Rüstung des Mannes war deutlich stärker, verschiedene Schmuckstücke und seine Kleidung verrieten, dass es sich um einen Anführer oder zumindest um einen sehr reichen Urben handeln musste. Arthur hob sein Schwert in eine Paradehaltung. Er wollte zuerst sehen, was sein Gegner konnte und machte. Dieser umkreiste Arthur auch und blickte ihm dabei tief in die Augen. Und unbändiger Hass sprach aus den Augen des Urben. Dann griff er an. Er ließ seinen Säbel tanzen und führte eine Reihe von blitzschnellen Schlägen hintereinander aus. Wie Arthur vermutet hatte, war dieser Gegner von einem anderen Kaliber als die anderen. Nur mit Mühe konnte er alle Schläge seines Feindes parieren. Gerade meinte er eine Lücke zu erkennen, als die Klinge des Feindes erneut hervorschnellte. Arthur versuchte sich noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, aber die Klinge erwischte seinen linken Arm, zerfetzte den Stoff und hinterließ eine Wunde, keine Tiefe, aber sie brannte außerordentlich. Mit einem Sprung nach hinten brachte sich Arthur in Sicherheit und atmete erstmal tief durch. Er blickte seinem Gegner wieder in die Augen, aus denen dieser alles zerfressender Hass sprach.
Dann griff Arthur an. Er hatte die Bewegungen des Urben beobachtet. Sie waren schnell, sicher, aber eine Kleinigkeit war Arthur nicht entgangen. Bei einigen Bewegungen humpelte sein Feind deutlich mit dem linken Bein, dass er sich beim Sturz vom Pferd verletzt haben musste. Das musste er ausnutzen. In seinen Angriffen versuchte Arthur sich seinem Gegner anzupassen und setzte nur wenig Kraft in seine Hiebe, führte sie dafür aber umso schneller aus, um dem Gegner keine Möglichkeit zum Kontern zu lassen. Der Urbe parierte einen Hieb nach dem anderen und schien nicht merklich in Bedrängnis zu kommen. Dann wechselte Arthur urplötzlich seinen Kampfstil. Er setzte seine gesamte Kraft in einen mächtigen Schlag von links. Er wusste, dass wenn dieser Schlag fehlschlug, er völlig offen dastehen würde. Die Klinge von Arthur krachte mit voller Wucht auf den Säbel des Urben. Dieser stemmte sich mit voller Kraft gegen den Schlag, aber es trat ein, was Arthur vermutet hatte. Das leicht verletzte Bein des Urben knickte ein und ließ diesen straucheln. Arthur setzte sofort nach, tat einen großen Schritt nach vorne und hob sein Schwert. Mit einem kräftigen Schlag mit dem Knauf gegen die Stirn seines Feindes schickte er ihn bewusstlos zu Boden. Er wollte ihn auf jeden Fall als Gefangenen mitnehmen, um mehr über das warum dieses Angriffes zu erfahren.
Endlich war Arthur etwas freier und konnte sich umschauen.
Hagen hatte mit seinen Männern nur einige Flüchtende retten können und war schon auf dem Weg in den rettenden Wald. Er selbst hatte mit seinen Männern die meisten Urben besiegt, der Weg war frei. Kalt lief es Arthur über den Rücken, als er Jorgen mit seinen Männern sah. Sie standen, wie befohlen, dort um Arthur den Rücken zu sichern. Und das obwohl fast die gesamten restlichen Reiter auf sie zustürmten. Das würde ein Gemetzel geben, dessen war sich Arthur sicher. Er musste sie retten. Irgendwie. Aber es war wohl zu spät.
„Rückzug!“ schrie er in die Nacht. „Rettet euch in den Wald!“ Er winkte Kilian herbei, ein sehr kräftiges Mitglied der Schwarzen Pfeile, dem seine schwarzen dichten Haare etwas Tierisches verliehen.
„Nimm den hier mit, und rette dich dann in den Wald.“
Arthur blickte zurück. Jorgen und seine Männer hatten noch zur Flucht angesetzt, aber sie wurden schnell von den restlichen Reitern eingeholt. Arthur hob sein Schwert und wollte gerade losstürmen als ihn eine kräftige Hand an der Schulter packte. Wulf schaute ihn ernst an.
„Wirf nicht dein Leben weg. Wir brauchen dich. Lass uns in Sicherheit bringen, wer noch gerettet werden kann. Die anderen werden wir wiedersehen.“
Arthur nickte zornig. Natürlich hatte Wulf Recht. Wulf hatte fast immer Recht. Aber das machte es trotzdem nicht richtig. Er warf noch einen letzten Blick zurück und lief dann mit den restlichen Rethanern in den schützenden Wald.
Der Kampf war gewonnen, die Urben siegreich. Einige von den Siegern rauften sich schon um die Beute, andere erledigten noch die wenigen Verletzten, die letzten kümmerten sich um eigene Wunden oder um die Verletzungen von Kameraden. Narthas streifte rastlos über das Schlachtfeld. Nachdem sich die Überlebenden in den Wald geflüchtet hatten war eine weitere Verfolgung unmöglich gewesen. Zu dicht war der Wald, zu wenige der Urben hatte Erfahrung darin, im Wald zu kämpfen. Und außerdem war der Vorsprung der Valoren wohl schon zu groß. Die Valoren des Südens, aus Rethas, waren bekannt dafür sich schnell und ungesehen durch Wälder und anderes Gelände bewegen zu können. Die steppenerprobten Urben hätten hier kaum eine Chance gehabt.
„Zirgas!“, rief Narthas erneut in die Nacht, aber er wusste sowieso, dass er keine Antwort erhalten würde. Man hatte seinen Freund nicht unter den Gefallenen gefunden, aber er hatte sich auch nicht gemeldet. Mit einigen Männern hatte Narthas den Waldrand abgesucht und alle anderen Stellen, an denen Zirgas sein konnte, aber die Suche war erfolglos geblieben. Etwa sechzig Männer hatte Narthas verloren, mehr als er eingeplant hatte, aber diese bedeuteten ihm im Moment nichts. Es ging nur um einen Mann, und dieser war nicht zu finden. Verzweifelt blickte Narthas in den Himmel. Er machte sich Vorwürfe. Er hätte nie seinen Freund darum bitten dürfen, mit weniger Reitern als er selbst zu reiten. Er hätte nie erlauben dürfen, dass der Freund voran ritt. Narthas schüttelte den Kopf. Es war zwecklos. Natürlich ritt ein Anführer der Urben stets voran, und natürlich folgten ihm seine Reiter. Es war unsinnig, sich weitere Vorwürfe zu machen.
Narthas ging zurück zu seinem Pferd und saß auf. Mit einigen kurzen Befehlen brachte er auch seine Männer dazu, es ihm gleichzutun. Als sich die Urben formiert hatten ritten sie wieder los, nach Norden, und ließen das Schlachtfeld hinter sich. Und ließen Zirgas hinter sich.
Sie marschierten noch die ganze Nacht und einen weiteren halben Tag. Erst als die Mittagssonne hoch am Himmel stand ordnete Arthur eine Rast auf einer kleinen Lichtung mit einem Bach an. Die meisten Männer ließen sich sofort erschöpft zu Boden sinken. Der Gewaltmarsch hatte die meisten bis an die Grenzen ihrer Kraft geführt, besonders diejenigen, die nicht zu den Schwarzen Pfeilen gehörten und insofern das lange Marschieren durch Wälder nicht ganz so gewöhnt waren.
Er blickte über seine Männer. Es waren so wenige. Viel zu wenige. Einundzwanzig Männer der Schwarzen Pfeile, darunter Wulf, Hagen und Jorgen, der wie durch ein Wunder den Angriff überstanden hatte und sie nach etwa einer Stunde Marsch wiedereingeholt hatte, hatten den nächtlichen Überfall überlebt. Dazu nochmal siebzehn Männer aus Rethas. Die meisten waren leicht verletzt, nur zwei hatte es so schwer getroffen, dass sie nicht mehr selber laufen konnten. Aber auch sie würden es schaffen, wenn sich die Wunden nicht entzündeten. Dennoch waren es viel zu wenige, weniger als Fünfzig, von den einst Dreihundert die Arthur nach Tandor begleitet hatten. Es war eine dunkle Nacht für Rethas gewesen, eine dunkle Nacht für ganz Valorien. Der gefangene Urbe war zwischendurch aufgewacht und gefesselt und geknebelt worden. Glücklicherweise verstand er die gemeine valorische Sprache. Nachdem ihm Arthur unmissverständlich klar gemacht hatte, in welcher Situation er sich befand, war er auch friedlich gewesen und hatte sich nicht gewehrt. Zeit für eine ausführliche Befragung hatte er noch nicht gehabt, aber das bot sich jetzt gerade an.
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