„Alice mein Engel, da bist du ja! Wie geht es dir? Lass dich drücken!“ Mit einer kräftigen Umarmung begrüßte Edgar Alice. „Danke es geht mir gut, die Trauerfeier war sogar ganz schön. Ich freue mich jetzt wieder hier zu sein. Gibt es bereits etwas Neues wegen der Ausschreibung?“, fragte sie ihn. „Komm wir beide trinken erstmal eine Tasse Kaffee.“ Er drückte auf eine Taste seines Telefons und sagte: „Emilie bitte mach uns doch zwei Café au lait, danke meine Liebe.“
„Alice, ich möchte gleich ganz offen mit dir sein. Du weißt wie wichtig mir unser gutes Verhältnis ist, darum will ich, dass du es von mir erfährst und von niemand anderen.“ Sie spürte ihr Herz pochen. Jetzt war er da, der Moment auf den sie drei lange Jahre in dieser Firma hingearbeitet hatte. Nun würde sie ihren ersten großen Auftrag bekommen. „Ich habe mich bei dem Le Mar Auftrag für Frank entschieden. Bitte versteh das nicht persönlich gegen deine Arbeit. Du weißt ich liebe deine Ideen. Aber es ist so: Frank und Pierre der neue Besitzer vom Le Mar sind sich vor ein paar Tagen zufällig hier auf dem Gang begegnet und kennen sich tatsächlich noch von der Grundschule! Nachdem Pierre sogleich Franks Planungsentwürfe sehen wollte und diese ihm außerordentlich gut gefielen, war die Sache klar. Da es der Kunde ausdrücklich wünschte, musste ich dem natürlich zustimmen. Ansonsten hättest du mich mit deinen Entwürfen total überzeugt gehabt. Glaub mir Liebes! Ich versichere dir, du wärst meine Favoritin gewesen, wenn dieser Zufall nicht mitgespielt hätte! Deine Idee mit den weich umspielten Tischkanten sowie die in Erdtönen gehaltenen Sofas und Fauteuils sind wunderbar! Wir behalten deine Entwürfe auf alle Fälle für ein mögliches zukünftiges Projekt auf!“ „Vom Aufheben hab ich nichts“, dachte sie enttäuscht und entgegnete Edgar: „Und Frank hatte zu Beginn wirklich keine Ahnung das hinter Le Mar sein alter Schulfreund steht?“ „Alice, jetzt sei nicht sauer auf ihn. Hier hat einfach der Zufall mitgespielt. Dein großer Auftrag kommt noch, mit Sicherheit. Zur Entschädigung habe ich etwas ganz Entzückendes für dich freigeschaufelt. Ich hatte eigentlich Théo im Kopf bei diesem Projekt, habe mich dann aber doch für dich entschieden. Du wirst dich freuen, es geht um ein exklusives kleines Restaurant außerhalb von Paris. Du müsstest die Gegend sogar kennen! Es ist ein Nachbarort deiner Eltern. Was sagst du jetzt?!“ „Ernsthaft Edgar, du schickst mich aufs Land?! Was hab ich verbrochen?“ „Alice du hast da einen ganz falschen Blickwinkel! Der Typ der das neue Restaurant aufmachen wird, ist ein sehr erfolgreicher französischer Koch. Ich sage dir in ein zwei Jahren macht er eine weitere Filiale auf und zwar in Paris und was glaubst du wer designt dann dieses Restaurant?“ Ich weiß nicht, vielleicht sein Studienfreund Frank?“ „Alice.“ Den Rest des Tages plante Alice nun die Entwürfe für das Restaurant. Trotzdem sie diesen Auftrag sehr ungern angenommen hatte, fiel ihr die Arbeit überraschend leicht. Ihre Stimmung änderte sich jedoch nicht.
Zerknirscht über Edgars Absage für den großen Auftrag ging sie an diesem Abend zu Fuß nach Hause. Diesmal war sie sich ganz sicher gewesen, dass ihr Entwurf für das Le Mar der Beste war. Wer konnte schon ahnen, dass ihr eine Grundschulfreundschaft so in die Quere kommt. Das war einfach ungerecht, empfand sie und schlenderte gemächlich nachhause.
Am nächsten Morgen läutete ihr Wecker pünktlich wie immer um 6:30 Uhr. Als sie die Augen öffnete um ihn abzudrehen, sah sie auf einer Hälfte ihres Kopfpolsters unbeeindruckt vom Weckton, Minette ihre Katze schlummern. „So meine Liebe, heute geht’s aufs Land mit uns. Du wirst einige Zeit bei Maman und Papa verbringen. Mein blöder Chef hat uns dahin verdonnert, aber ich verspreche dir diesem unnötigen Auftrag keinen überflüssigen Tag zu schenken! In ein, zwei Wochen sind wir zurück in Paris und sind das Landleben wieder los.“ Mittlerweile war Minette von Alices Monolog endgültig aufgewacht und streckte sich ausgiebig bis sie vom aufkeimenden Hunger fühlend entschloss, ebenfalls das Bett zu verlassen und sich erstmal dem Frühstücksteller zu nähern. Alice ließ sich noch einmal auf ihren alten Korbsessel auf ihrem kleinen französischen Balkon nieder, trank ihre Morgentasse Kaffee und hörte in die Morgenstimmung von Paris. Rollläden von Geschäften wurden hochgerollt, Absätze klapperten auf dem Kopfsteinpflaster, Besteck klimperte von umliegenden Restaurants die bereits die Tische auf den Gassen deckten und Geschäftsmänner unterhielten ihre erste Konferenz schnellen Schrittes mit Headset und Aktentasche. Sie liebte dieses morgendliche Treiben der Stadt. Sie würde es vermissen, dachte sie und trank ihren letzten Schluck Café au lait. Anschließend zog sie sich um, packte den kleineren ihrer Louis Vuitton Koffer in der festen Annahme, dass der Große absolut überflüssig sei. Sie hob Minette in ihren korb-geflochtenen Tragekorb, in dem auch fünf Katzen ihren Platz gefunden hätten und schloss die Wohnungstür hinter sich zu. Auf der Fahrt erinnerte sie sich daran, dass sie ihren Eltern noch von ihrem Besuch erzählen sollte und rief zuhause an. „Bonjour, vous êtes bien sur le répondeur de Anne et Bernard. Nous ne pouvons pas vous répondre pour le moment mais laissez-nous un message et nous vous rapellerons dès que possible. Merci, à bientôt!
„Mist“, dachte Alice und legte ohne eine Nachricht auf den AB zu hinterlassen auf. Während der zweistündigen Autofahrt sang sie das neue Album von Carla Bruni laut mit und war nach der dritten Wiederholung vor dem Eingang ihres Elternhauses angekommen. Hoffentlich waren sie zuhause, überlegte sie als sie den unverschämt schweren Katzenkorb aus dem Kofferraum hob.
„Maman, Papa? Vous êtes là?“, rief sie durch das Gebüsch hinter den Zaun des Gartens. „Alice bist du es?“ „Das kann nicht sein, sie ist doch erst gestern abgereist“, antwortete Anne von der Terrasse aus. „Alice?“, fragte Bernard in Richtung der Straße. „Ja Papa ich bin es, könnt ihr mir jetzt bitte aufmachen!“
„Alice, wie schön, dass du uns so bald wieder besuchst!“ Er öffnete das Gartentor und umarmte seine Tochter. „Komm, iss ein Stück Kuchen mit Maman und mir, ich wollte gerade eine Kanne Kaffee aufstellen.“ „Danke Papa, aber ich wollte euch nur schnell fragen ob ihr Minette für ein bis maximal zwei Wochen behalten könntet? Ich habe hier in der Nähe zu arbeiten, und möchte sie ungern im Hotelzimmer alleine lassen.“ „Natürlich mein Liebchen“, entgegnete ihr Anne, die mittlerweile ebenfalls am Gartentor stand, mit einem duftenden Kuchenblech in den Händen. „Aber zuerst wird gegessen. Kommt beide herein, damit wir Minette aus ihrem Korb holen können. Setzt euch auf die Terrasse, der Marillenkuchen ist noch warm, den genießen wir jetzt mit einer schönen Tasse Kaffee.“
Obwohl Alice schnellst möglichst in ihr Hotel und anschließend zum Kunden wollte, konnte sie ihren Eltern einen kurzen Besuch nicht abschlagen. Ihre Kindheit war behütet und glücklich gewesen in diesem Haus. Anne und Bernard führten bis heute eine Vorzeigeehe, von der sie nur träumen konnte, so ein Glück mit einem Mann einmal zu finden. Doch darauf wollte sie nicht warten, geschweige denn sich davon abhängig machen. Karriere, davon war sie überzeugt, nur darauf sei Verlass. Männer können kommen und gehen, aber was man sich selbst erarbeitet, bleibt bestehen. Das war ihre Devise. Alices Ansicht begründete auch auf der Tatsache, dass ihre Mutter gleich nach der Heirat ihren Beruf aufgab um sich um Mathéo und zwei Jahre später um Alice zu kümmern. Ihren Traumberuf als Balletttänzerin im Opernhaus in Paris, konnte sie danach nicht mehr ausüben. Sie war mit 26 zu alt und ihre Figur war nicht mehr dieselbe wie vor den beiden Geburten. Anne schien zwar seitdem mit dem Hausfrau-Dasein und dem Mutterleben glücklich zu sein, jedoch die eigenen Träume für die Bedürfnisse einer Familie hintanstellen, das war für Alice keine Option. In diese Form der Abhängigkeit so wie es ihre Mutter getan hatte wollte sie sich niemals begeben.
Читать дальше