Der freundliche Herr reicht uns weiter an Ganesh, unseren Chauffeur. In seinem nagelneuen Van brettert er durch die Nacht ins Hotel „Grand Tempel Bay“. Schade dass es dunkel ist. Die Finsternis verbirgt das geheimnisvolle Indien, auf das wir so gespannt sind.
In der ausgestorbenen Nobelunterkunft bekränzen uns zwei verschlafenen Boys mit Muschelketten. Hier werden wir nun eine Woche lang kontrolliert lässig die Yogadamen spielen. Um halb drei vor unserm Bungalow genehmigen wir uns noch einen Whisky – wegen Ullas Erkältung natürlich – und sinken erschöpft in die Betten.
Die Sonne geht im Dunst über dem Meer auf. Palmen wiegen sich im Wind. Eine unwirkliche Stimmung hält uns gefangen. Dann das internationale Frühstück in einem Raum, der überall auf der Welt sein könnte: global halt, schick und saukalt. Wir beäugen die Gäste. Relativ schnell identifizieren wir die Yogamädchen, sie sehen nicht aus wie die Rundreisenden, die hier in bei den unglaublich beeindruckenden Steinbildhauereien in Mamallapuram einen Zwischenstopp auf ihrer „Bikini-und-Baedeker“ Tour machen.
Katrin, unsere Kursleiterin, ist eine auffallende Person. Blonde Locken rieseln in ungebändigter Pracht auf ihre Schultern. Katrin hat eine unheimliche Präsenz. Sie versammelt uns im Yoga Raum. Wir, das sind 12 Frauen und Emma, die siebenjährige Tochter von Louise. Gleich tut Emma mir leid, das arme Kind! Mit zwölf Tanten und einer Obertante den Urlaub zu verbringen, dürfte wohl nicht so prickelnd sein. Louise, ihre kesse langbeinige Mutter, hatte bei der Anmeldung zum Seminar vergessen, dass die Kleine Ferien hat. Da hat sie sie einfach mitgenommen. Nachdem ich Emma länger beobachten konnte, tat sie mir nicht mehr leid. Sie fühlte sich sichtbar wohl. Während wir übten, diskutierten oder uns Lores Vorträge anhörten, beschäftigte sie sich. Sie malte, manchmal machte sie die eine oder andere Übung mit und wenn man dachte, sie hört gar nicht zu, erklärte sie uns, wie denn das mit dem Ganesha oder den anderen Göttern so zusammenhing. Ein tolles Kind.
Die anderen Yoginis stellen sich dann der Reihe nach vor: Nesrin, eine Kurdin, die als Kind nach Berlin kam, sich aus einer vermittelten Ehe befreite, von der Fabrikarbeiterin zur Kindererzieherin mauserte und nun als Yogalehrerin wieder in die Türkei zurückgehen will, um eine Schule aufzumachen. Schöne, mutige Nesrin, sie besitzt eine spezielle Ausstrahlung und ein wenig den Hang zum theatralischen.
Anna, die Südbadenerin, fröhlich, quirlig und schwer erkältet macht die Asanas wie eine geschmeidige Inderin.
Elke kommt aus Österreich, sie ist noch scheu und wartet ab, was passiert.
Die wilde Lena, dunkel gelockt, mit riesigen Kulleraugen ist Musikerin und Yogalehrerin. Sie hat die Reise zu ihrem vierzigsten Geburtstag geschenkt bekommen. Sie saugt Indien wie ein berauschendes Lebenselixier ein. Nachts will sie am Strand schlafen. Mit dem ausländergestressten Strandwächter verhandelt sie mit Händen und Füßen. Er soll sie bewachen und das tut er auch. In der nächsten Nacht verzichtet Lena auf den Strand und die geile Bewachung und zieht den Schlaf im moskito- und inderfreien Hotelbett vor.
Gertrud und Susanne, ebenfalls Yogalehrerinnen, mehr von der Müslisorte, fallen nicht weiter auf. Elena, eine bildschöne Frau, die alle Männer ins Träumen versetzt, bewegt sich mit Anmut und Eleganz. Sie kann jeden Strandfetzen um sich wickeln, bei ihr sieht alles nach Top-Designermode aus.
Das waren nun unsere jungen Yogamädchen, ein älteres ist Hannelore – Dr. Hannelore, sie trägt die unglaublichsten Hüte, ist über siebzig, beweglich wie ein Schlangenmensch und scheint aus den Zwanzigern übrig geblieben zu sein. Sie sagt nicht viel, aber wenn, dann ist es schon ihr tiefe Stimme, die alle anderen schweigen lässt.
Ulla, die sanfte, ist mir eine hilfreiche Stütze, da ich doch von all diesen Yogadingen und den Ritualen der Eingeweihten ultrawenig Ahnung habe.
Katrin erklärt im mahagonischönen, zur Yogahalle umdefinierten Sitzungsraum, was nun so alles passieren wird in der kommenden Woche. Zwischendurch kämpft sie mit der Aircondition: die Inder wollen es eiskellerkalt, wir lieben es frühlingsfrisch. Ein paar aufmunternde Worte entlassen uns nach der Einführung ins Luxushotel und an den weißen Sandstrand.
Nach einem kurzen Bummel am Hotelstrand, umworben von flinken Sari Verkäuferinnen liegen wir nun hier, genießen das Leben und trinken Lassi.
Aber nach einer Weile hält uns nichts mehr, wir müssen in den Ort. Rumliegen können wir mit achtzig.
Am Meeresufer entlang, zwischen farbenfrohen Fischerbooten, toten Wasserschildkröten und Rochen stapfen wir auf den Ort zu. Kleine palmblattgedeckte Restaurants locken auf Englisch Touristen an. Wir wollen weiter und entdecken in der zweiten Reihe die Schäden, die der Tsunami 2004 auch hier hinterlassen hat.
Die Häuser werden aus „recycelten“ Bausteinen gemauert. Trümmerfrauen packen sich Körbe anmutig auf den Kopf und tragen, in farbenfrohe Saris gehüllt, die Materialien zur Baustelle. Die Männer gucken zu.
Wir schlendern durch die Mittagshitze, wie das nur bekloppte Europäer tun, die sich das Hirn weich kochen lassen. Vor den Geschäften hocken oder liegen die Händler und springen auf, sobald sich solche Irren nähern.
„Come in, good price!“
Und wenn man sich durch die glühende Hitze wehrlos ins Geschäft schleppen lässt, wird die Klimaanlage angeschmissen und ein endloses Palaver um Preise beginnt. Und weil man „der first client of the day“ ist, bekommt man einen Sonderpreis.
Wir wimmeln viele hoffnungsvolle Verkäufer ab, wollen erst mal nur gucken. Aber eine quietschbunte Hose und eine bestickte Stoff- Tasche mit kleinen Spiegeln bringe ich vom ersten Beutezug doch mit. „Die kannst du bei unsrem Inder in Dorf doch auch kaufen.“ Sagt Ulla. „Das ist doch was ganz anderes entgegne ich und streiche über die hübsche Stickerei.“
Bei unseren nächsten Ausflügen in die kleine wohl seit Jahrhunderten von Touristen heimgesuchte Stadt, nehmen wir viel mehr wahr: Die staubgrauen Steinmetze, die wunderbare Figuren herstellen. Die riesigen Werbeplakate für Dinge, die man nicht braucht. Die properen Schulkinder, alle in Uniform, fröhlich lachend und kichernd. Die Mädchen haben seildicke, schwarzglänzende Zöpfe oder Affenschaukeln, den Jungs hängen Ponys in die Augen genau wie den Jungs in Europa. Darunter blitzen die Augen mit den blütenweißen Zähnen um die Wette. Marktfrauen, von Mücken umschwärmt thronen wie Popstars hinter ihren bunten Fischen in farbenfrohen Saris. Die Gewürzhändler warten in duftenden, geheimnisvollen Läden. Bananenverkäufer, Nudelköche, Blumenfrauen beim Flechten duftender Ketten. Esrin hat sie schon ins Haar geflochten. Hin und wieder leckt eine heilige Kuh, gepflegt wie eine millionenschwere Industriellengattin, an einem Salzstein. Dazwischen die Tuck-Tucks, Autos, Eselskarren Motorräder und jede Menge anderer Megalärm. Ein fröhliches Durcheinander, das ist Mamallapuram. Ich liebe es.
Der Staub, Müll und die Unordnung müssen einfach sein. 
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