Readwulf nahm seine Post entgegen, inspizierte kurz die leere Vorhalle und lehnte sich gespielt lässig an den Empfangstresen: »Vielen Dank, Albert. Gut, dass ich sie noch antreffe. Ein Termin hat sich verschoben, deshalb muss ich noch ein paar Tage in der Stadt bleiben. Ist mein Zimmer kommende Woche frei?«
»Selbstverständlich Mr. Fairfax. Ihre Suite steht Ihnen so lange zur Verfügung, wie sie wünschen«, säuselte der schmächtige Mann freundlich nickend und reichte ihm die Zimmerkarte.
Das Einchecken in Hotels war für ihn ebenso zur Routine geworden, wie seine Tarnung als erfolgreicher Geschäftsmann. Anfangs empfand er es als Abenteuer, in fremden Betten zu schlafen und etwas von der Welt zu sehen. Doch inzwischen langweilte es ihn. Der Tick, immer das gleiche Zimmer zu buchen, hatte sich wie beiläufig eingeschlichen. Es war für Readwulf von Vorteil, die Notausgänge von Zimmern zu kennen. Fairfax bevorzugte Zimmer, die man auch durchs Fenster verlassen konnte. Er war ein gern gesehener Gast, kultiviert und großzügig mit dem Trinkgeld. Eine Kombination die ihn beim Personal durchaus beliebt machte und eine gewisse, wenn auch erkaufte Loyalität mit sich brachte.
Kaum in der Suite angekommen, warf Readwulf den Umschlag mittig auf das Doppelbett und ging ins Badezimmer. Dort entledigte er sich seiner durchnässten Kleidung und zog sich einen Bademantel an. Wieder am Bett angelangt, nahm er seine Post an sich. Das Kuvert enthielt lediglich ein Foto.
»Eine Frau!«, stieß er erstaunt hervor und dabei kräuselte sich seine Stirn. Nicht, dass er Skrupel hatte, aber Frauen und Kinder befanden sich bislang nicht unter seinen Opfern.
In der Regel erhielt er alle notwendigen Informationen über seine Zielpersonen. Da gab es korrupte Anwälte und Richter, Mediziner, die illegal an Menschen experimentieren, und Politiker, die über Leichen gingen. Die machthungrigen Staatsdiener verachtete er am meisten. Sie zu töten ließ sich zumindest im Ansatz moralisch rechtfertigen. Nahm er nicht Leben um Leben zu schützen? Galt nicht das alte Sprichwort: Auge um Auge, Zahn um Zahn? Hatten sie nicht alle den Tod verdient? Schließlich war es bisher weder der Polizei noch den Gerichten gelungen, ihnen die Taten offiziell nachzuweisen.
Diesmal war der Inhalt des Umschlages spärlich: Nur ein Foto, keine Akte?
Intuitiv drehte Readwulf das Bild um. Auf der Rückseite fand er lediglich eine Londoner Adresse. Der darüber liegende rot durchgestrichene Kreis war das vereinbarte Zeichen. In der Ausführung gewährte Darius ihm freie Hand. Anfangs hatten die Zielpersonen entweder einen tragischen Autounfall oder erlagen den Folgen eines unglücklichen Sturzes. Mit der Zeit wurde Readwulf kreativer. Ein paar Mal kam ihm das hohe Alter seiner Opfer oder deren allergische Reaktionen zugute.
Nachdem er das Papier erneut umdrehte, betrachtete er die vermeintliche Verbrecherin intensiver. Jemand hatte sie schräg von unten geknipst, als Bewerbungsfoto würde man es sicher nicht verwenden können. Zudem stand sie hinter einer leicht spiegelnden Fensterscheibe. Readwulf schätze sie auf Anfang zwanzig. Die blond gelockten Haare fielen über schmale Schultern. Das Gesicht war unscharf, doch sah sie für ihn eher wie ein Engel als der Teufel aus. Er schüttelte den Kopf und legte das Bild auf den antiken Sekretär. Er hatte genug von diesem Tag. Auch wenn solche Aufträge seit Jahren zu seinem Leben gehörten, ans Töten gewöhnte er sich nie. Die anschließende heiße Dusche tat ihm gut und einen Minibar-Whisky später sank er müde in die schneeweißen Hotellaken.
***
Mein Wecker klingelte um sechs Uhr, doch sofort aufstehen - keine Chance! Seit Monaten fühlte ich mich morgens wie erschlagen, als würde ich Nacht für Nacht einen Marathon laufen.
Zweimal drückte ich die Schlummertaste, bevor ich mich gegen halb sieben widerwillig aus meinem Bett quälte. Der Weg ins Bad führte am Zimmer meiner neuen Mitbewohnerin Cloé vorbei. Sie wohnte nur bei mir, weil ich für die Miete der Wohnung in einem Londoner Vorort nicht länger allein aufkommen konnte. Cloé Winter war die Einzige, die sich auf meine Anzeige vom schwarzen Brett im Imperial College London gemeldet hatte. Ihr übermäßiger Duftwassergebrauch folterte meine feinen Geruchsnerven bereits drei Wochen lang. Mir blieb jedoch keine andere Wahl, als es zu ertragen - vorerst zumindest.
Mein Badezimmer entschädigte für alles, Natursteinkacheln und dazu ein klassischer Mosaikfußboden. Der gemauerte Waschtisch wurde von einem runden Designer Waschbecken gekrönt. Ich nahm die elektrische Zahnbürste aus der Ladestation und stellte ihre Automatik auf fünf Minuten. Gedankenversunken blickte ich in den Spiegel.
»Oh bitte!«, zischte ich beim Anblick meiner mal wieder völlig zerzausten Haare. Der Schaum der Zahnpasta landete dabei unausweichlich auf dem Spiegel. Dieses `Kunststück´ beherrschte ich nahezu täglich und es brachte meine beschaumten Lippen zum Lächeln.
Die Fußbodenheizung war angenehm, aber unnötig. Ich hatte nie kalte Füße wegen meiner permanent erhöhten Körpertemperatur. Die konstanten 42 Grad hätten jedem anderen Menschen sicher schwer zugesetzt oder ihn unter bestimmten Umständen womöglich getötet. Ich jedoch war bereits seit meiner Geburt so unerklärlich heiß. Die Schneidezähne fest aufeinander gepresst, putze ich fleißig weiter. Das Wasser ließ ich währenddessen laufen. Verschwendung war eine dumme Angewohnheit, das wusste ich, aber irgendwie beruhigte mich dieses Geräusch.
Das Piepsen der Zahnbürste, die sofort danach den Dienst einstellte, beendete mein allmorgendliches Zahnpasta-Scharmützel. Gut so, denn ich musste pünktlich sein. Unbedingt! Schließlich hatte ich nicht umsonst über ein halbes Jahr auf diese Chance hingearbeitet.
Miss Miller, die gute Seele unserer Fakultätsbibliothek, war mir in den letzten Monaten sehr lieb geworden. Sie hielt mir stets den kleinen Tisch in der einzigen Nische des Lesesaals frei. Manchmal kam mir schon der Gedanke , dass die Bibliothek mein zweites Zuhause sei.
Viele Tage und Nächte hatte ich dort verbracht, die zahlreichen Stunden im Labor nicht eingerechnet. Und nun, an diesem Vormittag, musste ich mich beweisen. Mein Leben würde endlich eine konkrete Richtung erhalten und ich würde meine Zukunft wenigstens ein Stück mitbestimmen können.
Prof. Barclay Stonehaven, ich glaubte, er sei schottischer Abstammung, hatte mich für die ausgeschriebene Forschungsstelle in der Rechtsmedizin vorgeschlagen. Forensik und medizinische Forschung hieß zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ein Blick auf die Uhr mahnte mich zur Eile. Mir blieben nur noch elf Minuten, um zur U-Bahnstation `Golders Green’ zu gelangen. Also rein in die Jeans, T-Shirt drüber und mit dem Kamm grob durch die Haare. Noch ein wenig Wasser ins Gesicht und über den Spiegel, um die letzten Schaumspuren zu beseitigen, Tasche geschnappt und ab die Post.
Bis zur Uni musste ich etwa eine halbe Stunde Fahrzeit mit der U-Bahn über mich ergehen lassen. Im Sommer war das kaum auszuhalten. So ziemlich jedem fiel es schwer, diesen Mief einzuatmen. Mir jedoch blieb fast die Luft weg. Ich nahm einhundert mal mehr wahr, welch ekelerregender Dunst sich in dieser stickigen Bahn ansammelte. Jetzt, Mitte Juni, war es besonders schlimm!
In letzter Minute erreichte ich den Bahnsteig. Menschen drängten sich in die bereits überfüllte U-Bahn. Ich vermutete langsam, ganz Borough wolle um diese Uhrzeit in die City fahren. Mein Gesicht vergrub ich, so gut es ging, in meinen blonden Haaren. »Ein Hauch Citrus mit Gestank«, schimpfte ich leise vor mich hin, während ich als Letzte in die Bahn stieg.
***
Sie stand dicht an die Tür gedrängt, da die U-Bahn hoffnungslos überfüllt war. Ihre wilde Lockenpracht wirkte wie immer ungebändigt. In den vergangen Tagen hatte er sich einen Überblick über ihre Gewohnheiten verschafft. Wann und wohin sie das Haus verließ, selbst über ihre Schlafgewohnheiten war er bereits bestens im Bilde. Besonders über ihren bereits geflickten Jogginganzug, wohl ihr liebstes Kleidungsstück, konnte man wahrlich streiten. Er hatte schon viele schöne Frauen gesehen und konnte nicht sagen, dass diese heraus stach. Jedoch die ausgesprochen femininen Züge - Schmollmund, kleines Kinn und hohe Wangenknochen - beeindruckten ihn. Einzig ihre Augen hatten eine unnatürliche Färbung. Sie waren tief grün. Ihr Schimmer jedoch erinnerte ihn an einen dichten Tannenwald, auf den gerade die ersten Sonnenstrahlen des Tages fielen. Diesen faszinierenden Gedanken schob er rasch beiseite und rang um Konzentration. Derartig romantisch-verklärte Gedanken waren ihm bisher völlig fremd. Auch wenn er sich jetzt wieder im Griff hatte, dieser Job würde ihm noch einiges abverlangen.
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