1891 begannen die ersten systematischen Ausgrabungen in Amarna durch den Engländer Flinders Petrie, und es gelang, den Grundriß der ehemaligen Hauptstadt zu erkennen. Den spektakulärsten Fund machte dort aber 1912 der Deutsche Ludwig Borchardt, als er die Bildhauerwerkstatt des Bildhauers Tutmosis auffand. Die berühmte Büste der Nofretete wurde entdeckt, die kopfüber im Sand steckte – neben der mutwillig zerstörten Büste des Ech-en-Aton –, aber auch viele sonstige eindrucksvolle Bildhauerwerke konnten ausgegraben werden. Bald wollte man mehr über diese schöne Königin wissen, die damals offensichtlich eine für das alte Ägypten ungewöhnlich starke Position neben dem geheimnisvollen Ech-en-Aton eingenommen hatte. Doch es blieben mehr Fragen als Antworten zum Leben von Ech-en-Aton und Nofretete. Diese Fragen lassen sich heute nur mit Hilfe eines überzeugend wirkenden Seherberichtes (1) befriedigend beantworten.
Ech-en-Aton, der von Gott Auserwählte
Ägypten war in der 18. Dynastie ein mächtiger Staat, der mit seinen Vasallenstaaten von Syrien bis Nubien reichte. Der Pharao Amenophis III. hatte sich in der Hauptstadt Theben – der „Hunderttorigen“ – einen prächtigen Königspalast erbaut, und hier wuchs auch sein Sohn und Nachfolger Amenophis IV. heran, der sich später Ech-en-Aton nannte. Die Hauptstadt Theben war nicht nur Sitz des Pharaos, sondern auch Hauptsitz der Priesterschaften. Die Ägypter kannten viele Götter, die man in den zahlreichen Tempeln mit Opfergaben zufrieden stellen musste. Amun und Re galten als die wichtigsten Götter, und ihre Priester waren entsprechend reich und mächtig geworden. Der Pharao trug zwar den Titel „Geliebter Sohn“ von Amun, und er war offiziell auch der Oberpriester, doch hinter den Kulissen gab es ein Ringen um die Macht zwischen dem Königshaus und der Priesterschaft. Der junge Pharaonen-Sohn hatte bald die Machenschaften der Priester in den Tempeln durchschaut. Für ihn waren diese Priester inakzeptabel. Sie lebten auf Kosten des Volkes, das sie verachteten und in Unwissenheit halten wollten, und sie versuchten das Land mit fragwürdigen Orakelsprüchen nach eigenem Gutdünken zu lenken.
Diese Erkenntnis ließ den jungen Pharaonen-Sohn an den Göttern zweifeln, doch sehnte er sich im Innersten nach einer tatsächlich anbetungswürdigen Gottheit. Seiner um Klarheit ringenden Seele nahte eines Tages gemäß dem Seherbericht ein jenseitiger Bote und offenbarte ihm das Wissen von dem einen höchsten Gott, dem Schöpfer alles Seins. Amenophis hörte und lernte noch vieles durch diesen jenseitigen Führer, der ihm auch eine große Aufgabe zuwies: „Ich bin ein Bote Gottes, gesandt, Dir zu helfen. Du bist ausersehen, Deinem Volk das Wissen um den Einen Gott zu bringen. Ich darf Dir helfen, Dir Führer sein. Sooft Du mich aus wahrer Sehnsucht nach Gott rufen wirst, werde ich bei Dir sein.“ (1) Das beflügelte den künftigen König, Ägypten aus dem missbrauchten Götterglauben herauszuführen und das Land in dem Glauben an den höchsten Einen Gott glücklich zu machen. Ein Gottesstaat sollte Ägypten werden, den anderen Völkern zum Vorbild. Amenophis hätte am liebsten das außergewöhnliche, großartige Vorhaben sogleich in Angriff genommen – es war der Aufgabe des Moses vergleichbar, der ein Jahrhundert später einen jüdischen Gottesstaat zu gründen versuchte.
Doch der jenseitige Führer hatte Amenophis auch gewarnt: „Erst wenn Du Pharao und Oberpriester bist, darfst du dem Volk langsam die neue Wahrheit bringen. Dieses Warten und schrittweise Vorgehen wird das Schwerste für Dich sein.“ (1) Auch der Vater, Amenophis III., der bereits versucht hatte, sich aus der Umklammerung der Priester zu lösen, und den kurz vor seinem Tod der Sohn in das Wissen um den höchsten Gott und in seine Pläne einweihte, warnte vor Ungeduld: Die Priester würden den Sohn beseitigen, ehe er seine große Aufgabe überhaupt beginnen konnte! Und so beließ es Amenophis IV. – Pharao geworden – vorerst bei der alten Götterverehrung.
Die Einführung des neuen Glaubens
Dem Willen seines Vaters folgend hatte Amenophis IV. die babylonische Fürstentochter Nofre zur Frau gewählt. Keine Liebesheirat, sondern eine politische Heirat. Dieser Ehe entsprangen drei Töchter, die älteste war Nofretete. Im Heranwachsen entwickelte sie sich mehr und mehr zur Stütze ihres Vaters, des Pharaos – vor allem in den Glaubensfragen. Fürstin Nofre hielt dagegen ihren Mann für einen ausgesprochenen Narren, weil er sich in den Glaubensfragen mit der mächtigen Priesterschaft anlegte. Sie blieb beim alten Götterglauben. Wie ihr Vater hatte auch Nofretete einen geistigen Führer, und so konnten Vater und Tochter schon so manches im Lande gemeinsam zum Besseren führen, ehe noch der neue Glaube offiziell eingesetzt worden war. Diesen begann Amenophis IV. erst mehr als zehn Jahre nach seinem Regierungsantritt einzuführen – es war für Ägypten eine völlig neue monotheistische Religion. Die Sonne (Aton), die schon früher in Ägypten verehrt worden war, erklärte er zum Symbol des unsichtbaren, unabbildbaren Einen Gottes. Wie die Sonne mit ihren Strahlen allen Lebenskräfte spendet, so war auch alles abhängig von der Kraftausstrahlung Gottes! Die Verehrung von Aton bedeutete jetzt zugleich die Verehrung des alleinigen Schöpfergottes.
Der Pharao änderte auch seinen Namen, zuerst in Chu-en-Aton, später in Ech-en-Aton, und zugleich gründete er auch eine neue Hauptstadt, Achet-Aton genannt, wo ein neuer, großartiger Aton-Tempel errichtet werden sollte – weit ab von Theben, dem bisherigen Zentrum des alten Götterglaubens. Vermutlich hat auch mit dieser für das alte Ägypten geradezu revolutionären Änderung die Zeitrechnung wieder neu eingesetzt, wie es sonst nur beim Wechsel des Pharaos üblich war. Das würde erklären, warum gemäß dem Seherbericht Ech-en-Aton etwa dreißig Jahre lang regierte und nicht nur siebzehn Jahre, wie heute die Ägyptologen aufgrund archäologischer Funde annehmen, bei denen keine höhere Jahreszahl als 17 registriert werden konnte.
Die meisten der Amun-Priester fügten sich in die neuen Verhältnisse und dienten nun Aton als Priester. Dagegen kämpften die Re-Priester mit allen Mitteln um die Wiederherstellung der alten Zustände. Doch nach zwei missglückten Mordanschlägen der Re-Priester auf den Pharao wurden die alten Priesterschaften von diesem verboten und alle Göttertempel geschlossen. Ech-en-Aton wird daher heute oft als Reformator oder Ketzer bezeichnet. Auch den Namen „Sonnenkönig“ hat man ihm gegeben, da er oft auf Abbildungen unter den Leben spendenden Strahlen der Sonne (als Symbol Gottes) abgebildet ist.
Der Plan des Pharaos, in Achet-Aton dem höchsten Gott einen neuen, herrlichen Tempel zu errichten, wurde nach zwölfjähriger Bauzeit Wirklichkeit. Archäologen können heute die neue Hauptstadt Achet-Aton relativ gut rekonstruieren, da sie nach ihrer Zerstörung nie mehr neu aufgebaut wurde. Demnach stand in der Mitte der Stadt der großartige, lichtdurchflutete Aton-Tempel, wie man aus dem Grundriss und aus den Abbildungen in den Gräbern im Umkreis von Achet-Aton bzw. Amarna entnehmen kann. Das Areal des Aton-Tempels war ungefähr 230 Meter breit und 730 Meter lang. Durch eine Reihe von Vorhöfen, die durch Pylone begrenzt waren, und an Opfertischen und Festhäusern vorbei gelangte man zu einer gewaltigen Säulenhalle, die sich vor dem eigentlichen Heiligtum befand.
Ech-en-Aton und Nofretete weihten, wie der Seherbericht Auskunft gibt, feierlich den Aton-Tempel ein. Nach einem einleitenden Gesang, bei dem die Sonne als Abglanz göttlicher Herrlichkeit gegrüßt wurde, begann der Pharao seine feierliche Rede: „Ja, Aton, wir bitten Dich, zeige uns Gott! Lange genug sind wir blind durch die Welt gegangen; lange genug haben wir vergessen, Gott zu suchen, und darum Götter gefunden, Götter, die nur Diener Gottes sind (…) Wir haben es gemacht wie die armen Völker jenseits unserer westlichen Grenze: wenn ein reicher Ägypter sich ihnen naht, so verehren sie ihn als Herrscher. Ihnen erscheint er hoch erhaben; sie können sich nicht vorstellen, daß über ihm noch ein Pharao herrscht. Genauso, Volk von Ägypten, haben wir es gemacht in vielen Jahrtausenden. Wir schauten empor und fanden Wesen, die uns hoch erhaben dünkten über uns Menschen. Damit begnügten wir uns. Noch höher zu schauen, noch weiter zu suchen, bemühte sich keiner (…) Ich will euch eure Götter nicht nehmen. Wer zu ihnen beten, sie verehren will, mag es tun, bis auch ihm die Augen aufgehen werden für des einzigen Gottes Herrlichkeit. (…) Hört mich, Ägypter, über allen, die wir bisher als Götter verehrten, steht unser Herrscher, steht Gott! (…) Es wird Zeit, daß wir ihn erkennen und ihm dienen!“ (1)
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